Beispielhafte Kulturarbeit des BdV in Hessen

Landeskulturreferent Otmar Schmitz:
Nicht die Asche bewahren sondern das Feuer weitergeben

Anspruchsvolle Vorträge und reger Meinungsaustausch

Kulturelle Aktivitäten sind ein wesentlicher und fester Bestandteil der Arbeit des BdV in Hessen. Schon zum zweiten Mal in diesem Jahr hatte Otmar Schmitz zu einem kulturellen Seminar, den "Kulturellen Sommertagen" gerufen. Das Kloster Höchst im Odenwald war der geeignete Tagungsort.

Als Ziel wurde gesetzt, allen Interessierten die Möglichkeit zu geben, sich über die kulturellen Aktivitäten des BdV zu informieren und sich daran zu beteiligen. Frühere Seminare hatten gezeigt, dass durch die Arbeit der Teilnehmer in der Gemeinschaft, vorhandenes Potential im politischen, künstlerischen und kreativen Bereich entdeckt und weiterentwickelt wurde. Die Kulturarbeit bietet auch eine gute Möglichkeit, junge Leute an der Arbeit des BdV zu interessieren. Geschichtliche Themen, Musik und Tanz verbinden Generationen.

"Tradition hieße nicht Bewahren der Asche sondern Weitergeben des Feuers" hatte Otmar Schmitz als Losung ausgegeben. Das "Feuer zu hüten" meint bewahren von Tradition und Volkstum. Die "Flamme weiter zu geben" eine Aufgabe, die besonders die Erfahrungsgeneration herausfordert. Das Wort "Tradition" schließt auch"Überlieferungen" ein, nämlich das, was durch die Zeiten hindurch weitergegeben wird - das kulturelle Erbe unserer Vorfahren. Man braucht, im Bild gesprochen, zum "?Weiterreichen des Feuers?" eine brennende Fackel. Man braucht Übermittler, um eine Tradition weiterzugeben. Brücken dazu sind Veranstaltungen, wie sie die kulturellen Seminare des BdV-Hessen in bewährter Art darstellen. Jeder Seminarteilnehmer muß sich danach aufgerufen fühlen, als Multiplikator des Gehörten und Erfahrenen in seinen Orts- und Kreisverbänden zu wirken.

Nach Rückblick auf kulturelle und politische Ereignisse in den letzten Monaten, kündigte Schmitz für die nächste Zeit Ausstellungen über große Persönlichkeiten des deutschen Ostens an, sowie eine Kunstausstellung und eine Ausstellung, die Schlesien zum Thema hat.

Referat Gerolf Fritsche: "Zeitzeugenberichte - warum, wie, wofür und wohin damit?"

"Stirbt ein Zeitzeuge, geht ein Stück Heimat verloren." Für Gerolf Fritsche, Referent für Ostkunde im Unterricht des BdV Hessen und Leiter des Pädagogischen Arbeitskreises Mittel- und Osteuropa (PAMO), steht diese Mahnung im Mittelpunkt seiner täglichen Arbeit. "Ich befinde mich dabei im Wettlauf mit der Zeit", sagt der rührige 70-jährige, dem Helmut Seidel, auch im Namen des Auditoriums, zu diesem Geburtstagsjubiläum gratulierte.

Fritsche sammelt seit Jahren Zeitzeugenberichte, die schriftlich festgehalten, individuelle Vertreibungsschicksale dokumentieren. Er möchte auch auf diesem Wege erreichen, dass die durch Krieg und Vertreibung hervorgerufenen Ereignisse und menschlichen Schicksale nicht vergessen werden.

"Nicht nur ein Stück Heimat geht verloren", so Fritsche, "wenn Zeitzeugen nicht mehr korrigieren können sondern oft auch ein Stück Wahrheit". Beispielhaft nannte er den Missbrauch von Bilddokumenten im Zusammenhang mit der Vertreibung in Böhmen.

So ist ihm z.B. im vierten Band der "Geschichte Europas", erschienen im Siedler-Verlag, unter Mitwirkung des Historikers Hagen Schulze auf Seite 389 ein Bild aufgefallen. Es zeigt eine Gruppe von Menschen mit Gepäck vor einem Gebäude, das zu einem Bahnhof gehören könnte. Die Bildunterschrift lautet: "Tschechische Vertriebene auf einem sudetendeutschen Bahnhof, Oktober 1938". Im Text heißt es dazu: "Aufgrund des Münchner Abkommens vom 29.September 1938 trat die Tschechoslowakei, die an dem Abkommen nicht beteiligt gewesen war, die sudetendeutschen Gebiete an Deutschland ab. Das erste Mal im Vorfeld des Zweiten Weltkrieges war von "Umsiedlung" die Rede. Etwa 200 000 Tschechen wurden aus den sudetendeutschen Gebieten vertrieben, daneben flohen auch Tausende deutsche Sozialdemokraten und Juden, von denen viele am Betreten der "Rest-Tschechei" gehindert und an die Gestapo ausgeliefert wurden".

"Es handelte sich bei den Texten um die alte politische Legende, den Abzug der Tschechen im September und Anfang Oktober 1938 aus den Sudetengebieten als Vertreibung zu bezeichnen", so Fritsche. Tatsächlich habe es sich fast ausschließlich um den Abzug der tschechischen Militärangehörigen und Beamten und deren Angehörigen gehandelt, die nach 1918 im Zuge einer von Prag gesteuerten Tschechisierung in die Sudetengebiete gekommen waren. Die Tschechen konnten in der Regel alles Hab ins Innere der Tschechei mitnehmen. Zurückgelassene Immobilien blieben in ihrem Besitz. Sie konnten sie an Deutsche vermieten. "Solche Unstände Vertreibung zu nennen, könne nur als historische Desorientierung bezeichnet werden", stellte der Referent fest.

Aber es sollte noch schlimmer kommen. Dasselbe Bild erschien nämlich am 7. Oktober 1938 in der Zeitung "Narodni politika" mit der Bildunterschrift "Die Flüchtlinge kehren nach Hause in das besetzte Gebiet zurück". Es illustriert die Wirklichkeit, unter dem Aspekt der Freizügigkeit, die "Vertreibung der Tschechen" auf groteske Weise. Das Bild zeigt demnach Tschechen auf einem Bahnhof, aber nicht auf der Flucht und in der Vertreibung, sondern bei der Rückkehr in ihre Wohnungen in den Sudetengebieten. Sie folgten damit Aufrufen in tschechischen Zeitungen, nach übereiltem Weggang, in die gemischtsprachigen Kreise der Sudetengebiete zurückzukehren, um dort an den erwarteten Plebisziten teilzunehmen. Obwohl Plebiszite dann unterblieben, so ist das Bild doch ein Beleg für die Freizügigkeit der Tschechen in den Grenzgebieten auch während der Zeit des Münchner Abkommens.

Als weiteres Beispiel einer üblen Manipulation führte Gerolf Fritsche ein Bild an, welches sich im Buch "Schicksalhafter Irrtum des Edvard Benes" befindet, erschienen 2002 im Academia-Verlag. Auf dem Bild ist vor einer Baracke, eine Gruppe Personen mit Handgepäck zu sehen. Ein Junge trägt einen Vogelbauer. Die Bildunterschrift lautet übersetzt: "Weggang der Reichenberger Deutschen zum Transport - Frau, Kinder, Alte." Im gleichen Jahr erschien in Prag die Schrift "Geschichte verstehen". Auf Seite 111 ist dasselbe Bild verwendet, wird dort aber mit den Worten eingeordnet: "Aus den vom Dritten Reich besetzten Gebieten wurden zur Flucht gezwungen oder direkt vertrieben 160 000 bis 170 000 tschechische Bewohner." "Demnach wurde", so Fritsche, "mindestens in einem der Fälle die Geschichte verfälscht." Inzwischen hat Gerolf Fritsche nämlich ermittelt, bei wem es sich um den Jungen mit dem Vogelbauer handelt. Es ist Helmut Prade aus Reichenberg, geboren am 12.09.1931. Das Bild zeigt zweifellos die Vertreibung von Reichenbergern!

Wie heißt es im tschechischen Staatswappen? Pravda vítezí - die Wahrheit siegt. Wie viele solche "Wahrheiten" wird Gerolf Fritsche noch aufdecken? Man kann ihm viel Kraft dafür wünschen.

Im zweiten Teil seines Vortrages befasste sich der Referent mit der Dokumentation von Zeitzeugenberichten. Fünf Stil-Möglichkeiten böten sich dafür an: der wesentliche Teil des Lebens umfassende, von Anfang bis Ende fortlaufend, der episodenhafte, der sich als Mosaik fügt, der literarisch anspruchsvolle, der sich in der Gegenrede eines Interviews fügende und der sich in einer Korrespondenz gestaltende. Zu welchem Zweck sollte die Vertreibungsgeschichte festgehalten werden? "Zur Förderung des Gesprächs in der Familie, zum Beantworten von Fragen, wenn ich nicht mehr da bin oder zur Erstellung und Ausbau eines Buches Fritsche" meinte Fritsche. Eine Liste mit Adressen zur Sicherung dokumentarischer Zeitzeugenberichte - nach Landsmannschaften geordnet - hat Fritsche erarbeitet. Als Beispiele für solche Berichte legte er Beschreibungen der tragischen Schicksale von Hugo Simon, Gerhard Voigt und Klawdia Michailowna vor. "Es ist einfach unvorstellbar, daß Menschen anderen so etwas antun können" bemerkte eine Teilnehmerin mit Tränen in den Augen.

Referat Mgr. Sandra Kreisslova: "Das verschwundene Sudetenland"

Dass das Sudetenland verschwunden ist, dessen werden wir uns immer tiefer und intensiver bewusst. Wir "verdanken" dies unter anderem solchen Initiativen wie dem Ausstellungsprojekt "Das verschwundene Sudetenland", das auf dem Vergleich alter, zum größten Teil aus der Vorkriegszeit stammenden, und neuer Fotografien dieser Landschaft basiert.

In der Ausstellung dokumentiert, die von damaligen Prager Studenten und Schülern gegründete Bürgerinitiative "Antikomplex", die untergegangene sudetendeutsche Welt und regt damit zur Auseinandersetzung mit diesem kontroversen Thema an.

Auch Mgr. Sandra Kreisslova, Lehrbeauftragte an der Prager Karls-Universität, arbeitet bei Antikomplex mit.

Ihr zufolge, sind in den Grenzgebieten nach dem Jahr 1945 etwa 3000 Gemeinden, Ortsteile und Einzelhöfe untergegangen. Nur wenige Menschen hätten später Interesse gehabt, sich hier niederzulassen. Lediglich "Schatzgräber" wären gekommen, welche die Häuser plünderten. Ein Teil der Gemeinden seien auch vom Umland abgeschnitten gewesen, weil sie in der Sperrzone lagen. Innerhalb von wenigen Jahren sind so tausende Gebäude verschwunden, die den Charakter der Orte entscheidend prägten.

Leere Gebäude, die zu Ruinen geworden waren, erregten den Unmut der Grenzbewohner, Touristen und Ausländer. Besonders von der sächsischen Seite des Erzgebirges seien immer wieder Klagen gekommen. Die DDR soll vergeblich angeboten haben, bei der Renovierung zu helfen. Schließlich habe 1959 die tschechische Regierung entschieden, die Ruinen abzureißen. Der Abriss wurde von der Armee und der Grenzwache durchgeführt und dauerte zwei Jahre. Bis September 1959 seien mehr als 17 000 Gebäude abgerissen worden und in einer zweiten Etappe wurden weitere 615 zerstört. Insgesamt sind so 35 000 Gebäude dem Erdboden gleichgemacht worden.

Erschütternd waren vergleichende Bilder, die Sandra Kreisslova aus dem Erzgebirge zeigte. Ein hemmungsloses "Tabula rasa machen" ohne Halt vor Kirchen und Friedhöfen wurde vor Augen geführt. An Bildern von Neudek, Hochofen, Trinkseifen, Frühbuss, Sauersack, Duppau und einigen mehr, dokumentierte die Referentin, dass der Titel ihres Vortrages zu Recht besteht: "Das Verschwundene Sudetenland", der Titel hätte auch "Das geschundene Sudetenland" heißen können.

Jemand fragte, ob es Pläne gäbe, die menschenleeren Gebiete abermals zu besiedeln. Die Antwort überraschte: Ja, das hat man aus Gründen der Tourismusförderung vor. Darf man annehmen, dass das Geld dafür aus dem EU-Topf kommen wird?

Referat Ansgar Röpling:
"1000 Jahre deutsch-polnische Nachbarschaft von Mieszko I bis heute"

Man konnte meinen, dass es für Röpling kein einfaches Unterfangen sein würde, vor Zeitzeugen zu sprechen, welche die brutale Nachkriegsvertreibung aus Schlesien, Ostpreußen, Pommern auch heute noch beschäftigt. Da er, wie angekündigt, beim Thema "Geschichte" blieb, fand er auch geduldige und interessierte Zuhörer. Dass bei den Gesprächen nach dem Vortrag jedoch die jüngste "Vor- und Nachkriegsgeschichte" im Mittelpunkt der leidenschaftlichen Diskussionen stand, war nicht verwunderlich.

In seinem lebendigen Vortrag zeigte sich der Referent als Kenner der Geschichte unseres östlichen Nachbarn. Packend und kurzweilig vermittelte er ein Grundwissen über ein Volk, das ständig um seine Freiheit kämpfen musste. Und das unter der Bedrohung der Nachbarstaaten litt, wie unter der 123-jährigen Entmachtung von 1795 bis 1918, wo Russland, Deutschland und Österreich das Land vereinnahmten und somit von der Landkarte strich.

Der Referent legte eine durch zahlreiche Jahreszahlen und Ereignisse untermauerte Analyse der Beziehungen zwischen beiden Staaten vor. Erbfeindschaften waren dabei nicht nachzuweisen, die Epochen der guten Nachbarschaft überwogen. Als Beweis dafür nannte Röpling den Kampf gegen die Osmanen vor Wien und die Herrschaft der sächsischen Könige. Diese Periode endete im 18. Jahrhundert, als der Anfang der zweiten und dritten Teilung begann und das Klima vergiftete.

Um den Beginn der polnischen Geschichte zu datieren, müsse man bis in das Jahr 966 n.Chr. zurückgehen, so Röpling. Herzog Mieszko habe sich damals samt seinem Gefolge nach Christus taufen lassen. Damit sei auch das erste polnische Reich der Herrscherdynastie mit den Piasten entstanden. Es lag zwischen den Flüssen Weichsel und Warthe. Röpling streifte den aufreibenden Kampf gegen die Mongolen im 13. Jahrhundert ebenso wie die Macht des Deutschen Ordens mit der Schlacht bei Tannenberg, das Wahlkönigtum, die Adelsrepublik, die 123jährige Teilung bis zur Wiedererstehung Polens 1918, den Folgen des Hitler und Stalinpaktes bis Gründung eines freien Staates 1989.

Der Referent zeigte auf, dass die Polen durch ihre Kultur und Religion sich dem christlich lateinischen Westen verbunden fühlten, nie dem Osten.

Referat Dr. Volker Wollmann:
"Rettung des siebenbürgisch-sächsischen Kulturgutes Wettlauf mir der Zeit"

Das vom Karpatenbogen umschlossene Hochland Siebenbürgens kann auf ein vielfältiges kulturelles Erbe zurückblicken. Reiche Bodenschätze lockten schon in prähistorischer Zeit Völker an, die hier blühende Kulturen entwickelten. Dass Kulturgüter als Kriegsbeute oder durch Naturkatastrophen verloren gingen, ist aus ältesten Zeiten bekannt. Oft wurde Wertvolles auch vergraben, um es zu sichern. So wurde 1837 ein "Versteck" gotische Stämme aus der Zeit der Völkerwanderung bei Steinbrucharbeiten in der Nähe des Dorfes Pietroasa entdeckt. Dass das "Huhn mit den Küken" seinerzeit im 1. Weltkrieg als Kriegsbeute nach Russland verschleppt wurde, entspricht demnach den bisher gemachten "historischen" Erfahrungen! (Bild IMG_2675.JPG)

Kunstgegenstände wurden auch in Wehrkirchen und anderen Befestigungsanlagen in Sicherheit gebracht, so der Heltauer Kirchenschatz. Das Reformationszeitalter hatte für die Aufbewahrung des bis dahin bestehenden kulturellen Erbes schlechte Voraussetzungen geschaffen. In dieser Zeit wurde ein Großteil der Ikonographie und plastischen Kunst aus den nichtkatholischen Kirchen entfernt. Eine Wende gab es im Jahre 1904 mit der Gründung des "Sebastian Hann-Vereins". Dieser hat sich um die Erhaltung des kulturellen Erbes besonders verdient gemacht.

Während in der Zeit des Ersten Weltkrieges der Verlust vieler Kirchenglocken aus Siebenbürgen zu beklagen war, wurden nach dem Zweiten Weltkrieg durch eine systematische "Kulturrevolution" eine Vielzahl kultureller Einrichtungen in Mitleidenschaft gezogen.

Heute geht es der Siebenbürgisch-Sächsischen Stiftung in München und dem Siebenbürgischen Museum in Gundelsheim um die Sicherung und Dokumentation des beweglichen Kulturgutes. An Sicherungsfahrten nach Siebenbürgen nehmen Arbeitsgruppen der Fachrichtungen Geschichte, Ethnologie und Sprachwissenschaften teil. Bei Auflösungen von Haushalten soll überflüssiger Hausrat keinesfalls verschleudert oder vernichtet, sondern Sammelstellen zugeführt werden. Von 1990 bis 1992 wurden in 24 Dörfern Feldforschungen durchgeführt und dabei durch gezielte Aufkäufe, die Bestände des Museums in Kronstadt um 2 400 Sammlungsgegenstände bereichert.

Im Siebenbürgischen Museum in Gundelsheim werden in einer Dauerausstellung streifzugartig zentrale Aspekte der Lebens- und Arbeitswelten in Stadt und Land vorgestellt: Kleidung und Heimtextilien, landwirtschaftliches Gerät und Produkte bäuerlichen Handwerks, Kunsthandwerk, Grafik, Gemälde und Skulpturen siebenbürgischer Künstler vermitteln ein vielschichtiges Bild vom Land jenseits der Wälder, jener sagenumwobenen Gegend, die vielen nur aus Bram Stokers Roman "Dracula" bekannt ist.

Referat Adolf Leschka:
"Die Integration der Flüchtlinge und Vertriebenen in der SBZ und der späteren DDR"

Etwa 14 Millionen Vertriebene suchen nach Ende des 2. Weltkrieges eine neue Heimat. In Ostpreußen, Pommern, dem Sudetenland und Schlesien war nach dem Krieg kein Platz mehr für die "Verlierer".

Etwa 14 Millionen Deutsche, so schätzen Historiker, wurden gezwungen, ihre Heimat zu verlassen. Genaue Zahlen gibt es bis heute nicht. Zufall entscheidet über künftige Heimat.

Erste Station für die Heimatvertriebenen waren schnell errichtete und hoffnungslos überfüllte Auffanglager in der Nähe der Ostgrenzen. Ob die weitere "Reise" in den Westen oder in den Osten Deutschlands ging, entschied der Zufall.

Ca. 8 Millionen Heimatvertriebene wurden auf das Gebiet der späteren Bundesrepublik gebracht und 4,3 Millionen in die "Sowjetische Besatzungszone" (SBZ). Hier wurden 80 Prozent von ihnen aufs Land geschickt. In vielen Dörfern Mecklenburgs gab es fortan mehr Fremde als Einheimische.

In der gesamten späteren DDR machten die Vertriebenen 24 Prozent der Gesamtbevölkerung aus. Wir lebten mit dem Stigma "Geduldetes Lumpenpack", so Leschka. In der "neuen Heimat" galten die Vertriebenen als Eindringlinge, Störenfriede und Außenseiter. "Die Flüchtlinge fressen sich dick und fett und stehlen uns unser letztes Bett", hieß es damals. Bis weit in die sechziger Jahre hinein hörte man immer wieder, dass die Menschen im Grunde "nicht angekommen sind". Mancher wohl auch bis heute nicht.

In der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) sollte ein Problem verschwiegen werden, das es in diesem Umfang in der Geschichte noch nicht gegeben hatte, und zwar die systematische Umsiedlung von 4,3 Millionen Deutschen aus den Ostprovinzen, CSR, Ungarn u.a. deutschen Siedlungsgebieten.

Da anfangs unter den Betroffenen der Glaube an die Rückkehr in die Heimat vorherrschte, wurden sie zunächst als Flüchtlinge bezeichnet. Die Sowjetische Militäradministration in Deutschland (SMAD) wusste, dass es zu keiner Rückkehr kommen wird. Zum anderen wollte die SMAD Schuldzuweisungen gegenüber Staaten, die sich seit 1945 im sowjetischen Machtbereich befanden, seitens der Deutschen vermeiden. Schließlich wurde per Runderlass vom 08.10.1945 der Begriff "Umsiedler" für die Heimatvertriebenen offizieller Sprachgebrauch in der SBZ. Vertreibung ist unumkehrbar und endgültig.

Unter insgesamt etwa vier Millionen Flüchtlingen und Vertriebenen in der Sowjetischen Besatzungszone bildeten die über 800.000 Deutschen aus der Tschechoslowakei die zweitgrößte Gruppe. Etwa 50.000 von ihnen, mehrheitlich ehemalige Mitglieder oder Sympathisanten der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei (KPTsch) und der Deutschen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei in der Tschechoslowakei (DSAP), kamen als so genannte Antifa-Umsiedler in die SBZ.

Wie blanker Hohn musste den Antifaschisten die Begrüßungsformel ihrer Genossen in den Ohren geklungen haben, sie waren nach offizieller Lesart "von der CSR als aktive Kämpfer gegen den Hitlerfaschismus anerkannt" und daher "nicht gezwungen" worden, die Tschechoslowakei zu verlassen, sondern hatten "sich selbst freiwillig für den Neu-Aufbau Deutschlands zur Verfügung" gestellt!

Referat Nina Paulsen:
"Auf der Suche nach Beheimatung und Anerkennung. Einblick in die Geschichte der russlanddeutschen Literatur"

Heute leben etwa 2,7 Millionen Heimkehrer, Aussiedler und Spätaussiedler aus der ehemaligen Sowjetunion in Deutschland. Die Mehrheit hat sich gut integriert. Zahlreiche legen außergewöhnliche Leistungen in allen Lebensbereichen an den Tag. Im Literaturbereich, ist es für sie viel schwieriger Fuß zu fassen als anderswo. Russlanddeutsche Autoren sind entweder völlig unbekannt, bestenfalls jedoch nur einem begrenzten Leserkreis. Eleonore Hummel hat sich inzwischen in der bundesdeutschen Literaturszene einen Namen gemacht. In ihren Romanen "Die Fische von Berlin" und "Die Venus im Fenster" hat sie die Geschichte einer russlanddeutschen Familie künstlerisch umgesetzt. Gefragt, wie die Literatur der Deutschen aus Russland sein sollte, damit sie aus der Nische der Bedeutungslosigkeit heraustritt und wahrgenommen wird, war ihre Antwort: "Der Erfolg hat nicht unbedingt mit literarischer Qualität zu tun, sondern schlicht mit dem Promi-Status der Verfasser. Unbekannte Autoren haben es generell schwer. Es gibt keine Erfolgsgarantie."

Die Referentin führte aus, dass bis in die 1860er Jahre die Russlanddeutschen zweisprachig waren, sie sprachen Mundart und deutsche Standardsprache. Die von Staats wegen aufgezwungene Tendenz zur Assimilation der Russlanddeutschen im 20. Jahrhundert, habe zuerst ihre Dreisprachigkeit zur Folge gehabt, Mundart, deutsche Standardsprache und Russisch. Nach den Repressalien, Deportationen und dem Totschweigen der Volksgruppe in der Nachkriegszeit strebten viele Russlanddeutsche in ihrer Not danach, sich völlig an die russische Bevölkerung zu assimilieren, In vielen Familien sei die deutsche Muttersprache jedoch, vorwiegend als Mundart, erhalten geblieben.

Nina Paulsen zeichnete dann den weiten Weg der russlanddeutschen Literatur bis zur heutigen Literaturszene. Die traditionelle Zusammenarbeit mit ausgewählten Verlegern habe sich als erfolgreich erwiesen. Viel Wert sei auf Lesungen und Literaturveranstaltungen gelegt worden. Junge Autoren seien auf dem Vormarsch. "Vielleicht kommt auch aus unseren Reihen bald eine Nobelpreisträgerin wie Herta Müller, auf die die Rumäniendeutschen so stolz sind" schloss Nina Paulsen ihren mit herzlichem Applaus bedachten Vortrag.

Referat Rüdiger Goldmann:
"Gegenwart und Zukunft der Vergangenheit".
Der Weg von der Idee einer Stiftung "Zentrum gegen Vertreibungen" zur Stiftung "Flucht, Vertreibung Versöhnung".

Im Jahr 2000 hat der Bund der Vertriebenen (BdV) eine eigene Stiftung errichtet, die den Nachkriegsvertriebenen und -Flüchtlingen des Zweiten Weltkrieges, die nicht mehr in ihre Heimatgebiete zurückkehren durften, eine Dokumentationsstätte geben sollte. Die Initiatoren waren die Präsidentin des BdV, Frau Erika Steinbach, geboren in Ostpreußen und Peter Glotz geboren im Egerland, der leider im Jahr 2004 verstarb.

Dieser Stiftung gab der BdV den Namen "Zentrum gegen Vertreibungen" (ZgV), auch in dem Bewusstsein, dass alle Vertreibungen des 20. Jahrhunderts dort ihre Beachtung finden sollten. Die zunächst noch recht bescheiden ausgestattete Stiftung konnte die finanzielle Unterstützung der Bundesländer Hessen, Bayern und Baden-Württemberg sowie hunderter Gemeinden und der landsmannschaftliches Verbände gewinnen und trat mit vielbeachteten Ausstellungen und Katalogen an die Öffentlichkeit, so der Ausstellung "Erzwungene Wege" und zuletzt "Die Gerufenen".

Die Bemühungen, die Bundesregierung mit am ZgV zu beteiligen, führten nicht zum Ziel. Dagegen kam es in einem Beschluss der Bundesregierung zur Errichtung einer "Ausstellungs- und Dokumentationsstelle auf Erinnerung und zum Gedenken an Flucht und Vertreibung als unselbständige Stiftung in der Trägerschaft der Stiftung Deutsches Historisches Museum" in Berlin. Nach einer Gesetzesänderung lautete der neue Titel "Flucht, Vertreibung, Versöhnung" (FFV). Eine Beteiligung am Stiftungsrat wurde der BdV-Präsidentin durch Außenminister Westerwelle verwehrt.

Dass es überhaupt zur Stiftung FFV noch gekommen ist, schreibt der Referent der Vorarbeit der Verbände und verschiedener Persönlichkeiten in Deutschland, vor allem der beharrlichen Verfolgung dieses Zieles durch die BdV-Präsidentin Erika Steinbach zu. CDU/CSU hätten ihren politischen Einfluss im Parlament, in den Ländern und Gemeinden und in den jeweiligen Bundesregierungen geltend machen können.

Mit Professor Kittel sei ein angesehener Wissenschaftler als Direktor gewonnen worden. Die BdV-Stiftung wolle nach eigenem Bekunden weiterarbeiten.

Die Arbeit der staatlichen Stiftung kritisch zu begleiten, sieht Rüdiger Goldmann als selbstverständlich an. Erinnerung an Ächtung und Vertreibung müsse die Grundlage sein für eine Politik gegen Vertreibungsunrecht, wann und wo dies auch begangen worden sei.

Studienfahrt nach Darmstadt zum Haus der Deutsch-Balten

Die Deutsch-Baltische Gesellschaft feierte kürzlich ihr 60-jähriges Bestehen und 20 Jahre Patenschaft des Landes Hessen. Für die Seminarteilnehmer ein guter Grund, dem Haus der Deutsch-Balten im nahen Darmstadt einen Besuch zu machen.

Das Zentrum der Deutsch-Balten in Darmstadt ist nicht nur ein Forum für alle, die sich für das Baltikum interessieren - für seine Menschen, seine Geschichte, seine Kultur und Gegenwart. Gäste aus der Region und aller Welt sind hier herzlich willkommen.

Die Deutsch-Baltische Gesellschaft legt besonderen Wert auf die Feststellung, dass sie sich nicht als "geschlossene Gesellschaft" ausschließlich von Menschen deutsch-baltischer Herkunft verstehe, sondern als eine offene, zukunftsgewandte, auf Versöhnung und Verständigung ausgerichtete Organisation, die jedem an der deutsch-baltischen Geschichte und Kultur Interessierten eine Mitgliedschaft anbiete.

Veranstaltungen in der ehrwürdigen Jugendstilvilla haben ein besonderes, unverwechselbares Flair. Die Repräsentationsräume im Erdgeschoss bieten einen großzügigen gesellschaftlichen und zugleich familiären Rahmen für Tagungen, Konferenzen und Feste aller Art. Die Räume sind vielseitig nutzbar für Seminargruppen bis 80 Personen und für Veranstaltungen bis 100 Personen. Das Haus verfügt über eine umfangreiche technische Ausstattung für Präsentationsveranstaltungen. Eine moderne Küche im Souterrain steht zur Selbstversorgung kleinerer Gruppen bereit. Im Kaminzimmer lädt vor allem baltische Literatur zum Schmökern ein.

Vor dem Hintergrund, vieler seit dem 12. Jahrhundert ins Baltikum ausgewanderter Deutscher aus Hessen, hatte das Land Hessen mit der übernommenen Patenschaft seine Verbundenheit mit den Deutschen aus dem Baltikum bekundet. Es war der Wille und der Wunsch, die Arbeit der Gesellschaft besonders zu unterstützen und ihr kulturelles Erbe zu wahren. Außerdem wollte man darin zum Ausdruck bringen, dass die Landesregierung das heutige Bemühen der Gesellschaft fördere, Brücke zwischen dem deutschen Volk und den Völkern im baltischen Raum zu sein.

Die Seminarbesucher erfuhren, dass beim Festakt zum Jubiläum, der 2. Deutsch-baltischen Studienpreis an drei Studierende für vorgelegte Arbeiten zur Geschichte der Deutsch-Balten verliehen wurde.

Schlusswort

Die "Kulturellen Sommertage" boten ein Spiegelbild des hohen Standes der Kulturarbeit des hessischen BdV. Landeskulturreferent Otmar Schmitz hatte ein vielseitiges und abwechslungsreiches Programm mit namhaften Referenten ausgearbeitet. Hubert Leja sorgte für den reibungslosen Ablauf der Veranstaltung und erhielt dafür hohes Lob. Arno Junge verstand es wieder meisterhaft, den sechs Saiten seiner Gitarre, die schönsten Volks- und Stimmungslieder zu entlocken. Seiner stimmgewaltige Begleiterin am Akkordeon gelang es mühelos beim Morgensingen auch die letzten Schlafmützen wachzurütteln (Bild IMG_2592.JPG)

Im September 2010