Bund der Vertriebenen (BdV) Kreisverband Offenbach begeht
"Tag der Heimat" in Seligenstadt

Festredner Siegbert Ortmann:
"Die geschichtliche Aufarbeitung der unmenschlichen Vertreibung nach dem Kriege ist noch längst nicht abgeschlossen"

Unter dem Motto "Unser Kulturerbe - Reichtum und Auftrag" hat am Sonntag der BdV-Kreisverband Offenbach im "Riesensaal" in Seligenstadt den bundesweiten "Tag der Heimat" gefeiert. Festredner im bis auf den letzten Platz besetzten Saal, war der BdV-Landesvorsitzende in Hessen und stellv. Bundesvorsitzende der Sudetendeutschen Landsmannschaft in München Siegbert Ortmann.

BdV-Kreisvorsitzender Otto R. Klösel benötigte einige Zeit, um die erschienene Prominenz aus Nah und Fern zu begrüßen - unter anderem

  • Heinz Peter Wichtel MdB (CDU),
  • Vizepräsident des Hessischen Landtages Frank Lortz (CDU),
  • Hartmut Honka MdL (CDU),
  • Kreistagsvorsitzender Paul Scherer,
  • Landrat Oliver Quilling,
  • Vorsitzender der CDU-Kreistagsfraktion Bernd Abeln,
  • Stadtverordnetenvorsteher Klaus-Peter Sulzmann,
  • Hainburgs Bürgermeister Bernhard Bessel,
  • 1. Beigeordneter der Stadt Hainburg Alexander Böhm
  • Beigeordneter der Stadt Hainburg Klaus Burow,
  • Konsistorialrat Pfarrer Wolfgang Blau,
  • Landesvorsitzender des BdV Hessen Siegbert Ortmann,
  • Ehrenvorsitzender des hessischen BdV-Landesverbandes Alfred Herold sowie
  • Ehrenvorsitzender des BdV-Kreisverbandes Franz Strinja.

In seinem Grußwort wünschte Stadtverordnetenvorsteher Klaus-Peter Sulzmann der Festversammlung: "Machen Sie aus dem Tag der Heimat einen Tag der Freude" und Landrat Oliver Quilling stellte fest: "Der BdV-Kreisverband Offenbach hat sich um den Kreis Offenbach verdient gemacht".

Zu Beginn seiner Festansprache wies Siegbert Ortmann, selbst Heimatvertriebener aus dem Egerland, darauf hin, dass der Beschluss zur jährlichen Durchführung des Tag der Heimat, der weiterhin an die Kriegsleiden Europas und damit an Flucht und Vertreibung erinnern soll, bereits im November 1949 von verschiedenen Vertriebenenorganisationen gefasst wurde. Unter Mitwirkung von Repräsentanten von Staat und Kommunen bei den vielerorts stattfindenden Kundgebungen, habe dieser Gedenktag in unserem Land inzwischen einen offiziellen Charakter erhalten.

Dem Motto des diesjährigen Tag der Heimat "Unser Kulturerbe - Reichtum und Auftrag" komme, so Ortmann, durch das gleichzeitige sechzigjährige Jubiläum des Bundesvertriebenengesetzes vom 19. Mai 1953 eine besondere Bedeutung zu. Seinerzeit wurde dieses Gesetz auch als "Grundgesetz der Vertriebenen" bezeichnet. Durch seine Vorgaben konnten die Vertriebenen erst ihren großen Beitrag zum Wiederaufbau Deutschlands leisten, bei gleichzeitiger Übernahme der Verantwortung dafür, Geschichte, Kultur und Leistungen der Deutschen aus dem Osten dauerhaft zu bewahren und im gesamtgesellschaftlichen Bewusstsein wachzuhalten, und zwar für alle Zeiten.

In diesem Sinne sei auf die Hessische Landesregierung Verlaß, so Ortmann. Er dankte vor allem Ministerpräsident Volker Bouffier dafür, dass kürzlich in Hessen ein landesweiter Gedenktag für die Opfer von Flucht, Vertreibung und Deportation - beginnend ab dem Jahr 2014 jeweils am 2. Sonntag im September - eingeführt wurde. Damit habe diese Landesregierung sich über die Bedenken anderer politischer Kräfte hinweggesetzt und ihre Solidarität mit dem Schicksal der Betroffenen und deren wichtigen Anteil am Wiederaufbau unseres Landes nach dem Kriege sichtbar zum Ausdruck gebracht.

Aber Gesetze allein vermögen nicht, Bewusstsein zu schaffen. Dazu bedürfe es Menschen, die in den unterschiedlichen Landsmannschaften und Verbänden der Vertriebenenorganisationen gewissermaßen als Multiplikatoren in unserer Gesellschaft tätig sind. Aber die praktische Umsetzung unserer Ziele vor Ort koste nun einmal Geld, das wir aus den Mitgliedsbeiträgen in den Landesverbänden nicht aufbringen könnten. Wir sind also bundesweit auf finanzielle Unterstützung für unsere Arbeit angewiesen. Nach dem aktuellen Bericht über die Maßnahmen zur Förderung der Kulturarbeit gem. 96 BVFG kommt die derzeit unionsgeführte Bundesregierung insoweit ihren Pflichten als Kulturnation mit angemessenen finanziellen Mitteln Jahr für Jahr auch nach. Immerhin haben sich diese Bundesmittel von ca. 12 Mio. Euro im Jahr 2005 schrittweise auf knapp 17 Mio. Euro im Bundeshaushalt 2012 erhöht und betragen jetzt rund 20 Mio. Euro im Jahr.

Der BdV bedankt sich bei der derzeitigen Bundesregierung unter Kanzlerin Angela Merkel ganz herzlich. Es sei besonders erfreulich, dass von ihr der lange und beschwerliche Weg zum Bau des Dokumentationszentrums der Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung durch die jetzt erfolgte Grundsteinlegung erfolgreich abgeschlossen wurde. Damit wird demnächst in der Mitte Berlins eine Lücke der deutschen Erinnerungskultur, im Einklang mit geschichtlicher Wahrheit, als nicht nur nationales Anliegen dank des beharrlichen und unermüdlichen Einsatzes unser BdV-Präsidentin Erika Steinbach geschlossen.

Was Ortmann immer wieder sehr beunruhigt ist die Tatsache, dass einzelne Bundesländer ihren gesetzlich zugewiesenen Verpflichtungen nicht nach einheitlichen und vergleichbaren Kriterien und Maßstäben nachkommen. Er habe den Eindruck, dass die Parteienzusammensetzung der jeweiligen Landesregierungen das " allein bestimmende Maß" dieser Kulturförderung ist und damit erhebliche Schwankungen unter den Bundesländern, vor allem bei den institutionellen Fördermitteln, offenbaren. Drei Bundesländer hätten sich nach seiner Kenntnis sogar gänzlich aus dieser bedeutsamen Kulturwahrung verabschiedet.

"In diesem Zusammenhang richte ich einen weiteren Dank an die derzeitige Hessische Landesregierung: Trotz schwieriger Landesfinanzen hat die CDU/FDP-Koalition in den zurückliegenden Jahren die notwendigen Fördergelder zur Bewahrung des kulturellen Erbes der Heimatvertriebenen immer wieder in angemessenem Umfang bereitgestellt. Ende Juli diesen Jahres hat mir Staatsminister Axel Winterstein den entsprechenden Förderbescheid für dieses Jahr übergeben", sagt Ortmann.

"Für Hessen habe ich schon vor einiger Zeit eine Anregung zu einem offiziellen Besuch in Tschechien an die Landesregierung gegeben und von dem jetzigen Ministerpräsidenten Volker Bouffier wohlwollende Zustimmung vernommen" fuhr Ortmann fort. " Ich meine, dass auch das Bundesland Hessen - und nicht nur Bayern und Sachsen - in unmittelbare Kontakte treten sollten und dies aus folgenden Gründen: Nach dem Kriege sind rund 400 000 sudetendeutsche Heimatvertriebene nach Hessen gekommen und haben in der Folgezeit wesentlich am Aufbau dieses Landes mitgewirkt. Woher diese Menschen kamen, wo ihre Wurzel lagen, ist auch 67 Jahre nach der Vertreibung durchaus noch interessant, zumal wir Betroffenen - und nicht nur wir - von einer jahrhundertelangen gemeinsamen deutsch-tschechischen Geschichte ausgehen. Deshalb sollte ein solcher Regierungsbesuch, der natürlich auch mit der Einladung zu einem Gegenbesuch verbunden sein sollte, wirklich geboten. Inhaltlich sollten derartige Begegnungen auf Regierungsebene den Besuch historisch wichtiger Orte und Kulturschätze enthalten und sich mit Gesprächsthemen befassen, die für die Heimatvertriebenen und ihre Angehörige wichtig sind. Dabei unterstelle ich, dass eine Begleitung zu einer solchen Reise mit Vertretern der Vertriebenenorganisationen als sinnvoll angesehen würde", so Ortmann.

Schließlich wies der hessische BdV-Landesvorsitzende mit Stolz und Anerkennung auf die zahlreichen privaten Initiativen und finanziellen Unterstützungen deutscher Heimatvertriebenen in der Vergangenheit hin, die aus Liebe zur alten Heimat zum Erhalt und zur Restaurierung wertvoller Baudenkmäler, vor allem auch Kirchen in den ehemaligen Vertreibungsgebieten wirkungsvoll geführt hätten. Die deutschen Heimatvertriebenen sehen das Motto "Unser Kulturerbe - Reichtum und Auftrag" ohne jede Einschränkung als Zukunftsaufgabe an und werden immer versuchen, gewissenhaft danach zu handeln und zwar im Geiste einer guten Nachbarschaft in der geeinten europäischen Völkerfamilie.

Fester Programmteil war auch in diesem Jahr eine Lesung von Helena Jury. "Einer blieb zuhause" von Hugo Scholz hatte sie sich ausgesucht: Jahre nach der Vertreibung machten sich Vater, Sohn und Schwiegertochter das erste Mal auf den Weg in die alte Heimat ins Sudetenland, wo sie in ihrem alten Hof die Antonius-Figur fanden, die der Vater als Kind dort versteckt hatten. Mitnehmen oder nicht, war die Frage. Wir lassen die Figur in ihrem Versteck wurde entschieden, denn "wenigstens einer soll zuhause bleiben".

Musikalische Höhepunkte des kulturellen Teils boten die Musiker des Musikvereins Klein-Welzheim, der Sängerchor Turngemeinde Seligenstadt 1848 e.V. und die Tanz- und Singgruppe der Egerländer Gmoi Offenbach unter Leitung von Frau Zaschka-Domes.

Bei der Zusammenstellung des umfangreichen Programms und bei der Organisation hatte der stellvertr. Kreisvorsitzende und Kulturreferent Egon Jury alle Hände voll zu tun und bekam dafür, zusammen mit Christa Nessel, einen donnernden Applaus. Gekonnt verband Jury auch als Moderator des Nachmittags die einzelnen Darbietungen auf der Bühne, auch das Totengedenken stammte aus seiner Feder.

"Es war eine großartige Veranstaltung" stellte BdV-Kreisvorsitzender Otto R. Klösel mit Dank an Gäste und Mitwirkende in seinem Schlußwort fest. Der gemeinsame Gesang der deutschen Nationalhymne "Einigkeit und Recht und Freiheit für das deutsche Vaterland" setzte den Schlußpunkt unter die eindrucksvolle Festversammlung.

Text: Norbert Quaiser; Fotos: Erika Quaiser
Im September 2013