Hessentag 2012 in Wetzlar

Heimatvertriebene gaben Anstoß
Am "Tag der Vertriebenen" Volkstumsveranstaltung "Singende, klingende Heimat"
Festredner Sozialminister Stefan Grüttner

Wie das Hessentagsmotto "Kulturell - lebendig - bunt" , so zeigte sich auch das Programm der großen Volkstumsveranstaltung "Singende, klingende Heimat" am Tag der Vertriebenen. Die ersten Gäste waren schon früh aus allen Teilen Hessens nach Wetzlar angereist und als Horst Nausch den Taktstock hob und seine "Echten Böhmerländer" den "Egerländer Marsch" schmetterten, war schnell auch der letzte Platz im großen Saal der Stadthalle besetzt.

Hoher Besuch ließ nicht lange auf sich warten. Das Hessentagspaar 2012, Nina Becker und Florian Köhler, machte den Versammelten ihre Aufwartung. Da Wetzlar keine eigene Tracht kennt, orientierte man sich bei der Kleidung für das Hessentagspaar an dem Stil aus der Zeit, als der junge Johann Wolfgang Goethe wohl der berühmteste Praktikant am Reichskammergericht in Wetzlar war.

Für den neuen hessischen BdV-Landesvorsitzenden Siegbert Ortmann war die Veranstaltung eine gute Gelegenheit, sich der Öffentlichkeit vorzustellen. Über viele zurückliegende Jahre hatte sein Vorgänger, Alfred Herold, die Gäste willkommen geheißen. Für Ortmann ist die überwältigende Teilnehmerzahl der Beweis, dass die Heimatvertriebenen in unserem Hessenland, auch 66 Jahre nach zwangsweisem und schmerzhaften Verlust ihrer Heimat, immer noch als organisierte Landsmannschaften ein fester Bestandteil unserer gegenwärtigen Gesellschaft sind.
Waren früher die Akteure dieser Volkstumsveranstaltung fast ausschließlich Angehörige der Vertriebenenverbände, so gesellten sich im Laufe der Zeit auch Folkloregruppen der Spätaussiedler aus den ehemaligen Sowjetregionen und andere östliche Volkstumsgruppen dazu, erklärte Ortmann.

Die Bedeutung des "Tages der Vertriebenen", so Ortmann, zeige sich deutlich an den Ehrengästen. So waren neben Landtagspräsident Norbert Kartmann, dem Hessischen Sozialminister Stefan Grüttner, Sybille Pfeiffer (MdB), Hans-Jürgen Irmer (MdL), der Landesbeauftragten der Hess. Landesregierung für Heimatvertriebene und Spätaussiedler Margarete Ziegler-Raschdorf, Georg Unkelbach aus dem Sozialministerium, dem Oberbürgermeister der Stadt Wetzlar Wolfram Dette, der Bürgermeisterin Birgit Sturm, dem Landrat Wolfgang Schuster und dem ersten Kreisbeigeordneten Wolfgang Hofmann, dem Stadtverordnetenvorsteher der diesjährigen Hessentagsstadt Udo Volck und dessen Stellvertreter Waldemar Kleber sowie weitere Stadtverordneten und Kreistagsabgeordnete, der Einladung des Landesvorsitzenden gefolgt.

In den Grußworten kam die Solidarität mit den deutschen Heimatvertriebenen zum Ausdruck.
Landtagspräsident Norbert Kartmann ist selbst BdV-Mitglied. Er hält den BdV für ein wesentliches Verbindungselement zwischen den Ländern in Europa, nämlich Brücken zwischen den Herkunftsländern und den Ländern, die heute Teil der Europäischen Union sind. Jetzt erfülle sich, so Kartmann, das, was in der Charta der deutschen Heimatvertriebenen festgeschrieben wurde, nämlich, dass die deutschen Heimatvertriebenen sich am Aufbau der demokratischen Strukturen in Europa beteiligen. Das sei, neben der Brauchtumspflege, eine Zukunftsaufgabe. Wenn wir dabei auf Kritik stoßen, so stört uns das nicht, "denn was wir zu tun haben ist demokratisch, patriotisch und europäisch" fügte er hinzu.

Der Oberbürgermeister von Wetzlar, Wolfram Dette, erinnerte an den ersten Hessentag vor 52 Jahren in Alsfeld. Damals sei das Thema Integration ein wesentliches Element des Hessentages gewesen. Es ging darum, die vielen Millionen vertriebener Menschen als Teil dieses Bundeslandes begreifbar zu machen und ihnen eine neue Lebensperspektive zu geben. Das sei in Hessen vorbildlich gelungen. Auch dürften die kulturellen Wurzeln der Vertriebenen nicht in Vergessenheit geraten. Die unterschiedlichen Kulturen hätten sich befruchtet. Wetzlar trage durch die Pflege des ostdeutschen Liedgutes zur Erhaltung des Kulturgutes der Vertriebenen bei. Er lud herzlich zum Besuch der Ausstellung "50 Jahre Patenschaft der Stadt Wetzlar für das Ostdeutsche Lied 1962 - 2012", ein.

In seiner Festansprache erinnerte der Hessische Sozialminister Stefan Grüttner daran, dass es viele Gründe gäbe, dem Bund der Vertriebenen und den Landsmannschaften zu danken. Ihre Aufbauleistung, ihre Integrationsleistung und ihr fortwährendes gesellschaftliches Engagement, dies alles sei für Hessen von grundlegender Bedeutung. Ohne die Heimatvertriebenen wäre Hessen nicht dort wo es heute ist. Als Hessischer Sozialminister stehe er an der Seite der Menschen, denen man die Heimat gewaltsam genommen habe. Er werde Ministerpräsident Volker Bouffier nachdrücklich bitten, im Bundesrat die Forderung nach einem Vertriebenengedenktag zu unterstützen und sich der Initiative Bayerns nach einer Entschädigung deutscher Zwangsarbeiter anzuschließen. "Die Landesregierung ist und bleibt auch in Zeiten schlechter Haushaltslagen ein verlässlicher Partner für die Anliegen der Heimatvertriebenen", schloss der Sozialminister.

Mit viel Applaus begrüßt wurden danach die "Echten Böhmerländer" aus Aschaffenburg, einem Blasorchester der Extraklasse. Sein Leiter Horst Nausch hat sich zusammen mit seinen Musikern auf die Fahnen geschrieben, die Egerländer Märsche, Polkas und Walzer, ja die Egerländer Kultur am Leben zu erhalten. Musiziert wird in Egerer Trachten, die das Orchester nach Originalvorlagen hat schneidern lassen.

Auch die Tanzgruppe und der Chor der Egerländer Gmoi zu Gießen sind ein Stück Egerländer Kulturgut. Ingrid Paulus hält die Gruppe begeisterungsfähiger Tänzer und Sänger zusammen. Einen Nachweis, dass egerländisches Blut durch Adern ihre fließt, brauchten die Akteure nicht zu erbringen, denn nicht alle sind waschechte Egerländer. Bei der Aufnahmeprüfung müssen Wörter wie "Huasnoantoutaran" und "Halstöichl" aber fehlerlos ausgesprochen werden können, wird gesagt! Ingrid Paulus hatte es auch übernommen, die Gruppen vorzustellen und deren Auftritte anzukündigen.

Sowohl der Chor der Egerländer Gmoi zu Gießen, als auch der Russlanddeutsche Chor "Heimatklang" Gießen standen unter der Leitung von Olga Kallasch. Nach zunächst getrennt vorgetragenen Liedern, feierten beide Chöre mit einem gemeinsamen Auftritt und der Europahymne eine gelungene Premiere.
Eine Augenweide bot die Siebenbürgisch-Sächsische Tanzgruppe Niederolm.
Da sie nur wenige Originaltrachten aus der Heimat mitbringen konnten, fertigen auch sie ihre Tracht in mühsamer Eigenarbeit. Dass man um Nachwuchs nicht bange sein muss, bewies die Volkstanzgruppe der Egerlandjugend Hessen, die nach ihrer Darbietung zum Landestreffen in Hungen am 2. September einlud. Einen großen Auftritt hatten die Sänger des traditionsreichen "Erk'scher Männergesangverein Wetzlar von 1841" unter seinem Dirigenten Matthias Zipp. Der Chor ist Träger der Zelter-Medaille, der höchsten Auszeichnung um die Pflege der Chormusik und des deutschen Volksliedes. Meisterlich war der Gesangsvortrag "Im Rosengarten" mit Matthias Zipp am Piano.

Viel zu schnell waren die Stunden in schöner Gemeinschaft verflogen. Landesvorsitzender Siegbert Ortmann dankte allen - vor, auf und hinter der Bühne - und lud zum Besuch des Informationsstandes ein, der vom BdV- Kreisverband Wetzlar in der Landesausstellung eingerichtet wurde. Als besonderes Ereignis kündigte er die anschließende Eröffnung der Ausstellung "Kirchen im nördlichen Ostpreußen und die Geschichte des Königsberger Diakonissen-Mutterhauses" in der "Königsberger Diakonie" an, wo diesmal auch die schon traditionelle öffentliche Bürgersprechstunde mit der Landesbeauftragten der Hessischen Landesregierung für Heimatvertriebene und Spätaussiedler, Margarete Ziegler-Raschdorf, stattfindet.

Zum großen Schlussbild versammelten sich schließlich alle Mitwirkenden und viele Ehrengäste nochmals auf der Bühne. Ein schönes Bild für die Pressefotografen.
Mit dem gemeinsam gesungenen Lied "Kein schöner Land" und der Nationalhymne ging die festliche Volkstumsveranstaltung mit einem großen Applaus zu Ende.

Im Juni 2012

Text: Norbert Quaiser
Fotos: Erika Quaiser