Die Deutsch-Balten

Baltische Geschichte bis zur Umsiedlung 1939

Als im Jahre 1201 die Stadt Riga von dem deutschen Bischof Albert von Buxhoeveden gegründet wurde, hatte die "Christianisierung" des sog. Marienlandes, des letzten damals noch heidnischen Gebietes zwischen dem römisch-katholischen Westen und dem russisch-orthodoxen Rußland, durch den Schwertbrüderorden begonnen. Dieser geht später im Deutschen Orden auf. Durch Eroberung, Kauf und Lehen unterwirft der Orden sich mit der Zeit das ganze Gebiet der heutigen Länder Estland und Lettland. Die Ordensherren werden für ihre Kriegsdienste mit Landgütern belehnt Auf diese Weise entsteht ein Landadel, der über 700 Jahre bis in unser Jahrhundert hinein die Geschichte und das Bild des Landes geprägt hat und der s. Zt. etwa 80% des Landes besitzt.

Parallel zu den Kriegsherren kamen deutsche Kaufleute, vor allem aus Lübeck und Norddeutschland, schon im 12. Jahrh. ins jetzige Baltikum. Sie brachten auch deutsche Handwerker mit, die für die jetzt begonnene ungeheure Bautätigkeit unentbehrlich waren. Alle bedeutenden Städte des Baltikums sind in der ersten Hälfte des 13. Jh gegründet worden, ca. 200 Burgen wurden zur Verteidigung des eroberten Landes gebaut.

Die Städte, die durch den Handel der Hanse aufblühten, waren rein deutsch besiedelt. Sie legten sich die Stadtrechte 1der deutschen Hansestädte Lübeck und Hamburg zu. Hansestädte wie Reval , Riga und Pernau trieben Handel bis nach Portugal und Übersee und bis weit nach Rußland hinein. Die bodenständige Bevölkerung der Esten und Letten mußte vor den Toren der Städte wohnen und wurde nur tagsüber zur Arbeit hineingelassen. Auf dem Lande residierten die Gutsherren, die Landbevölkerung war leibeigen. Diese Stellung der Deutschen war so beherrschend, daß noch heute das estnische Wort für Herr "Saks", der Deutsche, ist.

Grundlage dazu war das "Privilegium Sigismundi Augusti", das der Ordensmeister Johann Kettler als Gegenleistung zur Unterwerfung Livlands und Kurlands unter die polnische Krone vom polnischen König Sigismund im Jahre 1561 erreichte. Dieses sicherte den Städten und Ritterschaften den Beibehalt des evangelischen Glaubens, der deutschen Behördensprache, der deutschen Obrigkeit im Lande, des deutschen Rechts, deutscher Schulen und Kirchen zu, und das unter stets wechselnden Herrschaften der Schweden, Dänen, Polen und Russen. Diese Privilegien hat sogar die 300-jährige russische Zarenherrschaft bis zum Ende des 19. Jahrhunderts respektiert. Lange Zeit stand der Zarenhof unter starkem Einfluß der baltischen Ritterschaften. Hohe Würdenträger, viele Gouverneure, Militärs und Diplomaten rekrutierten sich aus dem baltischen Deutschtum.

Die deutsche Selbstverwaltung wird in den Städten und auf dem Lande verschieden ausgeübt. Die Interessen der Städte vertreten Rat und Gilden, das Land wird von den Ritterschaften vertreten. Alle entscheidenden Landesämter werden ehrenamtlich wahrgenommen. Die eingeborenen Völker der Esten und Letten haben bis dahin keinerlei eigene Vertretung, sie werden durch Ihre deutschen Herren vertreten.

Nach der Reformation in den 20er Jahren des 16. Jahrhunderts sind die deutschen Magistrate der Städte Inhaber des Patronats der städtischen alten Kirchen. Auf dem Lande sind es die Gutsherren. Evangelisch-lutherische Geistliche predigen sowohl in deutscher als auch in estnischer und lettischer Sprache.

Sowohl die Esten als auch die Letten haben bis zur Mitte des 18. Jh. keine eigene Schriftsprache, also auch keine Grammatik. Um die Bibel der einheimischen Bevölkerung zugänglich zu machen, übersetzen deutsche Pastoren sie ins estnische und lettische, und sie schaffen damit sowohl eine Schriftsprache für diese Völker als auch die Grammatik.

Die vom schwedischen König Gustav Adolf im 30-jährigen Krieg 1632 gegründete Universität in Dorpat entwickelt sich ebenfalls zu einer deutschsprachigen Bildungsanstalt, und das bis in das Jahr 1899 hinein, den Höhepunkt der Russifizierungswelle im Baltikum. Die Universität Dorpat ist die bedeutendste wissenschaftliche Lehranstalt im russischen Zarenreich und weit über die Grenzen Russlands hinaus in der ganzen Welt durch ihre Forschungen und ihre Absolventen bekannt.

Der erste Weltkrieg ist ein entscheidender Einschnitt in die Geschichte des baltischen Deutschtums. Nicht nur, daß die Deutschen des Baltikums als russische Staatsbürger gegen ihre deutschen Volksgenossen Wehrdienst leisten müssen, sie werden auch in großer Zahl als "unzuverlässige Elemente" nach Sibirien verbannt, wo viele von ihnen umkommen. So ziehen viele Deutsch-Balten mit den abziehenden deutschen Truppen 1918 nach Deutschland ab. In den Jahren 1918 - 1920 jedoch, als die baltischen Völker gegen die Sowjetübermacht um ihre Freiheit kämpfen, stehen auch die Deutschen des Landes gegen den gemeinsamen Feind an ihrer Seite und erreichen zusammen mit ihnen die Befreiung vom Bolschewismus.

Man muß hervorheben, daß gerade das estnische Volk ein Minderheitenrecht zustande brachte, das in Europa seinesgleichen suchte Die deutsche Kulturautonomie in Estland gestand uns deutsche Schulen, deutsche Kirchen, Theater, Vereine, eigene Zeitungen und die kulturelle Selbstverwaltung zu. So ist in der Praxis in Estland und auch Lettland ein vielfältiges muttersprachliches deutsches Kulturleben in Theater, Presse, Wissenschaft und Kirche, im Vereinsleben und vor allem in den Schulen möglich gewesen. Die Deutschen schließen sich in Vereinen und in der "Nachbarschaftshilfe" enger zusammen. Sie arbeiten als loyale Bürger am Aufbau Estlands und Lettlands mit, erhalten allerdings immer weniger Möglichkeiten, Führungspositionen, vor allem in staatlichen Institutionen, zu erlangen.

Schlimm war für den besitzenden Adel die Landreform, die ihnen den Großteil ihrer Güter enteignete und nur einen geringen Restteil, meist zusammen mit dem Gutshaus, beließ. Aus den Gutsherren wurden schwer arbeitende Bauern.

Zwischen den beiden großen Kriegen bestand die deutsche Bevölkerung in den Baltischen Staaten Estland und Lettland nur noch aus dem Adel und dem Bürgertum, dieses zumeist aus den sogenannten "Literaten" bestehend. Arbeiter oder deutsche Bauern gab es so gut wie garnicht. So war das Deutschtum im Baltikum außer dem Gutsadel rein städtisch. Litauen, das heute auch zu den baltischen Staaten gerechnet wird, hat eine völlig andere Geschichte und zählt nicht zu den ehem. Prvinzen Estland, Livland und Kurland, den heutigen Staaten Estland und Lettland.

Die Umsiedlung des gesamten baltischen Deutschtums nach dem Beginn des zweiten Weltkrieges war ein Ereignis, das unter der einheimischen Bevölkerung, den Esten und Letten, sehr unterschiedliche Reaktionen auslöste. Es gab natürlich immer noch Menschen, die die Zeit der 700-jährigen Herrschaft der Deutschen nicht vergessen hatten, und die uns keine Träne nachweinten. Es gab aber auch einen großen Teil der Bevölkerung, dem es auf einmal klar war, daß mit den Deutschen quasi auch "Europa" das Land verließ und Asien vor der Tür stand, um das entstehende Vakuum zu füllen. Die Balten waren durch die 700 Jahre gemeinsamer Geschichte mit den Deutschen zu westlich orientierten Völkern geworden, und die 50 Jahre währende nun folgende Sowjetherrschaft hat dieses Gefühl in ihnen nicht auslöschen können.

Die Deutsch-Balten wurden nach dem erfolgreichen Polenfeldzug mit Schiffen umgesiedelt und vor allem in den besetzten Gebieten in Westpreußen und dem sogenannten Warthegau angesiedelt, wo sie bis zur Flucht vor den heranrückenden Russen im Jahre 1945 verblieben.

Umsiedlung der Deutsch-Balten 1939

Am 23. August 1939 unterzeichnet der deutsche Außenminister Ribbentrop und der sowjetische Außenkommissar Molotow zusammen mit dem Nichtangriffspakt zwischen Deutschland und Rußland ein geheimes Zusatzprotokoll, in dem Deutschland und Rußland ihre Interessensphären aufteilen. Das Baltikum gehört danach zum Einflußgebiet der Sowjetunion. Im September und Oktober 1939 schließt die Sowjetunion mit allen drei baltischen Staaten "gegenseitige Beistandsabkommen" ab und errichtet anschließend militärische Stützpunkte im Baltikum. Am 6. Oktober spricht Adolf Hitler zum ersten Mal öffentlich über eine Umsiedlung deutscher Volksgruppen ins Deutsche Reich.

Die Nachricht von der beschlossenen Umsiedlung ist für die Deutsch-Balten ein Schock. Trotzdem entschließt sich innerhalb weniger Wochen nahezu die gesamte deutsche Volksgruppe angesichts der Gefahr der "Bolschewisierung", ihre Heimat zu verlassen. Die Umsiedlung erfolgt auf Grund der vertraglichen Vreinbarungen des Deutschen Reiches mit den baltischen Republiken und mit Zustimmung des Kreml. Die Deutsch-Balten dürfen ihre bewegliche Habe mitnehmen. Sie werden aus der estnischen und lettischen Staatsbürgerschaft förmlich entlassen und erhalten die deutsche Staatsbürgerschaft. Die Organisation der Umsiedlung übernehmen die Deutschbalten in Eigenregie.

Insgesamt werden im Oktober 1939 ca 63.000 Deutsche aus Lettland und 15.000 aus Estland in das besetzte Polen, und zwar vorwiegend nach Westpreußen und in den Warthegau, umgesiedelt.

Nach dem Einmarsch der sowjetischen Truppen im Baltikum findet 1941 noch eine Nachumsiedlung statt. Sie umfaßt nochmals nahezu 18.000 Personen. Damit endet die jahrhundertelange Geschichte der Deutschen im baltischen Raume in einem unumkehrbaren Bruch. Die menschlichen Beziehungen jedoch dauern fort. Mit dem Zusammenbruch des Reiches und dem Vormarsch der sowjetischen Truppen in die deutschen Ostgebiete erleiden die dort angesiedelten Deutsch-Balten das Schicksal aller anderen Ostdeutschen und flüchten- oder sie werden ermordet und vertrieben.

Eine Vertreibung der Deutschen aus dem Baltikum durch die dortigen Heimatvölker hat nie stattgefunden. Wir sind überwiegend als Freunde verabschiedet worden und werden heute wieder als Freunde begrüßt.

Heinz Luther