Vor 66 Jahren aus der Heimat vertrieben

Sudetendeutsche erinnern an erzwungenen Weg ins hessische Lauterbach

Gedenkveranstaltung und Ausstellung im Rahmen Lauterbachs 1200-Jahr-Feier

In der "Knödelallee" entstanden die ersten Eigenheime in Selbsthilfe

Als 1905 die im Jugendstil gebaute Lauterbacher "Adolf-Spieß-Halle" als Turnhalle ihrer Bestimmung übergeben wurde, ahnte niemand, dass es kaum 40 Jahre später mit dem Turnen erst einmal vorbei sein würde: Die Halle wurde zum ersten festen "Dach über dem Kopf" von zehntausenden vertriebenen Sudetendeutschen.

Die Stadt Lauterbach musste den ersten Transport von Heimatvertriebenen aus dem Egerland am 12. Februar 1946 geradezu "Hals über Kopf" organisieren und durchführen. Denn erst am 9. Februar 1946, also drei Tage vor Ankunft, kam vom bayerischen Grenzübergangslager Furth im Wald die Nachricht über das Eintreffen eines Transportes mit 1200 Personen, das waren 40 Viehwaggons mit je 30 Personen. Insgesamt sind Vertriebene aus 48 Transporten kurzfristig in der Turnhalle untergebracht worden, bevor sie in Dörfer des Vogelsberges und anderer Regionen Hessens eine neue Bleibe fanden. Darunter waren übrigens auch der Nobelpreisträger Peter Grünberg, der ehemalige Weihbischof in Limburg Gerhard Pieschl und der heutige hessische BdV-Landesvorsitzende und stellvertretende Bundesvorsitzende der SL, Siegbert Ortmann.

Nicht so oft dürfte es vorkommen, dass eine Gedenkveranstaltung gerade an dem Ort stattfindet, der für alle zum Beginn eines neuen Lebensabschnittes wurde. In der dafür mit Bedacht gewählten "Adolf-Spieß-Halle", dem "Auffang- und Verteilungslager Lauterbach", kamen Erinnerungen auf.

"Für uns Kinder war die Massenunterbringung in dieser Halle mit all den misslichen Begleitumständen ein weiteres Abenteuer im Rahmen der Zwangsvertreibung, die unsere Mutter immer wieder unter Tränen beklagte, verbunden mit ihrer fortwährend geäußerten Hoffnung auf eine baldige Rückkehr in die alte sudetendeutsche Heimat", erinnerte Ortmann in seiner Festansprache. "Mit den mitgebrachten Gepäckstücken gestalteten sich die zugewiesenen Lagerstätten sehr beengt und unhygienisch allemal. Beim ständigen Umräumen der "Mitbringsel" wollte meine Mutter von mir immer wieder wissen, weshalb ich beim eiligen Zusammenpacken des erlaubten Gepäcks im alten Zuhause vor der Vertreibung ausgerechnet einen recht schweren Fleischklopfer eingepackt hätte".

"Es waren viele Hürden im Zusammenleben mit der einheimischen Bevölkerung zu nehmen. Der Grund dieses im Großen und Ganzen erträglichen Miteinanders war zum einen die gemeinsame deutsche Muttersprache und zum anderen die aus großer Not und unsäglichem Leid herrührende enorme Anpassungsfähigkeit, der Heimatvertriebenen selbst. Wir Vertriebenen kamen zwar materiell arm hier an, aber nicht ohne Schaffenskraft und den ungebrochenen Willen unserer Eltern und Großeltern zu einem lebenswerten Start in einer neuen Heimat", so Ortmann.

Die berufliche Struktur der "Neubürger" sei eine große Hilfe gewesen: es waren Landwirte, Handwerker, Kaufleute, Lehrer, Beamte und vielfältige Akademiker unter ihnen. Sie alle verschafften dem wirtschaftlichen Leben in dieser Region einen mächtigen Auftrieb. Aber es sei bei den Berufsaufnahmen auch immer wieder Schwierigkeiten gekommen.

Beispielsweise sei der Vater von Siegbert Ortmann, ein an der Karls-Universität in Prag ausgebildeter Volljurist gewesen. 1940 im Sudetenland auf Lebenszeit zum Notar ernannt, sei ihm in der neuen Heimat vom Justizministerium in Wiesbaden eröffnet worden, dass er sich zwar als Rechtsanwalt zulassen könne, aber die Berufsausübung als Notar erst nach 10- jähriger Anwaltstätigkeit möglich sei. Erst zähe und hartnäckige Einspruchsverfahren führten schließlich zur Änderung dieser ministeriellen Entscheidung.

Behördlicherseits war bekannt, dass die Unterbringung eines Teils der Neubürger nicht als menschenwürdig bezeichnet werden konnte. Die Behebung der Wohnungsnotlage hatte also höchste Priorität und dazu erbrachten die Vertriebenen enorme eigene Anstrengungen, was aber zwischen Einheimischen und Heimatvertriebenen auch immer wieder Befremden und Irritationen auslöste. So wurde beispielsweise eine Straße, in der Einfamilienhäuser für Sudetendeutsche überwiegend in Eigenleistung errichtet wurden, im Volksmund "Knödelallee" genannt.

SL-Kreisobmann Anton Lerch hatte zuvor die Gäste willkommen geheißen. Lerch arbeitet schon über Jahrzehnte beispielhaft für seine Landsleute. Die Pflege des alten Brauchtums liegt ihm besonders am Herzen. Die Egerländer Hutscha Stub`n im Stadtteil Maar geht auf seine Initiative zurück. So werden die Erinnerung an die grausame Heimatvertreibung wider das Vergessen wachgehalten, wie diese von ihm ausgerichtete Veranstaltung eindrucksvoll bewies. Was die Musik betraf, hatte er für "jugendliche Farbtupfer" gesorgt, denn musikalische Einlagen mit Musik von Mozart, Dvorak und Brahms bot ein Holzbläserquartett mit Schülern vom Alexander-von Humboldt-Gymnasium unter ihrem Musiklehrer Markus Euler.

Im Gedenken an unsere Toten sprach Marius Ortmann davon, dass sie heute noch ein tragendes Bindeglied zu unserer Heimat sind. Er erinnerte an die Opfer des 4. März 1919 in Böhmen und Mähren. Die damaligen 54 Toten dokumentierten aller Welt, dass das sudetendeutsche Problem schon Jahre vor dem Hitlerregime akut war. Er gedachte aller verstorbenen Vorfahren im ehemaligen Sudetenland. Ihre Gräber weiter zu erhalten und zu pflegen sollte uns Verpflichtung sein.

Sein Gedenken galt aber in besonderem Maße jenen sudetendeutschen Frauen, Kindern und Männern, die in den Wirren der Jahre 1945-47, also nach Kriegsende, zu Tode geschunden und ermordet wurden. Sie alle seien den Strapazen erlegen, bei der menschenverachtenden Vertreibung auf den 1200 Transporten aus dem Egerland und Erzgebirge, dem Elbtal, aus Nord- und Ostböhmen, vom Iser- und Riesengebirge bis hin zum Altvater, aus dem Schönhengstgau, dem Kuhländchen, aus Südmähren, den Sprachinseln und dem Böhmerwald. In das Gedenken schloss er auch unsere Angehörigen und Heimatfreunde ein, die sich nach der Vertreibung in aufopfernder, landsmannschaftlichen Arbeit, unermüdlich für eine friedliche Zuerkennung des unteilbaren Heimatrechtes einsetzten und nun in ihrer neuen Heimat ihre letzte Ruhestätte gefunden haben. Alle diese Toten seien uns Mahnung zu Frieden, Toleranz und Gerechtigkeit und stete Verpflichtung im weiteren Einsatz gegen das Vergessen unserer alten sudetendeutschen Heimat.

In seinem Grußwort sprach der Lauterbacher Bürgermeister Rainer-Hans Vollmüller Ortmann und Lerch seinen Dank dafür aus, dass durch die Gedenkveranstaltung das Programm des Stadtjubiläums bereichert wurde. Er setzte sich mit dem Begriff Heimat auseinander, welcher heute nur noch selten benutzt würde, aber gleichzeitig eine Selbstverständlichkeit in dem Sinne sei, dass es der Ort ist, an dem man seine Wurzeln habe, aber gleichzeitig auch frei in der Wahl dieses Ortes wäre. Der Begriff Heimat habe, seiner Meinung nach, etwas mit Selbstbestimmung zu tun. All das sei den Vertriebenen nach 1945 genommen worden.

Grüße vom Kreisausschuss und dem Kreistagsvorsitzenden Jürgen Ackermann überbrachte Landrat Manfred Görig. Die Sudetendeutschen blicken auf eine 800-jährige Geschichte im Herzen Europas zurück, das werde durch die Ausstellung deutlich. Vor 66 Jahren sind eine große Anzahl Sudetendeutscher in Lauterbach angekommen, mit wenig oder gar keinem Gepäck. Wenn es heute Klagen gibt, wie schwierig alles geworden sei, sollte man sich an die Nachkriegsjahre erinnern.
An der Zuversicht, die damals die Heimatvertriebenen besaßen, sollte man sich heute ein Beispiel nehmen. Sein Wunsch ist es, dass die eine oder andere Schulklasse den Weg in die Ausstellung findet.

Margarete Ziegler-Raschdorf, Landesbeauftragte der Hessischen Landesregierung für Heimatvertriebene und Spätaussiedler, nahm ihr Grußwort zum Anlass, ihre besondere Verbundenheit zur SL-Kreisgruppe Lauterbach zu bekunden. "Im Sinne dieser Verbundenheit überbringe ich Ihnen die Grüße der Hessischen Landesregierung, insbesondere von Ministerpräsident Volker Bouffier und von Sozialminister Stefan Grüttner", so Ziegler-Raschdorf. Der Kreisstadt Lauterbach gelte ihr Glückwunsch zum 1200jährigen Jubiläum und der rührigen SL-Kreisgruppe für vorbildliche Vorbereitung der Gedenkveranstaltung, verbunden mit einer Ausstellung über die Geschichte der Sudetendeutschen. Sie habe gern dazu beigetragen beide Veranstaltungen mit Kulturmitteln des Hessischen Sozialministeriums nach 96 des Bundesvertriebenengesetzes zu fördern.

"Die Sudetendeutschen haben sich nach ihrer Vertreibung ihre Liebe zur verlorenen Heimat erhalten und bilden heute die Brücke zu ihren jahrhundertealten Siedlungsgebieten."

Geblieben seien die kulturellen Zeugen der Vergangenheit, so dass man mit Recht sagen könne, dass die Steine in Reichenberg und Eger genauso deutsch sprechen wie in Troppau und Karlsbad, führte sie unter Beifall aus.

Der Verlust der Heimat verursache auch nach mehr als einem halben Jahrhundert Schmerz und Trauer. Dieser seelische Schmerz werde jedoch verdrängt, weil es bis heute nicht opportun sei, von deutschen Opfern zu sprechen.

Man möchte aber erzählen dürfen von Flucht und Vertreibung! So habe Günter Grass in seinem Buch "Im Krebsgang" aus dem Jahr 2001 auf Seite 99 formuliert, Zitat: "Niemals hätte man über so viel Leid, nur weil die eigene Schuld übermächtig und bekennende Reue in all den Jahren vordringlich gewesen sei, schweigen, das gemiedene Thema den Rechtsgestrickten überlassen dürfen. Dieses Versäumnis ist bodenlos." Ende Zitat. Eine bemerkenswerte Feststellung am Schluß ihrer Ansprache, ließ die Versammelten aufhorchen: "Ich persönlich bin davon überzeigt, dass die Zeit für die Aufarbeitung dieses Traumas in seiner ganzen grausamen Dimension erst noch kommen wird".

BdV-Vizepräsident und hessischer SL-Landesobmann Alfred Herold überbrachte Grüße von BdV-Präsidentin Erika Steinbach. Gerade habe sein Heimatkreis Bärn in Langgöns das 51. Kreistreffen abgehalten. Auch dort stand das Gedenken an die Vertreibung vor 66 Jahren im Mittelpunkt. Mehr als 36.000 Menschen hätten damals in jenen apokalyptischen Wochen und Monaten des Jahres 1946, in Lauterbach erste Aufnahme gefunden. Es war die Zeit, als die Not Überstunden machte und die Hoffnungslosigkeit Stammgast in unseren Familie gewesen sei. Das erklärte Ziel Josef Stalins war es, Millionen deutscher Menschen in das aus tausend Wunden blutende Restdeutschland zu pferchen um dort nach bewährtem Muster eine Revolution loszutreten.

Aber die Rechnung des Diktators ging nicht auf. Wir deutschen Heimatvertriebenen wurden nicht zur sozialen Atombombe im Herzen Europas. Wir haben unser geistiges Fluchtgepäck ausgepackt! Wir haben Häuser gebaut - und nicht Häuser besetzt! Wir sind in Lumpen gekommen, aber nicht zu Lumpen geworden. Mit Fleiß, Ausdauer, Genügsamkeit und Opferbereitschaft haben wir Heimatvertriebenen am Wiederaufbau unseres Vaterlandes mitgewirkt und so mitgeholfen, dass aus Trümmern Fundamente wurden. Deshalb sollten nicht nur Erinnerung, Wehmut und Trauer diese heutige Gedenkveranstaltung bestimmen, sondern vielmehr Freude, Stolz und Dankbarkeit unser Herz erfüllen. Mit seinem Motto: "Die Zukunft gehört den Handelnden und nicht den Klagenden" schloß Herold seine mit viel Beifall bedachte Ansprache.

Während der feierlichen Gedenkveranstaltung wurde auch die Ausstellung " Die Sudetendeutschen - eine Volksgruppe in Europa" eröffnet. Die Ausstellung wurde bewusst und in Erinnerung an das damalige "Sammelllager" nach Lauterbach geholt. Durch sie wird deutlich, dass die Geschichte der Deutschen aus Böhmen, Mähren und Sudetenschlesien schon vor 800 Jahren begann.? Sie ist geeignet, besonders Schülern und Jugendlichen das Wissen um die sudetendeutsche Geschichte, als Teil der gesamtdeutschen, näher zu bringen.

Verbrechen der Vergangenheit - wer immer sie verübt hat - werden klar benannt, Meinungsverschiedenheiten der Gegenwart nicht verschwiegen. Die historische Wahrheit soll jedoch nicht verletzen und nicht trennen, sondern im Geist europäischer Kooperation zusammenführen.

Die Ausstellung berücksichtigt den Erkenntnisfortschritt, den die Öffnung vieler Archive in den letzten Jahren bewirkt hat. Konzipiert und zusammengestellt wurde sie durch Konrad Badenheuer. An mehreren Stellen betritt er mit bislang unveröffentlichtem Material wissenschaftliches Neuland. Ziel der vom Sudetendeutschen Rat initiierten Ausstellung ist es deshalb, über Geschichte und Gegenwart der sudetendeutschen Volksgruppe sowie über historische, politische und völkerrechtliche Tatsachen zu informieren. Man sollte zur Betrachtung und zum Nachlesen der ausführlichen Texte daher etwas Zeit mitbringen.

Die Schautafeln zeigen chronologisch die Geschichte der Bevölkerungsgruppe, ab dem Beginn in Böhmen, Mähren und Südschlesien im 12. Jahrhundert. In Prag geht sie sogar auf das 9. - 10. Jahrhundert zurück. Bis zur Vertreibung in den Jahren nach 1945 besiedelten die Sudetendeutschen ein Gebiet von insgesamt 29 000 Quadratkilometern. Zum Vergleich: Hessen umfasst 23.000 Quadratkilometer!

Dazwischen liegt eine wechselvolle Zeit, wie das Dekret der Kaiserin Maria Theresia zur Förderung der "böhmischen" - also tschechischen - Sprache im Jahr 1763 und der Kampf, gemeinsam mit den Tschechen, im Ersten Weltkrieg. 1954 übernahm der Freistaat Bayern die Schirmherrschaft über die Sudetendeutschen, die seitdem als vierter Stamm neben den Altbaiern, Franken und Schwaben betrachtet werden.

Neben den Schautafeln, gab es auf der Bühne noch einen besonderen Anschauungsunterricht, der die Vorgänge des Jahres 1946 anschaulich ins Gedächtnis zurückrief: einfache Transportkisten und Leinensäcke zum Verpacken der wenigen persönliche Gegenstände, die bei der Vertreibung mitgenommen werden konnten. Einen Strohsack behalten zu dürfen, war schon großes Glück.

Im September 2012

Text: Norbert Quaiser
Fotos: Erika Quaiser