WEICHENSTELLUNG FÜR DIE ZUKUNFT

Hessische Delegierte treffen sich zum 69. BdV-Landesverbandstag

Vor einer Weichenstellung ihrer zukünftigen Vertriebenenarbeit stehen die Vertriebenverbände der deutschen Heimatvertriebenen. Grund dafür ist der spürbare Rückgang der Erlebnisgeneration der letzten Jahre. Unter diesem Eindruck stand auch der 69. Landesverbandstag des hessischen Vertriebenenverbandes im großen Wappensaal im Wiesbadener Haus der Heimat, zu dem sich zahlreiche Delegierte der BdV-Kreisverbände und der verschiedenen Landsmannschaften aus ganz Hessen versammelt hatten.

Dieses Thema war auch Schwerpunkt der Redebeiträge der Landesbeauftragten für Heimatvertriebene und Spätaussiedler Margarete Ziegler-Raschdorf sowie von Gastredner Christian Knauer, Vize-Präsident des Bundes der Vertriebenen (BdV) und bayerischer BdV-Landesvorsitzender. Zu Beginn der alljährlichen Zusammenkunft konnte BdV-Landesvorsitzender Siegbert Ortmann als Ehrengäste neben der hessischen Landesbeauftragten für Heimatvertriebene und Spätaussiedler den CDU-Landtagsabgeordneten Ulrich Caspar, Sprecher der CDU-Landtagsfraktion für Heimatvertriebene, Aussiedler, Flüchtlinge und Wiedergutmachung und Landesvorsitzender der Union der Vertriebenen (UdV), die CDU-Stadträtin Helga Skolik in Vertretung des Wiesbadener Oberbürgermeisters Sven Gerich sowie Stephan Belz, Sprecher der SPD-Fraktion im Wiesbadener Stadtparlament, begrüßen. Ein besonderer Willkommensgruß galt Christian Knauer aus dem Nachbarland Bayern als diesjährigen Gastredner beim hessischen Landesverbandstag.

Margarete Ziegler-Raschdorf, die der Versammlung die Grüße des hessischen Ministerpräsidenten Volker Bouffier sowie des hessischen Sozialministers Stefan Grüttner überbrachte, ging in ihren Grußworten auf die erfolgreiche Zusammenarbeit mit dem hessischen BdV-Landesverband ein. Dabei erwähnte sie beispielhaft den intensiven Gedankenaustausch zwischen Ministerpräsident Bouffier und Mitgliedern der hessischen Landesregierung beim alljährlichen Neujahrsgespräch in der hessischen Staatskanzlei und Mitgliedern des BdV-Landesverbandes sowie den Vertretern zahlreicher Landsmannschaften.

"Die Anliegen der Vertriebenen sind ein Herzensanliegen des Ministerpräsidenten. Die hessische Landesregierung steht seit vielen Jahren an der Seite der Vertriebenenverbände." Dies schlage sich beispielgebend in zahlreichen Institutionen und Gremien nieder, die sich mit diesen Themen befassen. So im Unterausschuss für Heimatvertriebene, Aussiedler, Flüchtlinge und Wiedergutmachung (UHW), im regelmäßig tagenden Landesvertriebenenbeirat, beim Brauchtumsnachmittag im Rahmen des Hessentages, dem jährlich gemeinsam auszurichtenden Hessischen Gedenktag für die Opfer von Flucht, Vertreibung und Deportation in Verbindung mit dem zentralen Tag der Heimat. Ein weiterer Akzent der Unterstützung der Vertriebenenarbeit sei der seit 2013 eingeführte Preis der Hessischen Landesregierung für Flucht, Vertreibung, Eingliederung. Dass diesem Thema ein besondere Bedeutung beigemessen werde, zeige sich in der erfreulichen Entwicklung der Bildungspolitik. So sei in der Oberstufe im Fach Geschichte das Thema Flucht, Vertreibung der Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg verbindlich festgeschrieben, das Zeitzeugen-Programm in Schulen werde gut angenommen und die Lehrerhandreichung "Umsiedlung, Flucht, Vertreibung der Deutschen als internationales Problem" aktualisiert und für den Gebrauch digitalisiert.

Nicht zuletzt unterstreiche das im Jahre 1999 durch Kabinettsbeschluss geschaffene Amt eines Landesbeauftragten für Heimatvertriebene und Spätaussiedler die besondere Wertschätzung, die das Land Hessen den Vertriebenen entgegen bringe und so gemeinsam mit den Vertriebenenverbänden den aus 96 BVFG herzuleitenden Verpflichtungen umsetze. In ihren weiteren Ausführungen spannte Margarete Ziegler-Raschdorf auch einen weiten Bogen über die Entwicklung der Vertriebenenverbände von der Zeit der Ankunft bis in die heutigen Tage. Dabei ging sie auch auf die Situation des zahlenmäßigen Rückgangs der Erlebnisgeneration ein.

Trotz des Gewinnens junger Menschen für das Interesse nach den Wurzeln ihrer Eltern vor deren Flucht und Vertreibung sei der Rückgang an Mitgliedern in den einzelnen Landsmannschaften ein existentielles Problem. "Wir können daher davon ausgehen, dass sich die Vertriebenenarbeit verändern wird. Wie dieser Wandel am Ende aussehen wird, lässt sich zum jetzigen Zeitpunkt nicht sagen. Die Frage aber, die wir uns stellen müssen lautet, ob sich dieser Wandel gestalten lässt und welche Möglichkeiten wir dazu haben", so die hessische Landesbeauftragte. Das Ziel beider Seiten müsse es aber sein, auch die kommenden Aufgaben im Sinne des 96 BVFG zu gestalten, wonach das Kulturgut der Vertreibungsgebiete in dem Bewusstsein der Vertriebenen und Flüchtlinge, des gesamten deutschen Volkes und des Auslandes zu erhalten sei.

Der bayerische BdV-Landesvorsitzende Christian Knauer stellte zu Beginn seiner als Festrede angekündigten Ausführungen fest, dass sein Beitrag als Meinungsaustausch zwischen zwei bedeutenden Landesverbänden innerhalb des Bundes der Vertriebenen (BdV) zu verstehen sei. Vielleicht könnten seine Anregungen und Anstöße zu Überlegungen beitragen, sich auch über den Tag hinaus innerhalb der beiden Landesverbände regelmäßig auszutauschen. Besonders auch über die weitere Gestaltung der Vertriebenenarbeit in Zeiten zurückgehender Mitglieder und für das notwendige Gewinnen der jüngeren Generation erhoffe man sich Vorteile bei der gemeinsamen Bewältigung dieser Herausforderungen. Er lobte das vom BdV-Landesverband Hessen vor einigen Jahren gegründete Deutsch-Europäische Bildungswerk als Einrichtung, das mit seinen jährlichen verbandpolitischen Seminarangeboten für Aufklärung, Kontakte und Begegnungen mit seinen osteuropäischen Nachbarn eintrete, so zur Verständigung und Versöhnung einen wichtigen Beitrag leiste und damit auch für andere Landesverbände von Interesse und nachahmenswert sei.

In seinem Geschäftsbericht verwies Siegbert Ortmann auf den vorliegenden Tätigkeitsbericht des hessischen BdV-Landesverbandes für das vergangene Jahr. Darin spiegele sich die Vielfalt und der Umfang der durchgeführten und bewältigten Aktivitäten wider, ohne deren finanzielle Förderung durch die hessische Landesregierung dies nicht möglich gewesen wäre. War das vergangene Jahr von zahlreichen Gedenkveranstaltungen mit der Erinnerung an Flucht und Vertreibung vor 70 Jahren geprägt, so gelte es mit dem Leitwort für das Jahr 2017 "60 Jahre für Menschenrechte, Heimat und Verständigung" die Öffentlichkeit und vor allem jüngere Menschen davon zu überzeugen.

Zuvor hatte Helmut Seidel, Kreisvorsitzender des BdV-Kreisverbandes Odenwald, während des Totengedenkens an den Leidensweg der Millionen deutscher Heimatvertriebener erinnert. "Gerade diese sind es auch, die bezeugen, dass unsere Vertreibung aus dem Sudetenland, aus Schlesien, Pommern, Ost- und Westpreußen sowie den anderen ehemaligen ost- und südostdeutschen Siedlungsgebieten nicht, wie oft vorgegeben, als vermeintlich "verständliche" Folge des Dritten Reiches anzusehen sind. Doch selbst die schlimmen deutschen Gräueltaten des Hitler-Regimes können keine Entschuldigung sein für die über 3 Millionen unserer Landsleute, die, größtenteils erst nach Beendigung des Krieges, zu Tode geschunden, geschändet und ermordet wurden und deren wir heute besonders gedenken."

Text und Fotos: bdv-hessen-press/2017
April 2017