Vertriebene aus dem alten westböhmischen Städtchen Wiesengrund, tschechisch Dobrzan, etwa 10 Kilometer südwestlich der Metropole Pilsen gelegen, trafen sich am Wochenende in Freiensteinau/Nieder-Moos im hessischen Vogelsberg.

Wendepunkt in den deutsch-tschechischen Beziehungen ?

Siegbert Ortmann beim "Wiesengrunder-Heimattreffen" im Vogelsberg

Freiensteinau/Nieder-Moos: Das alte westböhmische Städtchen Wiesengrund, tschechisch Dobrzan, mit den umliegenden Ortschaften im Tal der Radbusa, etwa 10 Kilometer südwestlich der Metropole Pilsen gelegen, war bis zur Vertreibung nach dem Zweiten Weltkrieg die sudetendeutsche Heimat der 35 Teilnehmer nebst Angehörigen, die am vergangenen Wochenende zum alljährlichen Treffen im Landgasthof Jöckel in Freiensteinau/Nieder-Moos zusammengekommen waren. Heimatkreisobmann Toni Tumpach (Rodgau) freute sich trotz steigenden altersbedingten Ausfalls der Erlebnisgeneration bei den Heimatvertriebenen über die dennoch so rege Teilnahme an der diesjährigen Zusammenkunft in Oberhessen, wo 1946 so viele "Wiesengrunder" als sog. "Neubürger" sesshaft wurden. "Denn als unsere Aufgabe sehen wir es doch immer noch an, das Kulturgut, Brauchtum, Sitten und Mundart aus unserer unvergessenen Heimat und alles, was wir von unseren Vorfahren übernommen haben, zu pflegen und weiterzuführen", so Tumpach in seiner Begrüßungsrede. Und er zitierte in diesem Zusammenhang auch noch Johann Wolfgang von Goethe mit den Worten: "Vieles geht in der Welt verloren, weil man es zu schnell verloren gibt".

Das diesjährige Heimatkreistreffen besuchte auch der stellvertretene Bundesvorsitzende der Sudetendeutschen Landsmannschaft und hessischer BdV-Landesvorsitzender, Siegbert Ortmann (Lauterbach) und nahm die Gelegenheit wahr, aktuell über sudetendeutsche Verbandspolitik zu berichten. Er ging zunächst auf das erkennbar zunehmende Umdenken bei einem Großteil der jüngeren tschechischen Generation in Bezug auf die gemeinsame "deutsch-tschechische Geschichte" und des damit verbundenen Unrechtsbewusstseins über die Vertreibung der Deutschen nach dem Kriege ein und sprach gar von einem "Wendepunkt in den deutsch-tschechischen Beziehungen", der hoffen lasse.

So enthalte beispielsweise die offizielle Chronik der Stadt Dobrzan/Wiesengrund jetzt die Anmerkung, dass durch die Vertreibung der Deutschen vor rund 68 Jahren "die Stadt ihre traditionelle kulturelle und wirtschaftliche Bürgerschicht verloren" habe. Eine solche lokale Geschichtsbetrachtung wäre zu früheren Zeiten in ganz Tschechien unvorstellbar gewesen. Und es sei auch bemerkenswert, dass die deutsche Sprache in Tschechien weiterhin ihre Bedeutung als wichtigste zweite Fremdsprache sowohl in den Grundschulen, als auch in den weiterführenden Schulen und den Universitäten behalte, wie der Deutsch Akademische Austauschdienst in Prag jetzt verlauten ließ. Unterstützt werde dies auch dadurch, weil die deutsche Sprache in der heutigen tschechischen Republik in die Gruppe der " geschützten Sprachen " falle und bei der deutschen Minderheit über die sog. Sprachencharta für entsprechende Projekte finanzielle Zuwendungen vom Staat möglich seien, worauf ihre Repräsentanten kürzlich bei einer Veranstaltung in der Prager Karlsuniversität hinwiesen.

Ortmann berichtete weiter über sein persönliches Erlebnis im Bayerischen Landtag, wo der tschechische Premierminister Petr Necas im vergangenen Februar eine eindrucksvolle Rede an die "Lieben Landsleute und ehemalige Mitbürger" gehalten habe. Necas bedauerte dabei ausdrücklich, dass bei der Vertreibung den Sudetendeutschen viel Leid und Unrecht angetan worden sei. Und schließlich kam der tschechische Politiker in seiner Rede noch auf den jetzt beginnenden Dialog mit dem bayerischen Ministerpräsidenten Horst Seehofer zu sprechen, bei dem nichts ausgespart werden dürfe und bei dem alle Themen auf den Tisch kommen müssten, wenngleich in einem langen, geduldigen Prozess.

Dieser Auftritt eines tschechischen Regierungschefs in München habe übrigens nach Meinung vieler, vor allem auch der tschechischen Pressevertreter dazu geführt, dass beim diesjährigen 64. Sudetendeutschen Tag in Augsburg schon ein etwas anderer Wind wehte als in all den Jahren zuvor, resümierte Ortmann. Das sei auch nicht zuletzt durch die diesmal weitaus größeren Zahl der aus dem Nachbarland angereisten Besucher und den erheblich gestiegenen tschechischen Ausstellern bei dieser alljährlichen, großen sudetendeutschen Volksgruppenveranstaltung zu Pfingsten deutlich geworden.

Im Juni 2013