65. Ordentlicher Landesverbandstag des Bund der Vertriebenen (BdV) in Wiesbaden

Landesbeauftragte Ziegler-Raschdorf: Heimatvertriebene und Spätaussiedler
bilden politischen Schwerpunkt in Hessen

Neue Verbandssatzung und Resolution für Nationalen Gedenktag verabschiedet

Margarete Ziegler-Raschdorf, Landesbeauftragte der Hessischen Landesregierung für Heimatvertriebene und Spätaussiedler hat den Delegierten auf dem Landesverbandstag in Wiesbaden am Samstag im Haus der Heimat versichert, dass die Haushaltsansätze in Hessen bei den Vertriebenen- und Spätaussiedlerprojekten auf hohem Niveau erhalten bleiben. "Auch im Doppelhaushalt 2013/2014 sind die Gelder nicht gekürzt worden, was nicht selbstverständlich ist" fügte sie unter großem Beifall hinzu. Der Aussage von Ministerpräsident Volker Bouffier, dass der hessische BdV einer der am besten aufgestellten Vertriebenenverbände sei, schließe sie sich aus voller Überzeugung an.

Ihr besonderer Gruß galt dem anwesenden Ehrenvorsitzenden Alfred Herold. "Ich danke Ihnen für die vertrauensvolle Zusammenarbeit. Die Heimatvertriebenen in Hessen und in ganz Deutschland haben Ihnen unendlich viel zu verdanken".

Als Landesbeauftragte habe sie viele Gründe, dem Bund der Vertriebenen und den Landsmannschaften zu danken und sich für ihre Anliegen einzusetzen. So freue es sie, dass der Hessische Landtag einem Antrag der Fraktionen von CDU und FDP zugestimmt habe, die Landesregierung zu bitten, sich bei der Bundesregierung für die Errichtung eines nationalen Gedenktages einzusetzen. Unterstützung für ihren Antrag habe sie danach auch beim CDU-Bundesparteitag erreicht. Ihr Einsatz sei auch beim Nachqualifizierungsprojekt für arbeitslose Lehrerinnen und Lehrern unter den Spätaussiedlern erfolgreich gewesen. Das Projekt konnte vor wenigen Tagen mit der Überreichung der Zertifikate abgeschlossen werden.

Frau Ziegler-Raschdorf kündigte an, dass im Laufe des Jahres in Hessen eine Reihe von Veranstaltungen aus Anlass des 250. Jahrestages der Veröffentlichung des Einladungsmanifestes von Zarin Katharina II stattfinden werden. Der Festakt im Hessischen Landtag wird den Höhepunkt des Gedenkens bilden.

Landesvorsitzender Siegbert Ortmann hatte die Delegierten und zahlreiche Ehrengäste zuvor willkommen geheißen, so Wiesbadens Oberbürgermeister Dr. Helmut Georg Müller, Ulrich Caspar, MdL CDU, Sprecher des Arbeitskreises Heimatvertriebene, Spätaussiedler, und Wiedergutmachung, Stadtverordnetenvorsteher Wolfgang Nickel, Georg Unkelbach, Leiter des Büros von Margarete Ziegler-Raschdorf und den Ehrenvorsitzenden Alfred Herold.

BdV-Präsidentin Erika Steinbach, durch eine andere Verpflichtung verhindert, war durch ihr herzliches Grußwort mit der Veranstaltung verbunden. Den "Wiesbadener Kurier" vertrat Claudia Kroll-Kubin.

Einstimmig wurde das Verbandstagspräsidium in die Hände von Helmut Seidel, Dr. Herbert Küttner und Rudolf Riedel gelegt. Ungeteilte Zustimmung fand ebenso das Protokoll des Landesverbandstages 2012. Die Totenehrung sprach Helmut Seidel. Er erinnerte an die Toten des Krieges und der Vertreibung und an die 54 Toten vom 4. März 1919 im Sudetenland und an die große Zahl schlesischer Opfer vom 21. Mai 1921 am St. Annaberg, die für Freiheit und Selbstbestimmung ihr Leben eingesetzt hatten.

In sehr persönlich gehaltenen Grußworten wandten sich Wolfgang Nickel und Ulrich Caspar an die Delegierten. Nickel bekräftigte die gute Verbindung des BdV und der angeschlossenen Landsmannschaften zur Landeshauptstadt Wiesbaden. Nur wer Flucht und Vertreibung am eigenen Leibe erfahren habe, wisse wie wichtig es sei, kulturelles Erbe zu erhalten. Das BdV-Jahresmotto "Unser Kulturerbe - Reichtum und Auftrag" sei der Appell, das Kulturerbe der Heimatvertriebenen mit der europäischen Kultur zu schützen. Das gelte besonders für die heutige Zeit, in der sich Lebensweisen weltweit angleichen.

Ulrich Caspar hat seine familiären Wurzeln in Königsberg. Von klein auf hat er erfahren, was weiß es heißt, Vertreibung zu erleiden. Das sei auch sein Grund gewesen, sich in der Politik zu engagieren. Er erwähnt das deshalb, weil er die niedrigen Wahlbeteiligungen erschreckend findet. Seit 1945 leben wir, aufgrund von richtigen politischen Entscheidungen, in einer beinahe 70jährigen Friedensperiode. In diesem Jahr stehen zwei Wahlen an. Er bittet die Heimatvertriebenen, die aufgrund der eigenen Erkenntnis berufener sind als alle anderen, dieses Wissen in persönlichem Gespräch anderen der weiterzugeben.

Der Erstattung des Geschäftsberichtes, der Vorlage der Jahresrechnung 2012 und des Berichts der Kassenprüfer, folgte einstimmige Entlastung des Vorstandes. Der Haushaltsplan für 2013 wurde von allen einstimmig verabschiedet. Landesschatzmeister Otto R. Klösel wurde wegen seiner umsichtigen Haushaltsplanung ganz besonders gedankt.

Der vor einem Jahr zum Landesvorsitzenden gewählte Siegbert Ortmann sieht sich als "Botschafter", der die vielfältigen Probleme und Ziele der im BdV organisierten Heimatvertriebenen und Spätaussiedler nach außen darstellt. Wichtig sind ihm regelmäßige Pflege der Kontakte mit der Politik und BdV-Nachbarlandesverbänden.
Die Erhaltung der Zukunftsfähigkeit des Verbandes und die langfristige Anerkennung der Heimatvertriebenen, Aussiedler und Spätaussiedler mit ihren ureigenen Problemen in der Gesellschaft, ständen im Mittelpunkt seiner Arbeit. Dazu gehöre auch eine Überarbeitung der bisherigen Vereinssatzung.

Kürzlich habe er die aktuelle Verbandsarbeit in Form von "Drei Standbeinen" beschrieben. Der erste Bereich befasse sich mit Aktivitäten wider das Vergessen und das Wissen um die geschichtliche Wahrheit. Neuerlich habe der Geschichtsprofessor Ray Douglas von der Colgate Universität in Hamilton mit seinem Buch "Ordnungsgemäße Überführung" von sich Reden gemacht. Douglas nennt darin die Vertreibungen nach dem 2. Weltkrieg "die größte Zwangsumsiedlung in der Menschheitsgeschichte, wobei die Verantwortung der Westalliierten für die Geschehnisse viel zu oft übersehen worden sind". Nach der geschichtlichen Wahrheit zu suchen, sei unsere Aufgabe, so Ortmann.
Und Douglas unterstützt uns dabei mit der Aussage, "dass sich kein legitimer Vergleich zwischen den Vertreibungen nach dem Krieg und den deutschen Verbrechen an Juden und anderen unschuldigen Opfern zwischen 1939 und 1945 ziehen lässt."

Das zweite Standbein beinhalte die gelebte Erinnerungskultur in Bezug auf die zu erhaltene Tradition der Heimatvertriebenen, heimatliches Brauchtum und deren zielgerichtete Fortentwicklung vor allem bei der jüngeren Generation. In diesem Zusammenhang seien anlässlich der Organisationstagung Anfang Januar recht interessante Beiträge zur digitalen Archivierung gemacht worden.

Die dritte Verbandstätigkeit beschrieb Ortmann mit Verständigungskultur und dauerhafter Aussöhnung mit den osteuropäischen Nachbarländern. Im Rahmen dieser Tätigkeit nahm er kürzlich bei einem Empfang des bayerischen Ministerpräsidenten zu Ehren des tschechischen Premierministers Necas in München teil. Die Begegnung mit Necas und seine Rede im Bayerischen Landtag habe ihn sehr beeindruckt. Alles ziele nach seiner festen Überzeugung ganz klar in Richtung auf ein "Mehr" an Vertrauen zwischen der tschechischen Regierung in Prag und der sudetendeutschen Volksgruppe.

Er habe die wörtlichen Aussagen des tschechischen Premierministers zur gemeinsamen geschichtlichen Identität und das unmissverständliche Bedauern über die Vertreibung und zwangsweise Aussiedlung der Sudetendeutschen nach dem Kriege als eine große auf Aussöhnung und gegenseitige Verständigung gerichtete Geste empfunden, so der Landesvorsitzende. "Jedoch an der Realität für eine endgültige Abkehr von möglichen eigenen Entschädigungsansprüchen kommen wir als Vertriebenenverband nicht mehr vorbei" fügte er hinzu. Necas habe dies mit den Worten: "Die Eigentumsverhältnisse der Vorkriegszeit können nicht wieder hergestellt werden" bekräftigt.

Ein weiteres Erlebnis hin zu mehr Verständigung und Aussöhnung mit unseren tschechischen Nachbarn habe er am vergangenen Wochenende in Kaaden gehabt.
Am großen Ehrenmal zum Gedenken an die Opfer von 1919 und der Vertreibung nach dem Kriege konnte er eine Gedenkrede halten. Damit löste er eine eigene Anregung in der letztjährigen Bundesversammlung der Sudetendeutschen Landsmannschaft in München ein. Er sprach damals von " lebendigen Gedenkveranstaltungen" und hatte vorgeschlagen, als SL-Bundesführung am 4. März nach Kaaden oder am 31. Juli auf die Brücke nach Aussig zu gehen. Auch für die Veranstaltungen zum alljährlichen "Tag der Heimat" sollten dazu analog neue Wege gegangen werden. Denkbar wäre es, diese Feierstunden zukünftig teilweise gemeinsam mit Tschechen in der alten Heimat zu organisieren.

Ein weiterer, wichtiger Bereich der Verbandstätigkeit sei die Arbeit des Deutsch-Europäischen Bildungswerks, einer 100%-igen Einrichtung des BdV-Hessen. Die Geschäftsführung habe Georg Stolle übernommen und seine neue Handschrift auch schon erkennbar mit ersten Schritten umgesetzt.

Ortmanns diesjähriger Neujahrsaufruf habe den Deutschen aus Russland gegolten und große Zustimmung erfahren. Sogar ein Radiosender aus Moskau habe ihn hinterher interviewt. Der Anlass zu diesem Aufruf sei die Erkenntnis gewesen, dass angesichts der Größe der Bevölkerungsgruppe der "Deutsche aus Russland", das Wissen über ihre geschichtlichen Wurzeln viel zu gering oder gar nicht vorhanden ist. Da am 22. Juli der 250. Jahrestag der Veröffentlichung des Einladungsmanifestes der russischen Zarin Katharina II. zu begehen sein wird, biete sich eine entsprechende historische Informations-Kampagne geradezu an.

Schließlich erwähnt Ortmann noch die Großveranstaltungen des Landesverbandes.
Beim Brauchtums-Nachmittag, im Rahmen des Hessentages in Kassel, wird auch die Preisverleihung des diesjährigen Hessischen Preises "Flucht, Vertreibung, Eingliederung" stattfinden. Eine weitere Großveranstaltung, der "Zentralen Tag der Heimat" am 15. September im Biebricher Schloss zu Wiesbaden, wird wieder über Hessen hinaus für Aufmerksamkeit sorgen.

Äußerst zufrieden zeigte sich Ortmann über die Annahme der neuen Verbandssatzung. Die Aussprache über den Entwurf war abschnittsweise erfolgt und wurde teilweise kontrovers diskutiert. Am Ende aber wurde die Satzung einstimmig verabschiedet. Zustimmung aller fand auch die Resolution für die Errichtung des Nationalen Gedenktages für die Opfer von Flucht und Vertreibung, die sowohl an den Bundespräsidenten als auch an die Bundeskanzlerin gerichtet ist.

"Es liegt an uns, die anfallenden Zukunftsaufgaben wirklich auch anzunehmen. Ich, verspüre jeden Tag aufs Neue und voller Ehrgeiz, daran unbedingt aktiv mitzuwirken", schloß der Landesvorsitzende unter Beifall der Delegierten seine Ansprache.

Mit diesem Schlusswort und dem gemeinsam gesungenen "Lied der Deutschen" "Einigkeit und Recht und Freiheit" entließ Siegbert Ortmann die Delegierten in ihre Heimatkreise.

Text: Norbert Quaiser; Fotos: Erika Quaiser
Im März 2013