Abschied von Hartmut Saenger in Ober-Rosbach

Ein Leben für seine Ideale: "Aussöhnung durch Wahrheit"

"Mon âme se repose" - meine Seele ruht - ein Lied aus Taizé in der überfüllten Trauerhalle in Ober-Rosbach, stand zu Beginn der eindrucksvollen Trauerfeier für Hartmut Saenger. Mitglieder der Familie musizierten. Nach kurzer, schwerer Krankheit ist Hartmut Saenger am 22. November im Alter von 72 Jahren in Bad Nauheim verstorben.

Weitbekannt wurde Saenger durch seine herausgehobenen Funktionen beim Bund der Vertriebenen (BdV) und der Pommerschen Landsmannschaft (PML). Über sein Vertreibungsschicksal hat er nie gesprochen.

Am 31. Dezember wurde er in Schönlanke im Netzekreis in Hinterpommern geboren. Zur Familie gehören noch ein Bruder und zwei jüngere Schwestern. Sein Vater galt 1945 als im Krieg vermisst. Seine Mutter wurde mit den vier kleinen Kindern im September 1945 aus Schönlanke vertrieben, im überfüllten Viehwaggon ging es in das zerstörte Berlin. Vorläufige Aufnahme fanden sie im Großelternhaus Saenger in Dahlem, wo sich bereits weitere angehörige Familien zusammendrängten.

Da keine Zuzugsgenehmigung vorlag, musste die Familie in Uthlede/Wesermarsch Unterkunft finden, wo eine Großmutter mit ihren Geschwistern nach der Flucht aus Pien bei Bromberg angekommen war. "Unterkunft" hieß ein Pferdestall und eine zugige Veranda. Endlich Umzug nach Bremen in ein kleines, fast eigenes Häuschen mit Gemüsegarten. Hier Schulzeit und Abitur. 1961 endlich Gewissheit über das Schicksal des Vaters, der gefallen war.

Es folgten drei freiwillige Jahre bei der Bundeswehr, die er als Offizier verließ. Anschließend studierte er in Hamburg Volkswirtschaft.1972 Umzug nach Rosbach, wo er im - von Wolfgang Egerter gegründeten - "Institut für berufliche und politische Bildung" tätig wurde. Seit 1975 bis zur Pensionierung am 2004 saß er als Geschäftsführer der "Hessischen Akademie für Politik" in Wiesbaden vor.

Hartmut Saenger hat sich keiner Aufgabe, die ihm angetragen wurde, versagt, wenn sie ihm sinnvoll erschien und sie ernsthaft ausgeführt. Von 1977 - 2006 war er als Stadtverordneter in Rosbach Leiter verschiedener Ausschüsse und seit 2006 "Stadtältester". Bereits seit dem Studium wirkte er aktiv in der landsmannschaftlichen Arbeit für Westpreußen und Pommern. 2007 wurde er zum Bundesvorsitzenden der Pommerschen Landsmannschaft gewählt. Seit fünf Jahren arbeitete er im Präsidium des Bundes der Vertriebenen (BdV).

Gute sprachliche Formulierungskunst bei Reden und schriftlichen Beiträgen zeichneten ihn aus.

"Der ist in tiefster Seele treu, der die Heimat liebt wie Du" sagte der Ehrenvorsitzende des hessischen BdV-Landesverbandes Alfred Herold in seinem Nachruf "Dein Herz gehörte Deiner pommerschen Heimat". Nahezu 30 Jahre hatte Herold in verantwortlichen Positionen mit Hartmut Saenger zusammengearbeitet. In dieser Zeit habe sich ein vertrauensvolles Verhältnis aufgebaut. "Auf Hartmut Saenger konnte man sich unbedingt verlassen".

1990 war Hartmut Saenger Gründer des hessischen "Deutsch-Europäischen Bildungswerkes", das heute auf eine stolze Bilanz zurückblickt. Inzwischen wurden - meist unter seiner Leitung - über hundert verständigungspolitische Fahrten nach Polen und Tschechien unter dem Motto "Aussöhnung durch Wahrheit" durchgeführt. Saenger habe in diese Institution viel Zeit Kraft und Gesundheit investiert, " aber in dieser Zeit mehr für eine deutsch-polnische Verständigung geleistet, als so manches hochgradig besetztes Symposium," fügte Herold hinzu.

Die BdV-Präsidentin Erika Steinbach habe geschrieben: " Wir verlieren mit Hartmut Saenger einen gradlinigen Mitstreiter, einen väterlichen Freund und klugen Berater, der sein Leben der Arbeit für die Heimatvertriebenen gewidmet hat. Insbesondere lag ihm die Verständigung zwischen Menschen aus Deutschland und denen aus den östlichen Nachbarländern am Herzen. Sein Tod ist ein großer Verlust, nicht nur für die Pommersche Landsmannschaft, sondern auch für den Bund der Vertriebenen."

Der Landesvorsitzende der Pommerschen Landsmannschaft Hessen, Manfred Laubmeyer, erinnerte an den außerordentlichen Einsatz von Hartmut Saenger als es darum ging, die hessische Landsmannschaft zusammenzuführen. Die Jubiläumsbroschüre zum 60jährigen Bestehen zeige deutlich Hartmut Saenger's Handschrift.

"Worte reichen nicht aus, um Dank zu sagen, was Du für die hessischen Lehrer getan hast" sprach Gerolf Fritsche im Namen des Pädagogischen Arbeitskreises Mittel- und Osteuropa. Schon früh unterstützte Harmut Saenger, als Leiter der Hessischen Akademie für politische Bildung, die Lehrerfortbildung. Eine Fahrt nach Ostpreußen, wo es zum Treffen mit russischen Studenten und 'Wolfskindern' kam, ist Fritsche in besonderer Erinnerung. Auch für viele weitere Unternehmungen sei Hartmut Saenger maßgebend gewesen.

Das ‚Pommernlied', die pommersche Landeshymne, erklang zum Abschied und Dank: Hartmut Saenger hat sich um seine pommersche Heimat verdient gemacht.

Text: Norbert Quaiser; Foto: Erika Quaiser
Im Dezember 2013