Frauen standen ihren Mann

Zum Seminar "Frauenleben nach dem zweiten Weltkrieg" kamen Frauenreferentinnen des hessischen "Bund der Vertriebenen" und "Sudetendeutsche Landsmannschaft" nach Bad Kissingen auf den Heiligenhof

Landesfrauenreferentin Rosemarie Kretschmer hatte gerufen und viele kamen. Das gut vorbreitete Programm und die namhaften Referentinnen lohnten auch eine weite Anreise. Geschäftsführer Steffen Hörtler und Dr. Günter Reichert, Vorstandsvorsitzender des Sudetendeutschen Sozial- und Bildungswerkes, hießen die Gäste willkommen.

Zügig ging es an die Arbeit: 96 Bundesvertriebenengesetz, der Bund und Länder verpflichtet, das Kulturgut der Vertreibungsgebiete zu erhalten, wurde in Erinnerung gerufen. Die "Marburger Beschlüsse" waren das nächste Thema. Durch Zusammenschluß der wichtigsten Vertriebenenorganisationen im BdV und eine Doppelmitgliedschaft, sollte damals das effective Wirken des BdV verstärkt werden. Schließlich wurde noch 22 der Satzung des SL-Bundesverbandes einer kritischen Bewertung unterzogen. Das Referat von Frau. Dr. Michaela Ast, Journalistin und Autorin aus Datteln, zu dem Thema "Als Zeitzeuge in den Medien. Informationen über den Umgang mit Fernsehen, Zeitung etc." sprach die Teilnehmerinnen besonders an, weil es Hilfen für die praktische Arbeit bot. Die Referentin sparte dabei nicht an guten Ratschlägen für einen sicheren Auftritt als Zeitzeugin in Schulen, öffentlichen Veranstaltungen und Medien. Auftritte der Erlebnisgeneration in Schulen wären besonders wichtig. Bis in die 1970er-Jahre war die "Ostkunde" und damit die Geschichte von Flucht und Vertreibung sowie der Vertreibungsgebiete im Unterricht verbindlich, seitdem ist das Thema nicht mehr überall verpflichtend vorgeschrieben.

Übungen zu Rhetorik, Gestaltung und Diskussionen folgten im zweiten Teil des Referates von Dr. Ast. Jeweils zwei Seminarteilnehmerinnen wurden gebeten, bei laufender Kamera als "Zeitzeuge" zu sprechen, zwischendurch auch durch Fragen von Frau Dr. Ast unterbrochen, die auch zu beantworten waren. Die übrigen Teilnehmer konnten diese "Szene" per Bildschirm verfolgen. Danach erfolgte die aufschlussreiche Auswertung, die mit vielen Fragen und Antworten verbunden war. Die lockere und verständnisvolle Art von Frau Dr.Ast hat manche Hürde bei den Teilnehmerinnen genommen und viel Mut für einen persönlichen Auftritt in der Öffentlichkeit gemacht.

Mit der Bundestagsabgeordneten Sibylle Pfeiffer aus Wetzlar, entwicklungspolitische Sprecherin der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Ordentliches Mitglied im Ausschuss für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung sowie stellvertr. Mitglied im Ausschuss für Menschenrechte und humanitäre Hilfe, war auch die "hohe" Politik beim Frauenseminar vertreten. Das Thema "Frauenarbeit und Menschenrechte aus der Sicht einer Bundestagsabgeordneten" war bei der Referentin in besten Händen.

Auf die Frage "Was bedeutet Heimat?" konnte ihr jede Teilnehmerin eine Antwort geben. "Wehe dem, der keine Heimat hat", drohte schon Friedrich Nietzsche.

Das nächste Thema kam aus dem Fachgebiet der Bundestagsabgeordneten. Deutlich führte sie aus, dass die Entwicklungspolitik entscheidend zu einer gerechteren und friedlicheren Welt beiträgt. Deshalb finde sie es immer wieder wichtig zu erklären, warum so viel Geld und Mühe in sie investiert wird. Denn: In der Globalisierung wirken sich Probleme auf einer Seite der Welt gleich auf die andere aus, egal ob bei Klima, Finanzsystemen, Handel, Wirtschaft, Arbeitsplätzen oder Wohlstand. Auch die Leistung der CDU Hessens für die Heimatvertriebenen bis zum heutigen Tag blieb bei diesem Gespräch nicht unerwähnt und fand große Anerkennung bei den Seminarteilnehmerinnen. Eine dringende Bitte wurde an Frau Pfeiffer mit auf den Weg gegeben: sich in Berlin für den geplanten Nationalen Gedenktag für die Opfer von Flucht und Vertreibung einzusetzen. "Die Gesellschaft kann auf gut ausgebildete Frauen nicht verzichten" war das Schlusswort der Referentin, das alle mit großem Beifall quittierten.

Die Landesbeauftragte der Hessischen Landesregierung für Heimatvertriebene und Spätaussiedler Margarete Ziegler-Raschdorf überbrachte Grüße von Ministerpräsident Volker Bouffier und von Sozialminister Stefan Grüttner. "Diese Tagung gibt mir Gelegenheit, meine Verbundenheit mit den Frauen in den Heimatvertriebenenorganisationen zu bekunden und ihnen Dank und Anerkennung für ihre vielfältigen Aktivitäten auszusprechen", so Margarete Ziegler-Raschdorf.

In ihrem Referat "Frauen als Brückenbauer" führte die Landesbeauftragte aus, dass der Begriff "Brückenbauer" für die Frauen eine große Bedeutung hat und dieser keine Worthülse sei, sondern gelebte Solidarität mir verschiedenen Gruppen bedeute. So seien die Frauen in grenzüberschreitender Funktion Brückenbauer zu den Menschen in den osteuropäischen Ländern, als Zeitzeugen für junge Menschen und die Personen, die nicht vertrieben wurden und sie seien es, die Verbindungen schaffen über Generationen hinweg von der Erlebnisgeneration hin zur Bekenntnisgeneration.

Die Rolle der Frau in der Familie habe sich während des Zweiten Weltkrieges und in der Nachkriegszeit entscheidend verändert. Bei Abwesenheit der Männer seien im Wesentlichen die Frauen allein für die äußere und innere Stabilität der Familie verantwortlich gewesen. Bezogen auf die innere Stabilität der Familie fungierten die Frauen traditionell als Vermittlerinnen von Alltagskultur und auch der Bewahrung der Erinnerung an die verlorene Heimat.

"In den Familien muß die Erinnerung an den Verlust der Heimat, den Aufbau im Westen archiviert und an die Enkelgeneration weitergegeben werden. Die Erlebnisgeneration hat den Krieg und die Zeit danach immer noch nicht verarbeitet und muß mit ihrer Traumatisierung leben. Die Kriegskinder sind eine vergessene Generation, die oft mit den Enkeln nicht über ihr Leid gesprochen hat. Wenn die Enkel wissen, was passiert ist, können sie mit dem Gewesenen umgehen und ein Bewußtsein für Heimat, Verlust und Aufbau entwickeln", so die Landesbeauftragte. Die Betreuung der Senioren oblige als eine der wichtigsten Aufgaben den Frauen, da Angehörige oft weit entfernt wohnen und ein regelmäßiger Besuch nicht möglich sei. Die Heimbewohner seien dankbar für jedes Gespräch, das sie mit der unvergessenen Heimat verbinde.

In den vergangenen Jahren habe man Schritt für Schritt gelernt, das Schicksal der Flüchtlinge und Vertriebenen besser wahrzunehmen. Der Umgang mit Flucht und Vertreibung habe sich geändert, er sei sensibler und auch selbstverständlicher geworden. Das seien gute Voraussetzungen, um wirkliche Versöhnung zu erreichen und Zukunft zu gestalten. Im weiteren Verlauf ihrer Ausführungen ging Frau Ziegler- Raschdorf auch auf den geplanten Nationalen Gedenktag für die Opfer von Flucht und Vertreibung ein und das hohe Interesse der Hessischen Landesregierung daran. Der Bundesratsbeschluß aus dem Jahr 2003 zur Einführung eines Nationalen Gedenktages sei seinerzeit von Hessen ausgegangen. Sie begrüße den Weg Bayerns, das vor wenigen Wochen einen eigenen Gedenktag eingeführt habe und wünsche sich, dass Hessen diesen Weg ebenfalls gehe.

"Ich danke Ihrer Landesfrauenreferentin Frau Kretschmer und den Frauengruppen des Bundes der Vertriebenen und der Sudetendeutschen Landsmannschaft in Hessen für die offene und partnerschaftliche Zusammenarbeit und hoffe auch für die Zukunft auf eine gedeihliche gemeinsame Arbeit", so die Landesbeauftragte abschließend.

Damit war man auch am Schluß des Seminars angelangt. Viel hätte es noch zu besprechen gegeben. Die Zeit dafür wird erst bei einem weiteren Seminar sein. In Anwesenheit beider Gastreferentinnen Frau Dr. Ast und Frau Ziegler-Raschdorf fasste Rosemarie Kretschmer das umfangreiche Tagungsprogramm nochmals zusammen. Ihr Dank galt sowohl den Teilnehmerinnen als auch den Referentinnen.

Frau Kretschmer wies dabei darauf hin, dass das Amt eines Landesbeauftragten für Heimatvertriebene und Spätaussiedler nur noch in Hessen besetzt ist.

Text: Norbert Quaiser; Fotos von Rosemarie Kretschmer
Im Juli 2013