Festakt im Rahmen des zentralen Tages der Heimat
und des 3. Hessischen Gedenktages für die Opfer von Flucht, Vertreibung und Deportation im Erweiterungsbau des Hessischen Finanzministeriums

"Flucht und Vertreibung ist in Hessen kein Randthema sondern ein zentrales Politikfeld"

Musikalisch war die Begrüßung der Ehrengäste und Teilnehmer vor Beginn des Festaktes zum diesjährigen zentralen Tag der Heimat und zum 3. Hessischen Gedenktag für die Opfer von Flucht, Vertreibung und Deportation durch die Blaskapelle Weindorf Johannisberg im Hof des Erweiterungsbaues des Hessischen Finanzministeriums, zu dem der Hessische Minister für Soziales und Integration, Stefan Grüttner, und der Landesverband des Bundes der Vertriebenen (BdV) in Hessen eingeladen hatten.

BdV-Landesvorsitzender Siegbert Ortmann konnte an diesem Tag zahlreiche Ehrengäste begrüßen: Landtagspräsident Norbert Kartmann als Festredner, Staatsminister Stefan Grüttner, Margarete Ziegler-Raschdorf, Landesbeauftragte für Heimatvertriebene und Spätaussiedler, die Mitglieder des Hessischen Landtags Sabine Bächle-Scholz, Vizepräsident Wolfgang Greilich, Ulrich Caspar, Andreas Hofmeister und Ernst-Ewald Roth, Stadtrat Markus Gaßner in Vertretung des Wiesbadener Oberbürgermeisters Sven Gerich sowie weitere Stadtverordnete, Vertreter hessischer Kommunen und Verbände, die beiden BdV-Vizepräsidenten Reinfried Vogler in Vertretung des BdV-Präsidenten Dr. Bernd Fabritius und Milan Horacek, BdV-Ehrenvorsitzender Alfred Herold sowie weitere Vertreter aus den landesweiten BdV-Kreisverbänden und Landsmannschaften.

Dem Festakt wohnten auch 47 junge Teilnehmer aus Russland bei, die sich in diesen Tagen auf einem kulturgeschichtlichen Seminar in Fulda befanden.

BdV-Landesvorsitzender Ortmann erinnerte in seinen Begrüßungsworten aus aktuellen Gründen an das leidvolle Schicksal der Deportation der Wolgadeutschen vor 75 Jahren in der ehemaligen UdSSR durch den so genannten Stalin-Erlass vom 28. August 1941. Bei dessen Umsetzung seien damals 85 Prozent der in der Sowjetunion ansässigen Deutschen im Rahmen einer ethnischen Säuberung entrechtet, enteignet und deportiert worden. Er ging auch auf das derzeitige Verhältnis zu einigen Vertreiberstaaten ein. Trotz mancher Rückschläge würden sich die Beziehungen zu den Nachbarländern Polen und Tschechien weiter positiv entwickeln.

Die Zunahme von Städtepartnerschaften und zahlreichen Schul- und Universitätspartnerschaften seien ein hervorragendes Fundament für sich immer weiter vertiefende Kontakte. Zu Staatsminister Stefan Grüttner gerichtet, richtete Ortmann in diesem Zusammenhang erneut die Bitte an die Hessische Landesregierung, einen offiziellen Besuch in die tschechische Republik zu wagen, um das gegenseitige Interesse zwischen beiden Ländern zu wecken und vor allem auch ein Zeichen für die längst praktizierte gute Zusammenarbeit zwischen den vielen Sudetendeutschen in Hessen und den heute in ihrer ehemaligen sudetendeutschen Heimat lebenden Menschen zu setzen.

"Flucht und Vertreibung ist in Hessen kein Randthema, sondern ein zentrales Politikfeld", dies versicherte Staatsminister Grüttner bei seinen Grußworten.

Auf das Leitwort des Tages "Identität schützen - Menschenrechte achten" eingehend, stellte er fest: "Identität und Identifikation werden geprägt und gestiftet durch die Umgebung, Wertung, Sprache, Rituale, religiöse Prägungen, Geschichte, Geschichten und Lieder und nicht zuletzt durch die Landschaft und Haus und Hof. Wenn Menschen ein Teil dieser Identität stiftenden Bereiche genommen wird, stirbt ein Teil der schützenden Identität." Ein großer Teil der deutschen Bevölkerung sei heute der Ansicht, dass sie der Verlust von mehr als einem Viertel des ursprünglich deutschen Staatsgebietes nicht berühren würden. Dabei seien die Kulturlandschaften Ostdeutschlands Teil der gesamtdeutschen Kultur und Identität. Das würde nach Grüttners Worten bedeuten, dass wir in Deutschland einen Teil unserer Identität aufgeben und unsere Nachkommen diese Zusammenhänge nicht mehr verstehen würden.

Stadtrat Gaßner überbrachte die Grüße des Magistrats der Landeshauptstadt Wiesbaden sowie des Oberbürgermeisters Sven Gerich. In seinen sehr einfühlsamen Worten mit Erinnerungen an seine schlesischen Wurzeln ging er auf das Schicksal der deutschen Heimatvertriebenen ein und lobte deren Mitgestaltungswillen nach ihrer Ankunft in Hessen als eine Erfolgsgeschichte ohne Beispiel. Im diesem Zusammenhang auf die Charta der Heimatvertriebenen eingehend, stellte Gaßner fest, dass dieses Werk in vielerlei Hinsicht bemerkenswert sei: "Bemerkenswert für den Gewaltverzicht, der ganz am Anfang der Charta steht, bemerkenswert aber auch für das frühe Bekenntnis von 1950 zur europäischen Einigung. Ich glaube, das zeigt gerade für die deutschen Vertriebenen, dass die europäische Einigung auf besondere Weise einen Wert hat, weil sie im wörtlich übertragenen Sinne Grenzen abgebaut und weiter dazu geführt hat, dass die alte Heimat nicht nur Teil eines anderen Landes, sondern Teil eines gemeinsamen Europas geworden ist."

In seiner Festansprache erinnerte der Präsident des Hessischen Landtages, Norbert Kartmann, an die Zeit der Ankunft der ersten deutschen Heimatvertriebenen in Hessen. "Heute erinnern wir uns auch an den 70. Jahrestag der Ankunft der Vertriebenentransporte, vorwiegend aus dem Sudetenland. 1946 kamen 374 Transporte mit über 397.000 Vertriebenen in Güterzügen, in Viehwaggons, in Hessen an, darunter 330.000 Sudetendeutsche. Insgesamt - mit den Vertriebenen aus den übrigen Ostgebieten: Pommern, Ostpreußen, Schlesien usw. - sind bis zum Jahr 1950 rund eine Million Heimatvertriebene nach Hessen gekommen. Nicht immer und überall war dies für die Heimatvertriebenen einfach, waren sie immer herzlich Willkommen. Heute im Rückblick ist aber ein großer Integrations-prozess gelungen, der unser Land nachhaltig verändert hat, und zwar positiv." Die Heimatvertriebenen hätten in Hessen eine neue Heimat gefunden, in der sie viel zur Entwicklung Hessens beigetragen haben.

Das äußere Zeichen für diesen gelungenen Integrationsprozess sei der Hessentag als Fest aller Hessen, der 1961 erstmals stattfand und eben dieser Integration gewidmet war, und heute noch sei. Auf die heutige Situation der Kriegsflüchtlinge eingehend, sagte Kartmann:
"Warum Menschen fliehen, wissen Sie besser als viele in unserem Land. Was Vertreibung bedeutet ist in Ihre Lebensgeschichte eingebrannt. Freiwillig verlassen die Wenigsten ihre Heimat, sie fliehen vor Not und Elend, vor Krieg und Terror, sie fliehen, um ihr Leben und das ihrer Kinder zu retten. Es ist gerade vor dem Hintergrund der eigenen, durch Flucht und Vertreibung gezeichneten Geschichte der Heimatvertriebenen zu erwähnen, dass der humanitäre Gedanke einer unserer Leitlinien sein muss. Es gelten die Prinzipien, zu denen wir uns mehrheitlich bekennen. Es sind die Prinzipien der Menschenwürde, der Rechtsstaatlichkeit, der Humanität, der freiheitlich-demokratischen Grundordnung."

Auf die derzeitigen Entwicklungen in der Europäischen Union eingehend, warnte Kartmann vor einem Abbau der Einheit Europas und die Rückkehr zum Nationalismus, mit dem wir letztlich unsere Freiheiten, unseren Wohlstand und unsere Rechtstaatlichkeit riskieren würden und resümierte: "Erinnern heißt nicht vergessen. Nicht vergessen heißt wachsam sein gegenüber dem, was an den Grundfesten unseres demokratischen, rechtsstaatlichen Gemeinwesens nagt. Und wachsam sein heißt, fest zu stehen wider alle Unbill des Tages."

Der Festakt wurde vom Chor "ChorART Rheingau" sowie vom Dialog Quartett musikalisch umrahmt.

Text und Fotos: BdV-Landesverband Hessen, Referat für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
September 2016