Westpreußen

Westpreußen ist das Land zu beiden Seiten der unteren Weichsel mit den Städten Thorn im Süden und der Provinzhauptstadt Danzig im Norden.

In diesem Gebiet siedelten ursprünglich baltische Preußen. Im Zuge der von Papst und Kaiser gewünschten Christianisierung der Preußen und auf den Hilferuf des Herzogs Konrad von Masowien 1225/26 überschritt der Deutsche Orden unter Hermann Balk 1231 die Weichsel und begann mit der Gründung von Städten: Thorn (1231), Kulm (1232), Marienwerder (1233), Elbing (1237), Marienburg (1276). Er folgte dem Lauf der Weichsel und ging erst dann nach Osten in das Gebiet des späteren Ostpreußen vor. Diesen Weg nahm daher auch die deutsche Besiedlung des Landes. Insgesamt hat der Deutsche Orden 93 Städte und mehr als 1.000 Dörfer zwischen Weichsel und Memel gegründet - eine einmalige politische und kulturelle Leistung europäisches Geistes in einer Zeitspanne von nur rd. 200 Jahren. Die "Kulmische Landfeste" wurde zur Rechtsgrundlage für die wirtschaftlichen und kulturelle Entwicklung des gesamten Ordenslandes.

Bei der Schlacht von Tannenberg 1410 unterlag der Deutsche Orden dem vereinigten polnisch-litauischen Heer. Im folgenden Ersten Thorner Frieden (1411) blieben die Grenzen des Ordensstaates weitgehend bestehen. Erst im Zweiten Thorner Frieden (1466) kamen die westlichen Teile des Ordensstaates (das spätere Westpreußen) unter die Oberhoheit der Krone Polen. 1525 wandelte der letzte Hochmeister des Deutschen Ordens, Albrecht von Brandenburg-Ansbach, den Restordensstaat in ein weltliches "Herzogtum Preußen" um.

1772 wurde Westpreußen unter Friedrich dem Großen wieder mit dem östlichen Landesteil zum "Königreich Preußen" vereinigt - im wesentlichen in den Grenzen des Ordensstaates. Die beiden Landesteile erhielten 1773 die Namen Westpreußen und Ostpreußen. 1793 kamen auch Danzig und Thorn zu Westpreußen, das seit 1772 wieder eine wirtschaftliche und kulturelle Blütezeit erlebte.

Nach dem verlorenen 1. Weltkrieg trat 1920 das Versailler Diktat in Kraft, das eine Vierteilung Westpreußens nach sich zog. Die Mitte der Provinz wurde als "polnischer Korridor" ohne Volksabstimmung dem neuen Staat zugeteilt. Danzig und das ihm zugeordnete Hinterland wurde Freistaat. Ein kleiner Teil im Westen der Provinz wurde zu einer neuen Provinz "Grenzmark Posen-Westpreußen" zusammengefaßt. Der Rest der Provinz im Osten wurde nach einer Volksabstimmung mit dem überwältigenden Ergebnis 92,4 % für Deutschland als Regierungsbezirk Marienwerder (Westpreußen) der Provinz Ostpreußen angegliedert. 1939 bis 1945 erstand Westpreußen noch einmal als "Reichsgau Danzig-Westpreußen", ehe es mit dem Ende des 2. Weltkrieges polnischer Verwaltung unterstellt wurde.

Westpreußen besaß eine hochentwickelte Acker- und Viehwirtschaft. An Industriezweigen sind vor allem Ziegeleien, Sägewerke, Mühlen-, Zucker- und Maschinenfabriken zu nennen, in Danzig und Elbing Werft-, Waggon- und Maschinenbauindustrie sowie Automobilbau.

Berühmte westpreußische Persönlichkeiten sind der Astronom Nicolaus Copernicus, der Bildhauer Andreas Schlüter, der Physiker Daniel Fahrenheit, der Maler Daniel Chodowiecki, der Philosoph Arthur Schopenhauer, der Industrielle Ferdinand Schichau, die Schriftsteller Max Halbe und Hermann Löns, der Schauspieler Paul Wegener und der Weltraumforscher Wernher von Braun.

Im Januar 1945 mußte die Bevölkerung Westpreußens vor der Roten Armee fliehen. Die meisten im Land verbliebenen Deutschen wurden später vertrieben, eine Rückkehr wurde ihnen versagt.

Die gewaltige Marienburg, mehr als 650 Jahre Symbol des Deutschen Ordens und langjähriger Sitz ihres Hochmeisters, wurde beim Näherrücken der Front zur Festung erklärt und von der Deutschen Wehrmacht sechs Wochen lang trotz fortschreitender Zerstörung hartnäckig verteidigt. Dadurch gelang vielen Tausenden von Flüchtlingen aus Ost- und Westpreußen die Rettung über die Weichsel und die Danziger Bucht.

Waltraud von Schaewen-Scheffler