Der Ruf der Zarin

250. Jahrestag des Einladungsmanifestes der Zarin Katharina II. Festakt im Hessischen Landtag

Für den Festakt hätte man kaum einen würdigeren Ort als das Foyer des Hessischen Landtages finden können. Kein einziger Stuhl war mehr frei, als Johann Thießen, Landesvorsitzender der hessischen Landsmannschaft der Deutschen aus Russland, die Eingeladenen - darunter den Hessischen Ministerpräsidenten Volker Bouffier- willkommen hieß. Thießen erinnerte dabei an die Tausende, die sich 1766 von Hessen aus nach Saratov an der Wolga auf den Weg gemacht hatten. Inzwischen lebt der größte Teil der Nachfahren wieder in Deutschland.
"Die Hessen waren dabei Taktgeber bei der Integration" seiner Landsleute, lobte Thießen die Hessische Landesregierung.

Ministerpräsident Bouffier bezeichnete den Festakt als Höhepunkt des Jubiläumsjahres. Die zahlreichen Veranstaltungen habe das Land gern gefördert. Die Deutschen aus Russland wären bei uns angekommen und hätten ihren Platz gefunden. Sie seien eine Bereicherung für unser Land und Teil unserer nationalen Identität. Die Leistungen des Landes Hessen für die Spätaussiedler seien zahlreich. Wichtig ist ihm auch die vor einer Woche getroffene Entscheidung, einen Hessischen "Gedenktag für die Opfer von Flucht, Vertreibung und Deportation" ab dem Jahr 2014 einzuführen. Mit diesem landesweiten Gedenktag werde ein sichtbares Zeichen für mehr Völkerverständigung und gegen das Vergessen gesetzt. Durch die Einbeziehung des Begriffes "Deportation" sei auch die Erinnerung an die tragische Geschichte der Deutschen aus Russland sichergestellt.

Sozialminister Stefan Grüttner betonte in seinem Grußwort, dass dieser Festakt im Rahmen der Patenschaft des Landes Hessen für die Wolgadeutschen zu sehen sei, die seit dem Jahre 1985 existiere. Patenschaften seien auch politische Bekenntnisse, da das Schicksal der Vertriebenen alle Deutschen beträfe.

Norbert Kartmann, Präsident des Hessischen Landtages, entstammt einer Familie, die vor 850 Jahren nach Siebenbürgen ausgewandert ist. Vielen Bürgern und Bürgerinnen seien solche Siedlungsprojekte, auf die man große Hoffnungen setzte, nicht bekannt. Die Vertreibungen machten deutlich was geschehe, wenn die Völker nicht friedlich miteinander lebten.

Die Präsidentin des Bundes der Vertriebenen, Erika Steinbach, bescheinigte der Landsmannschaft der Deutschen aus Russland, dass sie "gute Arbeit" leiste.
In Hessen besäßen die Heimatvertriebenen ihren traditionellen Sitz im Rundfunkrat, in Baden-Württemberg wurde diese Position auf einen halben Sitz "reduziert".

Ulrich Caspar, CDU-Sprecher im Unterausschuss für Heimatvertriebene, Aussiedler, Flüchtlinge und Wiedergutmachung im Hessischen Landtag, besitzt familiäre Wurzeln in Königsberg. Dass wir in Deutschland seit 68 Jahren in Frieden leben ist für ihn Ergebnis richtiger Politik und die Art mit Nachbarn "anständig" umzugehen. Es sei wichtig, dass die Heimatvertriebenen ihre persönlichen Erfahrungen weitergeben, da "sie mehr wissen als viele andere".

Das Bestreben von Volker Eisenbraun, Bundesvorsitzender der Landsmannschaft der Deutschen aus Russland ist es, seine Landleute aus der "Unauffälligkeit" herauszuholen. Generationenlang durfte man nicht auffallen, musste "brav" bleiben. Für die Zukunft wünsche man sich zuverlässige aktive Partner insbesondere auf der politischen Bühne.

Frank Sürmann hat den Vorsitz der Stiftung "Vertriebene in Hessen" inne, die aus dem "Aufbauwerk für Heimatvertriebene" hervorgegangen ist. Die Stiftung dient kulturellen und wissenschaftlichen Zwecken und widmet sich besonders der Erinnerungskultur. Für Sürmann ist es unbegreiflich, dass es - nach den vielen schlimmen Erfahrungen - auch heute immer noch Vertreibungen gibt, die längst als Kriegsverbrechen "verboten" gehörten. Die Stiftung hat in letzter Zeit wichtige Projekte verfolgt. Der Film "Der Ruf der Zarin" von Harald Henn ist eines davon. Der Film ist für 15,00 zu erwerben und vorzüglich für den Schulunterricht geeignet. Ein weiteres Vorhaben ist eine Ausstellung über die Deutschen aus Russland im Hessenpark. Für das im Jahre 2010 erstmals aufgelegte Buch " Hessen und die Vertriebenen" von Rolf Messerschmidt wird es eine revidierte Neuauflage geben.

Die Landesbeauftragte der Hessischen Landesregierung für Heimatvertriebene und Spätaussiedler, Margarete Ziegler-Raschdorf, lud danach zur Uraufführung des Filmes "Der Ruf der Zarin" von Harald Henn ein. Der Film sei die Würdigung einer Personengruppe, deren Probleme in der Gesellschaft kaum bekannt seien. Das schreckliche Kriegsfolgenschicksal wirke auch heute noch in den Familien nach. Der Film zeige drei exemplarische Lebenswege, die ihre Wurzeln in Hessen haben.

Dr. Katharina Neufeld, Leiterin des Museums für russlanddeutsche Kulturgeschichte in Detmold, ging in ihrem Vortrag "Geschichte der Wolgadeutschen" auf weniger bekannte Einzelheiten bei der Auswanderung ein. So wurden die Kolonisten von ihren Sammelstellen auf Staatskosten zum Lübecker Hafen gebracht. Dazu kamen bis zur Abreise die Kosten für Verpflegung und Unterkunft in Lübeck. Danach fielen die Kosten für eine Überfahrt Lübeck-Oranienbaum und die Verpflegung auf dem Schiff an. Mit einem Darlehen für die notwendigsten Anschaffungen vor Ort wuchsen die Verpflichtungen dem Staat gegenüber derart, dass eine Rückkehr in die Heimat in den ersten Jahren unmöglich war.

Den musikalischen Rahmen für die Veranstaltung boten zwei vorzügliche Musikerinnen, Julia Reingardt am Piano und Erika Umanez am Cello. Ein würdiger Schlusspunkt wurde mit dem gemeinsamen Singen der deutschen Nationalhymne unter diese außerordentliche Veranstaltung gesetzt.

Text: Norbert Quaiser; Fotos: Erika Quaiser
Im August 2013