VERMISST, VERLOREN, VERGESSEN

WOLFSKINDER - Verlassen zwischen Ostpreußen und Litauen

Derzeit findet in den Ausstellungsräumen im Wiesbadener Haus der Heimat eine Ausstellung mit diesem Thema statt, die bis zum 01.07.17 montags bis freitags von 13 bis 18 Uhr und samstags von 10 bis 14 Uhr besucht werden kann. Ausstellungseröffnung war am 18.05.17 durch den Kulturreferenten des BdV-Landesverbandes Ottmar Schmitz vor zahlreichen Teilnehmern.

Diese Wanderausstellung - in Kooperation mit dem Deutschen Kulturforum östliches Europa - dokumentiert in nie zuvor gezeigten Bildern und Textzeugnissen den Weg der Wolfskinder bis heute. Die Ausstellung basiert auf einem Oral History Projekt der Fotografin Claudia Heinermann und der Journalistin Sonya Winterberg. Für diese einzigartige Dokumentation reisten sie über mehrere Jahre nach Litauen, um die dort lebenden Wolfskinder zu besuchen. Mit ihnen sprachen sie über die Erlebnisse der Kindheit, die Flucht und das Leben hinter dem Eisernen Vorhang - ohne Wurzeln und voll der Sehnsucht nach Familie und Verwandten. Ihre bewegenden Schicksale werden so dem Vergessen entrissen und öffnen sich zu einem vielschichtigen Panorama der Zeitgeschichte.

Hunderttausende Deutsche flohen Ende des Zweiten Weltkrieges vor der Roten Armee aus Ostpreußen und Königsberg. Immer wieder gingen Kinder auf der Flucht verloren oder erlebten die Ermordung der eigenen Familie. Andere mussten ohnmächtig mit ansehen, wie ihre Geschwister verhungerten, die Großeltern aus Schwäche starben oder die Mutter einer Epidemie erlag. Auf sich alleine gestellt, versuchten diese Kinder in der freien Natur des Baltikums zu überleben. Gegen Hunger, Kälte und sowjetische Willkür führten sie einen Kampf um Leben und Tod. Einige fanden Unterschlupf bei litauischen Bauern, die sie heimlich aufnahmen und notdürftig versorgten. Im Gegenzug halfen die Kinder auf den Höfen aus. Eine Schulbildung blieb den meisten verwehrt, ein Großteil kann bis heute weder lesen noch schreiben. In der Regel erhielten die Kinder eine neue Identität und litauische Namen, um ihre Herkunft zu verschleiern.

"Ich freue mich so, dass sich noch jemand für unsere Situation interessiert. Manchmal habe ich geglaubt, die in Deutschland, die wissen gar nicht mehr, dass es uns noch gibt." Das sagt Alfred Plinik, 1930 in der Gegend von Königsberg geboren. Als der Krieg dort zu Ende geht, leben seine Eltern nicht mehr. Plinik macht sich mit seinen Geschwistern von Ostpreußen aus auf, um vor Hunger, Kälte und Krankheit zu fliehen.

So blieben sie Jahrzehnte hinter dem Eisernen Vorhang zurück ohne dass ihr Schicksal einer größeren Öffentlichkeit bekannt war. Seit dem Fall der Sowjetunion Anfang der neunziger Jahre veränderte sich auch das Leben der Wolfskinder. Damit begann ein neuerlicher Kampf um die ideelle und politische Anerkennung ihres unerhörten Leids.

Text und Fotos: BdV-Landesverband Hessen
bdv-hessen-press/2017
Mai 2017