Ostpreußen

Land zwischen Weichsel und Memel

Das Gebiet Ostpreußens ist seit Ende der letzten Eiszeit bis heute durchgehend von Menschen bewohnt gewesen. Aus der längsten dieser frühgeschichtlichen Zeit (12.000 J.) lassen sich nur schemenhaften Umrisse gewinnen, wie sie uns die Archäologie eben liefert.
Aus frühgeschichtlicher Zeit kennen wir lediglich die Pruzzen.
Mit der Kolonisation und der überwiegend deutschen Aufsiedlung des Landes tritt das Land Mitte des 13. Jahrhunderts in das Licht der Geschichte, als eines der letzten Gebiete Mitteleuropas.

In frühgeschichtlicher Zeit bewohnten die Pruzzen nach Stammesgebieten in Familienverbänden dieses Land. Sie widersetzten sich bis in das Hochmittelalter der Christianisierung und somit auch der Einbindung in fremdes Staatsgefüge. Nach langen und von wenig Erfolg gekrönten Versuchen der Missionierung aus dem Bereich, der seit 966 christlichen Polen, endete Mitte des 13. Jahrhunderts die Epoche der Frühgeschichte des Preußenlandes. Seit dem Hochmittelalter hieß dieses Gebiet zwischen unterer Weichsel und Memel "Preußen" und später dann "Ostpreußen", da der ursprüngliche Namen auf den größeren Staat, das Königreich Preußen, überging.

Die Zeit vom 13. bis zum 20. Jahrhundert läßt sich in 4 Abschnitte gliedern:

Ordenszeit 1231 - 1525
Herzogtum Preußen 1525 - 1701
Königreich Preußen 1701 - 1772
Provinz Ostpreußen 1772 - 1945

Die Ordenszeit 1231 - 1525

Von heidnischen Pruzzen bedrängt, rief 1225 Herzog Konrad von Masovien, ein polnischer Fürst, den Deutschen Orden zu Hilfe und überließ diesem als Lohn das Kulmer Land. In der "Goldenen Bulle von Rimini" 1226 wurde von Kaiser Friedrich II. (d. Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation) diese Schenkung des Kulmer Landes anerkannt. Papst Gregor IX. bestätigte 1234 in der Urkunde von Rieti, dass alle bei der Christianisierung gewonnenen Teile des Pruzzenlandes dem Deutschen Orden "zum ewigen freien Besitz" gehören sollten. Bis 1283 hatte der Orden die heidnische Pruzzen zum Christentum bekehrt.

Der Deutsche Orden, allein dem Papst verpflichtet, konnte nun eine Territorialherrschaft errichten und vollbrachte in der Folgezeit eine Leistung, die in der Geschichte ihres Gleichen sucht. Er gründete 94 Städte und 1.400 Dörfer, d.h. fast alle Städte im Weichsel- und Pregelraum sind Gründungen des Ordens. Noch heute beherrschen Backsteinkirchen und Profanbauten jener Zeit das Bild der Städte. Zum Schutz dieser Gebiete wurden 150 größere und kleinere Burgen errichtet. Siedler aus allen Schichten und Ständen westdeutscher und -europäischer Länder kamen um das menschenarme Gebiet zu besiedeln und zu kultivieren. Sie wuchsen mit den einheimischen Pruzzen zum Stamm der Preußen zusammen. Rund 300 Jahre bestand dieser Ordensstaat bis er durch Kriege, erstarkende Stände und Städte, sowie inneren Krisen geschwächt, unterging.

Durch Heirat entstand ein Zusammenschluß Litauens (im Osten) und Polens (im Süden) zu einem mächtigen Nachbarstaat. Es kam häufig zu kriegerischen Scharmützeln. So unterlag das Ordensheer 1410 bei Tannenberg der vereinigten Streitmacht der Litauer und Polen. Der 1. Thorner Frieden brachte dem Orden Landverluste, aber er konnte durch Friedensschlüsse von Melnosee 1422 und Brest 1435 dem litauisch-polnischen Druck standhalten. Erst 1440, als sich ein Teil der preußischen Städte und Stände zum preußischen Bund zusammenschloß und 1454 den polnischen König um Hilfe bat, verlor der Orden entscheidend an Macht und Einfluß. Der polnische König nahm den westlichen Ordensstaat als autonomes Gebiet unter die Schutzherrschaft seiner Krone.

Im 2. Thorner Frieden 1466, nach 13-jährigem Krieg, verlor der Orden das später "Westpreußen" genannte Gebiet und das Ermland. Die Hansestädte an der unteren Weichsel, angeführt von Danzig und Thorn, unterstützen Polen bei diesen Auseinandersetzungen. Eine polnische Oberhoheit aber wurde jedoch weder vom Orden noch vom Papst anerkannt. Ein weiterer Krieg von 1519 - 1521 wurde zwar nicht entschieden, schwächte den Orden aber vollends.

Herzogtum Preußen 1525 - 1701

Albrecht von Brandenburg-Ansbach, letzter Hochmeister des Deutschen Ordens in Preußen, trat nach Gesprächen mit Martin Luther zum evangelischen Glauben über und machte den Deutschordensstaat auf Empfehlung Luthers zu einem weltlichen (säkularisieren) Herzogtum. Er nahm Ostpreußen von seinem Onkel König Sigismund von Polen als erbliches Herzogtum zu Lehen. Es folgte ein friedliches Aufbauwerk mit drei Schwerpunkten: Kolonisation, Ausbau der Hauptstadt Königsberg und Erhaltung tragbarer Verhältnisse zum katholischen Fürstbistum Ermland.

Die erste Siedlungswelle erreichte Ostpreußen 1543 mit den nicht katholischen Holländern, die von Karl V. ausgewiesen worden waren. Sie wurden in Königsberg (Handwerker) und Preuß. Eylau (Bauern) angesiedelt. Die zweite Welle erfolgte 13 Jahre später. Sie fanden überwiegend in der Drausensee Niederung ihre Heimat. Im Osten siedelten evangelische Litauer und Masowier. Abgesehen vom "Nußkrieg" im Herbst 1563 blieb Ostpreußen 43 Jahre von Kriegen verschont. 1552 wurde Tilsit gegründet, 1560 Magrabowo (Sensburg) und 1567 Goldap.

1618 erbten die brandenburgischen Markgrafen das Herzogtum und erreichten durch Verträge mit Schweden (1656), Polen (1657) und 1660 im Frieden von Oliva die Aufhebung der polnischen Lehnshoheit.

Königreich Preußen 1701 - 1772

Am 18. Jan.1701 krönte sich in Königsberg Friedrich III., Sohn des Großen Kurfürsten, zum König Friedrich I. in Preußen und verband damit den Namen Preußen mit dem brandenburgischen Staat.

Das 1. und 2. Drittel des 18. Jahrhunderts war für Ostpreußen in vieler Hinsicht von umwälzender Bedeutung. So entvölkerte zu Beginn des Jahrhunderts die Pest weite Teile des Landes. 1732/34 siedelten sich über 15.ooo evangelische Salzburger, die ihre Heimat aus Glaubensgründen verlassen mußten, in Ostpreußen an. Es folgten Glaubensflüchtlinge aus der Schweiz (Kalvinisten) und aus Frankreich (Hugonotten). All diese Menschen trugen wesentlich zur neuen wirtschaftlichen Konsolidierung und Entwicklung Ostpreußens bei. Ein Zwischenspiel von 4 Jahren war die Annexion Ostpreußens durch die Zarin Elisabeth von Rußland 1768 - 1772. Nach Wiedereingliederung des Ermlandes wurde 1772 aus dem alten Preußenland die Provinz Ostpreußen, nachdem Friedrich II. (der Große) sich nach der ersten Teilung Polens zum König von Preußen erklärt hatte. Es folgten ruhige Zeiten der weiteren Entwicklung des Landes.

Provinz Ostpreußen 1772 - 1945

Nach der Niederlage 1806/07 gegen Napoleon war Ostpreußen die letzte Bastion Preußens. Erst die Befreiungskriege 1813/1815 stellten die vollständige alte Souveränität wieder her. Im 19. Jahrhundert blieb Ostpreußen zwar ein Agrarland, entwickelte aber in diesem Bereich ein hohes Niveau. Es nahm an der politischen und gesellschaftlichen Entwicklung Deutschlands aktiv teil. So stellte Ostpreußen 1848 mit Eduard von Simpson den Präsidenten der Frankfurter Nationalversammlung.

Nach einer langen Periode des Friedens wurde die Provinz 1914/15 erneut Kriegsschauplatz. Die Russen drangen tief ins Land ein und konnten erst durch Hindenburg und Ludendorf durch Siege bei Tannenberg, Augustowo und Tauroggen zurückgeschlagen werden. Bei den Volksabstimmungen 1920 in Masuren und Teilen Westpreußens stimmten 97,8% bzw. 92,3% für den Verbleib bei Deutschland. Aber die Bestimmungen des Versailler Vertrages trennten das Memelland und das Gebiet um Soldau von Ostpreußen ab; sie unterbrachen durch die Abtrennung Westpreußens und Schaffung des sogenannten "Polnischen Korridors" seine direkte Verbindung zum übrigen Reich.

Der letzte Teil des 2. Weltkrieges brachte den schwersten und unglücklichsten Abschnitt in der langen Geschichte Ostpreußens. 1944/45 nahmen sowjetische Armeen das Land ein und zerstörten es weitgehend. Die Einwohner flohen, viele kamen ums Leben, viele wurden verschleppt oder bis auf sehr wenige vertrieben. Ortschaften, Kirchen, Häuser und Fürstenschlösser, die von den direkten Kampfhandlungen verschont geblieben waren, wurden Zielscheiben sinnloser Zerstörungswut. Von 41 Städten 1939 blieben 30 Städte 1949 übrig; bei Dörfern ist das Verhältnis, obwohl genaue Zahlen nicht bekannt sind, noch ungleich größer.

Das Bauernland

Ostpreußen ist ein landwirtschaftlich abwechslungsreiches Land, das häufig Vorstellungen von dunklen Wäldern und kristallenen Seen auslöst aber viel mehr zu bieten hat. Ausgeprägte Heide- und Waldgebiete, durchzogen von über 3000 Seen als Überbleibsel der Eiszeiten, bestimmen das Landschaftsbild im Oberland und in Masuren. Die Seen machen 4% der Landesfläche aus, sind aber im Oberland und Masuren landschaftsbestimmend. Die höchsten Erhebungen des Landes erreichen mit 300 Metern die Grenze zum Mittelgebirge.
Entgegen der weitverbreiteten Ansicht ist Ostpreußen im Landesdurchschnitt eher waldarm, mit 19,5% Wald, 3,4% Ödland und Moor sowie 4,2% Gewässern. Natürlich sind bei einer Provinzgröße von 36.900 qkm die Waldgebiete der Rominter Heide (dem bevorzugten Jagdgebiet des Kaisers), der Johannisburger Heide und des Elchwaldes für mitteleuropäische Verhältnisse doch als ungeheuer groß zu bezeichnen.

Einzigartig die Küstenformation: Schmale Landzungen, die Nehrungen schnüren Küstenseen, das "Frische und das Kurische Haff", von der Ostsee ab und bilden großartige Beispiele einer Ausgleichsküste mit z.T. mächtigen Dünenformationen. Typische Niederungseigenschaften begegnen uns im Weichsel- und Memeldelta.

Bernstein

Eine Besonderheit Ostpreußens darf auf keinen Fall vergessen werden: Von den untergegangenen Wäldern des Tertiär (v. 60 Mio J.) im Ostseeraum gibt die Erde an der Küste des Samlandes das fossile Harz der Bernsteinkiefer frei. Dieses Harz ist im Laufe der Zeit (40-60 Mio Jahre) durch Druck des Wasser und der Eisberge hart geworden. Man bezeichnet dieses Harz als Bernstein. Im einzigen Bernsteintagebergbau der Welt,in der blauen Erde von Palmnicken an der Samlandküste, beträgt die jährliche Förderung ca. 800 T Rohbernstein. Bernstein erscheint in allen Farben von weiß bis schwarz, bekannt ist er aber hauptsächlich goldfarben. Seit etwa 6.000 Jahren wird er auf den Bernsteinstraßen in den Mittelmeerraum gehandelt.
Verwendung: Schmuckindustrie, Gebetsketten, auch Gebrauchsgegenstände wie Messergriffe, Zigaretten- spitzen, Schachspiele etc. Aus den Verarbeitungsresten stellte man hochwertige Lacke u. Farben her. So bezeichnet man Ostpreußen auch als das Bernsteinland.

Zahlen über Ostpreußen:

68,2% des Landes waren landwirtschaftliche Nutzfläche, zu 72% in privater Hand, davon 70% kleinere bis mittlere Betriebe bis zu 100 ha. Die recht hohe Anzahl mittlerer und größerer Höfe erwirtschafteten beachtliche Überschüsse an landwirtschaftlichen Produkten trotz schlechter klimatischer Bedingungen. Ostpreußen ernährte außer seiner eigenen Bevölkerung von 2,5 Mio Menschen weitere 3,3 Mio Menschen im Reich.

Weltgeltung errang die Warmblutzucht der Trakehner Pferde, eine Zucht vielseitiger Militärpferde auf Order Friedrich d. Großen gegründet. Die Rindviehzucht (Herdbuchvieh) stand an der Spitze deutscher Zuchten. 1939 wurde ein Bestand an Pferden von 478.ooo, Rindern 1.383.ooo und Schweinen 1.841.ooo Tieren gezählt. Zahlen, die die Viehwirtschaft als in höchstem Maße leistungsstark auswies.

Die vielen Seen waren sehr fischreich und bildeten zusammen mit der Küstenfischerei einen wesentlichen Anteil an der Versorgung der Bevölkerung.

Seen: Ostpreußen hat über 3.300 Seen, die größten sind der Spirdingsee mit 146 qkm und der Mauersee mit 104,5 qkm (z. Vergleich: Müritzsee/ Mecklenburg 116,75 u. Chiemsee 80,1qkm).

Einige Größen zum Vergleich:

Land: Größe: Bevölkerung 1939:
Ostpreußen 36.992 qkm 2.488.000
Memelgebiet 2.800 qkm 142.000 (Stand 1933)
Belgien 30.507 qkm 9.079.000
Dänemark 42.936 qkm 4.552.000
Holland 32.449 qkm 11.417.000

Eine Reihe bekannter Persönlichkeiten, die entweder in Ostpreußen geboren wurden oder dort ihr Lebenswerk schufen:

Naturwissenschaften:
Nicolaus Kopernicus 1473 Astronom, Sonne im Mittelpunkt
Friedrich W. Bessel 1784 Astronom, Standort v.Sternen
Friedrich W. Argelander 1799 Astronom Sternenkatalog
Robert Kirchhoff 1824 Physiker, Spectralanalyse
Otto Wallach 1847 Chemiker, Grundl. Duftstoffindustrie
Emil v. Behring 1854 Arzt, Entdecker des Diphterieserums
Fritz Lipmann 1899 Biochemiker, Erforscher der Fermente
Wilhelm Wien 1864 Physiker, Vorbereiter d. Raumfahrt
Erich v. Drygalski 1865 Polarforscher
Geisteswissenschaftler:
Johann Christoph Gottsched 1700 Literaturprofessor
Immanuel Kant 1724 weltberühmter Philosoph
Johann Heorg Hamann 1730 Schüler Kants und Mentor Goethes
Johann Gottfried Herder 1744 Schüler Kants und Mentor Goethes
E.T.A. Hoffmann 1776 Universalgenie: Jurist, Maler, Dichter, Komponist, Vater des klassischen Krimis und Kurzgeschichte
David Hilpert 1862 Begründer der modernen Mathematik

Dichter / Komponisten / Sänger:
Simon Dach / Ferdinand Gregorovis / Ernst Wichert / Arno Holz / Hermann Sudermann / Agnes Miegel / Ernst Wiechert / Paul Fechter / Fanny Lewald / Otto Nicolai / Walter Kollo / Rene Kollo

Maler / Graphiker:
Anton Möller / Michael Willmann / Lovis Corinth / Käthe Kollwitz

Politiker:
Otto Braun, Ministerpräsident

Wer mehr über Ostpreußen wissen will, möge es besuchen. Es lohnt sich!

Dietmar Strauß