Erntedankfeier unterm Kurenwimpel

Erinnerung an die Heimat lebendig halten

"Bunt sind schon die Wälder" erschallte es zu Beginn des heimatlichen Beisammenseins, als die Mitglieder und Gäste der Landsmannschaft der Ost- und Westpreußen (Wiesbaden) ihr Erntedankfest im Haus der Heimat feierten. Unter den Gästen die Vorsitzenden der Danziger Landsmannschaft Ulrich Janzen und des Bundes der Vertriebenen (BdV), Manfred Laubmeyer.

Wie in den Jahren zuvor, durften sich die Gäste über einen reich gedeckten und geschmückten Erntetisch freuen, zu dem Spender und Gönner mit Gemüse, Früchten und Blumen beigetragen hatten. Auch Königsberger Marzipan von der Konditorei Gehlhaar, Honig und selbstgemachte Marmelade bereicherten die Tafel. In der Mitte des Erntetisches lag eine Decke, die die Mutter des Mitglieds Brigitta Büring, als 18-jähriges Mädchen in Tilsit-Ragnit gestickt hat und die die Flucht im Winter 1945 unversehrt überstanden hat. Am Schluss der Feier durfte jeder Besucher etwas vom Erntetisch mit nach Hause nehmen.

Als gleichsam heimatlicher Gruß war zudem ein originalgetreu nachgearbeiteter Kurenwimpel über dem Tisch zu bestaunen. Das Kunstwerk hatte vor Jahren ein Mitglied dem Verein geschenkt. Einst kennzeichneten die hölzernen Wimpel die schweren Kurenkähne, mit denen auf dem Haff gefischt wurde; zugleich verrieten sie die Herkunft der Fischerboote.

In Ostpreußen bedeutete Erntedank genau das, was der Begriff beinhalten sollte. Dank für alles, was geworden und gediehen war durch menschlichen Einsatz und Gottes Gnade. So begann das Fest dort schon beim Frühstück des Erntetages. An diesem Morgen lag das Brot - im Gegensatz zu sonst - auf einem großen blauen irdischen Teller auf dessen Rand in schnörkeligen Lettern zu lesen stand: "Unser täglich Brot gib ins Heute."

Mit Gedichten und Geschichten wurde an den traditionellen Erntedank in Ostpreußen erinnert. "Das Landbrot der Heimat, wer kann es beschreiben? Doch ich weiß eins: Es schmeckt wie keins", sagte Margitta Krafczyk. Vom alten "Kruschkebaum" (wild wachsende Birnen) in ihrem Garten erzählte Lieselotte Paul, der ihr manchmal noch im Traum erschien und der sie wehmütig an ihre Jugendzeit erinnerte. Mit Herbst- und Ernteliedern umrahmte der Frauenchor unter Leitung von Frau Liesl Zekert den Nachmittag.

Besinnliche Worte kamen von Pfarrer Erich Dorn. "Es sieht aus, als lebe der Mensch nicht mehr in der "Reality". Er braucht sie nicht mehr, er lebt in einer selbst erdachten, selbst erschaffenen Welt, die es gar nicht gibt, aber in der er sich zuhause fühlt oder fühlen möchte", resümierte er. Der einstige Marktkirchen-Pfarrer sieht das Erntedankfest als Chance, die Menschen in die echte Wirklichkeit zurückzurufen und somit zum Wesentlichen zu finden. "Das Fest ist dazu da, das Unentbehrliche in den Blick zu kriegen", schloss Dorn, der 15 Jahre an der Marktkirche predigte und gerade aus Anlass seiner Ordination vor 60 Jahren geehrt wurde.

Der Erntedank-Tag wird nun schon über 240 Jahre gefeiert, nachdem der preußische König Friedrich II. (Friedrich der Große) im Jahre 1773 den Danktag in Preußen zum offiziellen Fest erklärt hatte. Per Erlass wurde er auf den ersten Sonntag nach Michaeli (Michaeli = 29.September) festgesetzt. Und so ist es bis heute geblieben.

Vorsitzender Dieter Schetat dankte den Besuchern für Ihre Verbundenheit zur Landsmannschaft, die im 19. November ihr siebzigjähriges Bestehen feiert und sagte: "Wir gehören zusammen und wollen mitwirken, dass die Erinnerung an unsere Heimat lebendig bleibt und dass das Kulturelle an zukünftige Generationen weitergetragen wird."

Text und Fotos: Landsmannschaft der Ost- und Westpreußen - Kreisverband Wiesbaden e.V.
Oktober 2016