"Von der Maas bis an die Memel, von der Etsch bis an den Belt"

"Kulturelle Wintertage 2013" des hessischen BdV-Landesverbandes in Weilburg/Lahn.
Gute Vorbereitung führt zu einem erfolgreichen Tagungsverlauf

Die kulturellen Sommer- und Wintertage des hessischen BdV, einst von Dr. Hans Jandl gegründet, sind weithin bekannte Veranstaltungen. Otmar Schmitz führt diese traditionsreichen Kulturforen erfolgreich weiter. Mit dem breitgefächerten und vielseitigen Programm der "Kulturelle Wintertage 2013", ist ihm ein besonderer Wurf gelungen.
Nicht nur renommierte Wissenschaftler von deutschen Universitäten konnte er zu Vorträgen gewinnen, sondern auch namhafte Fachleute, die sich außerhalb der universitären Forschung einen Namen machen. Die Studienfahrt zur Justus-Liebig- Universität Gießen war ein besonderes Ereignis. Dass dort an einem "Sudetendeutschen Wörterbuch" gearbeitet wird, war bis dahin den Wenigsten bekannt.

Von den Seminarteilnehmern herzlich willkommen geheißen, wurde Weilburgs Bürgermeister Hans-Peter Schick. Bereits 18 Jahre im Amt, macht ihm seine Arbeit so viel Spaß, dass er auch 2013 für eine weitere Amtszeit zur Verfügung steht. "Wir gehen vorbildlich mit dem Thema Heimat um", begrüßte er die Teilnehmer. Das städt. Museum bekommt in Kürze eine Heimatstube.
Die bekannte Weilburger Sammlung ostdeutscher Trachtenpuppen wird dort im Mittelpunkt einer Dauerausstellung stehen.

Bernd Kesselgruber: "Aus der Geschichte und der aktuellen Arbeit des Sudetendeutschen Wörterbuches"

Ziel dieses Sudetendeutschen Wörterbuches ist die Untersuchung und Dokumentation der zum Aussterben verurteilten Mundarten.Gesprochen wurden sie in den Randgebieten Böhmens und Mähren-Schlesiens und in den Sprachinseln. Die Finanzierung hat zum größten Teil die DFG in Bonn bestritten, bis sich der Freistaat Bayern ab 1985 zu einer Weiterfinanzierung über das Collegium Carolinum bereit erklärte.

Bereits im Jahre 1930, angeregt von dem Leipziger Germanisten Theodor Frings, wurde an der deutschen Karlsuniversität in Prag ein "Sudetendeutsches Wörterbuch" in Angriff genommen. Unter Mitarbeit von Franz und Herta Beranek konnte die Sammelarbeit für das Wörterbuch 1945 abgeschlossen werden. Das Material, welches zu dieser Zeit 1,2 Millionen Zettel und 800 Verbreitungskarten umfasste, ist überwiegend mit Hilfe der sudetendeutschen Lehrerschaft erarbeitet worden. Krieg und Vertreibung verhinderten dann den Beginn der Publikation, und nach dem Krieg war das bis zu diesem Zeitpunkt gesammelte Material nicht mehr aufzufinden und gilt bis heute als verschollen.
Die Wiederbelebung der Idee eines Sudetendeutschen Wörterbuches fand im Jahre 1957 statt. Zu dieser Zeit war Prof. Schwarz von Prag nach Erlangen gelangt und das Ehepaar Beranek nach Gießen, wo Beranek eine Dozentur für Jiddistik an der dortigen Universität erhielt. Unter seiner Leitung erfolgten die abermals erforderlichen Vorarbeiten.
Er warb vor allem über die Heimatzeitungen um sudetendeutsche Personen der Geburtsjahrgänge von 1885 bis 1920, die schriftlich und über sogenannte "Gewährsleute" befragt wurden. Dieses Material umfasst bis heute ca. 3 Millionen Zettel (alphabetisch sortiert) und 16.500 Arbeitskarten. Die Materialsammlung war 1980 soweit bearbeitet und abgeschlossen, dass die Vorbereitungen zur Publikation beginnen konnten. Die erste Lieferung des Sudetendeutschen Wörterbuches erschien 1982 mit dem Buchstaben A.

Es gibt keine sudetendeutsche Mundart, sondern fünf mundartliche Großlandschaften in Böhmen und Mähren-Schlesien. Das Nordbairische (in Westböhmen), das Mittelbairische (in Südmähren und im Böhmerwald), das Ostfränkische (in Nordwestböhmen), das Obersächsische (in Nordböhmen) und das Schlesische (in Ostböhmen und in Nordmähren).

In den Wortschatz der sudetendeutschen Mundarten fließen auch slawische, speziell tschechische Begriffe ein, so die Slawismen wie Powidl, Schmetten oder Kolatschen. Ebenso kommen, bedingt durch die lange Zugehörigkeit zur KuK-Monarchie, eine große Anzahl von Austriazismen vor, wie Paradeiser, Karfiol, Perron und Partezettel.

Das Gesamtprojekt des Sudetendeutschen Wörterbuches umfasst 8 Bände und soll 2017 abgeschlossen sein. 2012 wurde die Fertigstellung des 4. Bandes (Buchstabe F/V und G) und damit etwa die Hälfte des Projektes mit dem 50jährigen Jubiläum des Instituts an der Universität Gießen mit einem akademischen Festakt gefeiert.

Die Frage nach dem Sinn eines Dialektwörterbuchs beantwortete Kesselgruber so:
Die Sprache ist neben Wohnort und Familie ein wesentliches Identitätsmerkmal des Menschen und gerade im Falle der Sudetendeutschen Zeugnis einer mindestens 1000jährigen Kultur in Böhmen und Mähren-Schlesien. Außerdem erfüllt das Wörterbuch die sprachgeschichtliche Aufgabe, die schon in naher Zukunft nicht mehr existenten Mundarten zu dokumentieren. Und schließlich - man kann über diese Aussage trefflich streiten - fragt Wissenschaft nicht nach dem Sinn. Sie ist letztendlich - wie Musik und Kunst - Ausdruck einer Kulturgesellschaft.

Dr. Marketa Spiritova, Ludwig-Maximilians-Universität München: "Wer ist Sudetendeutscher? Zur Rolle der Erinnerung für die kulturelle Idendität".

Der Vortrag kreiste um Erinnerungskultur und kollektives Gedächtnis und die Frage, welche Rolle Erinnerungen für die Gruppe der Sudetendeutschen, ihrer Selbst- und Fremdbilder und damit ihre Identität spielen. Ihren wissenschaftlichen Standpunkt legte die Referentin gleich zu Beginn offen: Die einzige historische Wahrheit gibt es nicht, alle Dokumente und Erinnerungen sagen, je nach Standpunkt und Blickwinkel die Wahrheit oder auch nicht. Gruppen, Gesellschaften oder Nationen brauchen Zeiten und gesellschaftliche Bezüge, die ihre Identität stützen. Als Beispiel führte Dr. Spiritova die gewaltsame Niederschlagung des Generalstreiks am 4. März 1919, die traumatische Verlusterfahrung durch Flucht und Vertreibung nach dem Zweiten Weltkrieg oder die als schwierig aber sehr erfolgreich erinnerte Integration in der Bundesrepublik in den 50er Jahren an. Bei einem Seminar auf dem Heiligenhof sollten die Teilnehmer erzählen, welche Erinnerungen und Erinnerungsorte für ihre sudetendeutsche Identität von Bedeutung ist und was sie zum "Sudetendeutschen" macht. Die gemeinsame Erfahrung von Heimatverlust und gewaltsamer Vertreibung stand an erster Stelle. Weiter die schöne böhmische Landschaft, das geliebte Elternhaus, gemeinsame Feste und Traditionen, die Trachten, Lieder und Speisen sowie eine gemeinsame Sprache, etwa eine Mundart, wurden genannt. Einige erklärten, dass durch historische Ereignisse, vor allem den 4. März 1919, und Erinnerungen daran, sich überhaupt erst eine sudetendeutsche Identität zu konstruieren begann.

Prof. Dr. Werner Mezger, Albert-Ludwigs-Universität Freiburg: " Heimat und Identität im Zeitalter der Globalisierung"

Das Stichwort "Heimat" löst schon lange keine einheitlichen Reaktionen mehr aus.
In überspitzter Form könne man bei Beschreibung von "Heimat" an einen Schwarzwaldhof denken, auch an einen Ausspruch Martin Walsers "Heimat ist schönster Name von Zurückgebliebenheit". Andere können den Begriff Heimat objektiv nicht fassen, für sie existiert er nur als festgeschriebene Größe auf Landkarten.

Heimat ist aber auch gestaltbar und kann in unseren Köpfen umgebaut werden. Heimat könne man aber auch zeitlich erfahren durch Erinnerung an Erlebnisse in Vergangenheit und Kindheit. Heimat. Der Versuch, die Kindheit verwandelnd einzuholen? Was Heimat ist, kann man nicht ermessen, solange man in ihr weilt. Man lernt es erst, wenn man sie verloren oder verlassen hat. Auch Rechtsbegriffe für "Heimat" sind denkbar, z.B. "jemand hat die Heimat geerbt", oder "er hat auf Erden keine Heimat gefunden, sondern erst in der Ewigkeit, die ewige Heimat gefunden". Im 19. Jahrhundert kommt das Lied als Bollwerk gegen die Moderne hinzu. "Im schönsten Wiesengrunde...." sei ein Beispiel dafür. In dieser Zeit wird das Fach Heimatkunde als Schulfach eingeführt.

Unsere Vorstellungen über Heimat sind beim Begriff "Europa" gefragt. Ist die Heimat Europa, geographischer Raum, geschichtliches Gebilde, politischer Verbund, wirtschaftlicher Zusammenschluss, Werte und Kulturgemeinschaft? Die Zukunft: Umbau der Welt zur Heimat?

Prof. Dr. phil. Habil. Matthias Stickler, Julius-Maximilians-Universität Würzburg: "Minderheitenprobleme im Gefolge des Zerfalls der europäischen Imperien nach dem Ersten Weltkrieg".

Die Verhandlungen sowie die Ergebnisse der Pariser Friedensordnung 1919/20 sind eng mit dem Begriff des Selbstbestimmungsrechts der Völker verbunden. Als Beispiel wird das Prinzip des Selbstbestimmungsrechts gerne im Friedensprogramm des amerikanischen Präsidenten Thomas Woodrow Wilson vom 08.01.1918, den sogenannten 14 Punkten, gesehen.

Die Grenzziehungen in Europa als Folge davon, folgte jedoch anderen Prinzipien. Im Vordergrund standen vor allem strategisch-militärpolitische Überlegungen, die auf Schwächung der Verlierer und Stärkung der Siegermächte und ihrer Verbündeten abzielten. Das zeigte sich besonders in der Südtirolfrage und der Zerschlagung des Königreiches Ungarn, aber auch in der Grenzziehung zwischen Deutschland und Polen bezw. der Übergabe der deutsch besiedelten Sudetengebiete an die neu gegründete Tschechoslowakische Republik. Mit der Tschechoslowakei, Rumänien, Polen und Jugoslawien wurden zudem neue Vielvölkerstaaten geschaffen, die sich dauerhaft als politisch instabil erweisen sollten.

Uwe Rada, Redakteur, taz "Die Memel. Kulturgeschichte eines europäischen Stromes".

Drei Länder und nahezu tausend Kilometer bewältigt die Memel zwischen ihrer Quelle und ihrer Mündung im ehemaligen Ostpreußen. Anhand seines neuen Buches, schilderte Uwe Rada den enormen kulturellen und historischen Reichtum dieses europäischen Stromes. Rada folgte dem historisch-geographischen Lauf dieses Flusses von Minsk bis ins Kurische Haff und ließ die Städte und Landschaften beiderseits des Flusses lebendig werden. Er beschrieb die alten und neuen Grenzen an der Memel und vergaß auch nicht den polnischen Verlust an "Ostgebieten" zu thematisieren. Die Dichter Johannes Bobrowski und Adam Mickiewicz stellte er im Abschnitt "Literatur an der Memel" in den Mittelpunkt.

Von "hoher Diplomatie" an der Memel sprach Rada, als er das Treffen der preußischen Königin Luise mit Napoleon schilderte. Schließlich erinnerte er mit Ludendorff und Pilsudski an die Zeit der großen Auseinandersetzungen des 20. Jahrhunderts. Die anschließenden Ausführungen erlaubten den Seminarteilnehmern einen Blick in die im Holocaust vernichtete jüdische Lebenswelt des Shtetl. Gegen Ende seines Vortrages rückte Rada das für diese Region als Zäsur zu bezeichnende Jahr 1945 in den Vordergrund. Durchsetzt mit vielen Zitaten und durch Erkundungen vor Ort war Radas Vortrag auch ein sympathischer Reiseführer durch das Memelland. Der Memel hatte schon August Heinrich Hoffmann von Fallersleben in der ersten Strophe des Deutschlandliedes "Von der Maas bis an die Memel, von der Etsch bis an den Belt" ein Denkmal gesetzt.

Der Bericht wird mit Besprechung von drei weiteren in Weilburg gehaltenen Referaten in Kürze fortgesetzt: Martin Dzingel, Präsident der Landesversammlung der Deutschen in Böhmen, Mähren und Schlesien: "Die Situation der deutschen Minderheit und der deutschen Sprache in der Tschechischen Republik", Jens A. Christiansen, Generalsekretär der Sydslesvigsk Forening: "Die Situation der dänischen Minderheit und der dänischen Sprache in Deutschland" und Dr. Arthur Bechert, stellvertr. Vorsitzender des BdV-Landesverbandes Bayern: "250 Jahre Auswanderung der Deutschen nach Russland".

Text: Norbert Quaiser; Fotos: Erika Quaiser
Im März 2013