Wahrheit und Dialog - Schlüssel zur Verständigung

Der BdV-Hessen beging zum zehnten Male den Tag der Heimat
im Biebricher Schloss in Wiesbaden.

Sozialminister Grüttner:
Vertriebene haben Bedeutendes für die Überwindung von Gegensätzen in Europa geleistet

Die prunkvolle Rotunde im Schloss war wieder der würdige Ort für das Erinnern der deutschen Heimatvertriebenen an ihr Schicksal. Mitten unter den zahlreichen Gästen, der frühere Landesbeauftragte der Hessischen Landesregierung Rudolf Friedrich. Dieser hatte sich vor zehn Jahren dafür eingesetzt, die festliche Gedenkveranstaltung zum "Tag der Heimat" jeweils in der barocken Residenz der ehemaligen Fürsten und späteren Herzöge von Nassau abzuhalten.

Für den BdV-Landesvorsitzenden Alfred Herold gab es einen doppelten Anlass sich zu freuen: zum einen, dass zahlreiche Gäste aus nah und fern seiner Einladung nach Wiesbaden gefolgt waren und zum anderen, dass er sie zum zehnten Mal als "Schlossherr" begrüßen konnte. "Das ist eine Jubiläumsveranstaltung, aber keine Jubelveranstaltung" führte Herold aus, "denn der Tag der Heimat ist ein Bekenntnis zur Herkunftsheimat und zum Schicksal der deutschen Heimatvertriebenen".

Ein herzliches Wort des Dankes richtete er an die Hessische Landesregierung. Ohne ihre Unterstützung und Hilfe könnte in diesem wunderschönen Saal des Biebricher Schlosses diese Veranstaltung nicht durchgeführt werden.

Herold verwies darauf, dass in dieser Stunde ein weiteres geschichtliches Datum nicht in den Hintergrund gedrängt werden soll. Wer hat es heute noch im Bewusstsein, dass vor nunmehr 65 Jahren die so genannte "organisierte" Vertreibung begann? Viele Vertriebene haben diese Zeit aus ihrem Gedächtnis verdrängt, aber bei vielen Landsleuten blieben traumatische Erinnerungen zurück. War es doch die Zeit, als die Not Überstunden machte und die Hoffnungslosigkeit Stammgast in unseren Familien war.

Wohl mit Blick auf die roten Fahnen, die Demonstranten vor dem Schloss schwenkten, sagte der Landesvorsitzende: "Damals sei keiner auf die Straße gegangen, um auf die scheinbar hoffnungslose Lage aufmerksam zu machen oder für bessere Wohnverhältnisse zu demonstrieren". "Wir kamen in Lumpen, sind aber nicht zu Lumpen geworden", fügte er hinzu.

Herold ging dann auf den 28. August ein, den Trauertag der Wolgadeutschen, der sich vor wenigen Tagen zum 70. Mal jährte. "Hinter diesen dürren Worten steckt ein Schicksal, das sich Außenstehende kaum vorstellen können", so Herold.

Die Bedeutung des zentralen Tages der Heimat zeigte sich deutlich an den Ehrengästen. So waren neben dem Hessischen Staatsminister Stefan Grüttner, die Landtagsabgeordnete und Vorsitzende der UdV Hessen Gudrun Osterburg, auch in ihrer Eigenschaft als Vorsitzende des Unterausschusses für Heimatvertriebene, Aussiedler, Flüchtlinge und Wiedergutmachung, gekommen. Peter Schickel kam als Vertreter des Stadtverordnetenvorstehers der Stadt Wiesbaden Wolfgang Nickel. Stadtrat Dieter Schlempp vertrat den Wiesbadener Oberbürgermeister Dr. Helmut Müller.

Unter den Gästen waren auch der Vorsitzende der SPD-Stadtverordnetenfraktion Stephan Belz, der BdV-Kreisvorsitzende von Wiesbaden Manfred Laubmeyer, der langjährige CDU-Landtagsabgeordnete Armin Klein, ferner die Landesbeauftragte der Hessischen Landesregierung für Heimatvertriebene und Spätaussiedler Margarete Ziegler-Raschdorf.

Von der "kommunalen Ebene" begrüßte Herold die Bürgermeister von Hainburg, Bernhard Bessel, von Obertshausen, Bernd Roth und von Egelsbach Rudi Moritz sowie Martin Hanika, den Vorsitzenden der Gemeindevertretung Langgöns bei Gießen. Langgöns, so Herold, habe für Anliegen seiner Heimatstadt Bärn immer ein offenes Ohr gehabt.

Ein herzliches Willkommen rief der Landesvorsitzende Pfarrer Karl Kindermann, Ehrendomherr von Leitmeritz, dem Landesvorsitzenden der Ackermanngemeinde Mainz, Region Oberhessen, Rudolf Krämling und Ingrid Gärtner zu, die als Vertreterin des VdK-Landesvorsitzenden Udo Schlitt gekommen war.

Stellvertretend für viele Amtsträger aus dem BdV und den angeschlossenen Landsmannschaften begrüßte Herold den stellvertretenden BdV-Landesvorsitzenden und SL-Bezirksobmann von Unterfranken Alfred Kipplinger.

Stellvertretend für alle aus den hessischen Verbänden angereisten Gäste hieß Herold seine drei Stellvertreter im BdV-Landesvorstand Hartmut Saenger, Karl Bauer sowie Manfred Hüber willkommen. Ein beonderer Gruß ging an den früheren Landtagsabgeordneten Siegbert Ortmann. Mit großem Geschick leitet Ortmann seit vielen Jahren als Vorsitzender die hessischen BdV-Landesverbandstage.

Der "Wiesbadener Kurier" hatte die Journalistin Ingeborg Toth entsandt.
Der Hessischen Rundfunk war durch Jan Fredriksson vom hr-Fernsehen vertreten.

Die Verbundenheit mit den Heimatvertriebenen kam auch in den sehr persönlichen Grußworten zum Ausdruck.

Bundesministerin Kristina Schröder nannte die Arbeit des BdV in ihrem Grußwort "aktive Erinnerungspolitik, mit Sachlichkeit und Wahrhaftigkeit" betrieben, um das Schicksal der 14 Millionen Verriebenen während und nach dem Zweiten Weltkrieg nicht in Vergessenheit geraten zu lassen.

Der stellvertretende Stadtverordnetenvorsteher Peter Schickel erklärte, der Tag der Heimat sei Anlass zum Innehalten, um die Vergangenheit richtig einordnen zu können. Er hob auf das diesjährige Motto des Tages der Heimat ab, wonach "Wahrheit und Dialog der Schlüssel zur Verständigung" sind.

Festredner war der Hessische Sozialminister Stefan Grüttner. In seiner mit starkem Beifall bedachten Rede, erinnerte Grüttner daran, dass der BdV in den letzten Jahren Bedeutendes für die Überwindung von Gegensätzen in Europa geleistet hat. Leider, so fügte er hinzu, gelte das nicht überall für die staatliche Ebene. Er ging dann auf die Verleihung der Ehrenplakette des BdV an den ehemaligen Ministerpräsidenten Roland Koch ein. Koch habe sich stets als Freund der Vertriebenen und Flüchtlinge erwiesen. In seiner Dankesrede lobte Koch ausdrücklich den langjährigen Ausschussvorsitzenden und späteren Landesbeauftragte Rudof Friedrich, der einen erheblichen moralischen Anteil an dem Preis besitze, den er erhalten habe. War es doch Friedrich, der ihn für das Thema Flucht und Vertreibung sensibilisierte. Auch die jetzige Hessische Landesregierung, so Grüttner, fühle sich diesen Gedanken Roland Kochs verpflichtet.

Grüttner sprach dann die Benesch-Dekrete an, die er als unzulässige Form der Kollektivhaftung bezeichnete und die der Versöhnung im Wege stehen. Das Schicksal der Vertriebenen hat eine Würdigung verdient. Vor ca. 600 Besuchern ist am Volkstumsnachmittag beim Hessentag der Hessische Preis "Flucht, Vertreibung, Eingliederung" verliehen worden. Neben dem Hauptpreis ist ein Sonderpreis an eine junge Frau gefallen, die zwar nicht aus Hessen stammt, sich aber intensiv mit dem Schicksal der Vertriebenen auseinander gesetzt hat.

Schließlich kam der Minister noch auf das Schicksal der Russlanddeutschen zu sprechen. Für diese ist das Jahr 1941 ein wichtiges Datum und verdient zu Recht erwähnt zu werden. Diese Menschen waren keine Abenteurer, die ihre Heimat verließen, der Grund war die wirtschaftliche Not. Sie gingen, weil sie eingeladen wurden. Nach Umsiedlung durch Stalin änderte sich auch nach dem Krieg ihr Schicksal nicht. Sie blieben Arbeitssklaven, Deutsch wurde nur in den Familien gesprochen, eine Weiterbildung war ausgeschlossen.

Da die Russlanddeutschen vorwiegend von Hessen aus den Schritt nach Russland wagten, hat Hessen die Patenschaft für sie übernommen. Ein vor wenigen Tagen in Wiesbaden errichteter Gedenkstein soll am "Tag der Heimat" daran erinnern, Vertreibung weltweit zu ächten.

Der Landesvorsitzende der Landsmannschaft der Deutschen aus Russland, Johann Thießen schilderte nochmals in bewegenden Worten die Leidensgeschichte der Russlanddeutschen. Ausgelöst durch den Krieg zwischen Deutschland und Russland, begann ihre Vertreibung nach Kasachstan, die viele nicht überlebten. Erst 1955 konnten sie in ihr ursprüngliches Wohngebiet zurückkehren, in dem es kaum mehr deutsche Siedlungen gab. Thießens Familie hatte Glück im Unglück. Sie kam 1956 in eine 1911 gegründete Siedlung, die ihnen ein Überleben in Gemeinschaft sicherte.
Für Thießen ist es wichtig, dass die Geschichte der Deutschen aus Russland auch als Teil der deutschen Geschichte erkannt wird. Die angemessene Berücksichtigung in der Bundesstiftung "Flucht, Vertreibung, Versöhnung" ist ihm ein Herzensanliegen.

Mit dem Hessenlied "Ich kenne ein Land, so reich und so schön, voll goldener Ähren die Felder........" und dem Lied der Deutschen "Einigkeit und Recht und Freiheit" ging der Festakt zum "Tag der Heimat 2011" in Hessen zu Ende.

Norbert Quaiser
Pressereferent

Im Oktober 2011