Festrede von Professor Dr. Manfred Kittel zum
Tag der Heimat in Wiesbaden am 15. September 2013

Die Rotunde in der Mitte des Biebricher Schlosses war der stilvolle Rahmen für die zentrale Veranstaltung zum Tag der Heimat 2013, zu der der Landesvorsitzende des BdV Hessen, Siegbert Ortmann, am Sonntag eingeladen hatte.

"Unser Kulturerbe - Reichtum und Auftrag" hatte der Festredner Professor Dr. Manfred Kittel seine Ansprache überschrieben.
Es folgt der Text seiner Rede; er liest sich spannend vom Anfang bis zum Ende.


Unser Kulturerbe - Reichtum und Auftrag

Als Thomas Mann, kurz nachdem er den Nobelpreis für Literatur erhalten hat, 1930 zum ersten Mal auf die Kurische Nehrung ins nördlichste Ostpreußen kommt, da ist er vom "erstaunlich südlichen Einschlag" dieser Landschaft sogleich fasziniert. Den Ausblick von seinem neuen Sommerhaus nennt der Schriftsteller schwärmerisch "Italienblick".

Was glauben Sie, was passieren würde, wenn man unter deutschen "Bildungsbürgern" von heute eine Umfrage veranstalten würde, was sie mit dem Begriff "Italienblick" verbinden? Ich gehe jede Wette ein, man wird damit häufiger Assoziationen in Richtung Toskana wecken als Erinnerungen an Thomas Manns Sommerhaus auf der Kurischen Nehrung und die Landschaften der sogenannten "ostpreußischen Sahara". Und zwar obwohl diese und andere Kulturlandschaften viele Jahrhunderte lang genauso selbstverständlich zum historisch-geographischen Lebenszusammenhang der deutschen Nation gehört haben wie Oberbayern oder Ostfriesland.

In der Endzeit der alten Bundesrepublik hat eine Kulturdezernentin leider sogar einmal verkündet, Mailand stünde ihr näher als Leipzig. Selbst die "mitteldeutschen" Regionen der damaligen DDR waren also nicht wenigen Westdeutschen seinerzeit weitgehend aus dem Blick geraten. Und für die Ostprovinzen Preußens, die 1945 faktisch an Polen und Sowjetrussland verloren gingen, galt dies erst recht. Die Namen schlesischer, hinterpommerscher, ostbrandenburgischer oder ostpreußischer Städte, aber auch die Namen sudetendeutscher oder donauschwäbischer Städte und Gemeinden - sie standen zwar bald auf vielen Straßenschildern in der Bundesrepublik, aber sie verdeutlichten nichts mehr, sie blieben "ohne Widerhall im Bewusstsein der heutigen Deutschen", fast wie "erloschene Gesichter", aus denen nichts mehr spricht.

Über die Jahrzehnte sind die Deutschen mit diesem Verlust oft so umgegangen, als hätten sie vielleicht eine Kolonie in Ostafrika verloren, aber eben nicht mit dem Bewusstsein, dass mit dem Verlust des preußischen Ostens und dem Ende der meisten Siedlungsgebiete in Ostmittel- und Südosteuropa wirklich eine bedeutende Spur deutscher Geschichte für immer ausgelöscht worden ist. Der Historiker Alfred Heuß hat im Blick auf den Stellenwert des deutschen Ostens im kollektiven Gedächtnis unserer Nation einmal bemerkt: Das Ganze komme ihm so vor, als ob "ein Franzose an den Verlust von Indochina" denke. Ist das nicht merkwürdig? Dabei haben 1945 Kulturlandschaften ihr Ende gefunden, ohne die "der kulturelle und soziale Hintergrund der deutschen Geschichte" ganz unvollständig wäre.

Jahrzehntelang ist gesamtgesellschaftlich nicht wirklich begriffen worden, dass der Verlust der Ost- und Siedlungsgebiete ein "ungeheurer Verlust" war. "Ungeheurer Verlust", diesen Begriff hat ein Literaturwissenschaftler geprägt, in Anspielung auf ein Wort des Schriftstellers Max Frisch. Max Frisch hat nämlich 1947 bei einem Besuch in Breslau in Bezug auf Polen und die sogenannten Wiedergewonnenen (West-)gebiete einmal von einem "ungeheuren Gewinn" gesprochen.

"Ungeheurer Gewinn - ungeheurer Verlust": Es gibt nicht nur schlechte Gründe, weshalb die Ungeheuerlichkeit dieses Vorgangs sich so wenig ins Bewusstsein der Deutschen eingeprägt hat. Denn die Entwicklung hing auch mit der fundamentalen Verankerung der Bundesrepublik im "Westen" nach 1945 zusammen. Diese sogenannte Westintegration war aber überlebenswichtig in einer Zeit, als die Sowjetunion noch die ganze Welt revolutionär mit dem Kommunismus beglücken wollte. Unter diesen Umständen ist die wirtschaftliche und die verteidigungspolitische "Westbindung" der Bundesrepublik eine unabdingbare Voraussetzung der Erfolgsgeschichte der zweiten deutschen Demokratie gewesen. Richtig ist andererseits aber auch: Die Einbindung in EWG und NATO führte mit einer gewissen Unvermeidlichkeit auch dazu, dass die zunehmend nach dem Westen ausgerichtete bundesdeutsche Gesellschaft gleichsam im Gegenzug den Osten aus dem Blick verlor.

Und das fügte sich in einen anderen, noch lange nach 1945 spürbaren gesellschaftlichen Mega-Trend in Deutschland: Nach der Überdosis Geschichte in zwei Weltkriegen suchte man jetzt eine neue, eher geschichtslose Identität. Von der Machtversessenheit vor 1945 zur Geschichtsvergessenheit danach war es kein weiter Weg.

So weit so schlecht. Vor allem aber dann in falsch verstandener Fortsetzung der sogenannten neuen Ostpolitik ist diese Geschichtsvergessenheit in den 1970er und 1980er Jahren zeitweilig pandemisch geworden, ja sie hat stellenweise Züge einer "Vertreibung der Vertriebenen" angenommen. Da gab es "eine unfreiwillige Koalition" zum einen aus denjenigen in der Bundesrepublik (und in der DDR), die meinten, etwas für Frieden und Entspannung zu tun, "indem sie die Geschichte Ostdeutschlands leugneten"; zum anderen aus nationalkommunistischen Polen und Tschechen, die die faktisch bestehenden Grenzen gleich auch noch "für alle Vergangenheit gültig machen wollten".

Einer von denen, die in der alten Bundesrepublik darunter litten, war der aus Westpreußen stammende Historiker Hartmut Boockmann. In einem FAZ-Artikel drückte er sein Befremden einmal wie folgt aus: Falls die mit ostdeutscher Geschichte befasste Wissenschaft sich ausschließlich "in von der normalen Forschung abgetrennten Klein-Instituten, Klein-Lehrstühlen und Klein-Museen" vollziehe, dann müsste der Eindruck entstehen, die Geschichte Ostdeutschlands sei schon immer "eine Schwundstufe der allgemeinen deutschen Geschichte gewesen", ja Deutschland hätte 1945 "nur ein paar kümmerliche Außenposten … verloren".

Ob diese bedenklichen Worte Hartmut Boockmanns noch Gültigkeit haben, so habe ich es selbst in einem Vortrag im Jahr 2002 - also vor jetzt gut zehn Jahren - dann einmal formuliert, das werde sich nicht zuletzt am Ausgang der aktuellen Debatten um das "Zentrum gegen Vertreibungen" erweisen.

Heute wissen wir, wie diese oft ziemlich kontroversen Debatten um einen Erinnerungsort an die Vertreibung ausgegangen sind. Ich meine letztlich positiv und ermutigend. Vor wenigen Wochen erst haben wir mitten in der deutschen Hauptstadt, im Deutschlandhaus nahe dem Potsdamer Platz, den Baubeginn eines stattlichen Doku-Zentrums mit 3000 qm Nutzfläche begehen können. Bundeskanzlerin Angela Merkel hat die Bedeutung des Ganzen durch ihr persönliches Kommen noch unterstrichen und eine eindrückliche Rede gehalten. Und die Kanzlerin hat ja recht: Viele von den guten und berechtigten Anliegen, die der Stiftung Zentrum gegen Vertreibungen wichtig waren, sind von der Bundesstiftung Flucht Vertreibung Versöhnung aufgegriffen worden. Nicht alles, das ist in einer politisch breit verankerten Bundesstiftung auch nicht zu erwarten gewesen; aber doch vieles. Vieles von dem, was Erika Steinbach und Peter Glotz und ihre Unterstützer von Joachim Gauck bis Horst Möller sowie viele ausländische Freunde angeregt haben, kann dort jetzt umgesetzt werden. Das Schicksal der 14 Millionen deutschen Vertriebenen zu würdigen, die für den Zweiten Weltkrieg einen noch höheren Preis bezahlen mussten als ihre Landsleute in West- und Mitteldeutschland. Und: Flucht und Vertreibung in Europa im 20. Jahrhundert als Thema in der bundesdeutschen Erinnerungskultur zu verankern. Zum Auftrag der Stiftung gehört es in diesem Zusammenhang auch, das kulturelle Erbe zu pflegen, das die lange Präsenz der Deutschen im Osten hinterlassen hat. In den politischen Grundlagenpapieren, wie im Regierungsbeschluss zur Stiftungsgründung vom März 2008, ist dieses Anliegen ja auch entsprechend deutlich gemacht worden.

Die Jahrhunderte währende Siedlungs- und Kulturgeschichte der Deutschen in diesen Gebieten, so ist dort formuliert, soll einbezogen werden. Dabei soll der historische und kulturelle Beitrag verdeutlicht werden, den Deutsche - oft gemeinsam mit anderen in diesen Gebieten lebenden Völkern - zur europäischen Geschichte und Kultur geleistet haben.

Das war 2008, vier Jahre später, 2012, heißt es in der von den Gremien der Bundesstiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung einmütig verabschiedeten Konzeption: "Berlin lag bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges geographisch mitten in Deutschland. Vom Stettiner Bahnhof und vom Schlesischen Bahnhof, so die historischen Namen der Kopfbahnhöfe im Osten und Norden der Stadt, reiste man nach Breslau, Stettin, Danzig und Königsberg." Versunkene Lebenswelten: "Deutschlands einstiger Osten - Schlesien, Hinterpommern, Ost- und Westpreußen sowie die brandenburgische Neumark - machte mehr als ein Viertel des deutschen Staatsgebiets aus." Auch die Iglauer Sprachinsel oder die Gottschee - um nur zwei Beispiele aus den Siedlungsgebieten in Mittel- und Südosteuropa zu nennen - "sind Geschichte".

Diese Sätze stammen, wie gesagt, aus der Konzeption der Stiftung Flucht Vertreibung Versöhnung. Und Hartmut Boockmann hätte das gewiss auch unterschrieben, wenn er es noch erlebt hätte. 1945, so lesen wir in der Stiftungskonzeption weiter, gingen mit Flucht und Vertreibung auch "seelische Landschaften" (Horst Bienek) unter, ohne die das Bild Deutschlands viele Jahrhunderte hindurch ebenso unvollständig gewesen wäre wie ohne Franken oder Mecklenburg" - oder ohne Hessen, wie man wohl hinzufügen sollte, wenn man in diesem prächtigen Biebricher Schloss in Wiesbaden sprechen kann.

Ich bin, lieber Herr Landesvorsitzender Ortmann, heute sehr gerne hierher nach Hessen gekommen. Denn mir fallen ganz viele Menschen aus Hessen ein, wenn ich über unser heutiges Thema nachdenke. Zum Beispiel fällt mir hier der hessische Innenminister ein. So zählt ja zur Pflege unseres Kulturerbes auch die Sensibilität, dass wir die alten deutschen Ortsnamen im Osten nicht untergehen lassen. Diese Ortsnamen sind schließlich mit der am deutlichsten sprechende Beleg für die kulturellen Bande zwischen uns und dort. Und ich habe mich deshalb sehr gefreut, dass das Land Hessen eine führende Rolle übernommen hat bei dem jüngsten Beschluss der Innenministerkonferenz der Länder zur sogenannten Eintragungspraxis für Ortsnamen bei Personalausweisen, Reisepässen etc. Die alte Regelung, dass gegen den Wunsch der Betroffenen z. B. ein alter Ostpreuße als Geburtsort Kaliningrad eintragen lassen musste statt Königsberg, die war ja schon ziemlich traurig. Gut, dass jetzt auf Wunsch der Antragsteller wieder der deutsche Ortsname eingetragen werden kann.

Noch besser wäre nur noch, wenn auch im deutschen Fernsehen oder im Hörfunk etwa bei der Berichterstattung aus dem Wintersportort Reichenberg in Nordböhmen auch dieser Ortsname zu hören wäre. Dass der Ort heute Liberec heißt, das wissen wir ja alle.

Überhaupt nicht nachvollziehen kann ich, dass zwar natürlich von Prag und Warschau die Rede ist, so wie wir auch Rom sagen und nicht Roma, wenn wir einen deutschen Satz bilden, weshalb aber dann bei der slowakischen Hauptstadt Preßburg notorisch von Bratislava die Rede ist? Da staune ich immer wieder. Wer weiß heute eigentlich noch, wie sehr die Stadt Preßburg nach den Monogoleneinfällen des 13. Jahrhunderts über viele Jahrhunderte maßgeblich auch von Deutschen geprägt worden ist.

Immerhin, es gibt auch in diesem Bereich zwischenzeitlich Fortschritte zu verzeichnen, wenn ich nur zurückdenke, wie sehr sich manche früher die Zunge verbogen haben, um die schlesische Hauptstadt Breslau nicht mit ihrem alten deutschen Namen bezeichnen zu müssen, sondern ausschließlich von Wroclaw sprachen, in der Regel ohne zu wissen, wie man das durchgestrichene polnische l korrekt ausspricht (nämlich nicht als "l", sondern eher als "w"). Ja, hier bei Breslau oder Danzig gibt es zum Glück zwischenzeitlich eine gewisse Normalisierung und Entkrampfung in der Bezeichnungsfrage. Hoffen wir, dass sich das fortsetzt.

Einen weiteren hessischen Politiker bzw. Politikerin neben dem Ministerpräsidenten hatte ich heute schon erwähnt: Frau Steinbach. Und ich wiederhole das gerne, weil es ohne ihren beharrlichen Einsatz zu einer Stiftung des Bundes zur Erinnerung an Flucht und Vertreibung nicht gekommen wäre. Sie war es maßgeblich, zusammen mit ihren prominenten Unterstützern, die den nötigen gesellschaftlichen und politischen Druck gemacht hat. Und deshalb muss von ihr die Rede sein, wenn man von denen spricht, die sich in Hessen dem ostdeutschen Kulturerbe verpflichtet fühlen.

Ich denke schließlich noch an eine weitere Persönlichkeit, eine hessisch-sudetendeutsche Persönlichkeit, weil sie mit ihrem Engagement so beispielhaft für eine ganz wichtige Dimension dessen steht, worum es beim ostdeutschen Kulturerbe heute auch geht. Ich spreche vom langjährigen BdV-Landesvorsitzenden Alfred Herold. Und ich darf mich glücklich schätzen, dass er auch dem Stiftungsrat unserer Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung angehört. Denn Herr Herold zeigt mit seinem Engagement in der alten Heimat im nordmährischen Bärn im Altvatergebirge, dass dieses sudetendeutsche Kulturerbe heute eine europäische Aufgabe ist, eine Aufgabe, die wir idealerweise gemeinsam mit den neuen Bewohnern dort leisten.

Ganz in diesem Sinne hat Alfred Herold in der alten Heimat zuerst den Kreuzweg, hinauf auf den Hausberg von Bärn, wieder auf Vordermann gebracht, dann eine Figurengruppe an der Pfarrkirche - mit nicht wenig Spendengeld aus der neuen Heimat und in Kooperation mit dem Pfarrer vor Ort und tschechischen Kommunalpolitkern.

"Unser Kulturerbe: Reichtum und Auftrag". Ich weiß, dass es in Hessen und in ganz Deutschland unter den Vertriebenen viele Alfred Herolds gibt, die sich in ähnlicher Weise um das Kulturerbe vor Ort kümmern. Und das ist genauso wichtig wie das Bewahren der großen Weltkulturerbe-Stätten, die in ganz Ostmitteleuropa so zahlreich von den Jahrhunderten deutscher Kultur und Geschichte dort künden. Von der Revaler Altstadt im nördlichsten Baltikum über die Friedenskirchen im schlesischen Jauer und Schweidnitz oder der Altstadt von Krumau in Südböhmen bis zu den siebenbürgischen Kirchenburgen von Birthälm oder Tartlau in Südosteuropa.

Das Ostdeutsche Kulturerbe ist aber nicht nur ein Erbe, dessen Pflege wir uns heute mit unseren Nachbarn in Europa teilen. Mindestens genauso wichtig ist es, immer wieder daran zu erinnern, dass dieses ostdeutsche Kulturerbe ein gesamtdeutsches Erbe ist. Es ist eine Aufgabe, die alle Deutschen angeht, nicht nur die von der Vertreibung Betroffenen und ihre Nachfahren. Deutsche Kultur und Geschichte: ohne den Ostpreußen Immanuel Kant oder den Schlesier Gerhart Hauptmann? Das ist genauso unvorstellbar und unvollständig wie ohne den Hessen Goethe oder den Schwaben Schiller. Oder wenn ich mich nur erinnere, wenn ich früher als Konfirmand bei einer etwas länglicheren Predigt im alten Gesangbuch der evangelisch-lutherischen Kirche Bayerns im hinteren Teil geblättert habe: Dort wo die Lebensläufe der Männer abgedruckt waren, die einen Großteil dieser Kirchenlieder geschrieben haben: Ganz viele davon aus östlicheren Regionen vom Baltikum bis nach Siebenbürgen. Oder aus Ostpreußen, wie etwa der Pfarrer Georg Weissel, der Verfasser des bekannten Adventslieds "Macht hoch die Tür". Entstanden in Königsberg am Pregel 1623.

"Unser Kulturerbe: Reichtum und Auftrag". Sicher, dazu gehört auch die bittere Erkenntnis, dass der deutsche Osten und der Untergang seiner Kultur Fragen aufwerfen nach dem, was wir in Deutschland landläufig als "Vergangenheitsbewältigung" bezeichnen. Das heißt: Zum Kulturerbe gehört auch die Erinnerungskultur. Diese Fragen sind allerdings nicht alle so leicht zu beantworten, wie es heute zum Teil geschieht.

Man denke nur an den öfter zu hörenden Hinweis, die preußischen Ostprovinzen seien schon Ende der Weimarer Republik die braunsten Regionen mit dem höchsten Anteil Nationalsozialismus gewesen, und insofern seien die Menschen dort ja irgendwie doch selbst schuld an ihrem späteren Schicksal.

Gewiss, es ist zunächst ein wahlstatistisches Faktum, dass Ostpreußen, Pommern, Ostbrandenburg und der (nieder-)schlesische Bezirk Liegnitz im März 1933 die vier Reichstagswahlkreise mit der höchsten Zustimmung zum Nationalsozialismus in ganz Deutschland waren: zwischen 54 und 56,5 Prozent NSDAP. Die Gründe dafür sind bekannt: Eine besonders schwierige wirtschaftliche Lage gerade auch in den ländlichen Regionen des Ostens und eine besondere Empfänglichkeit für die Anti-Versailles-Propaganda der Nationalsozialisten, weil sich viele Deutsche östlich von Oder und Neiße wegen der Grenzziehung von 1919 von Polen bedroht fühlten oder ihrerseits die Grenze revidieren wollten.

Obwohl dem aber so war, haben die Nazis den deutschen Osten erst vergleichsweise spät erobert, länger als im Westen Deutschlands folgten die Landarbeiter hier im Osten den konservativen Überzeugungen ihrer Gutsherren. Es war auch kein Zufall, dass die ersten NS-Gauleiter in Ostpreußen oder in Danzig Westimporte aus dem Rheinland waren oder aus Bayern. Denn deutlich früher schon als im Osten, ab 1930, waren weite Teile im Westen Deutschlands von Schleswig-Holstein bis Franken dem NS-Bazillus erlegen, mit bis zu 70, 80 Prozent Zustimmung in freien Wahlen.

Insofern ist dieses pauschale "selber-schuld-Argument" schon ziemlich abwegig. Ja: Die Vertreibung traf auch die nationalsozialistischen Goldfasane und Straftäter, mit denen man wenig Mitleid haben wird und für die statt lebenslangem Heimatverlust lebenslanger Freiheitsentzug die angemessenere Strafe gewesen wäre. Aber: War das die Mehrheit? Gilt es nicht vielmehr auch zu bedenken, wie viele Frauen oder Kinder unter den Vertriebenen waren, Menschen, die 1933 noch gar nicht geboren oder zumindest noch nicht im wahlberechtigten Alter waren? Und: wie viele Otto-Normalverbraucher gab es unter den Ostpreußen oder Sudetendeutschen, die im Krieg sicher nicht mehr persönliche Schuld auf sich geladen hatten als ein durchschnittlicher Mensch in Hessen oder Bayern?

Oder weshalb sind nicht zumindest die Hitler-Gegner, die es im preußischen Osten oder im Sudetenland bekanntlich auch gab, von der Vertreibung verschont worden? Man denke etwa nur an die Sozialdemokraten in den böhmischen Ländern. Oder: Es fällt ja auch auf, wie viele der Verschwörer des 20. Juli gerade aus den vielgescholtenen ostelbischen Junkerfamilien stammten. Gewiss handelten diese zumeist noch nicht aus dem Wunsch heraus, ein demokratisches Deutschland nach westlichem Vorbild zu errichten. In einer Gesamtwürdigung der angeblich besonderen NS-Verstrickung Ostdeutschlands müssen aber schon auch die politisch-kulturellen Traditionen dieser Regionen benannt werden, die den Widerstand gegen Hitler wesentlich motivierten.

Ich nenne an dieser Stelle stellvertretend nur den Ostpreußen Heinrich Graf Lehndorff oder Helmuth James Graf von Moltke, dessen niederschlesisches Gut Kreisau einer wichtigen Widerstandsgruppe den Namen gab, oder aus Hinterpommern Ewald von Kleist-Schmenzin. Ein Konservativer, der früh die Gefahr erkannte, die von Hitler ausging. Seinen Widerstand begründete der tiefreligiöse Protestant aus einem unerschütterlichen christlichen Glauben heraus. Noch in Haft, wenige Wochen vor seiner Hinrichtung, bekennt er: "Wer aber an Gott glaubt, muß der offenen Verhöhnung seiner Gebote entgegentreten …". In dieser Aussage tritt der Unterschied zwischen dem Nationalsozialismus auf der einen und konservativen Positionen auf der anderen Seite besonders deutlich zu Tage.

Aber nicht nur diese Zusammenhänge werden heute manchmal zu wenig bedacht. Unter Umständen kann es noch ärger kommen. In Diskussionen über Flucht und Vertreibung begegne ich selbst bei eigentlich gebildeten Menschen, Studenten der Geschichte sogar, der Vorstellung, Ostpreußen und Schlesien seien ja erst von Hitler erobert - und 1945 dann - sozusagen als vorübergehende Kriegsbeute - natürlich wieder abgegeben worden.

Vor dem Hintergrund derartiger Wisssenslücken ist es wohl auch zu erklären, wenn das Sprechen vom NS-Kontext als Teil der Geschichte der Vertreibung mancherorts noch heute Irritationen auslöst. Ich habe das gerade erst selbst wieder erlebt. In einem Fernsehinterview habe ich auf entsprechende Nachfragen gesagt: Dass es die Vertreibung ohne die vorherige Politik des Nationalsozialismus nicht gegeben hätte, wobei das aber nicht heißen könne, dass das eine Unrecht das andere Unrecht rechtfertigen würde. Kein Unrecht und sei es noch so groß, könne ein anderes Unrecht begründen.

Die letzten Sätze sind allerdings - Sie vermuten es wahrscheinlich schon - nicht gesendet worden, sondern nur der erste Satz mit dem NS-Kontext, woraufhin mich dann jemand schriftlich belehren zu müssen glaubte, ob ich es demnach wohl für erlaubt halten würde, Verbrechen an unschuldigen Menschen zu begehen. Da war ich erst einmal fassungslos. Aber der Vorgang zeigt auch eines: Der prinzipiell historisch völlig richtige Satz über den NS-Kontext und die Vertreibung ist offensichtlich so oft mit einem falschen pauschalen "Selber-schuld-Zeigefinger" verbunden worden, dass ihn manche nicht mehr hören können, obwohl er durchaus auf einen wichtigen historischen Zusammenhang verweist.

Wir wissen ja zum Beispiel, dass Churchills Deutschlandpolitik davon beeinflusst war, dass er den ostelbischen Landadel für alles Übel dieser Welt hauptverantwortlich gemacht hat, auch für den Aufstieg des Nationalsozialismus, und dass er die Vertreibung dieses Landadels von seinen Gütern insofern für politisch zweckdienlich hielt. Oder: Wir kennen den Aufruf des sowjetrussischen Marschalls Schukow an die Rotarmisten vom Januar 1945, Rache zu nehmen auch "für die in den Gaskammern des Dritten Reiches Erstickten".

Oder noch einmal anders auf den Punkt gebracht: Die im Grunde völlig außerirdische Koalition aus demokratischen Westmächten und stalinistischer Sowjetunion, diese Koalition konnte kein anderer schmieden und zusammenhalten als Adolf Hitler mit seiner wahnsinnigen und verbrecherischen Politik. Das war machtpolitisch überhaupt erst die Voraussetzung dafür, dass so ein Akt wie die große Vertreibung - in einer bis dahin nicht dagewesenen Dimension: 14 Millionen Menschen - zuerst gedacht und dann auch umgesetzt werden konnte. Genau hier scheint mir der machtpolitische Kern des NS-Kontextes zu liegen.

Es ging dabei insgesamt mehr um Machtpolitik als um Moral, und letztendlich ging es vor allem auch um die Durchsetzung sowjetischer Hegemonialvorstellungen in Mitteleuropa. Stalin und die Moral, das wäre ja auch ein etwas abwegiges Begriffspaar. Aber auch bei den Westalliierten, das hat R. M. Douglas in seinem wichtigen Buch zur Vertreibung (2012) sehr deutlich herausgearbeitet, waren die moralischen Maßstäbe in Anbetracht des nationalsozialistischen Zivilisationsbruches verrutscht.

Festzuhalten ist darüber hinaus dann auch: Die Geschichte der Massen-Zwangsumsiedlungen in Europa hat nicht mit den Nazis angefangen. "Wer wirklich gegen Vertreibungen kämpfen will, der muss die ganze Kette der Ursachen beleuchten …: übertriebene Identitätssucht, Fremdenhass und Nationalismus." (Peter Glotz).

Die Bereitschaft der demokratischen Westmächte, der Vertreibung zuzustimmen, hatte auch mit älteren Überzeugungen zu tun, "ethnische Säuberung" überhaupt als Konfliktlösungsmodell zu akzeptieren. Die griechisch-türkischen Vertreibungen nach dem Ersten Weltkrieg hat man bekanntlich schon 1923 in Lausanne international sanktioniert.

Wenn man dieses alles mit reflektiert, dann muss es in einer Ausstellung zu Flucht und Vertreibung konzeptionell darum gehen, neben dem zentralen Kontext des nationalsozialistischen Rasse- und Vernichtungskrieges auch andere europäische Kontexte und vor allem auch die längere Vorgeschichte ab Ende des 19. Jahrhunderts entsprechend einzubeziehen. Wir werden deshalb im Berliner Doku-Zentrum mit dem Ersten Weltkrieg und seiner Vorgeschichte beginnen und das ganze 20. Jahrhundert in Europa bis zu den Jugoslawien-Vertreibungen der 1990er Jahre beleuchten.

Flucht und Vertreibung von 14 Millionen Deutschen, so heißt es in der Stiftungskonzeption wörtlich, bilden den Schwerpunkt der Dauerausstellung. Das heißt: Wir werden die Schrecken und Leiden der Vertriebenen dokumentieren und dabei "durch die Objektivität und Sachlichkeit der Präsentation gleichzeitig die Hand zur Versöhnung" reichen.

Eines ist mir angesichts des Alters der Zeitzeugen auch bewusst: Unser Stiftungsprojekt hätte vielleicht besser schon vor 20 Jahren auf den Weg gebracht werden sollen. Weshalb das nicht geschehen ist, hat Gründe, die ich eingangs zumindest andeuten konnte. Diese verlorenen Jahre deutscher Erinnerungskultur wird die Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung aber nicht im Alleingang zurückholen können; auch wenn ich manchmal einen solchen Erwartungsdruck spüre. Aber bei aller Ungeduld und bei aller oft auch hilfreichen Kritik im Detail habe ich mich Anfang des Jahres gefreut, im "Grafschafter Boten" (also bei den Glatzer Niederschlesiern), einen Beitrag zu lesen über die Bundesstiftung, der vieles auf den Punkt gebracht hat. So gut, dass ich das an den Schluss meines heutigen Vortrags stellen möchte:

"Die Dokumentation im Berliner Deutschlandhaus", so heißt es in dem Artikel, werde "sinnvoll" sein: Der Besucher werde erfahren, "daß es ostdeutsche Provinzen und deutsche Siedlungs- und Kulturräume gab, die - nach Jahrhunderten ihres Bestandes - in kürzester Zeit" ausgelöscht wurden. Der Besucher werde schließlich erfahren, "daß von dieser ‚ostdeutschen Tragödie' viele Millionen Deutsche betroffen waren, alte und kranke Menschen, Mütter und Kinder, Opfer, die man lange Zeit vergessen hatte. Wenn dieses Wissen einmal ins kollektive Bewußtsein - zumindest der Deutschen - Eingang findet, ist viel erreicht, sehr viel."

So weit die Quintessenz des "Grafschafter Boten", und dem ist eigentlich nichts mehr hinzuzufügen - außer, dass unsere Stiftung eben nicht nur das Bewusstsein der Deutschen erreichen will, sondern das Bewusstsein der Europäer insgesamt - und der Menschen weltweit. Denn Vertreibung muss weltweit geächtet werden, weil sie zu jeder Zeit und an jedem Ort eine Verletzung elementarster Menschenrechte bedeutet.


Im September 2013