Erbe erhalten - Zukunft gestalten

Ein Lotse geht von Bord - Alfred Herold beim 64. Ordentlichen Landesverbandstag des BdV Hessen in Wiesbaden verabschiedet

Hauptredner Ministerpräsident Volker Bouffier: Der BdV wäre ohne Herold nie so erfolgreich gewesen

Siegbert Ortmann zum neuen Landesvorsitzenden gewählt.

Der hessische Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) hat die Heimatvertriebenen auf ihrem Landesverbandstag in Wiesbaden am Samstag als "Brückenbauer" zu Ländern wie Polen, Tschechien und der Slowakei gelobt. Er versicherte den Delegierten, dass die finanziellen Mittel nicht gekürzt werden. "Denn das, was den Vertriebenen passiert ist, darf nicht in Vergessenheit geraten", so Bouffier.

Projekte, wie die Beschäftigung pädagogisch ausgebildeter, arbeitsloser Russlanddeutscher an hessischen Schulen, seien vorbildlich. "Hessen ist das Integrationsland Nummer 1", betonte der Ministerpräsident. Der Ausschuss des Landtags für Fragen von Heimatvertriebenen und Aussiedlern sei bundesweit einmalig. "In Zeiten eines globalen Europas können wir es uns nicht leisten, auf die Erfahrung und die Geschichte der Vertriebenen zu verzichten." Die Gestaltung einer europäischen Zukunft sei eine ideale Aufgabe für die Heimatvertriebenen, sagte Bouffier.

Danach wandte sich der Regierungschef dem scheidenden Landesvorsitzenden Alfred Herold zu, der nach zwölf Jahren sein Amt niederlegt hatte. Herold sei weit über unser Land hinaus eine Stimme, ein Gesicht und eine Figur für die Anliegen der Vertriebenen gewesen. Auch künftig sei er für jede Regierung ein Ansprechpartner, wenn es um die Anliegen der Vertriebenen geht. "Wir haben Ihnen viel zu verdanken, ich bedanke mich im Namen des Landes Hessen, ich bedanke mich als Landesvorsitzender der hessischen CDU und ich bedanke mich auch persönlich für das was Sie geleistet haben," schloß der Ministerpräsident.

Herold hatte die Delegierten und zahlreiche Ehrengäste willkommen geheißen, so Dr. Norbert Herr MdL, Vorsitzender des Unterausschusses für Heimatvertriebene, Aussiedler, Flüchtlinge und Wiedergutmachung, Stadträtin Rose-Lore Scholz in Vertretung von Wiesbadens Oberbürgermeister Dr. Helmut Georg Müller, Stadtverordnetenvorsteher Wolfgang Nickel, Wilhelm Reuscher MdL (FDP), Sprecher für Petitionen im Hessischen Landtag, Stadtverordneter Christoph Manjura (SPD), Ziegler-Raschdorf, Landesbeauftragte der Hessischen Landesregierung für Vertriebene und Spätaussiedler, Georg Unkelbach, Leiter des Büros von Margarete Ziegler-Raschdorf und Gudrun Osterburg, Vorsitzende des Unterausschusses für Heimatvertriebene. BdV-Präsidentin Erika Steinbach, durch eine andere Verpflichtung verhindert, war jedoch durch ihr herzliches Grußwort mit der Veranstaltung verbunden.

Das hessische Fernsehen war durch M. Schütze, der "Wiesbadener Kurier" durch Carolin Hinz und "dpa" durch Kathrin Handschuh vertreten.

Einstimmig wurde das Verbandstagspräsidium in die bewährten Hände von Siegbert Ortmann, Dr. Herbert Küttner und Rudolf Riedel gelegt. Ungeteilte Zustimmung fand ebenso das Protokoll des Landesverbandstages 2011. Die Totenehrung sprach Helmut Seidel. Er erinnerte an die Toten des Krieges und der Vertreibung, aber auch an die tausenden Toten in Syrien, die ebenfalls wie die Sudetendeutschen, für Freiheit und Selbstbestimmung ihr Leben eingesetzt haben.

In sehr persönlich gehaltenen Grußworten wandten sich Stadträtin Rose-Lore Scholz und Stadtverodnetenvorsteher Wolfgang Nickel an die Delegierten. Rose-Lore Scholz bekräftigt die gute Verbindung des BdV und der angeschlossenen Landsmannschaften zur Landeshauptstadt Wiesbaden. Nur wer Flucht und Vertreibung am eigenen Leibe erfahren habe wisse, wie wichtig es sei, kulturelles Erbe zu erhalten.

Das Motto "Erbe erhalten - Zukunft gestalten" spiegele die Grundsätze des BdV gut wieder, sagte Nickel. So sei es dem Bund der Vertriebenen bereits gelungen, die europäische Zukunft mitzugestalten. "Die Arbeit der Vertriebenen habe zum Zusammenwachsen der Völker Europas beigetragen" fügte er unter Beifall der Delegierten und Gäste hinzu.

Der Erstattung des Geschäftsberichtes 2011, der Vorlage der Jahresrechnung 2012 und des Berichts der Kassenprüfer, folgte einstimmige Entlastung des Vorstandes. Der Haushaltsplan für 2012 wurde von allen einstimmig verabschiedet. Landesschatzmeister Otto R. Klösel wurde wegen seiner umsichtigen Haushaltsplanung ganz besonders gedankt.

Bedenken, dass in der geplanten Dokumentationsstätte "Flucht, Vertreibung, Versöhnung" (SFVV) die Geschichte in einem wesentlichen Punkt verfälscht wird, stand in der Entschließung, die den Delegierten vom Kreisvorstand Groß-Gerau zur Abstimmung vorgelegt worden war.

Dass die Ursachen der Vertreibung ausschließlich der Zweite Weltkrieg und die nationalsozialistischen Verbrechen gewesen sein sollen, kritisieren die Verfasser. Sie verlangten darüber Abstimmung und Weitergabe an BdV-Präsidium, Mitglieder des Stiftungsrates, Landesverbände und die Presse. Einstimmig waren die Delegierten dafür, dass die Bedenken den genannten Gremien vorgelegt werden sollen. Die Entschließung ist beigefügt.

Mit der Neuwahl des geschäftsführenden Landesvorstandes stand ein weiterer wichtiger Punkt auf der Tagesordnung. Zuvor war Herold verabschiedet worden, der nach 12 Jahren seinen Rücktritt angekündigt hatte.

Als einziger Kandidat hatte sich Siegbert Ortmann um die Nachfolge beworben. Auf Anhieb wurde er mit überwältigender Mehrheit zum neuen Landesvorsitzenden gewählt. Neu in den Landesvorstand gelangte Georg Stolle als einer seiner Stellvertreter.

Ortmann zeigte sich nach seiner Wahl hoch erfreut. "Intensiver Kontakt innerhalb des Verbandes, wie auch zu den benachbarten Landesverbänden halten, wird meine vordringliche Aufgabe sein", sagte der neue Landesvorsitzende. Mit auf den neuesten Stand gebrachtem Informationsmaterial will Ortmann der Arbeit an der Basis neue Impulse verleihen.

Siegbert Ortmann stammt aus dem Egerland. Nach dem Abitur studierte er Rechtswissenschaften. Seit 1969 war er als Rechtsanwalt, seit 1972 als Notar in Lauterbach tätig. Von 1987 bis 2003 war Siegbert Ortmann für 4 Wahlperioden Mitglied des Hessischen Landtags. Als Vorsitzender des BdV-Kreisverbandes Lauterbach kennt er die Arbeit vor Ort. Seit Februar diesen Jahres gehört er als stellvertretender Bundesvorsitzender zur Führungsspitze der Sudetendeutschen Landsmannschaft.

Die erste Amtshandlung Ortsmanns, war die Ernennung von Alfred Herold zum "Ehrenvorsitzenden auf Lebenszeit". Stehend applaudierend, stimmten die Delegierten dieser Ehrung des Mannes zu, der in den vielen Jahren gemeinsamen Wirkens, ein Beispiel in Heimattreue, Vorbild in Arbeitsauffasung und manchen sogar ein Freund geworden war.

"Ich habe Vielen Dank zu sagen" antwortete Alfred Herold gerührt.
"Den Hessischen Landesregierungen unter Ministerpräsident Roland Koch und Volker Bouffier, Margarete Ziegler-Raschdorf, für ihr Wirken als Landesbeauftragte der Hessischen Landesregierung für Vertriebene und Spätaussiedler. Mein Dank gilt auch den Mitgliedern des BdV-Landesvorstandes, allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in den BdV-Orts- und Kreisverbänden, sowie den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in der Landesgeschäftsstelle. Ganz besonders danke ich aber meiner Frau, die mir immer wieder Mut gemacht hat und mir stets eine verläßliche Hilfe bei schwierigen Aufgaben war. Ohne sie hätte ich meinen vielfältigen Aufgaben nicht nachgehen können."

Von seiner langjährigen Landesgeschäftsführerin Jenny Brämer verabschiedete er sich mit einem bunten Frühlingsblumenstrauß.

"Vertrauen und Glaubwürdikeit" schloss Herold, "sind hohe Werte, die nicht käuflich zu erwerben sind. Sie müssten immer wieder neu erworben werden." Dem neuen Landesvorsitzenden legte er ans Herz, das bei seinem Handeln zu bedenken. "Dann werden wir auch gemeinsam unser Ziel erreichen: unserer Heimat und ihren Menschen zu dienen."

Mit diesem Schlusswort seines Vorgängers und dem gemeinsam gesungenen "Lied der Deutschen" "Einigkeit und Recht und Freiheit" entließ - nach diesem denkwürdigen Tag - Siegbert Ortmann die Delegierten in ihre Heimatkreise.

Im Juni 2012

Text: Norbert Quaiser
Fotos: Erika Quaiser