Durch Wahrheit zum Miteinander

BdV-Hessen beging den Tag der Heimat im Biebricher Schloss in Wiesbaden.

Festredner war Staatsminister Jürgen Banzer.

BdV-Landesvorsitzender Alfred Herold:
"Unterzeichner der Charta der deutschen Heimatvertriebenen hätten den Friedensnobelpreis verdient".

Es war wie ein Weckruf, als die Trompeten des Walluftaler Blasorchesters 1921 im Schlosshof das festliche Ereignis ankündigten: Zum neunten Male fand die zentrale Feierstunde des BdV-Hessen zum Tag der Heimat im Schloss Biebrich statt. Die barocke Residenz der ehemaligen Fürsten und späteren Herzöge von Nassau, war der würdige Ort für das Erinnern der deutschen Heimatvertriebenen an ihr Schicksal und ihre Heimat.

Herzliche Begrüßung

Seit 58 Jahren, so Alfred Herold, Landesvorsitzender des Hessischen Bundes der Vertriebenen, in seiner Begrüßungsansprache, träfen sich in allen Regionen unseres Vaterlandes die deutschen Heimatvertriebenen, um den Tag der Heimat zu begehen. In Hessen fänden zwischen Neckar und Weser allein zwanzig Veranstaltungen statt.
Eine großartige organisatorische Leistung der hessischen Kreisverbände, die dies möglich machten. Ein herzliches Wort des Dankes gelte aber auch der Hessischen Landesregierung. Ohne ihre Unterstützung und Hilfe könnte in diesem wunderschönen Saal des Biebricher Schlosses diese Veranstaltung nicht durchgeführt werden.

Herold verwies darauf, dass es gerade ein paar Wochen her sei, als der Bund der Vertriebenen in Stuttgart des 60. Jahrestages der Verkündigung der Charta der deutschen Heimatvertriebenen gedachte. Dieses Gründungsdokument der Bundesrepublik Deutschland gehöre zu ihrer Erfolgsgeschichte. Eines sollte man bei allen Diskussionen nicht aus den Augen verlieren: Wer zu einer Zeit, als der gewaltsame Verlust von Haus, Hof und Heimat noch tiefe Wunden und unvernarbte Wunden hinterlassen hatte, zu solchen Aussagen fähig gewesen sei, der hätte in der Tat den Friedensnobelpreis verdient.

Mit der Charta, so Herold, liege ein zeitloses Dokument vor. Im Laufe der politischen Veränderungen in unseren Heimatgebieten, seien uns auch neue und zeitlose Aufgaben zugewachsen. Damit wären wir deutschen Heimatvertriebenen zu Brückenbauer zu den Menschen und Völkern des Ostens geworden.

"Nehmen wir diese Aufgabe wahr, solange wir dazu noch in der Lage sind" appellierte der Landesvorsitzende an die Zuhörer. Als persönliches Bekenntnis fügte er hinzu, "dass ihn diese Aufgabe bis an sein Lebensende begleiten wird".

"Die zeitlose Botschaft von der Bedeutung des Menschenrechts auf Heimat wollen wir auch mit diesem "Tag der Heimat" in das Bewusstsein der Menschen tragen und Politik und Gesellschaft daran erinnern. Lasst uns diese Botschaft als Auftrag und Verpflichtung begreifen - darum bitte ich Sie in dieser Stunde" schloss Alfred Herold.

Die Bedeutung des zentralen Tages der Heimat zeigte sich deutlich an den Ehrengästen.

So waren neben dem Hessischen Staatsminister Jürgen Banzer, welcher vom Landeskulturreferenten Otmar Schmitz Blumen zum Hochzeitstag überreicht bekam, Landtagspräsident Norbert Kartmann, die Landtagsabgeordnete und Vorsitzende der UdV Hessen, Gudrun Osterburg auch in ihrer Eigenschaft als Vorsitzende des Unterausschusses für Heimatvertriebene, Aussiedler, Flüchtlinge und Wiedergutmachung und der Landtagsabgeordnete Frank Sürmann, umweltpolitischer Sprecher der FDP im Hess. Landtag sowie die ehemaligen Landtagsabgeordneten Armin Klein und Siegbert Ortmann gekommen.

Ferner die Landesbeauftragte der Hessischen Landesregierung für Heimatvertriebene und Spätaussiedler, Margarete Ziegler-Raschdorf und deren Amtsvorgänger Rudolf Friedrich.

Von der kommunalen Ebene nahmen teil: Stadträtin Dr. Doris Jentsch, der jugendpolitische Sprecher der SPD-Rathausfraktion Christoph Manjura, der Stadtverordnetenvorsteher der Landeshauptstadt Wiesbaden Wolfgang Nickel, Stadtverordneter Manfred Laubmeyer, zugleich Vorsitzender des BdV-Kreisverbandes Wiesbaden und Kreistagsvorsitzender vom Kreis Offenbach Paul Scherer.

Pfarrer Karl Kindermann, Ehrendomherr von Leitmeritz und der Landesvorsitzender der Ackermanngemeinde Mainz, Region Oberhessen, Rudolf Krämling stellten die "katholische Fraktion" dar, wie Herold meinte.

Vom BdV-Landesvorstand den Bundessprecher der Landsmannschaft Weichsel-Warthe Karl Bauer, Hartmut Saenger, Bundesvorsitzender der Pommerschen Landsmannschaft und BdV-Präsidialmitglied und Nikolai Karheiding, stellvertr. Vorsitzender des BdV-Landesverbandes Rheinland-Pfalz. Anneliese Franz, ehemalige Landesvorsitzende der Landsmannschaft Ostpreußen, erhielt Glückwünsche zum 90. Geburtstag.

Einen besonderen Applaus bekam Dr. Pepi Erben, deutscher alpiner Jugendmeister 1943 in Garmisch-Partenkirchen, Teilnehmer an der Winterolympiade 1952 in Oslo, Studentenweltmeister 1955 in Sarajevo, vielfacher Sieger in nationalen und internationalen Skirennen.

Der "Wiesbadener Kurier" hatte seinen Chefredakteur Stefan Schröder entsandt.
Der Hessischen Rundfunk war durch Herrn Schütze vom hr-Fernsehen vertreten.

"Es gehöre schon eine lange vorbereitete Organisation dazu, wenn eine Veranstaltung wie diese gelingen soll. Dass dies auch heute wieder geschehen ist, ist sicher nicht zuletzt der tatkräftigen Mithilfe der Damen und Herren unserer Landesgeschäftsstelle zu verdanken. Stellvertretend für alle nenne ich die Leiterin unserer Landesgeschäftsstelle, Frau Jenny Brämer", fügte Herold hinzu.

Die Verbundenheit mit den Heimatvertriebenen kam auch in den sehr persönlichen Grußworten zum Ausdruck

Der Präsident des Hessischen Landtages, Norbert Kartmann, beschäftigte sich in seinem Grußwort mit der Wahrheit als subjektivem Begriff. Wen trifft die Schuld an der Vertreibung wäre zu fragen? Die Charta stelle kein Dokument der Rache dar. Sie vermittle nicht das Gefühl, alles wieder zurückerobern zu wollen. Von ihr ginge auch der Gedanken einer gerechten und sinnvollen Verteilung der Lasten des Krieges aus. Kartmann bekräftigte das Recht auf Heimat, fügte jedoch an: eine Rückkehr würde es nicht mehr geben. Das Brückenbauen stelle ein Stück Heilungsprozess dar.

Stadtverordnetenvorsteher Wolfgang Nickel freute sich sichtlich, zur Feier des 58. Tages der Heimat die Grüße des Stadtparlaments überbringen zu können. Wiesbaden besäße mehrere "Guten Stuben" für große Festlichkeiten. Der heutige Tagungsort, das Biebricher Schloss, wäre jedoch die "Perle". Mit dem Motto "Durch Wahrheit zum Miteinander" drückten die Vertriebenen aus, worum es ihnen gehe: sie wollen die Hand zur Versöhnung reichen. Die Vertreibung der 14 Millionen Menschen stellte keine Reise von A nach B dar, sondern war eine Fahrt ins Ungewisse. Oft kam man nicht da an, wo man hin wollte. Für Nickel stehe fest, den Tag der Heimat zu feiern wäre keine Folklore sondern gute Tradition. Der Tag der Heimat müsse einen angemessenen Platz in der Erinnerung haben. Es gehe nicht darum, dabei alte Wunden wieder aufzureißen.

Stadträtin Dr. Doris Jentsch sprach in Vertretung des Wiesbadener Oberbürgermeisters Dr. Müller. Die Charta vor 60 Jahren zu unterschreiben, hält sie für eine friedensstiftende Entscheidung. Es handle sich um ein Ereignis, um Sprachlosigkeit und Schrecken des Krieges zu überwinden. Die Charta enthalte die Verpflichtung zum Wiederaufbau. Die Initiatoren, Frauen (warum gab es nicht die Unterschrift einer einzigen Frau?) und Männer dachten weit nach vorn. Aus unterschiedlichen Positionen käme es heute zu einer politischen Differenzierung des Bundes der Vertriebenen. Sie halte es mit dem griechischen Philosophen Demokrit: "In Wirklichkeit erkennen wir nichts; denn die Wahrheit liegt in der Tiefe".

Würdigung der Charta durch Preisvergabe der Hessischen Landesregierung

In seiner mit starkem Beifall bedachten Rede, erinnerte der Hessische Minister für Arbeit, Familie und Gesundheit Jürgen Banzer daran, dass der scheidende Ministerpräsident Roland Koch gern den Tag der Heimat mitgefeiert hat. Mit Koch hätten die Vertriebenen einen wichtigen und einflussreichen Freund an ihrer Seite gehabt. Vom designierten Ministerpräsidenten Volker Bouffier habe er beste Grüße an die Festversammlung zu bestellen.

Danach kam Banzer auf die Charta der deutschen Heimatvertriebenen zu sprechen, seiner Überzeugung nach eine Wende in der deutschen Geschichte. Konnten die Deutschen doch bis dahin ihre Geschichte nur an blutigen Auseinandersetzungen festmachen. Deutschland müsse dankbar für die Charta sein, gehöre sie doch zur Abfolge wichtiger Ereignisse in der Nachkriegsgeschichte, wie Beschluß der Verfassung der Bundesrepublik Deutschland, Beitritt zum Atlantischen Bündnis, Unterzeichnung des deutsch-französischen Vertrages und die Wiederherstellung der deutschen Einheit. Nach Banzer ein logischer Ablauf, der ohne den Verzicht der Vertriebenen auf Rache und Vergeltung nicht denkbar gewesen wäre.

Die Vertriebenen hätten auch die weit verbreite Angst, "das kann nicht gut gehen, das muss Konflikte geben" ad absurdum geführt. Und das alles, obwohl sie in einer schlimmen Situation waren. Von 1933 bis 1945 furchtbaren politischen Inhalten ausgesetzt, danach die Fragen warum haben wir die Heimat verloren und warum werden wir sogar noch auf der Flucht verfolgt?

Deutschland, so der Minister, könne nicht auf jeden Teil seiner Geschichte stolz sein, sicher jedoch auf den 5. August 1950. Dieser Tag habe ein Zeichen von großer Verantwortung gegenüber dem Ganzen gesetzt.

Banzer sprach dann das Problem der Benesch-Dekrete an, die es in der Tschechischen Republik unverändert gäbe; sie stellten ein Hindernis dar, miteinender auszukommen.

Für die Zukunft gälte es, Geschichte anfaßbar zu machen. Dazu gehöre der Unterhalt der Heimatstuben, wo bereits fleißige Hände staatliche Aufgaben übernommen hätten. Ferner wäre die Unterstützung der Spätaussiedler wichtig, deren Diplome und Bildungsabschlüsse müssten anerkannt werden. Sie dienten der finanzielle Grundlage, um sich in die Gesellschaft einzuführen.

Jürgen Banzer dankte den Vertriebenen ausdrücklich dafür, dass sie nicht nachgelassen hätten, immer wieder an die Charta zu erinnern.

Die Hessische Landesregierung habe sich deshalb überlegt, in welcher Form man zur Würdigung der Charta und des 5. August, dem Tage der Unterzeichnung, beitragen könne. Man habe entschieden, die Würdigung in Form eines Preises oder einer Auszeichnung vorzunehmen.

Gedacht werde an die Unterstützung eines jungen Menschen, der sich wissenschaftlich mit der Kultur in den ehemaligen Gebieten Deutschlands, im heutigen Osteuropa, beschäftigt. Er solle damit genau so eine Chance bekommen, auch wissenschaftlich respektiert und gefördert zu werden, wie diejenigen, die sich auf anderen Gebieten der Geschichte oder Politik betätigen.

Feierlicher Chorgesang und solistisches Cellospiel

Zur würdigen, musikalischen Umrahmung der Festveranstaltung, hatte Landeskulturreferent Otmar Schmitz den erst im vorigen Jahr gegründeten Chor ChorART eingeladen. Meisterhaft war ihr Auftritt. Die Schülerin Phia Jensen, von der Internatsschule Schloss Hansenberg Gymnasiale Oberstufe aus Geisenheim, bewies als perfekte Begleiterin des Chores, aber auch als Solistin, ihr Können. Mit sicherer Hand leitete Jochen Doufrain (Klavier) die musikalischen Auftritte.

In seinem Schlusswort dankte Otmar Schmitz Staatsminister Jürgen Banzer für seine Zusicherung, dass die Landesregierung auch künftig an der Seite der Vertriebenen stehen werde. Den Gästen dankte er für ihr Kommen, das als "ein sichtbares Zeichen gegen das Vergessen zu werten sei".

Mit dem "Hessenlied" "Ich kenne ein Land, so reich und so schön, voll goldener Ähren die Felder........" und dem Lied der Deutschen "Einigkeit und Recht und Freiheit" ging der Festakt zum "Tag der Heimat 2010" in Hessen zu Ende.

Im September 2010