Wahrheit und Dialog - Schlüssel zur Verständigung

63. Landesverbandstag des Bund der Vertriebenen (BdV)
Landesverband Hessen

Wahrheit und Dialog - Schlüssel zur Verständigung. Unter diesem Motto fand in der Landeshauptstadt Wiesbaden der 63. ordentliche Landesverbandstag des BdV-Hessen statt.

Hauptredner Staatsminister Grüttner unterstützt 5. August als nationalen Gedenktag für die Opfer der Vertreibung.

Der Wappensaal des Hauses der Heimat reichte gerade aus, um die große Zahl der Delegierten und Gäste zu fassen, die sich am 12. März anlässlich des 63. ordentlichen BdV-Landesverbandstages in Wiesbaden eingefunden hatten.

Zahlreiche Ehrengäste waren der Einladung des Landesvorsitzenden und Vizepräsidenten des BdV Alfred Herold gefolgt, unter ihnen der Hessische Staatsminister Stefan Grüttner, Wiesbadens Oberbürgermeister Dr. Helmut Georg Müller, der Leiter des Bürgerreferats Carl-Michael Baum, Stadtverordnetenvorsteher Wolfgang Nickel, Frank Sürmann MdL (FDP), Wilhelm Reuscher MdL (FDP), Ulrich Caspar MdL (CDU), Stadtverordneter Christoph Manjura (SPD), Stadtrat Manfred Laubmeyer (CDU), Georg Unkelbach, Leiter des Büros von Margarete Ziegler-Raschdorf, Landesbeauftragte der Hessischen Landesregierung für Vertriebene und Spätaussiedler. Frau Ziegler-Raschdorf, durch eine andere Verpflichtung verhindert, war jedoch durch ihr herzliches Grußwort mit der Veranstaltung verbunden.

Einstimmig wurde das Verbandstagspräsidium in die bewährten Hände von Siegbert Ortmann, Dr. Herbert Küttner und Rudolf Riedel gelegt. Die Totenehrung sprach Helmut Seidel. Er erinnerte an die Toten des Krieges und der Vertreibung, aber auch an die Opfer der momentanen Freiheitskriege in den nordafrikanischen Staaten und der Naturkatastrophe in Japan. Seidel wartete noch mit einer persönlichen Bemerkung auf. Er war zufällig auf ein Gedicht seines Vaters gestoßen, welches dieser den Toten vom 4. März 1919 gewidmet hatte. "An die Toten des Sudetenlandes" ist es betitelt, geschrieben am 4. März 1949. "Glaubt nicht, ihr Schwestern und ihr Brüder, die ihr vor Jahren einst gefallen seid, dass man euch schon vergessen hätte", so beginnen die Verse. Seidel trug sie vor. Nein, vergessen werden unsere Märzopfer niemals sein.

Stefan Grüttner: 5. August als nationaler Gedenktag für die Opfer der Vertreibung findet meine Unterstützung

"Wenn ich heute als Hessischer Sozialminister, als ihr "Schirmherr", zu Ihnen zu spreche, ist das eine Premiere, vor zwei Jahren war ich als Leiter der Hessischen Staatskanzlei bei Ihnen zu Gast. Der Amtswechsel hat jedoch an der Verbundenheit zu Ihnen nichts geändert" begrüßte Stefan Grüttner die Versammelten. "Ich überbringe Ihnen gern die Grüße unseres Ministerpräsidenten Volker Bouffier."

Bei zahlreichen Veranstaltungen im letzten Jahr habe sich die Verbundenheit der Hessischen Landesregierung mit dem Bund der Vertriebenen gezeigt. Als ein Beispiel führte er die Gedenkveranstaltung am 24. April 2010 "60 Jahre Wiesbadener Abkommen", als beispielhafte Geste deutsch-tschechischen Miteinanders an.

Als die Diskussion um die "Charta der deutschen Heimatvertriebenen" einen Höhepunkt erreichte, habe sich die Landesregierung sogleich an die Seite der Vertriebenen gestellt. Ein Entschließungsantrag der Fraktionen der CDU und FDP, in dem beide Ereignisse als wichtige Dokumente bezeichnet werden, führte zu einer hitzigen Debatte im Landtag. Dass der Entschließungsantrag angenommen wurde, zeigte, dass es die Fraktionen der CDU und FDP seien, die das Schicksal der Vertriebenen und die Arbeit ihrer Verbände würdigen.

Grüttner zeigte sich jedoch enttäuscht über die Tatsache, dass es nicht möglich war, einen gemeinsamen Antrag aller demokratischen Fraktionen zu diesem Thema zu verabschieden. Und wenn er sage, aller demokratischen Fraktionen, so schließe er ausdrücklich die Fraktion "Die Linke" im Hessischen Landtag aus, die sich erdreistete, während der Landtagsdebatte die Charta als ein "revanchistisches Dokument, das nicht dem Einigungsgedanken sondern dem Gedanken des Separatismus folgt" abzuwerten. "Das ist eine Geschichtsklitterung, die nicht unwidersprochen bleiben darf," fügte Grüttner hinzu.

Auch im Deutschen Bundestag wurde nach einer emotional geführten Debatte der Antrag "60 Jahre Charta der deutschen Heimatvertriebenen - Versöhnung vollenden" mit den Stimmen von Union und FDP verabschiedet. Grüttner unterstützt auch die Bestrebungen für einen Nationalen Gedenktag. Die Charta muss auch im Unterricht behandelt werden. Jedoch kein Schulbuch biete das, was Zeitzeugen im Unterricht leisten können. In diesem Zusammenhang verweist er auf den Hessischen Preis "Flucht, Vertreibung, Eingliederung". Die Preisverleihung wird er anlässlich des Hessentages am 18. Juni 2011 vornehmen.

Alfred Herold bedankte sich bei dem Minister mit einem Geschenk: Professor Alfred de Zayas Buch "Die deutschen Vertriebenen - keine Täter sondern Opfer". Ein aktueller Beitrag zur landesweiten Diskussion.

Dr. Helmut Georg Müller: Das Wissen um die Charta und die Wiesbadener Erklärung, darf nicht zu einer abstrakten Seite in einem Geschichtsbuch werden.

Oberbürgermeister Dr. Müller erinnert sich gern an die Wiedereröffnung des Museums der Karlsbader in Wiesbaden. Das Museum sei von den Karlsbadern mit großer Liebe eingerichtet worden, es sei ein Schatz, der Literatur und Ausstellungsstücke enthält. Das Motto "Wahrheit und Dialog - Schlüssel zur Verständigung" würde er gern noch durch "Wissen" ergänzen. Gerade im Hinblick auf die jungen Menschen sei es für ihn unabdingbar, dass Stadt und Staat auch dazu beitrügen, dass dieses Wissen weitergegeben werde. Das Museum der Karlsbader sei ein hervorragendes Beispiel dafür. Die Sorge von Dr. Müller ist, dass bei jungen Menschen das Wissen um die deutsche Kultur verloren geht. Man müsse deshalb dankbar sein, dass es ein solches Museum gibt. Es leiste auch einen wichtigen politischen Beitrag: die Einordnung der Thematik der Vertreibung in einen historischen Zusammenhang. Es sei daher dafür zu sorgen, dass die Nutzung des Museums durch Schulklassen gefördert wird. Das Wissen um die Charta und die "Wiesbadener Erklärung" dürfe nicht eine abstrakte Seite in einem Geschichtsbuch bleiben oder ganz vergessen werden.

Wolfgang Nickel: Die Arbeit der Vertriebenen hat zum Zusammenwachsen der Völker Europas beigetragen.

In einem sehr persönlich gehaltenen Grußwort überbrachte Wolfgang Nickel die Grüße der Stadtverordnetenversammlung. "Es ist eine gute Tradition, dass Sie in unserer Stadt im Haus der Heimat zu Gast sind. Auch heute sollen wieder die Weichen für eine erfolgreiche Arbeit des Verbandes gestellt werden. Das Motto spiegelt die Grundsätze des Verbandes gut wieder."

Auch heute, 66 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges, sei es immer noch notwendig, an die Folgen von Flucht und Vertreibung zu erinnern und zwar vorbehaltlos und wahrhaftig. Dabei müssen auch unbequeme Wahrheiten angesprochen werden, das sind wir dem Geschehen von damals schuldig. Nur so sei ein guter Dialog zur Verständigung möglich. Es geht darum, die Vergangenheit zu verstehen und aus der Geschichte Lehren für das Zusammenleben zu ziehen.

"Ich danke dem Bund der Vertriebenen ausdrücklich dafür, dass er den Dialog mit den östlichen Nachbarstaaten sucht und in der Vergangenheit viele Brücken gebaut hat. Die Arbeit der Vertriebenen hat zum Zusammenwachsen der Völker Europas beigetragen" fügte er unter Beifall der Teilnehmer hinzu.

Er hält es auch für wichtig, die Kultur der Heimatgebiete der Vertriebenen als Teil unserer gesamten deutschen und europäischen Kultur im Bewusstsein der kommenden Generationen zu verankern. Eine persönliche Bemerkung von ihm war ein großes Kompliment für den Landesverband: Er habe sich bei jedem seiner Besuche bei BdV-Veranstaltungen besonders wohl gefühlt und auch gespürt, dass er gut aufgenommen wurde. Das sei wohltuend und dafür möchte er sich herzlich bedanken.

Alfred Herold: Für mich ist es unfassbar, dass ein Friedensdokument, wie die Charta der deutschen Heimatvertriebenen, derart in den Schmutz gezogen wird.

Die Diskussion um die Besetzung des Stiftungsrates "Flucht, Vertreibung, Versöhnung", war beim letzten Landesverbandstag am 20. März 2010 das Hauptthema. "Es gab damals ein unwürdiges Gerangel, in dessen Mittelpunkt die Anfeindungen gegen unseren Verband und vor allem gegen unsere Präsidentin Erika Steinbach standen" so Herold. Durch die zähe und kluge Verhandlungsführung von Steinbach sei eine akzeptable Lösung herbeigeführt worden. "Im Interesse der Vertriebenen hat Erika Steinbach durch ihren Verzicht mehr erreicht, als sie je als Stiftungsratsmitglied hätte erreichen können", las man in einem Pressekommentar.

Bei der zweiten konstituierenden Sitzung des Stiftungsrates am 25. Oktober 2010 sei von den sechs Stiftungsratsmitgliedern des BdV deutlich herausgestellt worden, dass die vorgelegte Konzeption, als "Eckpunkte" bezeichnet, eine gute Grundlage für die anstehenden Beratungen ist. Bis zur Verabschiedung einer endgültigen Fassung besteht jedoch noch erheblicher Änderungs- und Korrekturbedarf.

Herold sieht nach wie vor großes politisches Ablehnungspotential. Seine Warnung: Nicht in Fallen tappen, darauf warten nur unsere Gegner. Die Diskussion um die Stiftung darf nicht zum Spielball von Extremisten und Einzelgängern werden. Um dieses zukunftsweisende Projekt auch erfolgreich zu beenden, bedarf es eines starken Verbandes, der nur mit einer Stimme spricht.

Herold kam danach nochmals auf die Gedenktagsdebatte "Charta der deutschen Heimatvertriebenen - Aussöhnung vollenden" am 15.Dezember 2010 im Deutschen Bundestag zu sprechen. Die Fronten seien klar gewesen: Regierungskoalition stimmt zu, Opposition ist dagegen. Dabei stelle die Charta ein zeitloses Dokument moralischer Vorleistung dar, ein von ethischen Grundsätzen getragenes Dokument.

"Die Charta war für uns Deutsche Heimatvertriebene stets das sichtbare Bekenntnis"

"Wer zu einer Zeit, als der gewaltsame Verlust von Haus, Hof und Heimat noch tiefe und unvernarbte Wunden hinterlassen hatte, zu solchen Aussagen fähig war, der hätte in der Tat den Friedensnobelpreis verdient. Für mich ist es unfassbar, dass ein solches Friedensdokument, wie die Charta der deutschen Heimatvertriebenen, derart in den Schmutz gezogen wird" fügte Herold hinzu.

"Ich habe Vielen Dank zu sagen" so Herold. "Den Hessischen Landesregierungen unter Ministerpräsident Roland Koch und Volker Bouffier, den Staatsministern Jürgen Banzer und Stefan Grüttner und nicht zuletzt Margarete Ziegler-Raschdorf, für ihr Wirken als Landesbeauftragte der Hessischen Landesregierung für Vertriebene und Spätaussiedler. Mein Dank gilt auch den Mitgliedern des BdV-Landesvorstandes, allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in den BdV-Orts- und Kreisverbänden, sowie den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in der Landesgeschäftsstelle. Stellvertretend für alle überreiche ich unserer Landesgeschäftsführerin Jenny Brämer diesen bunten Frühlingsstrauß", schloss Herold.

Schließlich wies Herold noch auf den Dokumentarfilm "Ein Schloss für Schlesien - Wie Vertriebene in der alten Heimat helfen" hin, der am Dienstag, den 3. Mai, 2011, um 22.45 Uhr, im 3. Programm des Hessischen Rundfunks ausgestrahlt wird. Der zweite Teil zeige Herolds großes persönliches Anliegen. Für ihn war es eine unzumutbare Vorstellung, die kirchlichen Kulturgüter seines Geburtsortes Bärn im Sudetenland verkommen zu lassen. Seinem fleißigen Engagement und dem seiner Landsleute war es zu verdanken, dass Kulturbauten in Bärn vor dem Zerfall gerettet wurden. Mit Hilfe von Spendengeldern und auch aus eigener Tasche, habe er die Rettung vieler Zeugnisse deutscher Vergangenheit finanziert. Im Film unterstrichen werde auch die uneigennützige Hilfe tschechischer Bürger, die sich trotz örtlicher Widerstände seiner Bitte, ihm zu helfen, nicht verweigerten und zu Freunden wurden. Dem Hessischen Rundfunk sollten möglichst viele ihre Meinung zu der Dokumentation schreiben.

"Gottes sind Wellen und Wind. Segel aber und Steuer, dass ihr den Hafen gewinnt, sind euer." "In diesem Sinne, liebe Landsleute, lasst uns auch bei starkem Wind und hohen Wellen klaren Kurs halten, dann werden wir auch gemeinsam unser Ziel erreichen: unserer Heimat und ihren Menschen zu dienen." Mit diesem Schlusswort von Alfred Herold und dem gemeinsam gesungenen "Lied der Deutschen" "Einigkeit und Recht und Freiheit" ging die Veranstaltung zu Ende.

Im Mai 2011