Bund der Vertriebenen (BdV) Bad Nauheim begeht "Tag der Deutschen Einheit"

Bruno E. Ulbrich erhält Goldene Ehrennadel, höchste Auszeichnung des BdV-Bundesverbandes

Als Kulturreferent Bruno E. Ulbrich beim Begegnungsnachmittag des Bundes der Vertriebenen in Bad Nauheim auf die Bühne gebeten wurde, ahnte er nicht, was ihn dort erwartete. Erst als ihm Kreisverbandsvorsitzender Reinhard Schwarz aus einer Schmuckschatulle die Goldene Ehrennadel des BdV-Bundesverbandes präsentierte, wusste er, ihm war diese höchste Auszeichnung des Verbandes verliehen worden. "Als Dank und Anerkennung für hervorragende Verdienste um die deutschen Heimatvertriebenen, ihr Schicksal und ihre Kultur", sagte Schwarz bei Überreichung der von Präsidentin Erika Steinbach unterschriebenen Urkunde.

Es traf sich gut, dass der Geehrte als ein Zeitzeuge, auch die Festrede zum Tag der Deutschen Einheit hielt. "Wir feiern am Tag der Deutschen Einheit, dass es die deprimierenden Grenzübergänge, von denen unsere Kinder zum Glück keine Ahnung haben, verschwunden sind" sagte Ulbrich. "Es gibt seit 1990 bei uns keine Wachtürme mehr, keine Häuser, die von Stacheldraht halbiert wurden, und es gibt keine Deutsche Mark der Deutschen Demokratischen Republik. Es gibt auch keine Überwachung und Bespitzelung durch die Stasi mehr."

"Die zwei verschiedenen Deutschland sind vereint," fuhr er fort "ja, noch mehr, wir haben zu einem friedlichen Europa gefunden, in dem es keine Passkontrollen und Reisebeschränkungen mehr gibt. Wir haben in fast ganz Europa nur noch die gleichen Geldscheine und können überall mit unseren Kreditkarten die Rechnungen begleichen. Unseren klugen Staatsmännern ist zu danken, dass wir seit fast 70 Jahren ohne Krieg leben, die einst verfeindeten Staaten und Völker freundschaftliche Beziehungen unterhalten, dass es staatsübergreifende Organisationen gibt, so zwischen Deutschland und Frankreich, zwischen Polen und Deutschland, ja sogar zwischen Deutschland und der Tschechischen Republik." Das sei bereits 1950 eine Vision der Vertriebenen gewesen, die in der Charta der deutschen Heimatvertriebenen die "Herbeiführung eines freien und geeinten Europas" forderten.

Je älter er werde, so Ulbrich, desto deutlicher werden ihm die Bilder aus seiner Heimat mit den Menschen und der Umgebung. Er vermisse bei allen Feiern zum "Tag der Deutschen Einheit", dass von dieser Heimat heute kein Politiker mehr spricht.

"Wir leben in einem deutschen Staat, der in der Welt wieder angesehen ist und politische Bedeutung und Achtung erlangt hat," so Ulbrich. "Es ist ein Staat vom Rhein bis zur Oder, von der Ostsee bis zu den Alpen. Doch warum sollen wir nach erst fast 70 Jahren nicht mehr davon sprechen dürfen, dass dieses Deutschland einst viel größer war? Gewiß, Hitler habe 1939 als erster die Kanonen schießen lassen, das Nazi-Deutschland habe einen grausamen Krieg angefangen und nicht gewonnen, und einst deutsch besiedelte Länder gingen verloren."

Doch warum darf dabei nicht an unsere alte verlorene Heimat gedacht werden? Es gibt immer noch Gestrige, die uns Vertriebenen und Geflüchteten vorwerfen, mit dem Gedenken an unsere Heimat altes faschistisches Gedankengut wach zu halten. Weiter liest man, die Geflüchteten aus Ostpreußen und Schlesien und später die Sudetendeutschen seien doch an ihrem Schicksal selbst schuld, da sie ja einst Hitler gewählt und gewollt haben - so sagen noch immer einige, die von der Geschichte vor 1933 nichts wissen.

"Haben nicht alle Deutschen bereits 1933 Adolf Hitler zu ihrem Reichskanzler gewählt? Warum werden gerade wir immer angegriffen, wir, die wir die Heimat verloren haben?" fragte Ulbrich. "Wenn ich bei meinen Reden zur Völkerverständigung immer wieder von unserer Heimat spreche, dann wird mir ein brandgefährlicher Revanchismus vorgeworfen, der "an die territorialen Grundlagen des heutigen Europas zündelt". Wer solche Worte über meine Reden findet, der kennt wohl nur seine eigenen Gedanken und hat mir nie richtig zugehört. Ich bleibe also dabei, unsere Heimat bleibt unsere Heimat und das Gedenken daran lassen wir uns von keinem verbieten." stellte der Redner fest.

"Wir werden weiter unter Anerkennung der heutigen Grenzen Europas unsere Heimat nicht in Vergessenheit geraten lassen, auch wenn die jetzigen politischen Kräfte in Polen und der Tschechischen Republik alles daran setzen, die deutsche Geschichte unserer Heimat aus der europäischen Geschichte und aus den Schulbüchern verschwinden zu lassen" fuhr er fort. Die Erinnerung an unsere Heimat bedeute keineswegs die Folgen des schweren Krieges nicht anerkennen zu wollen. Doch die Grausamkeiten wurden von beiden Kriegsgegnern ausgeübt, und so soll auch aller Opfer gedacht werden, ganz gleich, ob sie durch den Befehl Hitlers, Stalins oder durch die Hetzaufrufe tschechischer Fanatiker leiden mussten.

Hitler und die Nazis sowie Stalin hätten in ihrem Fanatismus ihre Grausamkeiten nicht nur in Auschwitz oder in den Gulags walten lassen, auch unsere Nachbarstaaten im Westen mussten ebenso leiden wie die Völker im Osten. Doch an den Westgrenzen Deutschlands gab es keine Grenzverschiebungen und keine Vertreibungen. Diese Verletzung der Menschenrechte gab es nur im Osten, wo Stalin seine Macht ausüben konnte an Deutschen und Polen.

Wenn wir schon den "Tag der deutschen Einheit" feiern und an die Vereinigung der einst getrennten Staaten erinnern, dann sollten auch die Menschen nicht vergessen werden, die zu dieser Einheit verholfen haben. Wir sind aus unserer Heimat vertrieben worden und haben die Tatsachen wider Willen akzeptiert, wir haben am Aufbau des geschundenen Deutschlands kräftig mit gearbeitet und hier ein neues Zuhause gefunden. Unsere Kinder und Kindeskinder haben hier ihre Heimat gefunden und wissen nur noch aus den Erzählungen ihrer Eltern und Großeltern, woher sie kommen. Wir gehören auch zu diesem deutschen Volk und lassen uns von solchen verdrehten Politikern nicht noch einmal vertreiben.

"Feiern wir also mit und danken, dass wir noch immer ein großes Volk mit einer alten Kultur sind und in einem freien Europa leben können," schloss Ulbrich seine mit viel Beifall bedachte Ansprache.

"Erntedank" stand danach auf dem Programm, Irmgard Eckl hatte dazu ein Gedicht mitgebracht, das aus ihrer Feder stammt: "Im großen Garten der Natur, siehst du des großen Gottes Spur" reimte sie. Helmut Körner hatte seinen Beitrag mit "Heimatliebe" überschrieben. Er ging darin der Frage nach, was Menschen veranlasst, nach fast 70 Jahren Vertreibung aus ihrer Heimat selbst dann noch regelmäßig an den Ort ihrer Herkunft zu reisen, wenn dieser Ort überhaupt nicht mehr existiert?

Bruno E. Ulbrich war danach noch gleich zweimal gefordert. Sein Vortrag "Das Urteil des Paris", die Episode aus der griechischen Mythologie in Reichenberger Mundart, kann schon als Seltenheit gelten. Viel Ärger hatte er anschließend als "Professor" mit seinem Prüfling Erwin Gröger, der scheinbar partout nicht sein Examen bestehen wollte. Einen Lacherfolg erzielte Bertl Kriegk, als sie anhand einer Familienepisode erklärte, wie Politik funktioniert. Der Schlesier Gerhard Christoph überraschte die Gäste mit einer gereimten Erinnerung an schlesische Städte, bei denen er auch deren Besonderheiten vermerkt hatte. Musikalische Beiträge lieferten Otmar Ruß und Norbert Quaiser und mit dem gemeinsam gesungenen "Kein schöner Land" ging ein Nachmittag zu Ende, der allen noch lange in Erinnerung bleiben wird.

Text: Norbert Quaiser; Fotos: Erika Quaiser
Im Oktober 2013