70 Jahre Landsmannschaft der Ost- und Westpreußen in Wiesbaden

Solange es Hessen in seiner heutigen Form gibt, solange gibt es die Landsmannschaft der Ost - und Westpreußen in Wiesbaden - sogar noch sechs Monate länger. Am 23. Mai 1946 wurde sie gegründet, drei Jahre, bevor in Frankfurt Gleiches geschah. Noch immer ist der Wiesbadener Kreisverband der größte in Hessen - und doch kommt man auch in der Landeshauptstadt nicht an der Erkenntnis vorbei, dass der Erlebnisgeneration, wie es Vorsitzender Dieter Schetat ausdrückt, "die Biologie zu schaffen macht". Schetat, selbst 77, gehört noch zu den vergleichsweise jüngeren Ostpreußen - man kann es sich leicht ausrechnen. Hoch in den Achtzigern, ja gut über die Neunzig sind viele, die bei der Feier zum 70-Jährigen Bestehen des Verbands den Saal im Haus der Heimat füllen: "Wir werden weniger", sagt der gebürtige Tilsiter, "aber das soll uns nicht abhalten, unsere Arbeit fortzusetzen, den Weg der Landsmannschaft weiterzugehen mit dem Ziel, jüngere Menschen zu erreichen und für unsere Heimat zu interessieren, die bislang nur wenig Kontakt mit diesem Land hatten."

Der Vorsitzende erinnert gern daran, dass in Wiesbaden ein Freundeskreis der Ostpreußen schon vor dem Krieg, vor Flucht und Vertreibung, bestanden hat. Die Liebe zu dieser Landschaft weit im Nordosten und das Interesse an ihrer Geschichte zu wecken, das kulturelle Erbe zu bewahren, es wird dennoch mit jedem Jahr schwieriger. Ja, es ist die schwerste Aufgabe, die Tatsache dauerhaft im Bewusstsein junger Menschen zu verankern, dass die Kultur der Ost - und Westpreußen Teil der gesamten deutschen und europäischen Kultur ist, und auf diese Weise eine Bekenntnis-Generation zu schaffen.

Der vor sieben Jahren gestorbene Heinz Adomat, Vater der Wiesbadener Schuldezernentin Rose-Lore Scholz, hat einst einen Text über die "Verklingende Sprache" verfasst. Als die 94-jährige Königsbergerin Lieselotte Paul den nun vortrug, wurde dieses Verklingen hörbar. Es dauert nicht mehr lang, da wird der Dialekt allenfalls in Tonarchiven lagern und in Bücherregalen ruhen.

Den größten Schatz, den die Ostpreußen haben, um neue Freunde zu gewinnen, ist der Reiz der Landschaft - von der Ostsee und der Kurischen Nehrung bis zu den masurischen Seen. Festredner Wolfgang Nickel, gebürtiger Nauroder, hat bei Diavorträgen und via Fernsehen eine Ahnung davon bekommen, "wie schöne ihre Heimat war". Sie ist es freilich noch immer. Geografische und politische Entlegenheit hat sie an vielen Stellen über Jahrzehnte vor dem bewahrt, was andernorts wirtschaftlicher Aufschwung und Massentourismus angerichtet haben.

Es war den gerade vertriebenen und geflüchteten Ost- und Westpreußen sehr schnell bewusst, dass sie nur im Rahmen einer neuen und friedlichen Koexistenz der Völker eine Chance haben werden, ihre Heimat wiederzusehen. noch einmal zu erleben. In der Charta der Heimatvertriebenen von 1950 wurde mit dem postulierten Gewaltverzicht eine wichtige Voraussetzung geschaffen.

Die unzähligen Reisen der Landsmannschaften und ihres "Deutsch-Europäischen Bildungswerks" vor allem in den vergangenen zweieinhalb Jahrzehnten tragen, wie Schetat betont, nicht nur dazu bei, über die Grenzen hinweg menschliche Kontakte zu knüpfen, sondern auch zum "Erhalt des Wissens über die Kultur- und Siedlungsgeschichte".

Schetat erwähnt ein Zusammentreffen mit dem 1955 im einstigen Königsberg geborenen und heute an der Kaliningrader Universität lehrenden Professor Vladimir Gilmanov. Und er zitiert den Russen: "Wir waren nicht immer Gegner. Wir dürfen nicht Gegner sein." Gilmanov sei der Meinung, dass "unsere Länder eigentlich zusammengehören". Und der Vorsitzende forderte auch von deutschen Politikern mehr Verständnis für die russische Seele, die sich gekränkt fühlt von dem hier verbreiteten Feindbild. "Ich habe da Verständnis. Aber vielleicht habe ich auch selbst ein bisschen von der russischen Seele."

Die Frage bleibt, welchen Einfluss auf nachbarschaftliches Zusammenleben und das dazu nötige Erinnern die Heimatvertriebenen noch haben werden. "Ostpreußen sind wir - und vergessen nicht", zitierte Margitta Krafczyk aus einem Text von Ernst Georg Wichert. Aber was, wenn es die Ostpreußen nicht mehr gibt... "Ob wir unser 75. Jubiläum in diesem Rahmen noch feiern - wer weiß?", schloss Dieter Schetat. "Das wollen wir unserem lieben Herrgott überlassen, ob er uns die Kraft noch gibt."

Zu der Feier waren als Gäste gekommen: Staatssekretär Ingmar Jung als Schirmherr, die Landtagsabgeordneten Horst Klee und Astrid Wallmann, Stadtrat Oliver Franz in Vertretung des Oberbürgermeisters der Landeshauptstadt Wiesbaden, Stadtrat Markus Gaßner, Georg Stolle vom BdV-Landesverband Hessen und Manfred Laubmeyer BdV-Kreisverband Wiesbaden sowie Gerhard Schröder vom Vorstand des LOW-Landesverbandes Hessen.

Text: Heinz-Jürgen Hauzel, Wiesbadener Tagblatt
Fotos: Landsmannschaft der Ost- und Westpreußen - Kreisverband Wiesbaden e.V.
V.f.d.I. Dieter Schetat, Mecklenburger Straße 27
65205 Wiesbaden, Telefon 06122-15358

Dezember 2016