Erbe erhalten - Zukunft gestalten

BdV-Hessen beging zum 11. Male den Tag der Heimat
im Biebricher Schloss in Wiesbaden.

Festredner Hessischer Minister der Justiz, für Integration und Europa und
stellvertretender Ministerpräsident Jörg-Uwe Hahn:
Heimat, emotionale Grundlage sich mit anderen wohl zu fühlen

Alfred Herold zum Ehrenvorsitzenden des hessischen BdV-Landesverbandes ernannt

Im Schloss war die Rotunde für die Festveranstaltung zum Zentralen Tag der Heimat, wieder weit geöffnet. Im vorigen Jahr wollten draußen die "Roten" mit Lautsprecher und Transparenten stören, in diesem Jahr versuchten "Grüne", die Besucher lautstark auf sich aufmerksam zu machen: Mehrere Hundert, seit Jahrzehnten im Schlosspark lebende, grüne Papageien boten den Besuchern in ihrer Sprache ein herzliches Willkommen!

Im Rahmen der Festveranstaltung wurde Alfred Herold zum Ehrenvorsitzenden des Bundes der Vertriebenen, Landesverband Hessen, ernannt. Ehe Alfred Herold Anfang dieses Jahres sein Amt in jüngere Hände legte, war er über 13 Jahre lang als BdV-Landesvorsitzender tätig. Viele Ereignisse, Neuerungen und Änderungen hat er federführend geprägt. Siegbert Ortmann, der Alfred Herold im Amt des ersten Vorsitzenden folgte, dankte seinem Vorgänger für die geleistete Arbeit. Sein bemerkenswertes Engagement verdiene hohen Respekt und Anerkennung.

Wie in jedem Jahr hatten zahlreiche Gäste, Vertreter aus der Politik, den Kommunen, Vereinen und Verbänden, erfreulicherweise nicht ausschließlich Heimatvertriebene, der Einladung des Landesvorsitzenden Folge geleistet.

So waren neben dem Hessischen Minister der Justiz, für Integration und Europa und stellvertretender Ministerpräsident Jörg-Uwe Hahn, der Präsident des Hessischen Landtages Norbert Kartmann, der umweltpolitische Sprecher der FDP- Landtagsfraktion Frank Sürmann, der Feuerwehrpolitische Sprecher der SPD-Landtagsfraktion Dieter Franz, in Vertretung von Stadtverordnetenvorsteher Wolfgang Nickel, Hans-Peter Schickel gekommen.

Stadträtin Rose-Lore Schulz und Stadtrat Wolfgang Herber vertraten den Wiesbadener Oberbürgermeister Dr. Helmut Müller. Vom Sozialministerium waren die Landesbeauftragte der Hessischen Landesregierung für Heimatvertriebene und Spätaussiedler, Margarete Ziegler-Raschdorf, Ministerialdirigent im Hessischen Sozialministerium Dr. Stefan Hölz und Büroleiter Georg Unkelbach zugegen.

Unter den Gästen waren auch der Landesbeauftragte der Hessischen Landesregierung für Heimatvertriebene und Spätaussiedler a.D. Rudolf Friedrich, der Vorsitzende der SPD-Stadtverordnetenfraktion Stephan Belz, der BdV-Kreisvorsitzende von Wiesbaden Manfred Laubmeyer, Ehrendomherr Karl Kindermann, der Landesvorsitzende der Ackermanngemeinde Mainz, Region Oberhessen, Rudolf Krämling, Helma Schnell-Kretschmer, die als Vertreterin des VdK-Landesvorsitzenden Udo Schlitt gekommen war und Mitglieder des Internationalen Verbandes der deutschen Kultur aus Moskau mit ihrer Vorsitzenden Vera Maier, die gerade erst den Integrationspreis der Landeshauptstadt Wiesbaden verliehen bekommen hat.

Von der "kommunalen Ebene" begrüßte Ortmann den Bürgermeister von Hainburg, Bernhard Bessel und vom Heimatkreis Bärn, Ingeborg Kohler, Waltraud Kretschmer und Peter Jurenda. Der "Wiesbadener Kurier" hatte Beke Heeren-Pradt entsandt. Der Hessische Rundfunk war durch Fernseh-Chefredakteur Alois Theisen und Bildreporter vertreten.

In seiner Begrüßungsansprache hob Ortmann hervor, dass die "Zentrale Veranstaltung zum Tag der Heimat" im jährlichen Arbeitsprogramm des BdV, eine hervorgehobene Stellung einnimmt. Zeige doch die große Schar der Gäste immer wieder ihre Verbundenheit zu unserem politischen Volksgruppenverband der verschiedenen Landsmannschaften. "Der BdV gibt diesen Landsmannschaften bekanntlich eine Stimme, die von der Öffentlichkeit auch gehört wird, weil sie anerkannte Zielsetzungen für die Zukunft und nicht nur Vergangenheitsbewältigung verfolgt," so Ortmann.

Dabei wären dem BdV Revanchismus und radikale Ansichten fremd. Die politischen Visionen richteten sich auf einen ehrlichen Dialog mit allen demokratischen Kräften in diesem Land und darüber hinaus auch mit den östlichen Nachbarn. Alle diese Aktivitäten dürften selbstverständlich nicht die Erinnerung an die schrecklichen Ereignisse nach dem zweiten Weltkrieg verdrängen, denn ein Vergessen würde letztendlich dazu führen, dass die Heimatvertriebenen über kurz oder lang auch noch aus den Geschichtsbüchern vertrieben werden.

Auch 66 Jahre nach der völkerrechtswidrigen, kollektiven Vertreibung schmerze es der Erlebnisgeneration immer noch, die Heimat unter unsäglichen Qualen und zugefügtem Leid verlassen haben zu müssen. Viele der damaligen Leidensgenossen hätten die Vertreibung gar nicht überlebt. Tausende, darunter auch Kinder seien ermordet, unzählige Frauen vergewaltigt worden. Es gelte, diese humane Katastrophe den nächsten Generationen verständlich und wahrheitsgetreu zu überliefern.

Dabei würden sicher die alljährlich stattfindenden Veranstaltungen zum "Tag der Heimat", vor allem aber immer mehr namhafte Historiker beitragen, die ohne Umschweife dazu übergingen, die 1946 erfolgte Vertreibung aus den Ostgebieten als die größte ethnische Säuberungsaktion der Menschheitsgeschichte zu bewerten.

Neuerlich hinzugekommen sei in diesem Kreis der irische Historiker Ray. M. Douglas, der an der Colgate University in Hamilton im US-Bundesstaat New York lehrt und kein Deutscher, geschweige denn ein Vertriebener ist. Er habe in seinem kürzlich erschienenen Buch "Ordnungsgemäße Überführung - die Vertreibung der Deutschen nach dem zweiten Weltkrieg" fundierte objektive Aufarbeitung zu diesem heiklen Thema der Vertreibung der Deutschen unternommen und damit zur weiteren Versachlichung der noch immer herrschenden Kontroversen beigetragen.
"Ich wünsche mir, dass auch dieses Werk von allen Interessierten im In- und Ausland mit Verstand gelesen wird, um zu erreichen, dass solche unmenschlichen Zwangsumsiedlungen als zutiefst menschenverachtendes Mittel der Politik auf der ganzen Welt und für alle Zeiten geächtet und unterbunden werden" schloss Ortmann die mit starkem Beifall bedachte Ansprache.

Die Verbundenheit mit den Heimatvertriebenen kam auch in den sehr persönlichen Grußworten zum Ausdruck. Bundesministerin Dr. Kristina Schröder und BdV-Präsidentin Erika Steinbach sandten Grüße.

Landtagspräsident Norbert Kartmann betonte, dass die Landesregierung, über Parteigrenzen hinweg, immer den Zugang zum BdV gesucht habe. Dabei sei die ausgezeichnete Zusammenarbeit mit dem bisherigen Landesvorsitzenden Alfred Herold sehr wertvoll gewesen. Dass die Vertreibung der Deutschen nicht in Vergessenheit gerät, dürfe nicht davon abhängen, wieviele Menschen es noch gibt, die davon und ihrer Heimat berichten. Kürzlich habe er Landsleute, Siebenbürger Sachsen, in Kanada besucht. Nur Siebenbürgen in Rumänien nannten alle als ihre Heimat.

Stellvertr. Stadtverordnetenvorsteher Hans-Peter Schickel sprach im Namen der Wiesbadener Stadtverordnetenversammlung. Die Integration der Vertriebenen und Flüchtlinge bezeichnete er als beispielhaft, wobei beide Seiten, die "Einheimischen" und die Vertriebenen, ihren Anteil zum Gelingen beigetragen hätten.

Stadträtin Rose-Lore Scholz, deren Mutter bereits seit 1951 BdV-Mitglied ist, erinnert sich, dass in ihrer Familie der Tag der Heimat "wie Weihnachten und Ostern" fest im Kalender" stand. Regelmäßig habe die Familie alle Veranstaltungen besucht und daraus viel Kraft gewonnen, ihr Vertreibungsschicksal zu ertragen. Als Schul- und Kulturreferentin wird sie am 25. September 2012 der Hessischen Landsmannschaft der Deutschen aus Russland den Integrationspreis überreichen.

In seiner Festansprache gratuliert der Hessische Minister der Justiz, für Integration und Europa und stellvertretender Ministerpräsident, dem neuen Landesvorsitzenden Siegbert Ortmann zu seiner Wahl in dieses hohe Amt. Die Erfahrung aus früherer beruflichen Tätigkeit wird Ortmann bei seiner Arbeit an der Spitze des hessischen BdV zugutekommen.

Der BdV sei ein wesentlicher Bestandteil Hessens. Seine Arbeit sei von der Idee geleitet, aus der Vergangenheit zu lernen, um daraus Folgerungen für die Zukunft zu ziehen. Die Hessische Landesregierung stelle für die Festveranstaltung zum Tag der Heimat die "Gute Stubb" Hessens gern zur Verfügung. Eine Definition "Heimat" könne er für sich nicht nennen. Er habe ostpreußische Vorfahren, sei in Kassel geboren und danach über Köln nach Hessen gekommen. "Wo ist meine Heimat, frage er sich". Für ihn sei "Heimat" die emotionale Grundlage, sich mit anderen wohl zu fühlen.

Das sei auch der Grund gewesen, dass der frühere Hessische Ministerpräsident den Hessentag "erfunden" habe. "Einheimische" und Vertriebene sollten zu einer Gemeinschaft zusammenfinden. Es war der Verlust der Heimat, der die Eltern fragen ließ, was können wir anders machen? Der Schritt zu Europa als Heimat sei dann nicht weit gewesen. Der Anfang sei eine Wirtschaftsgemeinschaft gewesen, aber ein Zusammenhalt sei nur in einer Rechtsgemeinschaft möglich. Europa sei nur in einem Staatenbund und nicht in einem Bundesstaat möglich. Die Eigenheiten der einzelnen Staaten müssten erhalten bleiben. Schließlich appellierte der Minister noch daran, auch denen eine Chance zu geben, die heute als Vertriebene und Flüchtlinge nach Hessen kommen.

Zur würdigen, musikalischen Umrahmung der Festveranstaltung, hatte Landeskulturreferent Otmar Schmitz den Chor "ChorART Rheingau" und das Duo Xin Wen Zhang und Yannick XI eingeladen. Dass in diesem Jahr wieder die Blaskapelle "Weindorf Johannisberg" im Schlosshof konzertierte, wurde von den Gästen mit besonderem Applaus belohnt.

In seinem Schlusswort dankte Georg Stolle den Mitwirkenden und mit dem "Hessenlied" "Ich kenne ein Land, so reich und so schön, voll goldener Ähren die Felder........" und dem Lied der Deutschen "Einigkeit und Recht und Freiheit" ging der Festakt zum "Tag der Heimat 2012" in Hessen zu Ende.

Text: Norbert Quaiser
Fotos: Erika Quaiser

Im September 2012