Adventsfeier des Bund der Vertriebenen (BdV) in Bad Nauheim

Nikolaus und "Engel Gertrud" als Überraschungsgäste

Die Adventsfeier beim Bund der Vertriebenen glich einem großen Familienfest. Sogar der Nikolaus (alias Georg Walter) und "Engel Gertrud" (bürgerlich Gertrud Ritter) waren, begleitet von Julia Rauner, von weit her ins Erika-Pitzer- Begegnungszentrum nach Bad Nauheim gekommen. Der Schlesier Georg Walter hatte als Vorsitzender des Ortsverbandes vorher die zahlreich erschienenen Gäste begrüßt und an die Heilige Barbara erinnert, an deren Gedenktag am 4. Dezember, die schlesischen Bergleute ihre Schutzpatronin feiern.

Obwohl gerade der Stadtrat tagte, hatte sich Bürgermeister Armin Häuser kurz entschlossen von seinen Amtspflichten gelöst und sich mitten unter die vorweihnachtlich gestimmte Gästeschar gemischt. Dass er aus dem Rathaus einen Umschlag "Zehrgeld" für den Verband und kleine Dankespräsente für den Vorstand mitbrachte, wurde ihm mit kräftigem Beifall gedankt. Einen Lacherfolg erntete er mit seiner Schilderung von peinlichen Erlebnissen beim Geschenkeverteilen.

Auf Dorothea Gutsche, Margarete Schmidt und Helmut Körner wartete eine besondere Ehrung, die "Dankurkunde für über 60 Jahre Mitgliedschaft im BdV", überreicht durch BdV-Kreisvorsitzenden Reinhard Schwarz.

Über "Weihnachten einst 1946 und jetzt 2013" machte sich Bruno E. Ulbrich Gedanken. Dürr und ausgemergelt aus Kriegsgefangenschaft zurückgekehrt, hatte er seine Frau, Tochter und den Schwiegervater in einem 500-Seelendorf in der Nähe von Limburg angetroffen. Zu Weihnachten 1946 gab es keinen großen Lichterbaum, nur wenige Kerzen leuchteten von einigen Tannenzweigen. Traurig waren sie, aber doch zufrieden. Sie hatten die Vertreibung aus dem schönen Sudetenland Anfang des Jahres 1946 gesund überstanden. Ihr Kind, war gesund und munter. Noch zu Hause in Reichenberg geboren, hatte es die 11 Tage im überfüllten Güterzug gut überlebt und freute sich nun in der notdürftigen Unterkunft. Es hatte ja noch nichts anderes kennengelernt.

Weihnachten war es, und die vier dachten wehmütig zurück, als es ihnen noch gut ging und an die Gaben, die es einst unter dem Christbaum gab und ein köstliches Essen sie erfreute. Weihnachten war es jetzt auch, als sie nun zusammen saßen und an eine ungewisse Zukunft dachten. Wie sollte es wohl weiter gehen?

In der Not hatte sich Ulbrich für seinen treuen Schwiegervater etwas ausgedacht. Aus den letzten Papierfetzen hatte er einen Adresskalender mühselig zusammen geheftet, noch ein Alphabet zurechtgeschnitten, ein ganz kleines Geschenk. Der hat diesen Adresskalender dann bis an sein Lebensende stets benutzt. Er war gefüllt mit all' den lieben Adressen der vielen Freunde und Bekannten aus der Heimat, die nun zerstreut im weiten Bundesgebiet lebten. Und wenn er ihn aufschlug und eine Adresse suchte, so dachte er immer wieder an dieses seltsame Christfest in aller Not.

Und heute? Die Kinder würden lachen über solch eine unwichtige Kleinigkeit. Wozu hat man denn einen Computer, wozu gibt es ein Telefon und ein Handy? Es ist doch alles da, was man so alltäglich braucht. Fast jedes Kind hat schon solch ein Handy und weiß viel besser wie man damit umzugehen hat als die dummen Großeltern, die die Ausdrücke in einer fremden Sprache nicht mehr verstehen können. Ein Adressbüchlein, wozu braucht man das heute eigentlich?

Ja, so war Weihnachten einst mit den geringsten Geschenken, die man sich damals so ausdenken konnte, und so wird Weihnachten heute gefeiert, heute, wo die Geschäfte die Kunden alle mit glitzernden Auslagen und Angeboten zum Kauf auffordern. Die Geschenke werden schon im November angepriesen und die Kinder wissen nicht mehr wohin mit all den Gaben, die sie sich in reichem Maße zum Fest wünschen und auch bekommen werden. Wie hat sich doch die Welt für uns in Deutschland geändert, für uns, die wir fast auf nichts verzichten müssen und alles haben, was uns die Welt bieten kann.

Auch Irmgard Eckl erinnerte in ihrem Gedicht "Weihnachten - du wollst du wärst zu Haus" an ihre unvergessene Heimat Egerland. Sie sieht den Vater noch das Kripplein aufbauen und "in den Weihnachtswochen habe es überall nach Plätzchen gerochen".

Bei dem Vortrag von Maria Weiser "Das letzte Weihnachten zu Hause" ging es auch um eine Weihnachtskrippe. Die Famlie war 1945 aus ihrem Haus und Geschäft verwiesen worden und hauste in der Nähe in einer schäbigen Unterkunft. Ihre alte Weihnachtskrippe hatte der neue tschechische Hausbesitzer Kutschera wie zum Hohn in das Schaufenster gestellt.

Helgard Dinter beklagte mit Wlhelm Busch's "Eins, zwei, drei im Sauseschritt läuft das Jahr, wir laufen mit" das hektische Tempo im Jahresablauf. Mit Joachim Ringelnatz empfahl sie den Gästen, die Weihnachtsgeschenke nicht wahllos einzukaufen: "Schenke mit Geist ohne List. Sei eingedenk, dass dein Geschenk du selber bist". Dorothea Gutsche und Gerhard Christoph gelten als die "Stimmen Schlesiens". Frau Gutsche bezauberte die Gäste mit den feinen Tönen ihrer Glockensammlung und Christoph packte eine echte schlesische Knoblichwoarscht aus. Mit der Legende "Wie der Berggeist Rübezahl zu seinem Namen kam" erinnerte er an das heimatliche Riesengebirge.

Selten wurde bei einem Begegnungsnachmittag so gelacht wie beim Vortrag "Der Christbaumständer" von Erika Weckler. Ein Familienvater hatte ein paar Tage vor Weihnachten beim Aufräumen des Dachbodens den alten Christbaumständer entdeckt. Das Besondere an ihm war ein Drehmechanismus mit einer eigebauten Spielwalze. Beim vorsichtigen Drehen konnte man das Lied "O du fröhliche" erkennen. "Das muß der Christbaumständer sein, von dem Großmutter immer erzählt hatte, wenn Weihnachten herankam". Eine böse Überraschung gab es, als die Familie am Weihnachtsabend andächtig um den Christbaum saß: die reich geschmückte Tanne drehte sich erst langsam, dann aber plötzlich immer schneller. Der Stern von Bethlehem flog wie ein Komet durch das Zimmer, Weihnachtskugeln und gefüllter Schokoladenschmuck sausten wie Geschosse durch das Zimmer und platzten beim Aufschlagen auseinander. Die Kinder hatten hinter Großmutters Sessel Schutz gesucht, Vater und Mutter lagen flach auf dem Bauch, den Kopf mit den Armen schützend. Oma kam Großvater in den Sinn, als dieser 14/18 in den Ardennen, im feindlichen Artilleriefeuer gelegen hat. "Genau so muß das gewesen sein", rief sie aus! Und der kleine Paul fragte." Du, Papi, das war echt cool, feiern wir jetzt Weihnachten immer so?"

Als Bassist Otmar und Norbert Quaiser auf dem Keyboard das Schlußlied "Kein schöner Land" anstimmten, wollten einige am liebsten noch nicht "Schluß" machen. Am 4. Feber 2014 gibt es ja ein Wiedersehen.

Text: Norbert Quaiser; Foto: Erika Quaiser
Im Dezember 2013