"Unser Kulturerbe - Reichtum und Auftrag"

Feierstunde zum "Tag der Heimat 2013" im Biebricher Schloß mit Ministerpräsident Volker Bouffier.
Festredner Professor Dr. Manfred Kittel: "Ostdeutsches Kulturgut ist gesamtdeutsches Erbe - nicht nur das der Vertriebenen."

Die Rotunde in der Mitte des Biebricher Schlosses war der stilvoller Rahmen für dieses festliche Ereignis, zu dem der Landesvorsitzende des BdV Hessen, Siegbert Ortmann, am Sonntag eingeladen hatte.

"Der Tag der Heimat ist entstanden als Bekenntnis der deutschen Vertriebenen zu ihrer alten Heimat und als Protest gegen Vertreibung und Deportation" sagte Ortmann in seiner Begrüßung. Der Gedenktag solle die Öffentlichkeit immer wieder daran erinnern, dass die Vertreibung von 15 Millionen Deutschen eines der größten Verbrechen gegen die Menschlichkeit war. "Aber wir gedenken gleichzeitig an diesem Tag der Millionen Toten, die der grausame, von Deutschland aus entfachte Zweite Weltkrieg und die anschließenden unmenschlichen Vertreibungen aus den alten Heimatgebieten der Menschheit beschert hat" fügte er hinzu.

Bereits seit dem Jahre 1954 würde vom Präsidium des Bundes der Vertriebenen zum Tag der Heimat jeweils ein Leitwort ausgegeben, in diesem Jahr "Unser Kulturerbe - Reichtum und Auftrag". Ein Motto, das dank des gleichzeitigen 60-jährigen Jubiläums des Bundesvertriebenengesetzes in diesem Jahr eine besondere Bedeutung besitze. Nach Ortmann hat der Tag der Heimat inzwischen seine Bedeutung verändert . Er sei nämlich längst nicht mehr ein lediglich verbandsinternes Erinnerungstreffen unter Vertriebenen und deren Angehörigen. Inzwischen sei der Tag der Heimat ein Gedenktag mit offiziellem Charakter für alle Deutschen unter Mitwirkung von Repräsentanten aus Staat und Gesellschaft geworden, wie die Liste der Besucher eindrucksvoll beweise.

Mit besonderer Freude begrüßte Ortmann den Landesvorsitzenden der Christlich-Demokratischen-Union und Ministerpräsidenten des Landes Hessen, Volker Bouffier einen Donauschwaben, wie er hinzufügte. Ihm gelte ein besonderer Dank für seine jüngste Entscheidung, nach dem Freistaat Bayern nun auch in Hessen, einen alljährlichen Gedenktag für die Opfer von Flucht, Vertreibung und Deportation einzuführen. Dem hessischen Sozialminister Stefan Grüttner, als zuständigem Ressortminister, galt der Dank des BdV-Hessen für die immerwährende finanzielle Unterstützung zur Bewahrung des kulturellen Erbes der Heimatvertriebenen, bisweilen unter erheblichem politischen Gegenwind.

Eine hohe Ehre sei die Anwesenheit der CDU-Bundestagsabgeordneten und Präsidentin des Bundes der Vertriebenen, Erika Steinbach. "Sie sind die Nummer 1 bei den Vertriebenenorganisationen in Deutschland und prägen unser Image mit permanentem Einsatz und ganzer Hingabe im In- und Ausland. Wir als Untergliederungen im großen Bund der Vertriebenen, sind stolz auf diese nunmehr seit 15 Jahren amtierende Präsidentin, die zudem auch noch in Hessen wohnhaft ist" erklärte Ortmann unter großem Beifall der Anwesenden.

Eine Freude ist für Ortmann die Anwesenheit des Präsidenten des Hessischen Landtages, Herrn Norbert Kartmann - mit familiären Wurzeln in Siebenbürgen - sowie die Landtagsabgeordneten Ulrich Caspar (CDU) und Frank Sürmann (FDP). "Sie sind uns seit vielen Jahren wohlgesonnen und unterstützen unsere Verbandsarbeit, wo immer Sie können." Ein herzliches Willkommen galt auch dem hiesigen SPD-Stadtverordneten Stefan Belz und Wiesbadens Bürgermeister Arno Goßmann.

Ein immer willkommener Gast, die Hess. Landesbeauftragte für Heimatvertriebene und Spätaussiedler, Frau Margarethe Ziegler-Raschdorf musste fehlen. "Ihr unermüdlicher Einsatz für die Vertriebenen, Aussiedler und Spätaussiedler in unserem Land ist einfach großartig und bewundernswert zugleich. Vielen, vielen Dank dafür", erklärte der BdV-Landesvorsitzende.

Herzlich begrüßte Ortmann aus der großen Familie der Vertriebenenverbände und Landsmannschaften seinen Kollegen des Nachbarlandes Rheinland-Pfalz, den BdV-Landesvorsitzenden, Dr. Wolfgang Thüne, den Präsidenten der Bundesversammlung der Sudetendeutschen Landsmannschaft und BdV-Präsidiumsmitglied Reinfried Vogler, den stellv. Bundesvorsitzenden dieser Landsmannschaft, seinen Kollegen Steffen Hörtler vom Heiligenhof in Bad Kissingen, den Landesobmann der Sudetendeutschen Landsmannschaft in Hessen und BdV-Landesehrenvorsitzenden Alfred Herold, den stellv. BdV-Landesvorsitzenden in Bayern, Alfred Kipplinger, sowie Rudolf Friedrich, Landesbeauftragter a.D. und Armin Klein.

Bei der Begrüßung des Festredners der Feierstunde, Prof. Dr. Manfred Kittel. nannte Ortmann Prof. Kittel einen besonders renommierten Historiker und Politikwissenschaftler. 1962 geboren habe er in Erlangen und München studiert und sich 1999 an der Universität Regensburg habilitiert, wo er auch seit 2005 als außerplanmäßiger Professor Neuere und Neueste Geschichte lehrt. Er übe zahlreiche Forschungstätigkeiten aus, verfasste unzählige wissenschaftliche Publikationen und sei seit 2009 in Berlin Direktor der Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung.

Bürgermeister Arno Gossmann sagte in seinem Grußwort, dass die Geschichte dazu neige, schnell vergessen zu werden. Die Stadt Wiesbaden jedoch schätze die Arbeit der Heimatvertriebenen und werde immer an ihrer Seite stehen. Präsidentin Erika Steinbach weiß "Dass es eines der wichtigen Dinge im Leben ist, Danke zu sagen". Dank sage sie der Hessischen Landesregierung, dass diese die Anliegen der Heimatvertriebenen immer auch zu einem ihrer Anliegen gemacht habe.

Der Hessische Ministerpräsident Volker Bouffier lobte in seine Ansprache die Heimatvertriebenen und Spätaussiedler als einen festen Teil der hessischen Geschichte. "Daher hat die Hessische Landesregierung im letzten Monat die Initiative ergriffen und einen landesweiten Gedenktag für die Opfer von Flucht, Vertreibung und Deportation eingeführt, um an das Unrecht zu erinnern, das den Heimatvertriebenen und Spätaussiedlern widerfahren ist", erklärte der Ministerpräsident. Der Tag solle Gelegenheit dazu bieten, die Erinnerung an das Schicksal der Betroffenen lebendig zu halten sowie zur Verantwortung und Versöhnung zu mahnen. Der Gedenktag, der ab 2014 jährlich an jedem zweiten Sonntag im September begangen werde, beziehe ausdrücklich alle Opfer von Vertreibung weltweit mit ein, denn auch heute seien immer noch Menschen auf der ganzen Welt von Vertreibung und deren Folgen betroffen, so Bouffier.

Der Ministerpräsident dankte den Frauen und Männern des BdV-Landesverbandes Hessen für ihre engagierte Arbeit bei der Integration der Vertriebenen und Spätaussiedler in Hessen sowie dem damit verbundenen Aufbau des Landes.
"Die Zusammenarbeit mit dem Bund der Vertriebenen ist für mich eine Herzensangelegenheit", betonte der Regierungschef. Daher sei auch wichtig, dass die Landesregierung in regelmäßigen Abständen mit den Vertreterinnen und Vertretern des Verbandes ins Gespräch komme, so beim bewährten Neujahrsgespräch in der Staatskanzlei oder beim "Tag der Vertriebenen" auf dem Hessentag.

Die Landesregierung unterstützt bereits seit vielen Jahren die Arbeit des Landesverbandes und fördert dazu verschiedene Projekte, um Spätaussiedler in Hessen zu integrieren. Der Regierungschef erinnerte in diesem Zusammenhang an das mittlerweile erfolgreich abgeschlossene Projekt zur Nachqualifizierung von Lehrerinnen und Lehrern. "Für die betroffenen Spätaussiedler ist dies ein wichtiges Zeichen der Wertschätzung und Anerkennung ", sagte Bouffier.

Zudem kümmere sich das Land besonders um die Integration der jungen Spätaussiedler mit der bundesweit einmaligen Fördereinrichtung für junge Zugewanderte in Hasselroth, wo Jugendliche ihren Schulabschluß nachholen können. "Das Land steht auch weiterhin zu seiner Verantwortung für die Betroffenen von Flucht und Vertreibung und wird den Weg des Engagements für die Heimatvertriebenen und Spätaussiedler auch in Zukunft weitergehen", so der Ministerpräsident. Dieses und andere Vorhaben konnten nur durch den unermüdlichen Einsatz der Landesbeauftragten Margarete Ziegler-Raschdorf verwirklicht werden, fügte er hinzu.

Prof. Dr. Manfred Kittel führte in seiner Festansprache aus, "dass das ostdeutsche Kulturerbe ein gesamtdeutsches Erbe - nicht nur das der Vertriebenen sei". So stammten wesentliche deutsche Geistesgrößen wie Kant aus Ostpreußen und Gerhart Hauptmann aus Schlesien. Die allzu einseitige Westintegration- und Orientierung nach der Katastrophe des Zweiten Weltkrieges habe zu einer "Geschichtsvergessenheit" geführt, die die Kultur und das Erbe des Ostens aus der deutschen Identität ausradiert hätte - mit der Folge dass es landläufig nicht als zugehörig gesehen werde.

Der rührige Organisator der Veranstaltung, BdV-Landeskulturreferent Otmar Schmitz dankte zum Schluß der Blaskapelle Weindorf Johannisberg für das vor dem Schloss dargebrachte Platzkonzert und den jungen Künstlern von ChorART Rheingau und der Internatsschule Schloß Hansenberg für die stimmungsvolle musikalische Umrahmung dieser festlichen Feierstunde. Besonderen Dank sagte er seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern aus der Geschäftsstelle, die wesentlich zum Gelingen der Veranstaltung beigetragen hätten. Einen ganz großen Applaus erhielt der Chor, als er sich zum Schluß nochmals aufstellte, um Erika Steinbach mit einem nachträglichen, vielstimmigen Geburtstagsständchen zu überraschen. "Alles Gute Frau Präsidentin!" wurde gerufen.

Mit dem Hessenlied "Ich kenne ein Land, so reich und so schön, voll goldener Ähren die Felder..." und dem Lied der Deutschen "Einigkeit und Recht und Freiheit" ging der Festakt zum "Tag der Heimat 2013" in Hessen zu Ende.

Text: Norbert Quaiser; Fotos: Erika Quaiser und Günter Skowski
Im September 2013