Bund der Vertriebenen (BdV) Kreisverband Frankfurt am Main beging "Tag der Heimat" im "Haus der Heimat" in Frankfurt

Festredner BdV-Landesvorsitzender Siegbert Ortmann:
Keine Vertriebenenpartei, dafür Mitmischen in den großen Parteien.

Pommerscher "Schit-Lot-Em" als Stärkung für den Egerländer

Kreisvorsitzende Heidemarie Stein eröffnete am Sonntag im großen Saal des "Haus der Heimat" die Festveranstaltung zum "Tag der Heimat".

Festredner - im bis auf den letzten Platz besetzten Saal - war der BdV-Landesvorsitzende Siegbert Ortmann. Dass am Tag der Bundes- und hessischer Landtagswahl, so viele Gäste ihrer Einladung gefolgt waren, freute Frau Stein besonders. "Ich habe aber auch Verständnis dafür, dass heute an diesem Wahlsonntag, einige Eingeladene aus der "Politik" nur Grüße übermitteln konnten", so die Kreisvorsitzende.

Ihr herzliches Willkommen galt Helmut Liewald, Landesvorsitzender der Landsmannschaft Schlesien in Hessen und in Frankfurt am Main, dem 93-jährigen Paul Stein, Stadtältester und Ehrenvorsitzender vom "Haus der Heimat" und des BdV Kreisverbandes Frankfurt sowie dem Festredner Siegbert Ortmann, Landesvorsitzender des BdV Hessen. Für die musikalische Begleitung der Feierstunde hatte man das Heimatduo Reis aus Biebesheim gewinnen können, das sich sogleich mit einem Strauß bunter Noten der Versammlung vorstellte.

Das Motto des diesjährigen "Tag der Heimat": "Unser Kulturerbe - Reichtum und Auftrag" stellte die Kreisvorsitzende in den Mittelpunkt ihrer Begrüßungsansprache. Sie brachte es in Verbindung zu dem Bundesvertriebenengesetz 96, wonach die Länder verpflichtet sind, das Kulturgut der Vertriebenen und Flüchtlinge für das gesamte deutsche Volk und das Ausland zu sichern und zu erhalten. Außerdem Archive, Museen und Bibliotheken zu ergänzen und auszuwerten, sowie Einrichtungen des Kunstschaffens und der Ausbildung sicherzustellen und zu fördern. "Dies bleibt eine fortbestehende Aufgabe," ergänzte die Kreisvorsitzende.

"Das Jahresmotto passt zu unserer verständlichen Sorge um den Fortbestand unserer Heimatstuben," stellte Frau Stein fest. " Das mühsam im Fluchtgepäck Gerettete dürfe nicht verlorengehen. Der Reichtum unserer Kultur, den die Vertriebenen in die Kulturlandschaft des ganzen Landes eingebracht hätten, dürfe nicht untergehen": Weniger Sorgen mache sie sich um Schriftgut, da es inzwischen zahlreiche Archive und Bibliotheken gäbe, in denen es Platz findet.

Die Kreisvorsitzende schloß ihre Ansprache mit dem Appell, Kultur und Geschichte der Heimatgebiete der deutschen Vertriebenen, ebenso wie die jüngste politische Geschichte im Gedächtnis der jüngeren Generationen zu festigen. Es gelte jungen Menschen näher zu bringen, welche Tragödien sich bei Flucht und Vertreibung abspielten. Für Viele sei es heute unvorstellbar, "was wir erleben und erleiden mussten". Heftig kritisierte sie die Aussage, leider auch vieler Politiker, "dass die Vertreibung eine Folge des von Deutschland angefangenen Krieges" sei. Das sei falsch, denn "Man könne nicht das eine Unrecht mit dem anderen aufrechnen."

Siegbert Ortmann stellte sich der Festversammlung als gebürtiger Egerländer des Jahrgangs 1940 - und damit noch als ein Vertriebener der Erlebnisgeneration - vor. Das Thema Flucht und Vertreibung bewege ihn aus selbst erlebten Gründen ganz besonders. Es habe ihn nach Jahrzehnten politischen Wirkens in unterschiedlichen Bereichen zu seinen derzeitigen Ehrenämtern als BdV-Landesvorsitzender in Hessen und stellvertretender Bundesvorsitzender der Sudetendeutschen Landsmannschaft in München geführt.

"Unser Kulturerbe - Reichtum und Auftrag", das Motto des diesjährigen "Tag der Heimat", bekommt durch das gleichzeitige sechzigjährige Jubiläum des Bundesvertriebenengesetzes, eine besondere Bedeutung. Der Beschluss zur jährlichen Durchführung dieses besonderen Tages, wurde von verschiedenen Vertriebenenorganisationen schon im November 1949 in Göttingen gefasst. Inzwischen hat dieser Gedenktag in unserem Land durchaus offiziellen Charakter und zwar unter Mitwirkung von Repräsentanten von Staat und Kommunen bei den vielerorts stattfindenden Kundgebungen.

Auf die aktuellen Wahlen eingehend, erwähnte Ortmann, dass er oft gefragt werde, warum man den BdV nicht auch auf einem der Wahlzettel finde. Seine Antwort: "Das hat es früher gegeben aber heute würde sich diese "Vertriebenenpartei" unter den vielen kleinen Splittergruppen - ohne Aussicht auf Wirksamkeit - wiederfinden. Für uns Vertriebene ist es wichtig, in der Politik "mitzumischen" und das kann man am besten, wenn man sich großen politischen Parteien anschließt".

Das bereits von Frau Stein erwähnte Bundesvertriebenengesetz, auch "Grundgesetz der Vertriebenen" genannt, gehört - lt. Ortmann - "zu den bedeutendsten Gesetzesvorhaben der frühen Bundesrepublik". Es bildete die Rechtsgrundlage für die Aufnahme und Eingliederung der Heimatvertriebenen, Aussiedler und Spätaussiedler in ihrer neuen Heimat. In den zurückliegenden Jahren, immer wieder den aktuellen Entwicklungen angepasst, war das Gesetz stets getragen von dem Gedanken der Solidarität mit unseren Landsleuten. Sei es zu Anfang um die rasche Eingliederung der Vertriebenen und Flüchtlinge gegangen, trat später die Aufnahme von deutschstämmigen Aussiedlern und ihren Angehörigen aus dem Ostblock in den Vordergrund. Sie kamen nach Deutschland, und das sollten wir nicht vergessen, weil sie wegen ihres Deutschseins unablässig diskriminiert wurden.

Aber Gesetze allein vermögen nicht, Bewusstsein zu schaffen. Dazu bedürfe es Menschen, die in den unterschiedlichen Landsmannschaften und Verbänden der Vertriebenenorganisationen als Multiplikatoren ohne irgendwelche persönliche Vorteile in unserer Gesellschaft tätig sind. Dafür gebühre allen ein besonderer Dank.

"Die praktische Umsetzung unserer Ziele vor Ort kostet Geld, das wir aus den Mitgliedsbeiträgen nicht aufbringen können" so der Landesvorsitzende . "Wir sind also bundesweit auf finanzielle Unterstützung für unsere Arbeit angewiesen. Die derzeit unionsgeführte Bundesregierung kommt ihren Pflichten als Kulturnation nach. So sind die Bundesmittel von ca. 12 Mio. Euro im Jahr 2005 schrittweise auf knapp 17 Mio. Euro im Bundeshaushalt 2012 erhöht worden und betragen jetzt rund 20 Mio. EURO im Jahr" stellte Ortmann unter starkem Beifall fest.

Als besonders erfreulich bezeichnete er, dass auf der Grundlage des Bundesvertriebenengesetzes endlich der lange und beschwerliche Weg zum Bau des Dokumentationszentrums der Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung durch die jetzt erfolgte Grundsteinlegung abgeschlossen wurde. Ortmann erwähnte dann die "Brückenfunktion", die der BdV zu unseren östlichen und südöstlichen Nachbarländern als überparteiliche und überkonfessionelle Organisation wahr nimmt.

"Für Hessen habe ich", so Ortmann "schon vor einiger Zeit die Anregung zu einem offiziellen Besuch in Tschechien der Landesregierung gegeben und von dem jetzigen Ministerpräsidenten Volker Bouffier Zustimmung erfahren." Denn nach dem Kriege seien rund 400 000 sudetendeutsche Heimatvertriebene nach Hessen gekommen und haben in der Folgezeit wesentlich am Aufbau dieses Landes mitgewirkt. Woher diese Menschen kamen, wo ihre Wurzel waren, ist auch 67 Jahre nach der Vertreibung durchaus noch interessant, zumal wir von einer jahrhundertelangen gemeinsamen deutsch-tschechischen Geschichte ausgehen.

Deshalb sollte ein solcher Regierungsbesuch auch mit einem Gegenbesuch verbunden sein. Inhaltlich sollten derartige Begegnungen auf Regierungsebene den Besuch historisch wichtiger Orte und Kulturschätze enthalten und sich mit Gesprächsthemen befassen, die für die Heimatvertriebenen und ihre Angehörigen wichtig sind.

Ortmann glaubt eine Bewusstseinsänderung in einem großen Teil der tschechischen Bevölkerung festzustellen. So entfällt auf die sakralen Denkmäler in Tschechien ein großer Teil des architektonischen Erbes der Tschechischen Republik. Und man bemerkt dort in den einst deutschen Gebieten durchaus eine Rückbesinnung auf die von Deutschen geprägte Kultur. So erfreuen sich, nach dem Untergang der kommunistischen Herrschaft und deren Beseitigung jeglichen kulturellen Erbes, heute viele Baudenkmäler im ehemaligen Böhmen und Mähren wieder einer besonderen Aufmerksamkeit und Sorge, wobei der deutsch-tschechische Zukunftsfonds nach der deutsch-tschechischen Erklärung von 1997 dazu wertvolle Hilfe leistet.

Dieser deutsch-tschechische Zukunftsfonds fördert gezielt Projekte, welche die Menschen beider Länder zusammenführen und Einblicke in die jeweiligen Lebenswelten, die gemeinsame Kultur und Geschichte ermöglichen und vertiefen. In den zurückliegenden 15 Jahren sind so über 7500 deutsch-tschechische Partnerschaftsprojekte unterstützt worden, auch im Bereich der Denkmalspflege.

Unsere Aufgabe als Vertriebenenorganisation sei es, so Ortmann, auf die Einhaltung dieser bilateralen Vereinbarungen zu achten. "Wir lassen uns dabei auch nicht durch immer wieder gemachte Äußerungen von offiziellen Stellen in Prager Regierungskreisen einschüchtern, wonach "die Sudetendeutschen" schnellstens aus der Geschichte verschwinden sollten".

Anders verhielten sich weite Teile der tschechischen, überwiegend jüngeren Gesellschaft. Hier würden mehr und mehr kritische Fragen über die gemeinsame deutsch-tschechische Geschichte gestellt. Insoweit setzen wir auf die kritische und durchaus positive Einstellung zur Nachkriegsvertreibung der Deutschen bei der Jugend in diesem Nachbarland.

"Dass unser Vorhaben auch bereits Früchte trägt, zeigt der kürzlich veröffentlichte Kommentar in einer Prager Tageszeitung, die Tschechen sollten sich nicht weiter hinter Beschlüsse der Potsdamer Konferenz verstecken oder hinter der Behauptung, dass eine andere Behandlung der deutschen Minderheit nicht möglich gewesen wäre, denn der Krieg war längst vorbei und aus Mord sei wieder Mord geworden," so Ortmann.

Auch in Polen gäbe es positive Akzente: So bemühen sich die heutigen Bewohner Schlesiens sehr nachhaltig um die Pflege des deutschen kulturellen Erbes, vor allem bei den alten Gebäuden. Seit einiger Zeit werden auch deutsche Heimatlieder und Gedichte ins Polnische übersetzt. "Für die jungen Polen ist es heute durchaus interessant, sich mit der neuen Heimat im ehemaligen Schlesien zu beschäftigen und zum Beispiel an historischen Gebäuden die deutschen Inschriften zu erschließen, ihre Geschichte zu erforschen und mit diesem Wissen zu leben und zu arbeiten", sagte kürzlich Dr. Jozef Zaprucki vom Riesengebirgskolleg in Hirschberg/Schlesien.

"Heute ist uns die Heimat in Tschechien und Polen und den anderen östlichen Vertreibungsgebieten wieder geöffnet und wir besuchen regelmäßig die Orte, an denen wir geboren sind und suchen in den Erinnerungen, die wir von den Eltern und Großeltern übernommen haben. Wir suchen ganz einfach nach den Spuren unserer Heimat und je öfter wir mit den heute dort lebenden Menschen zusammen kommen, umso mehr stellen wir fest, dass diese Suche auch nicht vergebens ist. Wir Heimatvertriebene und die heutigen Menschen in der alten Heimat sind zusammen aufgerufen, die gemeinsame Geschichte immer wieder aufzuzeichnen und für die Zukunft zu sichern" führte Ortmann aus.

Dankbar weise der Bund der Vertriebenen mit Stolz und Anerkennung auf die zahlreichen privaten Initiativen und finanziellen Unterstützungen deutscher Heimatvertriebener in der Vergangenheit hin. Aus Liebe zur alten Heimat hätten sie zum Erhalt und zur Restaurierung wertvoller Baudenkmäler, vor allem auch Kirchen, in den ehemaligen Vertreibungsgebieten in Tschechien und Polen wirkungsvoll beigetragen. Damit haben sie dem Erbe der Jahrhunderte alten "kunsthistorischen Schatzkammer Böhmens, Mährens und Schlesiens" im Herzen Europas gedient - ganz im Sinne unseres diesjährigen Leitwortes, schloss der Landesvorsitzende.

"Nach einer solchen Rede haben Sie eine Stärkung nötig" bedankte sich Heidemarie Stein, die auch dem Kreisverband Frankfurt der Pommerschen Landsmannschaft vorsteht, beim Festredner. Die Flasche "Schit-Lot-Em" Kräuterlikör von Sellin & Kasten, früher Stettin heute Neustadt in Holstein, hatte sie aus ihrem "pommerschen Raritätenkeller" mitgebracht.

Auch Siegbert Ortmann war nicht mit leeren Händen gekommen: der große Sudetendeutsche Atlas war sein Mitbringsel für die rührige Gatgeberin. Das gemeinsam gesungene Lied der Deutschen "Einigkeit und Recht und Freiheit" setzte den Schlußpunkt unter die eindrucksvolle Veranstaltung.

Text und Fotos: Norbert Quaiser
Im September 2013