Rückschau auf Reichenberg und seine jüdischen Bürger

Isa Engelmann liest im Haus der Heimat in Wiesbaden

Die Schriftstellerin Isa Engelmann war auf Einladung von Alfred Herold, Landesobmann der Sudetendeutschen Landsmannschaft, Landesgruppe Hessen, nach Wiesbaden gekommen. Im Haus der Heimat stellte sie ihr Buch "Reichenberg und seine jüdischen Bürger" (ISBN 978-3-643-11737-3) vor. Es beruht auf einer jahrelangen Forschung über die Bürger jüdischer Abstammung, die in Reichenberg gelebt haben und beschreibt die Geschichte ihrer Ansiedlung und die Rolle bedeutender Bürger.

"Sprechen wir nicht gedankenlos von "den Juden". Sie waren Reichenberger wie wir. Zu Juden haben sie die Nazis gemacht. Ihre Fabriken, Geschäftshäuser und Villen haben das einzigartige, harmonisch gewachsene Stadtbild mitgeprägt", so Engelmann. Ein Gedanke der bestimmend für ihre Arbeit ist.

Engelmann zeigt einen Holzschnitt, um 1930 angefertigt. Der Blick geht vom nördlich des Stadtzentrums gelegenen Leipziger Platz zum Reichenberger Hausberg, dem Jeschken. Man erkennt, wie die Synagoge zur Silhouette der Stadt gehörte. Links ist der hohe Hauptturm und die spitzen Seitentürme des Rathauses zu sehen, in der Mitte der Turm der neugotischen Erzdekanalkirche und rechts gleich daneben die Kuppel der Synagoge. Sie stand also an bedeutender Stelle in Sichtverbindung mit Stadttheater und Rathaus und somit in direkter Symbiose mit dem politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Leben der Stadt. Wer waren die Bürger, denen die Stadtverwaltung diesen prominenten Bau an dieser zentralen Stelle erlaubte?

Die Israelitische Kultusgemeinde war 25 Jahre vorher im Jahr 1863 von 34 Familienoberhäuptern gegründet worden. Es handelte sich also zu jener Zeit um eine verschwindende Minderheit, vor allen Dingen im Vergleich zur anderen Minderheit, der tschechischen.

Jüdische Händler hatte es schon seit einigen Jahrhunderten in Reichenberg gegeben. Als Wallenstein 1622 Besitzer der Herrschaft Friedland-Reichenberg wurde, erlebten die Tuchmacherei und die Strumpfwirkerei einen enormen Aufschwung, denn der Heerführer verfügte über eine private Armee, die ausgestattet werden musste. Hiermit beauftragte er den Prager Juden Jakob Basevi. Er war ein Großbankier und Financier der drei Kaiser Rudolf II, Matthias und Ferdinand II und war als erster Jude mit dem Prädikat "von Treuenberg" in den Adelsstand erhoben worden.

Nach Wallensteins Tod fiel die Grafschaft Friedland-Reichenberg an die Familie der Gallas und danach an eine Seitenlinie, die Clam-Gallas. Deren prächtiger Prager Palast, in der Nähe des Altstädter Rathauses, erbaut vom Wiener Architekten Johann Bernhard Fischer von Erlach, ist heute eine Touristenattraktion.

Die Gallas und die Clam-Gallas nutzten die gesetzlichen Vorgaben des Wiener Hofes, um die Ansiedlung von Juden zu verbieten. Die Anwesenheit der jüdischen Händler aber war unersetzlich, denn durch den Wegfall Wallensteins gab es einen beträchtlichen Überschuss an fertigen Tuchwaren, der jüdische Händler aus Prag und anderen böhmischen und mährischen Tuchmacherzentren auf den Plan rief.

So waren zwar jüdische Händler stets in der Stadt anwesend, aber sie durften keinen festen Wohnsitz nehmen. Aus diesem Grund entstand in Reichenberg kein Ghetto oder jüdisches Viertel oder eine so genannte Judengasse, wie in vielen - auch kleinen - Gemeinden Böhmens und Mährens.

Das Revolutionsjahr 1848 brachte mit der Auflösung der Ghettos auch eine liberalere Gesetzgebung und im Jahr 1867 wurde mit den Rechten der freien Niederlassung und Berufsausübung der jüdischen Bevölkerung die volle Emanzipation gewährt. So begannen um die Mitte des 19. Jahrhunderts die ersten jüdischen Familien in Reichenberg sesshaft zu werden.

Ihre Ansiedlung fiel mit dem rasanten Aufschwung der Tuchindustrie zusammen, die Reichenberg zum Manchester der Donaumonarchie machte und gleichzeitig eine völlige Umgestaltung der Stadt und neue Infrastrukturen erforderlich machte. Die Fabriken, die wie die Pilze aus dem Boden schossen, brauchten Arbeitskräfte, die von den früheren Heimwebern allein nicht gestellt werden konnten. So setzte zeitgleich ein erheblicher Druck tschechischer Arbeitskräfte auf Reichenberg ein, denn die Stadt lag nicht einmal 20 km von der Sprachgrenze entfernt und schon am südlichen Jeschkenkamm gab es einige tschechische Dörfer.

Der Aufbau einer neuen Infrastruktur bot jüdischen Groß- und Einzelhändlern aller Branchen sowie Rechtsanwälten und Ärzten unzählige Möglichkeiten wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Aufstiegs. Die Akademiker hatten in Wien oder an der deutschen Universität in Prag promoviert und die Kaufleute jüdische Schulen besucht, in denen in Deutsch unterrichtet wurde und da das deutsche Bürgertum dagegen keinen zahlenmäßig entsprechenden Zuwachs verzeichnen konnte, waren diese Neubürger, die ihre Dienste in die Pflege der deutschen Sprache und Kultur stellten, höchst willkommen.

So ist es kein Wunder, dass sich an der Spendenaktion für den Bau der Synagoge auch christliche Bürger beteiligten, dass der Reichenberger christliche Musiker Ferdinand Gerhard für die Eröffnungsfeier eigens eine Hymne komponierte und dass an der Feierlichkeit neben dem Bürgermeister und mehreren Stadtverordneten zahlreiche Vertreter staatlicher Einrichtungen, Schulen und Vereine teilnahmen.

Glücklich darüber, endlich willkommen zu sein, explodierte in diesen Neubürgern regelrecht das Verlangen nach wirtschaftlichem Aufstieg und gesellschaftlicher Anerkennung. Die vielen, die in der Zeit zwischen 1880 und 1938 im Groß- und Einzelhandel, als Fabrikanten, als Rechtsanwälte oder als Ärzte zu Wohlstand und gesellschaftlichem Ansehen gelangten, sind in dem Buch eingehend beschrieben. Der Mehrzahl der vertriebenen Reichenberger sind sie völlig unbekannt, denn ihre Namen und ihre Rolle wurde von den Nazis aus der Stadtgeschichte entfernt.

Wer kennt schon Alois Neumann, den Großindustriellen, der 18 Jahre lang bis zu seinem Tod im Jahr 1914 Präsident der mächtigen Handels- und Gewerbekammer war?

Und wer kennt das Gemälde, das kein geringerer als Oskar Kokoschka dem in Reichenberg aufgewachsenen Leo Kestenberg gewidmet hat? Kestenberg war der Sohn des jüdischen Kantors, der überaus musikbegabt war, in jungen Jahren bereits als Pianist nach Berlin ging und dort 1919 als Referent für Musik ins preußische Kultusministerium berufen wurde.

Wer weiß, dass es fleißige Reichenberger Hände waren, die für den Wohlstand der Familie des Schriftstellers Stefan Zweig sorgten, weil die Tuchfabrik der Familie Zweig in Reichenberg war?

Wer weiß, dass der gefeierte Chor- und Orchesterleiter des Reichenberger Stadttheaters, Kurt Herbert Adler, nach einer schwierigen Flucht, Generaldirektor der San Francisco Opera wurde und diesem Opernhaus zu Glanz und Anerkennung verhalf? Sein Sohn, Ronald Huntington Adler, ist Operndirektor der Staatsoper Unter den Linden, Berlin.

Im Rahmen ihrer Recherche hat Ida Engelmann die Daten von etwa 5500 Bürgern gesammelt, die zwischen der Einrichtung der Meldekartei 1886 und 1938 in Reichenberg gelebt haben. Dazu hat sie Tausende von Meldezetteln ausgewertet.

Die einzige Möglichkeit, die jüdischen Bürger und die Holocaustopfer sudetendeutscher Städte und Gemeinden zu dokumentieren, war eine akkurate Auswertung der jeweiligen Einwohnermeldekartei und ein Abgleich von Namen und Geburtsdaten mit den Deportationslisten von Theresienstadt und den Opferlisten der Konzentrationslager.

In Folge des Anschlusses des Sudetenlandes an das Deutsche Reich, sind die jüdischen Bürger nach Prag und in die tschechisch besiedelten Gebiete des so genannten Protektorats geflohen und wurden später von dort nach Lodz oder nach Theresienstadt deportiert. In diesen Deportationslisten wurden sie als Bürger Prags oder der Städte geführt, aus denen sie deportiert wurden. Dass sie in Wirklichkeit Reichenberger waren, findet nirgends Erwähnung und gab Anlass zu dem jahrzehntelangen Irrglauben, es habe keine Reichenberger Holocaustopfer gegeben.

Den Nazis ist es gelungen, sie aus der kollektiven Erinnerung auszulöschen und nach dem Krieg ließ die Vertreibung der deutschen Bevölkerung die Auslöschung der jüdischen Bürger in Vergessenheit geraten. In dem Standardwerk "Juden in Böhmen" von Prof. Wlaschek wurden die sudetendeutschen Städte komplett ausgeklammert.

Die Liste der dokumentierten 800 Holocaustopfer, diente der Jüdischen Gemeinde in Reichenberg zur Einrichtung einer Holocaust-Gedenkhalle auf dem jüdischen Friedhof, die am 9. November 2008, genau 70 Jahre nach der Zerstörung der Synagoge, feierlich eröffnet wurde.

Text: Norbert Quaiser
Fotos: Erika Quaiser

Im Februar 2013