68. Verbandstag des BdV-Landesverbandes Hessen
unter dem Eindruck der Flüchtlingskrise

Hessischer Innenminister Peter Beuth bittet um Unterstützung bei der Integration von Kriegsflüchtlingen

Zahlreiche Delegierte aus den 24 hessischen BdV-Kreisverbänden und Vertreter von 14 Landsmannschaften kamen zum 68. Landesverbandstag des Bundes der Vertriebenen (BdV) in den großen Wappensaal des Hauses der Heimat nach Wiesbaden. Dazu konnte der Landesvorsitzende Siegbert Ortmann namentlich auch zahlreiche Ehrengäste begrüßen: Peter Beuth (Minister des Inneren und für Sport), Hans-Jürgen Irmer, MdL und Sprecher der Fraktion im Unterausschuss für HAFW, Margarete Ziegler-Raschdorf (Landesbeauftragte für Heimatvertriebene und Spätaussiedler), Stadträtin Christa Knauer in Vertretung des Wiesbadener Oberbürgermeisters Sven Gerich, Stadtverordnetenvorsteher Wolfgang Nickel, die Stadtverordneten Siebel Güler und Ingrid Reiß sowie Vertreter von Presse und hessischem Fernsehen.

In seinen Grußworten überbrachte Stadtverordnetenvorsteher Nickel die Grüße der Stadtverordnetenversammlung und stellte dabei fest: "Die Arbeit der Vertriebenenverbände hat sich auch siebzig Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges nicht erledigt. Gerade heutzutage sehen wir, dass das Thema Flüchtlinge in diesen Tagen dominiert. Man kann die heutige Situation nicht mit der von damals vergleichen. Aber trotzdem glaube ich und ich bin sicher, dass man von den Vertriebenenverbänden sehr viel lernen kann, wie man mit diesen unseligen Situationen fertig werden kann."

Stadträtin Knauer überbrachte die Grüße des Wiesbadener Oberbürgermeisters und führte aus: "Sie, meine Damen und Herren, vertreten viele Millionen Menschen, die im Zweiten Weltkriege vertrieben wurden. Sie setzen sich dafür ein, dass die Vergangenheit nicht vergessen wird. Im Sinne der Völkerverständigung haben Sie eine Brücke zu den Ländern geschlagen, aus denen Sie vertrieben wurden."

Zuvor hatten die Anwesenden beim Totengedenken der Opfer von Krieg, Flucht und wilder Vertreibungen gedacht. Dabei erinnerte auch an die vor nunmehr 70 Jahren in Hessen angekommenen 397 Vertriebenentransporte aus dem Sudetenland mit 430.000 Personen.

In seiner Ansprache rief der hessische Innenminister Peter Beuth die Delegierten des Landesverbandstages dazu auf, ihre Erfahrungen und ihr Wissen weiter bei der Integration von Flüchtlingen einzubringen: "Rund ein Viertel der hessischen Bevölkerung ist direkt oder indirekt von Vertreibung betroffen. Die Generation derer, die noch am eigenen Leib erfahren mussten, wie sehr es schmerzt, die eigene Heimat zu verlieren, verfügen über einen wertvollen Erfahrungsschatz, der bei der Bewältigung der Herausforderungen von Zuwanderung helfen kann." Bis 1950 seien rund eine Million Flüchtlinge und Heimatvertriebene nach Ende des Zweiten Weltkrieges nach Hessen gekommen. Das Schicksal der Vertriebenen dürfe trotz der inzwischen vergangenen Zeit nicht in Vergessenheit geraten. "Die Vertreibung von Millionen Deutschen nach dem Zeiten Weltkrieg war ein Unrecht, das aber ein Teil unserer Geschichte geworden ist", - so der Minister.

BdV-Landesvorsitzender Siegbert Ortmann stellte den aus ganz Hessen angereisten Delegierten den vorliegenden Tätigkeitsbericht für das Jahr 2015 vor und ging dabei auch auf die derzeitige Flüchtlingssituation ein. So sei nach seiner Meinung die gegenwärtige Flüchtlingssituation mit der vor 70 Jahren ausschließlich auf der Ebene der persönlichen Leidenssituation der Betroffenen vergleichbar: "Denn jeder Mensch, der gezwungen wird, seine Heimat zu verlassen, ist ein Opfer von staatlicher oder kriegerischer Gewalt und befindet sich dadurch in einer Lage der Hilfsbedürftigkeit. Das galt bereits 1945/46 genauso, wie es heute gilt."

In seinem Rückblick über die zahlreichen Themenbereiche des vergangenen Jahres wurden die umfangreichen Aktivitäten des hessischen Vertriebenenverbandes erkennbar. So seien auf dem Gebiet der Migrationsberatung besonders durch die derzeitige Flüchtlingslage spürbare Auswirkungen zu verzeichnen. Der ab vergangenen Herbst dafür neu besetzte Arbeitsplatz in der Landesgeschäftstelle biete ein bedarfsgerechtes, individuelles und migrationsspezifisches Beratungsangebot bei der Integration neu zugewanderter Menschen. Besonders ging der Landesvorsitzende im Rahmen der Erwachsenenbildung auf das vom hessischen Landesverband gegründete Deutsch-Europäische-Bildungswerk mit Seminarreisen in Länder Mittel-, Ost- und Südosteuropa ein, die spürbar zur Verständigung mit den osteuropäischen Nachbarstaaten beitrügen. Die Kulturarbeit habe auch im vergangenen Jahr eine gute Entwicklung erfahren. Mehrere themenspezifische Ausstellungen im Haus der Heimat sowie die inzwischen über die Grenzen Hessens bekannten alljährlichen Kulturtage zum Erhalt des kulturellen Erbes der Heimatvertriebenen und Spätaussiedler bewiesen dies glaubhaft. "Die dafür aufzubringenden finanziellen Mittel, die überwiegend vom Land Hessen zur Verfügung gestellt werden, sind nach unserer Überzeugung ohne jeden Zweifel gut angelegt", so Ortmann in seinen Ausführungen. Dabei lobte er die vom Bundeskabinett erst vor kurzem beschlossene Weiterentwicklung der Kulturkonzeption nach 96 des Bundesvertriebenengesetzes (BVFG) zum Erhalt des deutschen Kulturerbes in Mittel-, Ost- und Südosteuropa. Weitere Aufgabenfelder seien die Mitarbeit im Landesfrauenbeirat, im hessischen Rundfunkrat, im Arbeitskreis Asylkonvent bei der Integration von Kriegsflüchtlingen in Hessen sowie die Bemühungen des pädagogischen Arbeitskreises Mittel- Osteuropa (PAMO) mit Behandlungsthemen wie Lehrerbildung und Zeitzeugen an Schulen in Zusammenarbeit mit dem Hessischen Kultusministerium.

Beim Ausblick stellte Ortmann die verbandspolitischen Ziele für das laufende Jahr vor. Als wesentliche Aufgabenfelder nannte er die Begleitung bei der konsequenten Umsetzung der Regelungen der vom Deutschen Bundestag beschlossenen Entschädigung ziviler deutscher Zwangsarbeiter, die zügige Durchführung des vom Berliner Stiftungsrat der Bundesstiftung "Flucht, Vertreibung, Versöhnung" verabschiedeten Stiftungskonzeptes, die Fortführung der Aussöhnung und Verständigung mit den östlichen Nachbarstaaten, die Vorbereitung und Durchführung der beiden Großveranstaltungen beim diesjährigen Hessentag in Herborn am "Tag der Vertriebenen" sowie beim zentralen Tag der Heimat unter dem Motto "Identität schützen - Menschrechte achten" im Biebricher Schloss gemeinsam mit dem hessischen Gedenktag für die Opfer von Flucht, Vertreibung und Deportation.

Text und Fotos: Referat für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit des BdV-Landesverbandes Hessen
März 2016