"Wie haben wir das bloß miteinander geschafft"?

Feierstunde des BdV-Kreisverbandes Groß-Gerau anlässlich der Ankunft
der ersten Heimatvertriebenen im Kreis Groß-Gerau vor 70 Jahren

"Um neun Uhr kam ein Lastwagen aus Eger, um mehrere Familien und uns abzuholen. Als wir den Lastwagen bestiegen, läuteten im Nachbarort die Kirchenglocken. Glocken, die üblicherweise zum Frieden und zur Einkehr rufen, läuteten für uns zur Vertreibung aus unserer geliebten Heimat." - Die 93-jährige Marie Winterling aus Westböhmen, heute in Klein-Gerau, berichtete als Zeitzeugin vor zahlreich erschienenen Besuchern aus den Riedgemeinden.

Der Kreisverband des Bundes der Vertriebenen (BdV) Groß-Gerau hatte am vergangenen Samstag zu einer Gedenkfeier in das Historische Rathaus der Kreisstadt Groß-Gerau eingeladen und erinnerte damit an die Ankunft der ersten Heimatvertriebenen im Kreis Groß-Gerau von 70 Jahren. Erich Fech, Mitglied der Leitungsgruppe des BdV-Kreisverbandes, konnte im weiten Rund des historischen Sitzungssaales zahlreiche Ehrengäste begrüßen: Dr. Franz Josef Jung (MdB), Sabine Bächle-Scholz (MdL), Kreisbeigeordnete Rita Schmiele in Vertreter von Landrat Thomas Will, Stefan Sauer (Bürgermeister der Stadt Groß-Gerau), Georg Sturmowski (Vize-Präsident des Hessischen Landtages a.D.), Willy Blodt (Landrat a.D.), Baldur Schmitt (Erster Kreisbeigeordneter a.D.) Reinfried Vogler (Vize-Präsident des Bundes der Vertriebenen), Pfarrer Karl Zirmer, Dekan des Dekanats Rüsselsheim, Vertreter von Kreiskommunen, der Egerländer Gmoin aus Bischofsheim und Kelsterbach sowie aus den BdV-Ortsverbänden und Landsmannschaften.

In ihren Grußworten lobten Franz Josef Jung, Stefan Sauer, Rita Schmiele und Pfarer Karl Zirmer den Aufbauwillen der "Neuankömmlinge" im Kreisgebiet und das von Anfang an große Engagement dieser Menschen in Politik, Wirtschaft, Vereinen und Kirche. Mit ihrer Charta aus dem Jahre 1950 hätten sie kurz nach ihrem ihnen widerfahrenen Unrecht Mut bewiesen, auf Rache und Vergeltung zu verzichten und vorrangig am Aufbau eines geeinten Europas mitzuarbeiten.

Reinfried Vogler stellte in seiner Festrede fest, dass ein solcher Tag kein Anlass zum Feiern sei, sondern vielmehr zum Gedenken. 70 Jahre Ankunft bedeute nämlich auch 70 Jahre Vertreibung und erinnerte dabei an die damals organisierten Schrecken der Vertreiberstaaten, so auch an den "Brünner Todesmarsch" und dessen Opfer. Rita Schmiele überbrachte die Grüße des Landrates Thomas Will: "Der Kreis Groß-Gerau ist froh, dass sie hierher gekommen sind, zur Mehrung unseres Wohlstandes beigetragen haben und darüber hinaus ein Musterbeispiel dessen gegeben haben, was man heute so gern mit dem Wort "Integration" überschreibt."

Helmut Brandl, Mitglied der Leitungsgruppe des BdV-Kreisverbandes, ging in seinem Grußwort auf die Geschichte der Heimatvertriebenen im Kreis Groß-Gerau ein. Mit dem Titel "Geflüchtet, vertrieben, aufgenommen", der von den Verantwortlichen auch als das Motto für diese Gedenkfeier gewählt wurde, sei, Dank mehrerer damaliger Sponsoren vor 25 Jahren, eine Dokumentation geschaffen worden, die das Geschehen der Vertreibung aus den Heimatgebieten, die Ankunft hier in der Riedregion und das sich Einbringen auf vielfältige Art und Weise für die Nachwelt dokumentiere. Ende 1946 habe der Anteil dieser Menschen 18,8 Prozent der damaligen Kreisbevölkerung entsprochen. "Und deshalb glaubten wir bei unserer Einladung, dass dieses Thema alle, - ja alle angeht: Volksvertreter, Kirchen und die Bürgerinnen und Bürger dieses Landkreises!", so Brandl in seinen Ausführungen.

Dass viele dieser Menschen bei Ihrer Ankunft auch Ablehnung und Schimpfe zu erleiden hatten, in einer Zeit, in der viele mit wenig der vorhandenen Ressourcen zu kämpfen hatten, sei in Zeitzeugen- und Medienberichten der damaligen Zeit belegt.
Dass es Gott sei Dank über diese Zeit auch Anderes zu berichten gegeben habe, beweise die Schilderung einer einheimischen Bürgerin aus Stockstadt: "Wer kann sich heute noch vorstellen, wie wir damals miteinander oft auf engsten Raum lebten? Es erscheint mir auch nach so vielen Jahren wie ein Wunder, dass wir Gemeinsames entdeckten und Fremdes nicht zu Streit und Unversöhnlichkeit führte. Manchmal möchte ich ganz einfach fragen: "Wie haben wir das bloß miteinander geschafft"?

Den Menschen, die, nach der für Viele gelungenen Eingliederung der deutschen Heimatvertriebenen auf beiden Seiten, fordern, nun müsse doch einmal genug sein, mit dem ewigen Erinnern, hielt Brandl entgegen: "Sich erinnern an Geschehenes ist wichtig! - Es dient zur oft schmerzlichen Aufarbeitung der historischen Wahrheit, die letztlich zur Versöhnung zwischen vorher verfeindeten Völkern führt. Und hierbei erfüllen Zeitzeugen eine wichtige Aufgabe!"

Die Feierstunde wurde vom Duo Tastenstreich (Mörfelden-Walldorf), der Gesangsgruppe des Erzgebirgischen Heimatvereins Nauheim-Weiterstadt sowie vom BdV-Duo Biebesheim-Dornheim mitgestaltet.

bdv-kreisverband-gross-gerau/press/2016
Juni 2016