Die Sudetendeutschen und das Sudetenland

Die Heimat der Sudetendeutschen sind und waren Böhmen, Mähren und Sudetenschlesien. Bis 1918 gehörten diese Gebiete und damit die Vorfahren der heute Lebenden zur Böhmischen Krone und somit zum Habsburger Reich, das bis zuletzt von Wien aus regiert wurde. In diesen drei Ländern der Böhmischen Krone lebten die Sudetendeutschen von Alters her mehrheitlich vor allem in den Randgebieten in den Tälern der Gebirge, die die Länder auf der Europakarte so deutlich sichtbar machen, und in deren Vorland. Das Land unter der Herrschaft der Böhmischen Krone teilten sie mit den Tschechen, die im Inneren siedelten und dort bis auf einige deutsche Sprachinseln im tschechischen Gebiet die Mehrheit bildeten.

So etwa war 1918 die ethnisch-geographische Situation, als die Habsburger Monarchie nach dem Ersten Weltkrieg in St. Germain aufgelöst wurde und die Böhmischen Länder der neu- und erstmals gebildeten Tschechoslowakei (CSR) zugeschlagen wurden. Den Deutschen in dieser CSR wurde damals bei der Neuordnung Europas das Selbstbestimmungsrecht, das auch von den Siegermächten durchaus thematisiert war, vorenthalten. Aber nicht nur deshalb war mit der Gründung diesem Staat die Problematik des Vielvölkerstaates in die Wiege gelegt. In der CSR gab es neben den 3 Mio. Sudetendeutschen fünf weitere namhafte Volksgruppen, von denen die deutsche allerdings die größte war. Nur etwa die Hälfte der Einwohner waren Tschechen, ein Viertel Deutsche.

Bis dahin war der Begriff "Sudetendeutsche" (Franz Jesser, 1902) seltener gebraucht worden. Aber schon bei den Verhandlungen in Paris wurde er mit der Gründung der Tschechoslowakei zum notwendigen Sammelbegriff für die Deutschen, die bei diesem Staat verbleiben mussten. Die Bezeichnung leitet sich von dem Namen "Sudeten" her, der in den letzten Jahrhunderten für die Gruppe der Gebirge üblich geworden war, die sich im Osten zwischen Elbsandsteingebirge und oberem Oderknie erstrecken. Er liegt deshalb nahe, weil er sich bereits an dieser Stelle für eine Gebirgsbezeichnung auf einer antiken Karte des Ptolomäus findet. Heute nennen wir diejenigen Sudetendeutsche, die deutsch sprechen, in den oben erwähnten Randgebieten sowie in den Sprachinseln und Prag geboren wurden und deren Nachgeborene, sofern sie sich natürlich dazu bekennen. Letzteres gilt für alle Sudetendeutschen.

Die Vorfahren der Sudetendeutschen waren bereits im 11. Jahrhundert eingewandert. Sie wurden wegen ihrer handwerklichen Geschicklichkeit und dem fortschrittlichen Landausbau von den Königen ins Land gerufen. Zur Anlage der Städte brachten sie im 13. Jahrhundert die Magdeburger und Nürnberger Stadtrechte mit. Deutschen Bürgern verdanken wir in Iglau das älteste Bergrecht nördlich der Alpen (1248). Vor allem die Zeit nach dem 30jährigen Krieg prägte bis heute das Bild der Städte und Märkte im ganzen Land. Der Reichtum des Adels und der Klöster machte das Königreich Böhmen zu einem Zentrum barocker Baukunst. Dort wirkten Baumeister wie Fischer von Erlach aus Österreich oder die Dientzenhofers aus Bayern, Balthasar Neumann wiederum aus Eger schuf Kirchen und Residenzen in ganz Süddeutschland. Darüber hinaus spielten Deutsche der Böhmischen Länder im Kultur- und Geistesleben der angrenzenden deutschen Länder eine maßgebende Rolle. In Saaz an der Eger schuf Johannes von Tepl die früheste neuhochdeutsche Dichtung, den "Ackermann aus Böhmen" (1401). In der Literatur sind später außerdem u.a. zu nennen Marie von Ebner-Eschenbach, Adalbert Stifter, Rainer Maria Rilke, sowie Franz Kafka und Franz Werfel; in der Musik Johann Wenzel Stamitz, Gustav Mahler, Leo Slezak, in der bildenden Kunst Ferdinand Tietz, Josef Maria Olbrich, Alfred Kubin, in der Wissenschaft Gregor Mendel, Ernst Mach und Sigmund Freud. Die schöpferische Kraft der Sudetendeutschen hat sich auch in der Minderheitensituation des Nationalitätenkampfes und schließlich nach der Vertreibung erhalten: Der Konstrukteur des Volkswagens, Ferdinand Porsche, und der Generaldirektor des europäischen Kernforschungszentrums (CERN) in Genf, Herwig Schopper, sind dafür ebenso ein Beweis wie Otfried Preußler, der bis heute bekannteste deutsche Kinderbuchautor.

Das von Deutschen bewohnte Gebiet der ehemaligen Kronländer umfasste etwa 28000 km². Der natürliche Mittelpunkt der Länder - auch ihrer historischen Bedeutung nach - war Prag, jahrhundertelang eine mehrheitlich deutsche Stadt. Aber die Wohngebiete der Deutschen lagen in den Randgebieten der Länder und bildeten jeweils eigene Zentren. Im Nordwesten lag das Egerland. Mit der alten Kaiserstadt Eger hatte das zwar einen Schwerpunkt, dennoch wurden in den letzten Jahrhunderten weitere Städte bedeutend, z.B. die Badeorte Karlsbad, Franzensbad oder Marienbad. Im Südwesten lag der Böhmerwald, aus dem dort die Moldau ins Vorland hinausströmt. Das Geschlecht der Rosenberger spielt daselbst schon im hohen Mittelalter eine große Rolle. Von dort aus lag das Erzgebirge jenseits des tschechischen Sprachgebietes weit im Norden zur sächsischen Grenze hin. Auf seinen Höhen blühte am Beginn der Neuzeit der Silberbergbau. Namhaft steht dafür die alte Bergstadt Joachimsthal, die auch in der jüngsten Neuzeit Bedeutung durch den Abbau der Pechblende behielt. Der Bergbau blieb Schicksal dieser Landschaft. Von Komotau bis Brüx und Dux wurde am Fuß des Gebirges eine Tagebaulandschaft zum Abbau der Braunkohle aufgeschlossen, die erst in den letzten Jahrzehnten allmählich vernarbt. Bevor die Elbe im Norden Böhmen verlässt, um alle Wasser des Landes nach Deutschland zu entführen, durchbricht sie das böhmische Mittelgebirge mit seiner Vulkanlandschaft und das Elbsandsteingebirge.

Noch in der Mitte des 19. Jahrhunderts war es ein eher unwegsames, beschauliches Elbetal, das Dichter und Maler anlockte. Erst die Industrialisierung der folgenden Jahrzehnte machte es zur Verkehrsschlagader. Von Aussig wurde die Kohle vom Fuß des Erzgebirges über Schiff und Eisenbahn in die Welt geschafft. Östlich der Elbe, jenseits des Elbsandsteingebirges liegt das Niederland. Dort ragte schon die böhmische Herrschaft über die Gebirgsumwallung hinaus. Weberei und Strumpfherstellung prägten diesen Winkel mit der höchsten ländlichen Bevölkerungsdichte des Landes. Aus Heida und Steinschönau, am Fuße des Lausitzer Gebirges, ging kunstreiches Glas in alle Welt, wie auch aus der weltbekannten Schmuckstadt Gablonz an der Neiße. Benachbart am Südhang des Isergebirges lag Reichenberg, die Tuchmacher- und Handelsstadt. Sie wurde eines der wichtigsten Verwaltungszentren des Sudetenlandes. Jenseits von Jeschken und Isergebirge nach Osten hin folgt das Riesengebirge mit seinem hohen Kamm und der Schneekoppe als höchstem der Berge in den Böhmischen Ländern. Von der Elbequelle über den Elbfall ergießt sich die Elbe durchs Vorland - bis Königinhof weithin deutsches Siedlungsgebiet mit Trautenau als Zentrum. Ostwärts schließt sich das von benediktinischer Kultur geprägte Braunauer Ländchen an. Hier geht das deutsche nordböhmische Siedlungsgebiet in das Glatzer Bergland über. Im Adlergebirge setzte wieder deutsche Besiedlung ein, die hier vor allem bäuerlichen Charakter trug. Jenseits an seinem Ausläufer liegt Grulich, die östlichste deutsche Stadt Böhmens. Von hier aus zieht sich die alte Grenze zu Mähren über den Schönhengstgau zur Böhmisch-Mährischen Höhe bis nach Zlabings, das schon in Mähren liegt.

Nordöstlich und östlich des Grulicher Ländchens - nun in Mähren - liegt vor allem der gewaltige Gebirgsstock des Altvater und nach Südosten auslaufend das Gesenke. Bereits im Mittelalter blühte hier der Silber- und Goldbergbau, bis ins 20. Jahrhundert die Textilindustrie. Freiwaldau, Mährisch-Schönberg, Freudenthal, Bärn und Sternberg gehören zu den bekanntesten Orten. Dort liegt im äußersten Südosten des deutschen Siedlungsgebietes Neutitschein. Auf dem prächtigen Marktplatz steht heute noch das tanzende Kuhländler Bauernpaar, denn die Stadt ist Hauptort des Kuhländchens. Das Gesenke ist auch das Land der jungen Oder. Südlich des Grulicher Ländchens liegt auf der beginnenden Mährischen Höhe der Schönhengstgau, die größte Sprachinsel des Sudetenlandes. Die Grenze der früheren Kronländer schlängelt sich mitten hindurch. Landskron liegt noch in Böhmen, während Mährisch-Trübau und Zwittau bereits in Mähren liegen. So ist es auch mit der Iglauer Sprachinsel. Iglau selbst, die alte Bergstadt, liegt in Mähren. Die meisten anderen Sprachinseln lagen in Mähren. Dazu gehörten unter anderem die Städte Olmütz und Brünn, in denen deutsche Gemeinden neben den Tschechen eine reiche Stadtkultur entfalteten. Südlich dieser Städte lagen außerdem deutsche Dörfer. Die Dörfer südlich von Wischau und von Deutschbrodek waren auch deutsche Sprachinseln. Die einzige Sprachinsel in Böhmen lag um Budweis und die einzige in Mährisch-Schlesien um Troppau, das gleichzeitig Hauptort dieses bei der Habsburger Krone verbliebenen Landstrichs war.

Der Streifen geschlossenen deutschen Siedlungsraumes, der sich an der österreichischen Grenze nach Osten entlangzog, war zunächst sehr schmal. Die alte Tuchmacherstadt Zlabings ragt in dieser Landschaft dank ihrer architektonischen Einheit mit den graffitigeschmückten Hausfronten kulturell heraus. Das enge Tal der Thaya windet sich entlang der Grenze zu Niederösterreich. An ihrem Lauf eröffnet sich dann der überraschende Blick auf weitere kulturelle Höhepunkte: Schloss Frain und schließlich die Stadt Znaim, die älteste der ehrwürdigen Städte Mährens. Erst wo die Thaya die Wasser von Zwitta und Igel aufnimmt weitete sich das südmährische deutsche Siedlungsgebiet nach Norden. Von den Pollauer Bergen blickt der Beschauer auf uraltes Kulturland, auf dem in den letzten Jahrhunderten reger Weinbau betrieben wurde. Er blickt auch auf die Wiener Straße, die von Brünn kommend hier nach Nikolsburg verläuft. Sie erinnert an eines der traurigsten Geschehen, das sich auch mit der Geschichte der Sudetendeutschen verbindet: den Brünner Todesmarsch, der 1945 Ende Mai hier vorbeiführte.

Der erwähnte Brünner Todesmarsch war einer der Gewaltakte der wilden Vertreibungen, unter denen viele Sudetendeutsche seit den Maitagen 1945 zu leiden hatten. Sie wurden durch tschechische Milizionäre und viele Tschechen ausgeübt. Diese wurden angestachelt durch die Reden des Dr. Edvard Benesch, der sich als ehemaliger Präsident dazu berufen fühlte. Er erließ dazu mehrere Dekrete, die speziell Sudetendeutsche - nicht z.B. Österreicher - besitz- und rechtlos machten. In dennoch illegalen Aktionen wurden noch 1945 etwa ein Drittel der 3 Mio. Sudetendeutschen entweder zu Fuß über die Grenze gejagt oder in der Regel in offenen Güterwaggons dorthin transportiert. Die übrigen 2 Mio. wurden 1946 nach Absprache mit den Alliierten systematisch in Güterwaggons verladen und nach Vierzonendeutschland vertrieben. Dabei und vor allem in den Todeslagern und KZs der wilden Vertreibung kamen nach Berechnungen der Schiederkommission etwa 216 000 Sudetendeutsche gewaltsam zu Tode oder starben an Erschöpfung. Im Straffreistellungsgesetz sicherte Dr. Benesch allen Gewalttätern Straffreiheit zu, selbst wenn diese Untaten nach tschechoslowakischem Recht strafbar waren. Trotz Kenntnis dieser noch gültigen Unrechtsdekrete wurde die Tschechische Republik 2004 in die EU aufgenommen.

Gerolf Fritsche, Offenbach