Ehren und feiern beim Tag der Vertriebenen am Hessentag 2011

Prominentester Gast: Ministerpräsident Volker Bouffier
Erstmals Hessischer Preis "Flucht, Vertreibung, Eingliederung" verliehen

Bratwurstduft liegt über der Stadt, die Straßen sind für Fußgänger reserviert, und aus jeder Ecke klingt Musik: Der "Hessentag" bestimmt das Leben der Taunusstadt Oberursel! Zehn Tage lang wird gefeiert. Zum "Tag der Vertriebenen", haben sich aus allen Teilen Hessens Vertriebene nach Oberursel auf den Weg gemacht. Auch in diesem Jahr bildete der von BdV-Landeskulturreferent Otmar Schmitz organisierte Volkstumsnachmittag einen Höhepunkt.

Die diesjährige Hessentagsstadt Oberursel hat für Vertriebene eine besondere Bedeutung. Sie bot ihnen nicht nur ein neues Zuhause, sondern auch die Möglichkeit, ihre beruflichen Fertigkeiten weiter zu nutzen. So entstand nach dem Zweiten Weltkrieg eine Glasindustrie, nachdem viele heimatvertriebene Glasfachleute aus dem Sudetenland und Schlesien sowie Flüchtlinge aus Thüringen im hessischen Raum gestrandet waren. Obwohl dieser Industriezweig heute seine Bedeutung verloren hat, sind die in und um Oberursel gefertigten Glaswaren aufgrund der hochwertigen Glasqualität, in Verbindung mit ausgezeichnetem Design, in zahlreichen Sammlungen und Museen weltweit vertreten.

Im großen Saal der Stadthalle war kein Stuhl mehr frei, als Herbert Herrmann den Taktstock hob und seine "Echten Böhmerländer" mit dem "Egerländer Marsch" bewiesen: Nur aus Böhmen kommt die Musik!
Großen Applaus für ihre Grußworte erhielt das Hessentagspaar 2011, Charmaine Weisenbach mit Christian Peter.

Alfred Herold, Landesvorsitzender des Hessischen Bundes der Vertriebenen, zugleich Vizepräsident des BdV, nahm in seiner Begrüßungsansprache den 51. Hessentag zum Anlass, auf dessen Geschichte einzugehen. Das Fest aller Hessen, so Herold, habe seine Wurzeln im Sudetendeutschen Tag in Frankfurt vom Mai 1953, zu dem sich 400.000 Menschen zusammengefunden hatten. Sein Dank galt allen, die aus dem weiten Hessenland von Weser bis Neckar zum Fest der Vertriebenen gekommen waren. Die Bedeutung des "Tages der Vertriebenen", so Herold, zeige sich deutlich an den Ehrengästen.

So waren neben dem Hessischen Ministerpräsidenten Volker Bouffier, Sozialminister Stefan Grüttner, die Landesbeauftragte der Hessischen Landesregierung für Heimatvertriebene und Spätaussiedler, Margarete Ziegler-Raschdorf und deren Amtsvorgänger Rudolf Friedrich der Einladung des Landesvorsitzenden Alfred Herold gefolgt.

Aus dem Hessischen Landtag waren anwesend Heinz Lotz, Frank Sürmann, Hans-Jürgen Irmer und Holger Bellino.

Neben Landrat Ulrich Krebs nahmen von der kommunalen Ebene Oberursels u. A. Bürgermeister Hans-Georg Brum, Erster Stadtrat Dieter Rosentreter, Stadtkämmerer Thorsten Schorr und der Stadtverordnetenvorsteher Dr. Christoph Müllerleite teil.

In seiner Festansprache begrüßte es der Hessischen Ministerpräsident Volker Bouffier, dass der Bund der Vertriebenen ein integraler Bestandteil des Hessentages geworden ist. Dieser Volkstumsnachmittag ist nicht eine rührselige Reminiszenz nach dem Motto: wie es einmal war, sondern die Rückbesinnung auf das wo wir herkommen. Wenn über Brauchtum und Kultur gesprochen wird, so sind das Wurzeln, die notwendig sind, damit wir die Kraft für den Start in die Zukunft finden.
Die alte Heimat nicht zu vergessen und die neue Heimat anzunehmen. Wer sich immer als Fremder verhält, wird immer fremd bleiben. Zur Zukunft gehört, dass die Hessische Landesregierung die finanzielle Förderung der Arbeit des BdV in gleicher Höhe wie bisher fortführen wird. Mit der Unterstützung der Stiftung "Zentrum gegen Vertreibungen" wollte die Landesregierung ein bewusstes Zeichen setzen, dass Flucht und Vertreibung, egal wo und egal wem gegenüber, immer ein Verstoß gegen die Menscherechte ist. Wenn eines der reichsten Länder wie wir, zu Recht die Einhaltung der Menschenrechte überall einfordert, müssen wir durch die Patenschaft für die Stiftung, auch daran erinnern dürfen, dass wir gegenüber eigenen Landsleuten die Flucht und Vertreibung nicht vergessen wollen.

Zum erstmals verliehenen Hessischen Preis "Flucht, Vertreibung, Eingliederung" sagte Sozialminister Stefan Grüttner, dass es 51 Vorschläge gegeben hat. Der Jury ist es deswegen nicht leicht gefallen, eine Wahl zu treffen. Es wird deshalb ein 1. Preis vergeben, aber noch zusätzlich ein Sonderpreis verliehen.

Die Landesbeauftragte der Hessischen Landesregierung für Heimatvertriebene und Spätaussiedler, Margarete Ziegler-Raschdorf würdigte die Preisträger.
Eckhard Scheld, Studiendirektor an der Wilhelm-von-Oranien-Schule in Dillenburg, habe auf dem Gebiet "Flucht, Vertreibung, Eingliederung und Versöhnung" Hervorragendes geleistet. Seit 1989 plant und führt Scheld im Rahmen seiner ehrenamtlichen Tätigkeit im Pädagogischen Arbeitskreis Mittel- und Osteuropa Hessen, Lehrerfortbildungsveranstaltungen im Bereich Geschichte, Politik und Kultur durch. Scheld mache weit über das vorgegebene Maß und jeden Lehrplan seine Schüler mit der Kultur und der Geschichte der Deutschen im Osten und mit dem Zusammenleben der Deutschen mit ihren dortigen Nachbarn vertraut. Mit seinen Schülern erarbeitete er Buch- und Filmdokumentationen sowie musikalische Projekte. Mit Lehrer- und Schülergruppen reiste er auf den Spuren deutscher Vergangenheit in die ehemals deutschen Ostgebiete in Polen, Tschechien, Ungarn, Rumänien und in das bis 1992 abgeschlossene Königsberger Gebiet.

Seine Arbeit entfaltet eine bedeutende und dauerhafte Außenwirkung: Sie hält die Kunde über die ehemals deutschen Siedlungsgebiete östlich der Bundesrepublik wach, bringt das Schicksal der Vertriebenen nahe und fördert die Verständigung mit den neuen Nachbarn. "Es ist besonders zu würdigen, dass damit eine Brücke für das Interesse an diesem Teil unserer Geschichte der heutigen Schülergeneration und damit unserer Zukunft gebaut wird, die vor einem Vergessen des Schicksals der Vertriebenen bewahrt und gleichzeitig die Möglichkeit einer Verständigung und Aussöhnung aufzeigt", so die Begründung der Jury.

Eva Bendl aus Bargau wurde mit dem Sonderpreis für ihre Master-Arbeit zur Erlangung des Grades "Master of Arts" im Studiengang Europäische Kulturgeschichte an der Universität Augsburg, Philologisch-Historische Fakultät, ausgezeichnet. Mit dem Titel "Ich bin ein Südmährer und fertig. Zur regionalen Identitätsbildung der Vertriebenen aus Südmähren in Deutschland" habe Eva Bendl eine außerordentliche und beeindruckende Arbeit zur Konstruktion regionaler Identitätsbildung von Vertriebenen am Beispiel der Südmährer geschrieben, so das Urteil der Jury.

Eva Bendl hat sich über diesen Preis sehr gefreut. Sie hat fünf Interviews in ihrer Arbeit zugrunde gelegt. Die Antwort einer Befragten hat sie besonders beeindruckt: "Weil es nicht vergessen werden darf, dieses Kapitel der Geschichte". So sieht sie auch ihre Arbeit: "Mit den wenigen Mitteln die ich habe, dem Vergessen entgegentreten, deshalb mache ich das".

"Ich bin kein Vertriebener" bemerkte der 1949 geborene Eckhard Scheld in seinen Dankesworten. "Mit Vertriebenen kam ich erst in Verbindung, als das Ehepaar Doleschel 1956 in unser Haus zog. Diese netten Leute waren 1946 aus ihrer Heimat Hannsdorf vertrieben worden. Von ihnen habe ich nach und nach erfahren, was sich in den Jahren ab 1919 abspielte". Eine schicksalhafte Begegnung: das Ehepaar Doleschel als Begründer der so segensreichen Arbeit von Eckhard Scheid.

Zu den musikalischen Höhepunkten des Nachmittags gehörten die Darbietungen des Blasorchesters der "Echten Böhmerländer" aus Aschaffenburg. Diese Formation hat sich besonders dem Erhalt der böhmischen Musik und Kultur verschrieben. Die 15 hoch motivierten Musiker, die durch ihre Spielfreude und ihren Klang überzeugten, sind ein Markenzeichen dieses Orchesters, das Blasmusik in allen Schattierungen und auf höchstem Niveau bietet.
Die Tanzgruppe und der Chor der Egerländer Gmoi zu Gießen führte die Besucher mit ihren Darbietungen zurück in die verlorene Heimat. Ingrid Paulus gilt als die gute Seele beider Gruppen. Ganz gleich, ob sie mit den anderen über die Bühne wirbelt oder beim Singen in der ersten Reihe steht, man spürt gleich, das ist jemand, der ganz in seiner Aufgabe aufgeht.
Ein buntes Bild bot die Schlesische Trachtengruppe Wiesbaden. Sie trägt eine Festtagstracht aus Oberschreiberhau im Riesengebirge. Da es keine Originaltrachten mehr gibt, fertigen sie ihre Tracht in Eigenarbeit. Mehrstimmig stellte sich danach der Männergesangverein 1875 Falkenstein/Taunus vor. Das Schlusslied endete mit einem "Knalleffekt", weil die Sänger aus Übermut kräftig in die Hände klatschten. Die BdV-Musikgruppe Biebesheim-Dornheim setzte mit ihrem Auftritt den musikalischen Schlusspunkt unter das Programm. "Wir sind die Egerländer Musikanten" intonierte die Drehorgel und der Spieler mit der Teufelsgeige stampfte den Takt dazu. Der Holzstab mit den diversen Schlaginstrumenten Becken, Schellenring, Klangholz, und Tamburin versehen, war die Attraktion. Karin Liedke stellte ihre Gruppe vor, die sie zusammen mit Rudolf Mohr leitet.
Zum großen Schlussbild versammelten sich schließlich alle Mitwirkenden und viele Ehrengäste nochmals auf der Bühne. Ein schönes Bild für die Pressefotografen und das Hessische Fernsehen. Mit dem gemeinsam gesungenen Lied "Kein schöner Land" ging der festliche Nachmittag schließlich mit einem großen Applaus zu Ende.

Am Vormittag hielt die Landesbeauftragte der Hessischen Landesregierung für Heimatvertriebene und Spätaussiedler, Margarete Ziegler-Raschdorf eine gut besuchte öffentliche Bürgersprechstunde ab. Die Fachabteilung des Hessischen Sozialministeriums war vertreten durch Referatsleiter Udo Röther, Monika Groh sowie Georg Unkelbach, Büroleiter der Landesbeauftragten.

Unter Vorsitz von Alfred Herold folgte die öffentliche Sitzung des Hessischen Landesbeirates für Vertriebenen-, Flüchtlings- und Spätaussiedlerfragen, an der auch Sozialminister Stefan Grüttner und die Landesbeauftragte Margarete Ziegler-Raschdorf teilnahmen. Aus angenehmen Anlass wurde die Sitzung unterbrochen. Es galt, Rudi Friedrich zu seinem 75. Geburtstag zu gratulieren. Der langjährige Landtagsabgeordnete und frühere Landesbeauftragter der Hessischen Landesregierung, wurde bereits 1999 von Ministerpräsident Koch zum ersten Landesbeauftragten berufen. Zuvor war er Vorsitzender des Landtagsunterausschusses Heimatvertriebene sowie Landesvorsitzender der CDU-Vereinigung "Union der Vertriebenen".

Im Juli 2011