Bund der Vertriebenen (BdV) Kreisverband Gießen beging "Tag der Heimat" in Kleinlinden

Gastredner Norbert Quaiser: "Der wurzellose Mensch ist eine Illusion, der Mensch ohne Heimat ist krank".

Kreisvorsitzender Alfred Klaner eröffnete am Sonntag im großen Saal des Bürgerhauses Kleinlinden die Festveranstaltung zum "Tag der Heimat".

Erfolgreich hatte Klaner schon lange für die traditionelle Veranstaltung unter dem Motto "Unser Kulturerbe - Reichtum und Auftrag" geworben. Die Besucherliste liest sich ja wie ein kleines "Gießener Who's Who" meinte jemand. Gastredner im bis auf den letzten Platz besetzten Saal, war der Referent für Öffentlichkeitsarbeit im BdV Hessen, Norbert Quaiser.

Für Klaner nahm das Händeschütteln mit den "Prominenten aus der Politik" und den zahlreichen Gästen aus befreundeten Verbänden kein Ende. So begrüßte er u.a.: Dieter Gail, stellvertr. Stadtverordnetenvorsteher (CDU), Frau Gerda Weigel-Greilich, Bürgermeisterin (Bündnis 90/Die Grünen), Anita Schneider, Landrätin (SPD), Dr. Helge Braun, CDU-Kreisvorsitzender und Parlamentarischer Staatssekretär für Bildung und Forschung, Waldemar-Paul Zimmermann, Egbert Schellhase, Hans Dittrich und Stefan Görnert Vorstandsmitglieder der UDV, Professor Dr. Klaus Kramer , CDU-Senioren Union, Dipl.-Phys. Dr. Horst Engel, Betreuer des Karlsbader Heimatmuseum in Wiesbaden, Professor Dr. Adalbert Wollrab, Justus-Liebig Universität Gießen, die Journalisten Götz Diem, Dagmar Hinterlang und Franz Ewert von der "Gießener Allgemeinen Zeitung" sowie die zahlreich erschienenen Vertreter der Landsmannschaften.

In seinem Grußwort bedauerte Staatssekretär Dr. Helge Braun, dass es noch nicht gelungen ist, einen bundesweiten nationalen Gedenktag für die Opfer von Flucht und Vertreibung einzuführen. Als wichtigen symbolischen Akt bezeichnete er den Baubeginn des Dokumentationszentrums der Bundesstiftung "Flucht, Vertreibung, Versöhnung". Landrätin Anita Schneider, rühmte in ihrer Ansprache die große Aufbau- und Integrationsleistung der Heimatvertriebenen. Sie hätten jetzt die Aufgabe, ihre Geschichte und Tradition als Teil der gesamtdeutschen Geschichte zu wahren. Bürgermeisterin Gerda Weigel-Greilich, bezeichnete es als wichtig, dass es den Tag der Heimat und den Bund der Vertriebenen gibt. Die Stadt Gießen habe es weder in den schweren Aufbaujahren noch heute an Unterstützung fehlen lassen.

Gastredner Norbert Quaiser stellte den Begriff "Heimat" in den Mittelpunkt seiner Ansprache. Der Tag der Heimat sei für den Bund der Vertriebenen Gedankenaustausch, Treffen mit Freunden, Hoffnung und Trauer, aber auch ein Tag der politischen Bestandsaufnahme. Insgesamt fänden in diesen Wochen allein bei 17 hessischen BdV-Kreisverbänden derartige Gedenkveranstaltungen statt.

Mit dem Satz in seiner Grußbotschaft zum zentralen Tag der Heimat in Berlin "Die Heimat zu verlieren, gehört zu den schlimmsten Ereignissen, die Menschen in ihrem Leben widerfahren können" habe Bundespräsident Joachim Gauck den Heimatvertriebenen aus dem Herzen gesprochen. Deshalb gelte, so Quaiser, unser ganzes Mitgefühl den 45 Millionen Vertriebenen und Flüchtlingen, die aktuell weltweit heimatlos sind. "Wir wissen was es heißt, heimatlos und unwillkommen zu sein. Darum werden wir immer unsere Stimme erheben, dass Vertreibung niemals Mittel von Politik sein darf" fügte er hinzu.

Danach ging Quaiser auf das Bundesvertriebenengesetz ein, das sich in diesem Jahr zum 60. Mal jährt. Bund und Länder hätten darin auch die Verpflichtung übernommen, das kulturelle und historische Erbe der ehemaligen deutschen Ostprovinzen sowie der historischen Siedlungsgebiete in Ost-, Mittelost- und Südosteuropa zu sichern und zu bewahren. In diesen Gebieten befänden sich Zeugnisse deutscher Kultur von unschätzbarem Wert. Sie müssten für kommende Generationen im In- und Ausland erhalten werden.

Mit dem Schrumpfen der Erlebnisgeneration, komme jungen Gruppen, die sich für diesen Themenbereich interessieren, eine immer größer werdende Bedeutung zu. Gleiches gelte für die Heimatstuben, sowie die privaten oder regionalen Sammlungen in Landesmuseen. Vieles, was bisher ehrenamtlich geleistet wurde, würde künftig ohne hauptamtliche Unterstützung nicht mehr möglich sein. In den nächsten Jahren werde sich zeigen, wie viel unserer Gesellschaft die Kultur der Deutschen aus dem Osten wert ist.

Man solle aber anerkennen, dass in diesem Zusammenhang, schon viel Positives geleistet wurde, z.B. die Errichtung des Sudetendeutschen Museums in München, die Einführung eines landesweiten Gedenktages in Bayern und Hessen für die Opfer von Flucht, Vertreibung und die Grundsteinlegung zum Bau des Dokumentationszentrums der Stiftung, Flucht, Vertreibung, Versöhnung in Berlin. Ein besonderer Dank gebühre der Hessischen Landesregierung, weil sie dem BdV-Landesverband die institutionelle Förderung für dieses Jahr ohne Abschlag zur Verfügung gestellt habe, während in den meisten Bundesländern die Gelder für die Einrichtungen der Heimatvertriebenen gekürzt wurden.

"Aber meine Ansprache wäre unvollständig und nicht aufrichtig, wenn sie nur aus Lob bestände" sagte Quaiser und wandte sich mit drei Bitten an die Gäste "aus der Politik": "Sorgen sie dafür, dass den deutschen Zwangsarbeitern die Anerkennung ihres Sonderopfers nicht länger verwehrt wird. Deutschland hat alle Opfergruppen entschädigt und es ist nicht zu verstehen, dass die deutschen Zwangsarbeiter die Einzigen sind, die durch das Raster fallen. Ich bitte Sie inständig auf ihre Kolleginnen und Kollegen im Bundestag einzuwirken, doch tätig zu werden".

"Zeigen Sie sich solidarisch mit den Resten der einst so starken Minderheiten in Polen, Tschechien und Russland. Suchen Sie bei allen ihren Besuchen in Osteuropa, Südosteuropa, immer den Kontakt zu den deutschen Kulturverbänden und zu den deutschen Vertretern der Minderheiten. Sie brauchen unsere Solidarität. Messen Sie den Wert unserer Verbände auch künftig nicht nur an unseren Mitgliederzahlen oder potenziellen Wählerstimmen. Messen Sie uns an unserer wertvollen Brückenfunktion zu unseren Nachbarn und vor allem an unseren geschichtlichen und kulturellen Aufgaben."

Eine große deutsche Tageszeitung habe kürzlich das Ergebnis einer Emnid-Umfrage veröffentlicht. Es war gefragt worden "Was ist für Sie Heimat?""Dort, wo meine Familie ist", sagten nahezu alle Befragten. Fast genau so wichtig sind Freunde und schon an dritter Stelle wurde der Geburtsort genannt.

"Ein Mensch kann nicht überall daheim sein, zu Hause wohl, aber nicht daheim" zitierte Quaiser Karl Heinrich Waggerl. Wohl hätten wir, die aus unserer angestammten Heimat Vertriebenen, ein neues "Zuhause" gefunden. Die Heimat sei damit nicht zu ersetzen, immer wieder müsse eine Antwort auf die Frage gesucht werden: was ist Heimat? Wo waren wir, als wir mit einer Wandergruppe kürzlich im Riesengebirge unterwegs waren? Waren wir zu Besuch "daheim" oder fremd im eigenen Land? Zwangsläufig komme man zu der Erkenntnis, dass man Heimat nicht nur erleben, sondern auch erleiden kann. Man müsse auch fragen, ob Schlesien, das Sudetenland, Pommern, Ostpreußen nicht mehr unsere Heimat sein darf?

Ist es die Erinnerung und das Wissen um die Geschicke unserer Heimat? Ist es das Nachdenken und Grübeln über die nur schwer erklärbare geheimnisvolle Zauberkraft der Heimat? Heimat ist für den, der sie besitzt viel, für den, der sie verliert, alles. Das Bedürfnis nach Heimat darf nicht verdrängt werden. "Der wurzellose Mensch ist eine Illusion, der Mensch ohne Heimat krank".

Wie können wir Vertriebenen unsere Arbeit und den Alltag in diesem inneren Spannungsbogen gestalten? Eine Lösung in unserem Sinne gibt es nur, wenn wir vom Objekt zum Subjekt der Entwicklung werden. Wer sich tatenlos den Ereignissen hingibt, erleidet ein Schicksal. Wer sich tätig in die Entwicklung einbringt, gestaltet die Zukunft. Wir Vertriebenen müssen - gerade heute - immer wehrhaftes Subjekt der Entwicklung sein.

Das Trauma von Flucht und Vertreibung ist noch nicht überwunden. Es wirkt nach, auch wenn viele es nicht wahrhaben wollen. Das Wissen um die historischen Fakten und die Opferzahlen reicht dabei alleine nicht. Es geht auch darum, Verständnis für das menschliche Schicksal des Einzelnen zu wecken und das gesamte kulturelle Vermächtnis zu bewahren.

"Wir Heimatvertriebenen erkennen das Motto unserer heutigen Veranstaltung "Unser Kulturerbe - Reichtum und Auftrag" ohne jede Einschränkung als Zukunftsaufgabe an. Wir werden immer bemüht sein, gewissenhaft danach zu handeln und zwar im Geiste einer guten Nachbarschaft in der geeinten europäischen Völkerfamilie" schloss Quaiser.

In seinem Schlusswort dankte Klaner den Gästen dafür, dass sie seiner Einladung so zahlreich Folge geleistet hatten. "Chor Heimatklang" und den "Altvatermusikanten" bescheinigte er, dass sie durch ihre professionelle Darbietungen zum außerordentlichen Gelingen der Veranstaltung beigetragen hätten.

Nach dem Gesang der deutschen Nationalhymne "Einigkeit und Recht und Freiheit für das deutsche Vaterland" ging der offizielle Teil der eindrucksvollen Festversammlung zu Ende, an ein Nachhause gehen war jedoch noch nicht zu denken. Zu viel Gesprächsstoff hatten die Ansprachen geliefert und der Gedankenaustausch darüber diente auch als Motivation für die künftige Arbeit.

Text: Norbert Quaiser; Fotos: Erika Quaiser
Im September 2013