"Deutschland geht nicht ohne uns"

Festakt zum 1. Hessischen Gedenktag für die Opfer von Flucht, Vertreibung und Deportation
sowie "Zentraler Tag der Heimat 2014" in Wiesbaden

Festredner Milan Horácek:
"Eines Tages werden auch die Beneš-Dekrete auf dem Misthaufen der Geschichte landen"

Es war ein besonderer Tag: festlich, bis "über die Toppen geflaggt", öffnete der Hessische Landtag seine Eingangshalle für die "Doppelveranstaltung". Der Landtag, ein wahrhaft fürstlicher Ort, welcher der Bedeutung der Veranstaltung gerecht wurde: sein Sitz befindet sich nämlich im ehemaligen Stadtschloss der nassauischen Herzöge am Schloßplatz in der Landeshauptstadt Wiesbaden. Für den "morgendlichen Weckruf" hatte sich das Blasorchester Weindorf Johannisberg in großer Besetzung vor dem Landtag aufgestellt und als die Trompeten bekannte böhmische Märsche und Walzer schmetterten, wagten einige sogar ein Tänzchen auf dem harten Pflaster.

Norbert Kartmann: Über Vertreibung alles weitersagen, daran erinnern und verhindern, dass es noch einmal geschieht

Die lange Gästeliste in Händen machte es dem Präsidenten des Hessischen Landtags Norbert Kartmann schwer, jeden einzeln zu begrüßen. So nannte er, stellvertretend für alle, den Landesvorsitzenden des BdV Hessen, Siegbert Ortmann, den Hessischer Minister für Soziales und Integration Stefan Grüttner, als Vertreter der Landesregierung, den Hess. Kultusminster Prof. Dr. Ralph Alexander Lorz, den Staatsminister für Bundesangelegenheiten Michael Boddenberg, den Staatssekretär Werner Koch, die Präsidentin des BdV Frau Erika Steinbach, die Hessische Landesbeauftragte für Heimatvertriebene und Spätaussiedler Frau Margarete Ziegler-Raschdorf, Horst Klee (MdL CDU) und den Landtagsabgeordneten Ulrich Caspar (CDU). Besonders hieß er den Festredner, den Europäischen Karlspreisträger der Sudetendeutschen Landsmannschaft Milan Horácek, willkommen.

"Flucht, Vertreibung und Deportation, drei Begriffe die klar besetzt sind. Von denen, die diesem Schicksal nicht entrinnen konnten, gibt es aber heute nicht mehr so viele", so Kartmann. "Wir als Politiker haben diesen und der Geschichte gegenüber die Verpflichtung, andere daran zu erinnern, warum es geschah, wie es geschah und was es für die Menschen bedeutet hat." Das sei nicht einfach, weil es immer weniger Zuhörer gäbe. Damit wir gehört werden, bedürfe es solcher Veranstaltungen wie heute. "Eine besondere Verantwortung käme dabei den Medien zu", schloß er unter Beifall der Gäste.

Siegbert Ortmann: Es gibt auch weiterhin ein Recht auf Heimat

"Das Zustandekommen des Festaktes zum 1. Hess. Gedenktag für die Opfer von Flucht, Vertreibung und Deportation in Kombination mit dem zentralen hessischen "Tag der Heimat 2014", erfüllt mich mit großer Freude und Genugtuung", so der Landesvorsitzende des BdV Hessen, Siegbert Ortmann. "Denn auf diese Weise wird der Zusammenhang zwischen dem Bemühen gegen das Vergessen und die Anerkennung des Schicksals von 15 Millionen deutscher Heimatvertriebener und Deportierten als ein Teil der hessischen Geschichte sowie die Erinnerung darüber, dass es in den Gebieten, aus denen die Menschen vertrieben wurden, eine lebendige Kultur gab, besonders deutlich", fügte er hinzu.

Er sei deshalb der Hessischen Landesregierung dankbar, dass sie mit der Einführung dieses eigenen Gedenktages in unserem Bundesland ihre Solidarität und Wertschätzung gegenüber denjenigen, die unter den Folgen von Flucht, Vertreibung und Deportation leiden oder zu leiden hatten, zum Ausdruck bringt.

Natürlich bliebe nicht verborgen, dass eine beachtliche öffentliche Meinung gegen die Einführung derartiger Gedenktage sei. Verständnis dafür könne nicht aufgebracht werden, "denn wer Vertreibung und Deportation nicht als Unrecht wahrhaben will oder den Gedenktag dafür bemängelt, missachtet und verletzt die Würde und Ehre der Vertreibungsopfer" sagte Ortmann unter Beifall. Während in Polen, vor allem bei den dortigen deutschen Minderheiten, die Akzeptanz dazu überwiegt, ist in Tschechien die Resonanz verhaltener. Allerdings gäbe es auch durchaus verständnisvolle Kommentare.

Als Beispiel zitierte Ortmann den tschechischen Journalisten Lubos Palata, Jahrgang 1967, der in der Zeitung "Mf dnes" vom 28.08. 2014 den in der Bundesrepublik eingeführten Gedenktag für Vertriebene mit Begeisterung begrüßte und ausführte:
"Das ist nichts Seltsames oder Empörendes. Über 14 Mio. der Bewohner der beiden Teile des Nachkriegsdeutschlands mussten ihre Heimat verlassen. .. Das Prinzip der Kollektivschuld ist im Nachkriegskontext zwar verständlich, aber man kann es nicht entschuldigen. Die Vertreibung böhmischer, mährischer und schlesischer Deutschen war überflüssig. Tschechen haben das Gebiet, wo drei Mio. ihrer früheren Bewohner lebten, nicht gebraucht, sie hatten auch niemanden, der es besiedeln konnte, das Ergebnis waren Hunderte von verschwundenen Dörfern. …Die Vertreibung beschwert unser Gewissen. Die Frage, ob die Vertreibung unserer Deutschen unvermeidbar war, müssen wir Tschechen selbst lösen. Der Gedenktag der Vertriebenen kann für uns zu einer Erinnerung an etwas werden, was in unserer Geschichte niemals wiederholt werden darf". "Es sei zu hoffen" so der Landesvorsitzende "dass sich diese Einstellung zu einer ehrlichen Verständigung in Tschechien weiter ausbreite".

Das hessische Deutsch-Europäische-Bildungswerk habe in diesem Jahr zwei verständigungspolitische Reisen nach Polen und Tschechien unternommen.

In Oberschlesien kam es zu einer Begegnung mit dem emeritierten Erzbischof von Oppeln, Dr. Alfons Nossol, dem der BdV-Hessen die Ehrenmedaille des Verbandes für seine Dienste als "Brückenbauer" überreichte. Von deutschen Bewohnern in Polen sei angeregt worden, unsere BdV-Verbandsaktivitäten auf die Landsleute auszuweiten, die vorübergehend in der Bundesrepublik zur Arbeit gehen und sich von unserer Gesellschaft ausgegrenzt fühlen, obwohl sie auch Deutsche sind. Die Aufarbeitung dieses Themas hielt Ortmann für wichtig.

Die Reise nach Tschechien zeigte leider wieder bestehende Vorurteile gegenüber den deutschen Vertriebenen auf. In Prag wird nach wie vor durch einige Altkommunisten, die unbegründete Angst vor den Folgen einer späten Wiedergutmachung an die Vertriebenen aus durchsichtigen Gründen gepflegt.

Das sei zwar enttäuschend, aber man habe bei den vielen Begegnungen vor Ort auch Freunde gefunden. In diesem Zusammenhang freue er sich, dass für die heutige Veranstaltung der diesjährige Karlspreisträger der Sudetendeutschen Landsmannschaft, Milan Horácek, als kompetenten Festredner gewonnen werden konnte. Für die Zukunft gelte es, verstärkt neue Fragestellungen im Dialog mit den östlichen Nachbarn zu behandeln, um so für die Zukunft eine Existenzberechtigung - sowohl für die eigenen Mitglieder - als auch für die Gesellschaft darzustellen.

Unser leider vielfach noch bestehendes Image als "Verband der ewig Gestrigen" und der Einstufung als "reiner Interessenverband" müsse durch überzeugende Wege zu einer Aussöhnung und Verständigung der Völker, unter Einbindung der jeweiligen deutschen Minderheiten vor Ort, widerlegt werden. Dabei sei unserem Verband bewußt, dass Flucht und Vertreibung kein exklusives Ereignis zu Ende des Zweiten Weltkrieges war und es auch weiterhin ein Recht auf Heimat gibt. Dessen Umsetzung stelle aber nach wie vor eine sehr komplizierte Aufgabe dar. Weltweit haben inzwischen Flucht und Vertreibung leider zugenommen, wodurch auch für unseren Verband neue Herausforderungen erwuchsen. So gesehen bleibe auch der Einsatz für Vertriebene, Flüchtlinge und Deportierte im Jahre 2014 eine verantwortungsvolle Aufgabe, der sich der Bund der Vertriebenen aus tiefer Überzeugung stellen müsse.

Stefan Grüttner: "Vertreibung ist und bleibt Unrecht"

Staatsminister für Soziales und Integration Stefan Grüttner, erläuterte, dass der neue Gedenktag auf einen Beschluss der Landesregierungen in Hessen, Bayern und Sachsen im Jahr 2013 zurückgehe, jeweils am 2. Sonntag im September die Erinnerung an Flucht und Vertreibung wach zu halten. Das Datum schließe den traditionellen "Tag der Heimat" ein. Der Minister bekräftigte erneut, die Bedeutung der Vertriebenen für die Hessische Landesregierung. Etwa ein Viertel der Hessen hätten das Schicksal der Flucht mindestens mittelbar in ihren Familien erlebt. Mit der Integration der Heimatsuchenden und ihrer Mitwirkung am Aufbau nach dem Zweiten Weltkrieg sei eine außergewöhnliche Leistung vollbracht worden. Die schon in den Anfangsjahren der Bundesrepublik genannte Forderung nach einem Recht auf Heimat sei richtig: "Vertreibung ist und bleibt Unrecht" sagte der Minister. Grüttner bestärkte den BdV darin, bei der eigenen Erinnerungsarbeit auch für die 50 Millionen Flüchtlinge einzutreten. Die größte Gruppe komme bekanntlich aus Syrien nach Deutschland. Damit schlug der Minister eine Brücke vom Damals zu Heute: "Für mich gehört die Teilnahme am heutigen Schicksal der Flüchtlinge dazu", sagte er.

Milan Horácek: Ablehnung der Kollektivschuld und das Recht auf Heimat für die Vertriebenen

Festredner Milan Horácek stammt aus dem nordmährischen Groß Ullersdorf. Nach der Niederschlagung des Prager Frühlings emigrierte er in die Bundesrepublik, war Gründungsmitglied der Grünen und lange Jahre Bundestags- sowie Europaabgeordneter der Partei. In einer sehr persönlichen Rede erinnerte er an die Zeit, als die Tschechische Republik noch durch Stacheldraht eingesperrt war. Zwei stachlige Originalproben hatte er mit nach Wiesbaden gebracht. Die eine hatte er selbst vor 25 Jahren an der ungarisch-österreichischen Grenze bei Sopron "abmontiert", die andere von 1989 stammt von der deutsch-tschechoslowakischen Grenze. Auch eine dritte hätte er gern gezeigt, die von der mährisch-österreichischen Grenze. Nach der Okkupation der Tschechoslowakei 1968, war es ihm gelungen, mit Hilfe eines Freundes mehrere Stacheldraht-Grenzzäune zu überwinden, um ins "Exil zu gehen" wie er es nannte.

Aus der "Charta der deutschen Heimatvertriebenen" vom 5. August 1950 werde oft zitiert, dass die Heimatvertriebenen auf Rache und Vergeltung verzichten. Kaum sei aber noch bekannt, dass ein Tag vorher, am 4. August 1950, das Wiesbadener Abkommen, eine unterzeichnete Willenserklärung des Tschechischen Nationalausschusses und der Arbeitsgemeinschaft zur Wahrung sudetendeutscher Interessen, geschlossen wurde. Im Abkommen werde der Wunsch beider Seiten bekundet, in der Tschechoslowakei demokratische Verhältnisse herzustellen und den Sudetendeutschen die Rückkehr in ihre Heimat zu ermöglichen. Ähnlich wie in der "Charta der deutschen Heimatvertriebenen" wird eine Kollektivschuld für das gegenseitig zugefügte Unrecht abgelehnt. Seitens der Arbeitsgemeinschaft zur Wahrung sudetendeutscher Interessen unterschrieben Rudolf Lodgman von Auen, Hans Schütz und Richard Reitzner, für den Tschechischen Nationalausschuss neben General Lev Prchala, Vladimír Pekelský.

Die Ablehnung der Kollektivschuld und das Recht auf Heimat für die Vertriebenen gelte auch heute noch. Die Beneš-Dekrete, mit denen in den ersten Jahren nach dem Krieg die Deutschen in der Tschechoslowakei enteignet und vertrieben wurden, müssten jedoch eines Tages "auf dem Misthaufen der Geschichte landen".

Otmar Schmitz: Dank an Gäste und Mitwirkende

Der rührige Organisator der Veranstaltung, BdV-Landeskulturreferent Otmar Schmitz, dankte zum Schluß der Blasorchester Weindorf Johannisberg für dargebrachte Platzkonzert und den Künstlern vom Streichquartett Arco und den Sängerinnen und Sängern von ChorART Rheingau für die stimmungsvolle musikalische Umrahmung dieser Feierstunde. Besonderen Dank sagte er seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern aus der Geschäftsstelle, die wesentlich zum Gelingen der Veranstaltung beigetragen hätten. Eine Einladung sprach Schmitz noch aus: das nahe Stadtschloss der nassauischen Herzöge zu besuchen, dessen Türen aus Anlaß des "Tag des offenen Denkmals" für alle weit geöffnet sind.

Das war der Schlußpunkt und mit dem Lied der Deutschen "Einigkeit und Recht und Freiheit" ging der Festakt zum 1. Hessischen Gedenktag für die Opfer von Flucht, Vertreibung und Deportation sowie "Zentraler Tag der Heimat 2014" in Wiesbaden zu Ende.

Text: Norbert Quaiser; Fotos: Erika Quaiser
Im September 2014