BdV-Begegnungsnachmittag in Bad Nauheim

Vor 68 Jahren: Tschechische Sprachkenntnisse retteten Erhard Stary vor russischer Kriegsgefangenschaft

Mit Johann Schrammels Marsch "Wien bleibt Wien" begrüßte Norbert Quaiser die Gäste, die sich Anfang November im großen Saal des Erika-Pitzer-Begegnungs-Zentrums in Bad Nauheim zum monatlichen Treffen versammelt hatten. "Wo man singt, da lass dich ruhig nieder..." hätte man auch als Überschrift über die Veranstaltung setzen können, denn es wurde viel gesungen, Volkslieder die alle kannten.

Ein Bericht von Ehrhard Stary aus Pohlheim, Zeitzeuge aus dem Zweiten Weltkrieg, stand im Mittelpunkt der Veranstaltung.

Stary wurde am 1921 in Eisenbrod in Nordböhmen geboren. "Ein Grenzlanddeutscher mit tschechischer Staatsangehörigkeit" wie er sagt. Schon von Kind auf war er mir Deutsch und Tschechisch vertraut. Damals konnte er nicht ahnen, dass ihm seine tschechischen Sprachkenntnisse einmal vor russischer Gefangenschaft bewahren, vielleicht sogar das Leben retten sollten. 1939 wird Stary, nach Besetzung der Resttschechei durch die Wehrmacht, deutscher Staatsbürger.
1940 meldet sich der 19-Jährige freiwillig zur Wehrmacht. "Ich konnte mir damals noch die Waffengattung aussuchen" begründet er seinen Entschluß.
Im Juni 1941 ist seine Einheit bereits auf dem Vormarsch in die Sowjetunion.

Im Frühjahr 1942 wird Erhard Stary verwundet und kommt nach Südfrankreich an die spanische Grenze, sogar die berühmte Grotte in Lourdes habe er bei dieser Gelegenheit kennengelernt. "Die Pilgerreise dorthin hat mir die Wehrmacht bezahlt" schmunzelt Stary. 1943 wird es wieder ernst. Die Westalliierten landen in Süditalien und Erhard Starys Einheit wird nach Sizilien verlegt. Auf dem Rückzug durch ganz Italien, kommt er auch an der Abtei Monte Cassino vorbei. Das Bild hat er noch heute vor Augen.

Nach zwei weiteren Verwundungen wird er im März 1945 Ausbilder in Eisenach. Durch das Chaos der letzten Kriegsmonate schlägt sich Erhard Stary bis nach Eisenbrod durch und erfährt Mitte Mai, dass sein Vater tot ist, erschlagen von freigelassenen Strafgefangenen. Er selbst wird verraten, den Behörden übergeben und landet in russischer Kriegsgefangenschaft. Sie marschieren Tag und Nacht - bis nach Sagan in Schlesien, wo 15 000 Kriegsgefangene zusammengeführt werden.

Dann geschieht ein kleines Wunder: Balten, Elsässer, Lothringer und Tschechen werden nach Hause entlassen. Auch Erhard Stary passiert am 31. Oktober 1945 das Lagertor, der "Entlassungsschein", seine tschechischen Sprachkenntnisse!

Jetzt ist er zwar frei aber heimatlos. Er macht sich auf die Suche nach Mutter und seiner Verlobten Hanni. Endlich finden sie sich im Westen wieder. 1946 heiratet Erhard Stary. "Jetzt bin ich schon 67 Jahre mit meiner Hanni verheiratet", sagt Erhard Stary stolz und die Zuhörer geben ihm dafür einen ganz großen Applaus.

"Hauspoet" Helmut Körner war mit seinem Werk "Trauriger November" jahreszeitlich gestimmt. Zum Schluß tröstete er: "Die Nebel im November sind nicht traurig, nur geheimnisvoll. Sie hinterlassen eine hoffnungsvolle Zuversicht in unseren Herzen".

Irmgard Eckl erinnerte an "Unsere Schulzeit" "Als wir einst zur Schule gingen, da gab's noch Ordnung und Raison. Und eines war vor allen Dingen, der Herr Lehrer war Respektsperson!" Beifälliges Nicken der anwesenden Lehrer gaben ihr recht.

Bruno E. Ulbrich sprach so, wie ihm "daheeme" der Schnabel gewachsen ist, in Reichenberger Mundart. Mit "Die Kirche der Natur", gemeint war der Wald, setzte Erwin Gröger den Schlußpunkt unter das Programm.

Text: Norbert Quaiser; Fotos: Erika Quaiser
Im November 2013