Durch Erinnerungskultur Zukunft gestalten

"Kulturelle Wintertage 2011" des hessischen BdV-Landesverbandes in Höchst/Odenwald
Gute Vorbereitung führt zu einem erfolgreichen Tagungsverlauf

Wir erleben derzeit eine boomartige Rückbesinnung auf die Heimat, einen verstärkten "Heimatbedarf". Dabei sind Flucht und Vertreibung, Heimat- und Traditionspflege sowie Kulturarbeit allgegenwärtige Themen. Mit Rückblick in Geschichte und deren Vergleich mit aktueller Literatur, versucht man, politische Zusammenhänge zu erklären. Politische Zielvorgaben nähren die Hoffnung auf Ausgleich mit den Vertreiberstaaten. Das ist, in wenigen Worten gesagt, das Spannungsfeld, in dem Vertriebenenarbeit heute stattfindet.

Ist es möglich, alle diese Themen im Rahmen einer Tagung zu erörtern? Dem hessischen Landeskulturreferenten Otmar Schmitz ist das gelungen. Anlässlich der "Kulturellen Wintertage 2011", die im Feber im Kloster Höchst im Odenwald stattfanden, hatte er dafür kompetente Referentinnen und Referenten verpflichtet. Die 47 Teilnehmer und zahlreiche Tagesgäste waren voll des Lobes über Vorbereitung und Organisation der überregionalen Veranstaltung.

Dr. Zuzana Finger, Heimatpflegerin der Sudetendeutschen:
"Das Bild der Deutschen aus den Böhmischen Ländern in der tschechischen Nachkriegsliteratur."

Erinnerung, weil sehr menschlich und subjektiv, gilt als strittiges Thema. Gibt es die Erinnerung der Tschechen an die Deutschen, oder erinnern sie sich nicht? Und wenn sie sich erinnern, wie erinnern sie sich? Die Geschichtsschreibung macht mitunter Gebrauch von Erinnerung. Oral History, eine Methode der Geschichtswissenschaft, basiert auf der Befragung von Zeitzeugen. Diese sollen dabei möglichst wenig vom Historiker beeinflusst werden, sie sollen auf diese Weise ihre Lebenswelt und Sichtweisen für die Nachwelt frei darstellen können.

Natürlich gab es in der früheren Tschechoslowakischen Republik genügend Zeitzeugen, sehr viel Wissen und sehr viele Erinnerungen, jedoch nur eine offizielle Geschichtsschreibung. Ein nicht mehr gut zu machender Verlust. Im Gegensatz zu Deutschland. Dort stand am Anfang des sudetendeutschen Erinnerns an die Vertreibung, die 1951 veröffentlichte Sammlung von "Dokumenten zur Austreibung der Sudetendeutschen", das sog. "Sudetendeutsche Weißbuch".

Aktuelle subjektiv tschechische Autoren befassen sich aus verschiedenen Sichtweisen mit dem Thema Erinnerung. Anna Wagnerova in ihrem, bisher nur in Tschechisch erschienenen Werk "Die nicht geschriebene Erinnerung", Josef Skrabek "Die gestrige Angst", Oldrich Stransky "Es gibt keine Gerechtigkeit auf Erden", Erinnerungen eines tschechischen Auschwitz-Überlebenden, übersetzt von Anna Knechtel. Frantisek Hobizal schrieb "Wurzeln im Schreinerland", eine Böhmerwald-Novelle.

Dietmar Strauß, Landesvorsitzender der Landsmannschaft Ostpreußen:
"Hilfe für Flutopfer in Niederschlesien, aufgezeigt am praktischen Beispiel"

Otmar Schmitz reagierte prompt. Zu Beginn des Referates von Dietmar Strauß fanden die Teilnehmer einen Zeitungsausschnitt vor. Gastbeitrag in der "Frankfurter Rundschau" vom gleichen Tag. Autor, Professor Krysztof Ruchniewicz, Direktor des Willy-Brandt-Zentrums an der Universität Breslau und Mitglied des Beraterkreises der Stiftung "Flucht, Vertreibung, Versöhnung". Überschrift "Rückfall in Zeiten des Kalten Krieges". Thema, 5. August als Gedenktag für Vertriebene und "Charta der deutschen Heimatvertriebenen".
"Die Deutschen sollten nicht erwarten, dass ihre Mitverantwortung am Schicksal der Heimatvertriebenen vergessen wird".

Der Ostpreuße Dietmar Strauß empfindet das Leid der polnischen Bevölkerung im überschwemmten Niederschlesien als etwas, was ihn persönlich angeht. Drei Wochen lang sammelt er, zusammen mit Renate Gogne und anderen Freunden, 30 km im Umkreis von Lampertheim Möbel. Er bittet um Geldspenden und organisiert unter großen Schwierigkeiten, den Transport nach Schlesien. Außerdem bittet er das hr-Fernsehen, einen Transport zu begleiten und im Film zu dokumentieren.

Bürgermeister Andrzej Grzmielewicz von Bogatynia, früher Reichenau, schreibt am 14. Oktober 2010 an Dietmar Strauß: "...Ich kann nicht aufhören, daran zu denken, wie ich Ihnen dankbar für die Hilfe bin...Wir haben gehofft, dass Sie uns in dieser Situation nicht allein lassen. Wir haben uns nicht getäuscht...Wir vergessen das nie, dass Sie in der schrecklichen Zeit für uns da waren, und uns unterstützten und uns Kraft gegeben haben...Das Verhalten von Ihnen ist unvergesslich. Wir werden uns darum kümmern, dass in Bogatynia bekannt wird, sowohl heutzutage als auch in Zukunft, was Sie für uns getan haben...".

Der Professor aus Breslau sollte sich am Ostpreußen Dietmar Strauß ein Beispiel nehmen. Eine gute Gelegenheit dafür hätte er bei seinem Auftreten im Beraterkreis der Stiftung "FVV".

Dr. Jörg Bernhard Bilke:
"Die öffentliche Wahrnehmung der deutschen Heimatvertriebenen von 1945 bis heute"

Das Wissen um Ostdeutschland ist allgemein beschränkt und die Unkenntnis wächst. In der Literatur hat das Thema nichts an Aktualität verloren. Zuletzt mit Antje Vollmer "Doppelleben" (2010), Buch über den ostpreußischen Widerstand gegen Hitler. Weiterhin das Buch einer Physikprofessorin aus Aachen, Gabriele Köpp "Warum war ich bloß ein Mädchen", das erste Buch in dem jemand, der von Russen vergewaltigt worden ist, mit vollem Namen darüber schreibt. Erwähnenswert auch Louis Ferdinand Helbig "Der ungeheure Verlust. Flucht und Vertreibung in der deutschsprachigen Belletristik der Nachkriegszeit" (1988), ein sehr wissenschaftliches Werk.

Die Literatur in Westdeutschland entwickelte sich in mehreren Phasen Sofort nach Kriegsende erschienen ein Fülle von Aufzeichnungen, teils in Romanform, Marion Gräfin Dönhoff "Namen die keiner mehr nennt" oder Cajus Bekker "Flucht übers Meer". War dann bis 1970 nicht alles geschrieben? Nein, es begann dann eine zweite Phase der literarischen Aufarbeitung von Flucht und Vertreibung. Christine Brückner, Horst Bienek, Siegfried Lenz "Heimatmuseum" (1978), Peter Härtling, Horst Krüger, Ilse Tielsch und Leonie Ossowski. Alle waren 1945 noch Heranwachsende. Horst Bienek, in Oberschlesien geboren hat allein 4 Bände über Schlesien geschrieben "Die erste Polka" (1975), "Septemberlicht" (1977), "Zeit ohne Glocken" (1979) und "Erde und Feuer" (1982). Peter Härtling schrieb über Böhmen, obwohl er nicht von dort stammt "Eine Frau" (1975), "Bozena" (1994). Tanja Dückers und Reinhard Jürgl, schreiben über die Erlebnisse ihrer Großeltern.

Auch ausländische Autoren, machten Flucht und Vertreibung zu ihren Themen.
Lew Kopelew "Aufbewahren für alle Zeit" (1976). Darin ein Bericht einer Ostpreußin, die wegen Mitleids für den Feind 10 Jahre Lagerhaft erhält. Auch Alexander Solschenizyn ist zu nennen. Bohumil Hrabal "Ich habe den englischen König bedient", handelt zum Teil in den Gebieten, aus denen die Sudetendeutschen vertrieben wurden und das wieder besiedelt wird. Auch zwei Franzosen, in deutscher Kriegsgefangenschaft in Ostpreußen, haben über Flucht und Vertreibung geschrieben. Michel Tournier "Le Roi des Aulnes" - dt. "Der Erlkönig" (1972) und Charles Higounet "Die deutsche Ostsiedlung im Mittelalter".

Die literarische Aufarbeitung in der DDR erfolgte in der Zeitfolge ähnlich wie im Westen. Elisabeth Schulz-Semrau "Auf der Suche nach Karalautschi" (1984) stammt aus Königsberg, durfte Königsberg nicht nennen, nahm dafür Karalautschi. Heike Amos "Die Vertriebenenpolitik der SED" (2009), Historikerin aus der DDR, berichtet über Vertriebenentreffen in der DDR. Noch vor Gründung der DDR erschienen in der SBZ 2 Romane, die sich mit Flucht und Vertreibung beschäftigten. Maria Langner "Die letzte Bastion" (1948) und Annemarie Reinhard "Treibgut (1949). In der 2. Phase durfte nur noch erscheinen, was mit der DDR-Ideologie über Vertreibung nicht kollidierte. Hildegard Maria Rauchfuß "Schlesisches Himmelreich" (1968), Alfred Wellms "Pugowitza oder die silberne Schlüsseluhr (1975), Christa Wolf Kindheitsmuster" (1976). Auch Hans-Jürgen Steinmann und Helga Schütz sind zu nennen.

Professor Dr. Thomas Grosser:
"Angekommen? Über die deutschen Vertriebenen nach 1945.
Wie willkommen waren sie im Nachkriegsdeutschland?"

Die Integration der Vertriebenen, die in der Nachkriegszeit unter den schwierigen Bedingungen der deutschen "Zusammenbruchsgesellschaft" begann, gilt als die größte sozialpolitische Leistung der Nachkriegsgesellschaft.

Anfang 1947 bekundeten 90% der Vertriebenen in einer repräsentativen Meinungsumfrage der amerikanischen Besatzungsmacht, wieder in ihre alte Heimat zurückkehren zu wollen und 90 % der Einheimischen unterstützte diese Absicht. Die Besatzungsmächte ordneten an, die Vertriebenen als gleichberechtigte Neubürger zu behandeln. Offen geäußerte Diskriminierungen wurden unter Strafandrohungen gestellt und durch die Militärregierung auch geahndet. Fintenreiche Verweigerung der Einheimischen, die bis zur neuerlichen Vertreibung der Zwangseinquartierten per "Teufelsaustreibung" reichten, zahlte man mit ebenso symbolkräftiger wie abschreckender Münze zurück, indem man renitente Einheimische öffentlichkeitswirksam unter Mitnahme von nur 50 kg Gepäck für ein halbes Jahr in ein Flüchtlingslager einwies.

In den 1950er Jahren sorgte indessen insbesondere der soziale Wohnungsbau dafür, dass sich die Wohnraumsituation zügig entspannte. Zweifelsohne wurde die Integration auch in erster Linie durch den rapiden Wirtschaftsaufschwung erleichtert.

Angekommen im Westen waren die Vertriebenen 1950 im physischen Sinn. Aber in wirtschaftlicher, gesellschaftlicher und mentaler Hinsicht konnte man dies damals und auch lange danach kaum sagen. Und daher war die "Charta der deutschen Heimatvertriebenen" auch ein Appell, ankommen zu können und angenommen zu werden. Die Charta sollte auch bewusst machen, wie wichtig eine Integrationspolitik ist, die nicht nur eine einseitige Anpassung der Zuwanderer an ihre Aufnahmegesellschaft fordert, sondern auch die Aufnehmenden dahin bringt, aktiv auf die "Neubürger" zuzugehen. "Integration lässt sich nicht verordnen. Sie muss auch gelebt werden", schloss Professor Grosser.

Dr. Otfrid Pustejovsky:
"Erinnerungskulturelle Diskurse mit (sudeten-)deutsch-tschechischen Mythen und kollektive Traumata von Vertriebenen"

Erinnerung ist eine durchaus individuelle und subjektive Sache, die nicht automatisch auf die Erfahrungen anderer übertragen werden kann. Daraus ist abzuleiten, dass die Diskussion über kollektive Erinnerung etwas sehr kompliziertes ist und sich zusammensetzt aus mosaikartigen Teilchen und daher relativiert werden muss. Was sind Traumata? Was verändert sich in und an einem Menschen in seinen Erinnerungen oder in seinem Verhalten. Dazu hat vor etlichen Jahren Astrid von Friesen, Psychologin, erstmals in allgemein verständlicher Form zusammengefasst, was durch Mediziner und Psychologen erarbeitet wurde. Buchtitel "Der lange Abschied".

Die Autorin beschreibt, welche bis heute wirkenden psychischen und familiendynamischen Spätfolgen durch Krieg, Flucht und Vertreibung für die Kinder der aus dem Osten Vertriebenen entstanden. Es geht um die Schmerzen des Heimat- und Identitätsverlustes, um die Bürde der Vaterlosigkeit, um die Folgen von Hunger in der frühen Kindheit und schweren Entbehrungen sowie um Diskriminierungen als "Flüchtlinge".

Die Autorin schreibt: die meisten werden wahrscheinlich unter einer post-traumatic stress disorder (PTSD) leiden. Mit dieser Diagnose werden die Reaktionen auf Gewalt, auf extreme Angst aufgrund von Kriegen, Vergewaltigung oder aber auch von einzelnen Verbrechen beschrieben, die verbunden sind mit Herzrasen, Zittern, Übelkeit, hohem Blutdruck und Angstzuständen. Ein Zustand, der nicht selten über Jahre oder lebenslang anhält, ein seelischer Fluch, der über Generationen weitergegeben wird. Die Geschichtswissenschaft hat dieses Phänomen bisher nicht zur Kenntnis genommen.

Der Referent legte an einem konkreten Beispiel dar, wie aus einem furchtbaren Geschehen eines einzigen Nachmittags im Juli 1945, eine bis in die Darstellung des "Spiegel" reichende Verfälschung grundlegender Fakten geschehen ist. Es handelt sich um das Aussiger Massaker vom 31. Juli 1945. Es ist dort die Rede von 2.700 deutschen unschuldigen Opfern in der Stadt Aussig. Bei der Erstellung der "Dokumentation der Vertreibung der Deutschen aus Osteuropa" sei keine einzige Aussage kritisch untersucht worden. Bezug genommen wird auf die Aussage eines Herrn Ullmann. Weil Sozialdemokrat, flüchtete er 1938 nach London und war dort Mitarbeiter von Wenzel Jaksch. Kehrte unmittelbar nach Ende des Krieges in seine Heimat nach Aussig zurück. Er sprach fließend Tschechisch und brauchte keine weiße Armbinde zu tragen. Fünf Jahre später verfasste er eine Beschreibung von damals als volle und einzige Wahrheit. Er schreibt über das Massaker, "ich habe alles mit eigenen Augen gesehen, es sind bis zu 2.700 Leute umgekommen".

Diese Zahl hat sich sehr bald bei den Sudetendeutschen festgesetzt und die Erinnerungen an andere Massaker übertroffen. Im Jahre 1991 hat in der Universität Troppau ein Historiker Stanek nach jahrelanger Arbeit ein Buch veröffentlicht "Der Abschub der Deutschen aus der Tschechoslowakei 1945-47". Darin verarbeitet er einige tausend Dokumente aus tschechoslowakischen Archiven. Über das Aussiger Massaker schreibt er nach sorgfältiger Prüfung aller archivarischen Unterlagen "ist die Mindestzahl der Umgekommenen bei 50, die Höchstzahl bei 100".

Ab 1993 hat Dr. Pustejovsky in Aussig und 19 weiteren Archiven geforscht. Er kam zu dem Ergebnis, dass Ullman die vier Orte, an denen das Massaker begann, nicht einsehen konnte. Der Referent will damit zeigen, wie wichtig es ist, dass Erinnerungskultur sich nicht falscher Fakten bedient. Erinnerungskultur sollte auch etwas zu tun haben mit der Annäherung an die geschichtliche Wahrheit.

Pfarrer em. Dr. Christian-Erdmann Schott:
"Trauerarbeit und Erinnerungskultur"

Wie sind die Vertriebenen und Flüchtlinge mit den Verlusten und Demütigungen umgegangen, die sie bei Kriegsende und danach hinnehmen mussten? Tatsache ist, dass man diesen Menschen aus dem Osten und ihren Nachkommen bis heute möglichst wenig Beachtung zuteil werden lassen möchte und ihnen eher das Gefühl vermittelt, dass sie eigentlich als überflüssig und als Störenfriede anzusehen sind. Als Beispiel dafür dient das Verhalten des Außenministers Westerwelle in dieser Frage bei seinem Antrittsbesuch in Warschau und das anschließende Schweigen der Bundeskanzlerin.

Während der Begriff "Erinnerungskultur" einem breiten wissenschaftlichen Publikum zugänglich ist, erfreut sich der Begriff "Trauerarbeit", für die Deutung des Verhaltens von deutschen Flüchtlingen und Vertriebenen, keiner Akzeptanz.

Dabei war für die Vertriebenen dieser Einschnitt in ihrer Biographie, der mit dem Verlassen der Heimat beginnt, eine traumatische Zäsur. Es war kein bloßer Wechsel eines Wohnortes, kein bloßer Umzug von einem Ort zu einem anderen. Sondern eine gewaltsame Entwurzelung mit all den Schmerzen und Ratlosigkeiten, die damit verbunden waren. Den Vertriebenen ist immer wieder nahe gelegt worden, ihre Vergangenheit im Osten nicht weiter zu thematisieren und am besten auf sich beruhen zu lassen. Ein schlimmes Ansinnen. Trauer braucht ihre Zeit.

Dr. Verena von Wiczlinski:
"Die ehemaligen deutschen Ostgebiete in den Diskussionen um die deutsche Wiedervereinigung 1989/90"

Sechs Wochen nach der Wiedervereinigung wurde mit dem deutsch-polnischen Grenzvertrag am 14. November 1990 das Ende der Nachkriegszeit im deutsch-polnischen Verhältnis völkerrechtlich besiegelt. In welchen Schritten vollzog sich die Wiedervereinigung und völkerrechtliche Liquidierung der Nachkriegszeit und welche Rolle spielte darin die Diskussion um die ehemaligen deutschen Ostgebiete?

Dr. von Wiczlinski unterscheidet fünf Abschnitte, in die sich der Einigungsprozess mit Blick auf die Bedeutung der Ostgebiete einteilen lässt. November 1989: Kohl reagiert und wartet ab. November bis März 1990, Kohl ergreift die Initiative zur Wiedervereinigung, entwickelt Zehn Punkte Plan, erwähnt darin aber nicht die Wiedervereinigung, März bis Juni1990: Kohl setzt auch bei den Vertriebenen der Union durch, dass es keine Wiedervereinigung ohne die Abtretung der Ostgebiete geben wird. Juni bis November 1990: 2 + 4 - Gespräche, Vorbereitung der Verträge. September 1990: Unterzeichnung des 2 + 4 - Vertrages. November 1990: Unterzeichnung des deutsch-polnischen Grenzvertrages. Die Nachkriegszeit ist damit völkerrechtlich beendet.

Bemerkenswert an Kohls Zehn Punkten ist, dass 40 Jahre nach der Teilung Deutschlands, die Grenzöffnung eingetreten war, die man jahrelang gefordert hatte.
Die Bundesregierung jedoch verfügte über keinerlei brauchbares politisches Konzept. Es fehlten auch Ablaufpläne oder Krisenszenarien für den Fall einer Wiedervereinigung. Festzuhalten ist außerdem, dass die endgültige Preisgabe der Ostgebiete letztlich von Beginn des Wiedervereinigungsprozesses an, nie in Frage gestellt wurde.

Studienfahrt nach Erbach - Helmut Seidel führt

Am 7. Feber 1946 schrieb Karl Neff, Landrat des Odenwaldkreises, an die rund 100 Bürgermeister des Kreises: "Die ersten Vertriebenen sind gestern im Flüchtlingsauffanglager in Sandbach eingetroffen, nachdem sich bisher von dem großen Wanderstrom nur einzelreisende Flüchtlinge in unserem Kreisgebiet niedergelassen haben. Die Vertriebenen waren für die Unterbringung im Kreis Bergstraße bestimmt, sie finden aber jetzt eine Bleibe im Kreis Erbach. Es handelt sich um Sudetendeutsche aus dem Kreis Reichenberg; sie kommen also aus einem Land, dessen Bevölkerung als rechtschaffen und arbeitsam bekannt ist. Alle machen einen guten Eindruck und sind trotz ihrer außergewöhnlichen Notlage zuversichtlich. Ihr Gesundheitszustand ist gut. Sie sind alle gut gekleidet und haben auch die notwendigsten Habseligkeiten bei sich. Sie bringen den Willen zur Arbeit mit und sind von dem Willen beseelt, sich in unsere Gemeinschaft einzufügen. Sie sind, wie wir wissen, keine Ausgebombten oder Evakuierte, die uns irgendwann wieder verlassen. Ihr neuer Wohnort im Kreis wird ihre Heimat werden".

Der Gablonzer Helmut Seidel kennt das Lager Sandbach. Er gehört auch zu den Vertriebenen, durch die Erbach nach dem Zweiten Weltkrieg um 75% wuchs. Stolz zeigt er "sein" Schmuckstück, die katholische Pfarrkirche St. Sophia. Bei der Neugestaltung der Fenster im Jahre 1958 lieferte der Kunstmaler Kurt Zöller die Entwürfe für alle Kirchenfenster, die mit ihren Wappen und Motiven an die alte Heimat der Vertriebenen erinnern. Das Sudetenland z.B. wird charakterisiert durch einen Sprudel, Symbol des westböhmischen Bäderdreiecks Karlsbad, Marienbad und Franzensbad, sowie durch die Industrielandschaft Nordböhmens.

Seidel hatte jedoch noch mehr im Besuchsprogramm: das Schloss zu Erbach mit seinen gräflichen Sammlungen antiker Marmorbildwerke, Rüstungen, Waffen und Geweihen und das einzigartige Deutsche Elfenbeinmuseum.

Im April 2011