Das Igelland erwandern
JMG Wanderreise in die Iglauer Sprachinsel

Ein Wandertagebuch

Jährlich einmal schnürt die hessische "Junge-Mittlere Generation JMG" der "Sudetendeutschen Landsmannschaft" die Wanderschuhe und macht sich auf den Weg in die unvergessene Heimat. Im vorigen Jahr ging es von Nachod aus ins Riesengebirge, Braunauer Ländchen, Adlergebirge, Glatzer Bergland und in den Schönhengstgau. Diesmal hatten Helmut Seidel, Frank Dittrich und Hagen Novotny zu Wanderungen in der Iglauer Sprachinsel auf den Böhmisch-Mährischen Höhen eingeladen. Um Mitwanderer brauchte nicht geworben werden, kaum war das Reiseziel bekannt waren alle 50 Busplätze vergeben.

Ihr Quartier bezogen die Wanderer in der Innenstadt von Iglau im Hotel "Gustav Mahler", einem ehemaligen Dominikanerkloster danach Kaserne, erst der k.u.k- Armee, dann der tschechoslowakischen Volksarmee. Busfahrer Wolfgang Heinrich erinnerte sich: vor über fünfzig Jahren musste er hier noch seinen Militärdienst ableisten, bevor er nach Deutschland ausreisen durfte.

Marius Neuwirth, ein heimatverbliebener Deutscher, begleitete die Wanderer vom ersten Tage an. Seine guten und ausgewogenen Informationen machten die Wanderreise zu einer wahren Bildungsreise.

Kirchen und bekannte Glocken

Der schon seit Jahren mitwandernde Pfarrer Heinz Kussmann war erfreut. Wohin er auch vom großen rechteckigen Markplatz schaute, von überall her grüßten ihn Kirchtürme: die der altdeutschen Pfarrkirche Sankt Jakob (13.-14. Jahrhundert), der ehemaligen Minoritenkirche der Maria Himmelfahrt (13. Jahrhundert), der ehemaligen Dominikanerkirche Heiliges Kreuz (14. Jahrhundert) und der barocken Jesuitenkirche St. Ignaz (mit Kolleg; 1680-89). Der Klang der Glocken der Pfarrkirche Sankt Jakob erinnerte an den Sudetendeutschen Tag. Das Geläut ertönt dort regelmäßig beim Totengedenken der Hauptkundgebung.

In Sankt Jakob waren die Wanderer zum Gottesdienst angemeldet. Zelebriert wurde er vom tschechischen Pfarrer, unterstützt von Pfarrer Kussmann. Ein sicher nicht alltägliches Erlebnis für die tschechischen Kirchenbesucher. Wann gab es hier das letzte Mal eine Ansprache in Deutsch? Aus dem 1. Buch der Könige las Pfarrer Kussmann. Von König Salomo ist die Rede. Was würden Sie sich wünschen, wenn Gott Ihnen einen Wunsch freigäbe? Vielleicht Gesundheit, vielleicht langes Leben, keine Sorgen...? Das alles wäre verständlich. Und was wünscht sich vielleicht ein König? Macht, willige Untertanen...? Der junge König Salomo wünschte sich ein "hörendes Herz". Wie wichtig wäre für politisch Verantwortliche ein "hörendes Herz", um "das Gute vom Bösen zu unterscheiden". Hatte jemand ein hörendes Herz, als der Stab über die Sudetendeutschen gebrochen wurde?

Überrascht war Pfarrer Kussman als er sakrale, aus Bronze gegossene, Kunstgegenstände am Altar als aus der Werkstatt von Egino Weinert aus Köln erkannte. Sogar den mächtigen Bronze-Unterbau des Altars hat der Künstler, der in jungen Jahren durch einen Unfall einen Arm verlor, entworfen und meisterhaft in Bronze gegossen.

Dass die Wanderer auch singen können, mehrstimmig sogar, stellten sie gleich unter Beweis, als Helmut Seidel "Großer Gott wir loben dich" anstimmte. Noch lange klang der Schlussakkord im gotischen Kirchengewölbe nach.

Wandern im unterirdischen Ganglabyrint

Das nahe gelegene ursprünglich gotische Rathaus mit seiner Fassade von 1786, hatten die Wanderer schnell treppauf-treppab durchstreift, um sich danach mit warmen Jacken zum Einfahren in Iglaus "Unterwelt" auszurüsten.

Die zusammen 25 km langen Gänge verlaufen unterhalb der Stadt und sind auf mehreren Ebenen in den Felsen gehauen. Die Wanderer stiegen erst 30 m hinab, um dann bis zu 1 m unterhalb des Marktplatzes wieder empor zu klettern. Wohl einmalig für ein Gebäude, den Grundstein des Rathauses kann man von "unten" betrachten. Bis zum 14. Jahrhundert dienten die Stollen dem Silberbergbau, als dieser stillgelegt wurde zur Lagerung von Tuch und Bier.

Gustav-Mahler-Haus - würdiges Gedenken an einen großen Musiker

Dass das Haus bereits im 16. Jahrhundert errichtet wurde, ist heute nicht mehr zu erkennen. Immer wieder umgebaut, zeigt es sich heute in einer modernen Form, die nicht nur der Persönlichkeit dieses bedeutenden Dirigenten von Weltrang und seiner Familie gewidmet ist, sondern sich auch mit dem Zusammenleben von Tschechen, Deutschen und Juden in Iglau beschäftigt. Zahlreiche Vitrinen bergen Erinnerungen an den großen Musiker Gustav Mahler. Der beklagte sich zu Lebzeiten nach dem Zeugnis seiner Frau: "Ich bin dreifach heimatlos: als Böhme unter den Österreichern, als Österreicher unter den Deutschen und als Jude in der ganzen Welt."

Rührend die Beschreibung seines Geburtsorts in der Nähe von Iglau: "In einem so armseligen Haus bin ich geboren; nicht einmal Scheiben waren in den Fenstern. Vor dem Haus breitete sich ein Wassertümpel aus. Das kleine Dorf Kalischt und einige zerstreute Häuser waren alles, was in der Nähe lag." Acht seiner Geschwister starben schon im Kindesalter, darunter auch der besonders geliebte, nur um ein Jahr jüngere Bruder Ernst, was sicher zur besonderen Empathie des Erwachsenen mit den "Kindertotenliedern" nach Texten Friedrich Rückerts beigetragen haben dürfte.

Am 21. Oktober 1860 erschien das Manifest des Kaisers Franz Joseph: "An meine Völker", in dem die Gleichheit aller Bürger, unabhängig von ihrer Religion, und auch die freie Ausübung aller Religionen im österreichischen Kaiserreich gestattet wurde. Die jüdische Familie zog daraufhin in die überwiegend deutschsprachige Stadt Iglau, wo die Juden 1861 eine eigene Kultusgemeinde errichteten und zwei Jahre später auch eine Synagoge einweihen konnten.

"Ich soll noch auf dem Arm gewesen sein, als ich schon jedes Liedl nachsang. Dann vielleicht mit drei Jahren, bekam ich eine Ziehharmonika, auf der ich alles, was ich hörte, mir zusammensuchte und bald ganz fertig spielte. Eines Tages, ich war noch nicht vier Jahre alt, trug sich eine komische Geschichte zu: Die Militärmusik marschierte morgens an unserem Haus vorbei. Ich dies hören und aus der Stube entwischen war eins. Mit kaum mehr als einem Hemdl bekleidet, lief ich mit meiner Harmonika hinter den Soldaten drein, bis mich ein paar Nachbarsfrauen auf dem Markt aufgriffen. Sie versprachen, mich, dem es mittlerweile doch ängstlich geworden war, nur unter der Bedingung heimzubringen, wenn ich auf meiner Harmonika ihnen vorspielen wollte, was die Soldaten gespielt hatten. Das tat ich sogleich, auf einen Obststand gesetzt, zum Ergötzen der Marktweiber, Köchinnen und anderen Straßenpublikums".

Tatsächlich ist Mahlers Bedeutung als Komponist erst Jahrzehnte nach seinem Tode in vollem Umfange anerkannt worden. Heute übertrifft die Aufführungszahl seiner konzertanten Werke nicht nur die seiner Generationsgenossen Richard Strauss, Hans Pfitzner, Max Reger, Claude Debussy und Maurice Ravel, sondern auch die seines direkten Vorgängers und Vorbild als Symphoniker, nämlich Anton Bruckner.

Eroberung des Schatzberg-Gipfels

Was der Jeschken für die Nordböhmen, der Altvater für die Mährer ist, bedeutet den Iglauern ihr "Schatzberg". Nicht weit von hier führt die europäische Hauptwasserscheide durch die Böhmisch-mährische Höhe. Die westlich abfließenden Gewässer gehören zum Einzugsgebiet der Ostsee, die östlichen zum Einzugsgebiet des Schwarzen Meeres.

Der 613 m hohe Schatzberg war das Ziel der 12 km langen Tageswanderung. In dem Berg soll ein "Schatz" liegen, hatten die Wanderer erfahren. Früher wurde hier Silber abgebaut. Den Gipfel erreicht, standen sie vor den Resten eines Aussichtsturms, der während des Zweiten Weltkriegs niederbrannte. 1907 war er errichtet worden, 27 m hoch mit 5 Stockwerken und Umgang. Auch ohne den Turm genossen die Wanderer einen herrlichen Ausblick ins Igelland als Lohn für die Kraxelei. Möge der Schatz noch bis zum nächsten Besuch ruhen!

Im Lied gibt es den Turm noch, mit den Iglauern sangen alle: "Wo die alte Stadt dort an der Igel steht, wo der Schatzbergturm sich aus dem Wald erhebt....."

St. Wenzelskrone in der Wallfahrtskirche Kremeschnik

Den Gipfel des Berges Kremeschnik zu besteigen, war für die Wanderer ein Leichtes. Oben angekommen waren sie von der Größe des barocken Areals mit der Dreifaltigkeitskirche überrascht. Die Kirche birgt Besonderheiten. Am in Europa einmaligen vergoldeten Altar aus dem Jahre 1820, konnten 3 Priester gleichzeitig die Messe lesen. Eine Bedingung war allerdings daran geknüpft: die Priester mussten Brüder, also die Söhne einer Familie sein. Da es ein solches Ereignis bisher nur zweimal gab, darf heute auch wieder nur ein Priester allein die Messe lesen.

Die böhmischen Kronjuwelen liegen bekanntlich in der Kronkammer über der St. Wenzels Kapelle im Prager Veits Dom hinter Schloss und Riegel, Darunter auch das wertvollste Stück, die St. Wenzels Krone aus dem Jahre 1346. Während des letzten Krieges soll die Krone nach Kremeschnik ausgelagert und in dem Bildhaueratelier "Schlössel" in der Nähe der Kirche versteckt gewesen sein. Niemand hat sie dort vermutet und so war sie sicher. Nach dem Krieg kam das wertvolle Stück wieder unversehrt nach Prag. Als Dank hat die Regierung eine Nachbildung anfertigen lassen, die die Wanderer in der Wallfahrtskirche bestaunen durften. Sogar die Reliquien vom Hl. Wenzel, Nepomuk und anderen Heiliger sollen in die Krone eingearbeitet worden sein. "Na, wer das glaubt?" meinten einige.

Rauneck, Gossau, Schlappenz

Die Heimatorte von Mitwanderern zu besuchen, gehört zum Programm der Wanderreisen. Aus Rauneck stammt Frau Ripper. Wie würde ihr Haus, früher ein Gasthaus, heute aussehen? In Rauneck war das Haus schnell gefunden. Kein Gasthaus mehr, heute ein Wohnhaus. Nachbarn zeigten sich freundlich. Erinnern sich noch an Familie von Frau Ripper. Schenken Erika Quaiser 2 rote duftende Tomaten, auf Heimaterde gewachsen, sonst bekommt man ja nur holländische! Auch Franz Pollak, der in Hattersheim die SL-Kreisgruppe Maintaunus leitet, stammt aus Rauneck. Wie gern wäre er mitgefahren.

Hans Herbert Ripper war in Gossau zu Hause. Sein Bauerngehöft hatte er schon früher einmal besucht. Jetzt steht es verlassen da, die Besitzerin ist gestorben. "Wir hatten schon seit den 30-iger Jahren eine Warmwasser-Zentralheizung" sagt Herr Ripper, "für die damalige Zeit einmalig". Das frühere Haus des Knechts im Hof ist bewohnt und modernisiert. Pavla und Wladimir Novak sind die neuen Besitzer. Sie kennen Familie Ripper noch von früher und freuen sich über das unverhoffte Wiedersehen. E-mail Adressen werden ausgetauscht. "Kommt bald wieder", rufen sie den Wanderern nach.

Der Wandergruppe hatten sich auch die beiden Brüder Johann und Franz Klement angeschlossen. Franz stammt aus Schachersdorf und ging im nahen Schlappenz in die Schule und zur Kirche. Bei früheren Besuchen hatten beide erreicht, dass ihnen der Pfarrer das Anbringen von zwei Gedenktafeln erlaubte. Die innerhalb der Kirche lautet: "Zur Erinnerung an die Toten der Heimat, aus der wir 1945-46 vertrieben wurden. Die Deutschen des Kirchsprengels Schlappenz mit den Gemeinden Bergersdorf, Bosowitz, Neuhof, Hochtann, Pfaffendorf, Schachersdorf, Smilau, Unterwesenz." Vertreibung klar benannt. Die weitere Tafel an der Außenwand der Kirche erinnert zweisprachig daran, dass hier einmal eine Klement-Familie zu Hause war. Doppelsinnig der Johannes-Bibeltext: "Im Hause meines Vaters sind viele Wohnungen".

Kuttenberg

Den "Dom der Heiligen Barbara" hatten alle schon zumindest auf Kalenderblättern gesehen. Nun standen sie vor einem der außergewöhnlichsten gotischen Kirchenbauten in Mitteleuropa. Gern hätte man 1388 die Kirche doppelt so groß gebaut, als jedoch die Ergiebigkeit der Silberminen nachließ, mußte es beim heutigen "Format" bleiben.

Der Prager Groschen, der in Kuttenberg seit dem 13. Jahrhundert geprägt wurde, bildete seinerzeit die stabilste europäische Währung. Er galt im ganzen Königreich und wurde auch in Polen, Ungarn und Österreich benutzt. Einen "Euro" hat es also schon früher einmal gegeben.

Sedletz-Ossarium

Auf einen solchen Anblick waren die Wanderer nicht gefaßt, als sie das zweigeschossige Kirchengebäude betraten: das gesamte Inventar der Kirche besteht aus menschlichen Knochen. 1870 soll es der Holzschnitzer František Rint auf fürstliche Anweisung aus den Gebeinen von rund 10.000 Menschen gestaltet haben. Unweit der Eingangstür führt eine Treppe in das Untergeschoss des Kirchengebäudes. Auf beiden Seiten des Treppenabgangs stehen zwei fast menschengroße knöcherne Abendmahlskelche. Neben einem der Kelche, befindet sich ein aus Knochen und Schädeln geformtes Jesus-Monogramm. In der Raummitte des Untergeschosses hängt ein achtarmiger Lüster, der nahezu sämtliche Knochensorten des menschlichen Körpers enthält. Unterhalb des Lüsters befinden sich vier Fialen, bestückt mit jeweils 22 Schädeln. An manchen Schädeln, sind deutliche Spuren der Gefechte während der Hussitenkriege zu erkennen, wohl von Dreschflegeln oder Fausthämmern. Der "Konstrukteur" Rint selbst hinterließ seinen Namen - selbstverständlich aus Knochen geformt - an einer Wand neben dem Treppenaufgang.

Woher kamen die vielen Knochen? Der Legende nach wurde ein Abt des Zisterzienser-Klosters Sedletz, um 1278 mit einer Botschaft nach Jerusalem entsandt. Auf seiner Rückreise brachte er eine Handvoll Erde vom Kalvarienberg mit und verteilte diese über den Klosterfriedhof, der dadurch zu heiligem Boden erklärt wurde. Daraufhin entwickelte sich der Friedhof zu einem begehrten Bestattungsort in Mitteleuropa.

Wallfahrtskirches des Hl. Nepomuk auf dem Grünen Berg bei Saar

Den "Grünen Berg" erstiegen die Wanderer ohne große Mühe. Oben erfuhren sie, dass es durch die Geschichte des tschechischen Heiligen Johannes von Nepomuk zum Bau dieser Kirche kam. Als dieser von der Prager Karlsbrücke in die Moldau gestürzt wurde, sollen in diesem Moment über seinem Kopf fünf Sterne erschienen sein. Seitdem ist die Zahl fünf und der Stern das Symbol des Heiligen.

Der Architekt Santini-Aichl nahm diese Legende zur Grundlage für den Grundriss der Kirche, der einen fünfzackigen Stern darstellt. Die Zahl fünf sowie der Stern tauchen als Symbole an zahlreichen Stellen in der Kirche auf: Im Kreuzgang befinden sich fünf Tore und fünf Kapellen, in der Kirche gibt es fünf Altäre und auf dem Hauptaltar fünf Sterne. Das gesamte Gelände ist voll von mystischen Symbolen und äußerst geheimnisvoll. Bis heute suchen Experten den Eingang zu einem Geheimgang, der angeblich von der Kirche bis zum Kloster auf dem nahe gelegenen Schloß Saar führen soll. Einige Wanderer - geübt und mutig geworden durch das Befahren des unterirdischen Ganglabyrinths in Iglau - machten sich gleich auf die Suche nach dem Geheimgang. Jedoch vergeblich, mit leeren Händen kamen sie zurück.

Die toten Kinder von Waldkirchen

Der Friedhof in Waldkirchen, eine Pfarrgemeinde im Waldviertel an der österreichischen Grenze gegenüber Zlabings, wurde 1945 zur letzten Ruhestätte für zahlreiche Vertriebene aus der Iglauer Sprachinsel, darunter 25 Kinder.

Dem mitreisenden Iglauer Franz Höfer geht das Schicksal seiner Landsleute nicht aus dem Kopf. Nach wochenlangem Hungerlager wurden die berüchtigten Transporte zu Fuß von den Tschechen in Richtung österreichische Grenze in Bewegung gesetzt. Bei glühender Hitze, von Partisanen getrieben, erreichten die Menschen die Grenze. Darunter waren erschöpfte Mütter mit ihren toten Kindern im Arm und viele Alte, die sich mit letzter Kraft über die Demarkationslinie schleppten, um wenigstens in Würde sterben zu können. Hier lagen sie stundenlang völlig erschöpft, ehe sie vorerst in den grenznahen Dörfern im Kirchsprengel Waldkirchen blieben.Viele haben die Grenze nie erreicht, sie wurden bereits unterwegs zu Opfern der Strapazen.

37 Erwachsene und 25 Kinder mussten schon kurz nach dem Ankommen auf dem Friedhof in Waldkirchen beerdigt werden. Die Kinder kamen in ein gemeinsames Reihengrab, während die Erwachsenen zum Teil unter den Wegen auf dem Friedhof beerdigt werden mussten, da für richtige Grabstellen nicht genügend Platz vorhanden war. Sie alle sind an den Folgen der grausamen Todesmärsche gestorben.

1952 errichtete die Iglauer Landsmannschaft auf dem Friedhof ein über drei Meter hohes Holzkreuz mit der Inschrift "Hier fanden im Jahre 1945 25 Kinder aus Iglau ihre letzte Ruhestätte". Später wurde an dem Kreuz eine Gedenktafel aus Marmor angebracht und für jedes dort beerdigte Kind ein kleiner Granitstein gesetzt. Am 1. November 1963 wurde dann das Mahnmal in der jetzigen Grundform eingeweiht.

1985 wurden zusätzlich auf der Rückwand der Gedenkstätte mehrere Informationstafeln angebracht, die Auskunft über die Iglauer Sprachinsel und die Ereignisse im Verlauf der Vertreibung gibt. 1988 wurden die Kindersteine nochmals erneuert und die Namen in Bronzetafeln gegossen. In einem verschlossenen "Schrein" in der Mauer, rechts an der Gedenkstätte, wurden Namenstafeln von ca. 1.200 Gefallenen und Vermissten untergebracht, davon über 500 mit Bild.

Mit Pfarrer Kussmann beteten die Wanderer das Vaterunser und Franz Höfer stimmte das Lied an, das die Iglauer bei ihren Gedenken an diesem schicksalshaften Ort singen: Wahre Freundschaft soll nicht wanken.

Stadtfriedhof Iglau - die Toten von Dobrenz

Heute war der Besuch des Stadtfriedhofs von Iglau das Ziel der Gruppe. Am Ende des Friedhofzaunes, liegt auf der linken Seite das Hauptfeld des deutschen Zweiten Weltkrieg-Soldatenfriedhofes mit dem Gedenkplatz und dem Hochkreuz. Zwei Treppen führen von dort herunter zum sowjetischen Soldatenfriedhof und den sich daran anschließenden, ringförmig angelegten Soldatenfriedhof des Ersten Weltkrieges, mit den im äußeren Ring bestatteten 249 deutschen Soldaten des Zweiten Weltkrieges. Darunter 80 junge Soldaten, die noch im April 1945 starben, als Partisanen die Eisenbahnbrücke über die Igel gerade in dem Augenblick sprengten, als ihr Zug darüber fuhr und alle in die Tiefe riß.

Von hier aus, dem Hauptweg folgend, erreicht man kurz vor dem Friedhofsende, nach links abbiegend, die Gedenkstätte für die Gräber deutscher ziviler Kriegsopfer, die in Internierungslagern verstarben. In einem Teilbereich dieser Fläche entstand eine Gedenkstätte. Eingefriedet von einer Hecke aus Lebensbäumen stehen auf einer Rasenfläche zwei Symbolkreuzgruppen. Mittelpunkt ist ein Granithochkreuz mit der Gedenkaussage sowie die rechts und links vom Zugangsweg angeordneten Bronzegusstafeln mit den Namen der Verstorbenen.

Was geschah 1945 in Dobrenz?

Was war geschehen an jenem 19. Mai 1945? Den Iglauer Franz Höfer bewegt dieses tragische Ereignis auch heute noch tief. Eine alkoholisierte Horde tschechischer "Revolutionäre", unter ihrem selbst ernannten Anführer, dem Böhmisch-Österreicher Robert Kautzinger, einem vierschrötigen kommunistischen Glasschleifer, trieb 15 Deutsche aus mehreren Dörfern bei Dobrenz zusammen. Die Opfer mussten zunächst unter Schlägen ihre Gräber selbst ausheben und wurden dann erschossen oder mit Schaufeln, Spaten und Hacken erschlagen. Anschließend feierten die Mörder in einem Gasthaus und brüsteten sich ihrer Mordtat. Vermutlich war es bloßer Hass und Geltungssucht, die die Mörder antrieben. Geredet wurde über die Schreckensnacht später nur hinter vorgehaltener Hand.

So erwiesen sich auch die Nachforschungen, die die vertriebenen Landsleute der Mordopfer anstellten, als schwierig. Tschechen, die Angaben zu den Geschehnissen machten, baten sich strenge Geheimhaltung aus, weil sie offensichtlich Unannehmlichkeiten seitens ihrer Landsleute fürchteten.

Die an dem Mord beteiligten Söhne Kautzigers, das wurde bekannt, arbeiteten später unter dem kommunistischen Regime bei der Polizei, beziehungsweise bei der Staatssicherheit. Angeklagt wurden sie nie. Wie auch die mindestens acht an der Tat beteiligten Tschechen keine Folgen zu tragen hatten. Das verhindert das bis heute gültige Straffreistellungsgesetz von 1946, das alle derartigen Übergriffe und Gewalttaten gegen Deutsche in der Nachkriegs-Tschechoslowakei guthieß. Heute lebt keiner der Mörder mehr.

Mit einem Gebet verabschiedeten sich die Wanderer von diesem Stück Erde in Iglau, der Ruhestätte von so vielen sinnlos Umgekommenen. "Ruht in Frieden, ihr seid nicht vergessen".

Die Allerheiligen-Kapelle in Teltsch

Gerade war Wochenmarkt, als die Wanderer sich auf dem großen Marktplatz in Teltsch "verteilten". Ein richtiger Schmied mit Lederschürze hatte seine Schmiede aufgebaut und hämmerte auf das rotglühende Eisen. Kleine Kunstwerke breitete der Meister danach auf seiner Werkbank aus. Die Allerheiligen-Kapelle, am Eingang zum Haupthof des Schlosses, die einige besonders sehen wollten, war geschlossen. Derzeit werden keine Führungen mehr durchgeführt. Durch das Gitter war aber ein Blick auf die letzte ehrwürdige Ruhestätte für Zacharias von Hradec und Katharina von Waldstein zu erhaschen. Gut erhalten ist der Stuckgrabstein aus der Renaissance ist mit einem geschmiedeten und bemalten Gitter aus dem Jahre 1589.

In Pilsen wird nicht nur Bier gebraut

Pilsen lag an der Strecke, auf dem Weg nach Hause. Warum nicht einen Halt machen? Mitwanderer Josef Wenzlik erinnerte sich an seine Jugend. Er stammt aus Pscheheischen in der Nähe. "Nach Pilsen gingen wir immer zum Schwimmen" erinnert er sich. Vaclav Vrbik von Antikomplex war ein kundiger Begleiter durch seine Heimatstadt, an vielen Baustellen vorbei. "Wir rüsten uns für nächstes Jahr", so Vrbik. "Jährlich werden 2 europäische Kulturhauptstädte bestimmt. Für 2015 fiel die Wahl auf Pilsen und das belgische Mons."

Bei uns ist alles "groß", erklärte Vrbik: Das Stadtwahrzeichen von Pilsen, die St.-Bartholomäus-Kathedrale, rühmt sich, mit 102,6 m den höchsten Kirchturm in der Tschechischen Republik vorweisen zu können. Zur Zeit der Stadtgründung war der Stadtplatz mit seinen Abmessungen 139 x 193 m einer der größten Europas. Die Große Synagoge ist die zweitgrößte Europas und die drittgrößte Synagoge weltweit. Die Brauerei Pilsner Urquell liefert ihr Bier in mehr als 50 Länder. Die Wanderer staunten auch über das "Theatrum Mundi", das größte Wandgemälde in der Tschechischen Republik. Das Gemälde auf einer Fläche von über 200 m² entstand im Jahre 2001 und stellt die berühmtesten Persönlichkeiten Pilsens - vom Stadtgründer König Wenzel II. bis zum beliebten Schauspieler Miroslav Hornícek - dar.

Vor der St.-Bartholomäus-Kathedrale wunderten sich die Besucher über vier Glocken, die dort auf einem Holzgestell ruhen. Die Erklärung ist auch zum Schmunzeln: 1942 waren vier der fünf Glocken der Kirche eingeschmolzen worden. Dass seitdem nur noch mit einer Glocke geläutet wurde, scheint niemanden aufgefallen zu sein. Erst als es vor zwei Jahren zu einer Ausschreibung für den Bau eines zweiten Turmes kam und Bischof Radkovsky die Hoffnung äußerte, dass man nicht nur das Geld für den Turmbau sondern auch für die fehlenden vier Glocken zusammenbekommen könnte erfuhren die Pilsener, dass jahrelang nur eine Glocke ihren Dienst tat. Unter Schirmherrschaft des Bischofs gibt es gerade eine Sammlung mit dem Namen "Glocke von Herzen". Ende des Jahres wird das Geläut wieder vollständig sein.

"Wer Pilsen kennt, auch Škoda nennt", hieß es einmal. Škoda-Autos kannten alle, aber dass das Maschinenbauunternehmen Škoda früher einmal Zuckerfabriken, Brauereien und Dampfmaschinen baute, war für viele neu.

Die Gärtnerinnen unter den Wanderern erfreute ein Blumenbeet im Park: täglich wird es so bepflanzt, dass das aktuelle Datum zu lesen ist. "Das mache ich jetzt auch zu Hause so", meinte jemand.

Die Wanderer feiern mit dem neuen Altvaterturm dessen Geburtstag

Das Altvaterturmfest "Zehn Jahre neuer Altvaterturm" zog die unternehmungslustigen Wanderer am Schluß ihrer Reise noch nach Lehesten im südöstlichen Teil Thüringens. Heimatfreunde aus dem Altvatergebirge hatten dort den in ihrer Heimat abgebrochenen Altvaterturm wieder maßstabsgerecht errichtet. In der St. Elisabeth-Kapelle im Kellergeschoß sind Ortsgedenktafeln der ehemals deutschen Städte und Gemeinden des Altvatergebirges untergebracht. Die holzgetäfelten Gasträume schmücken farbige Holzwappen, die von Heimatgemeinschaften gestiftet wurden. In den Nischen der Aussenfassade befinden sich Gedenktafeln, auf denen die schlimmsten Ereignisse der Jahre 1945/46 dargestellt werden. In der Ehrenhalle im obersten Geschoss sind Votivkacheln zu sehen, die von Einzelpersonen, Familien oder Gruppen individuell gestaltet sind und oft persönliche Daten enthalten. Auch die Wanderfreunde Sieglinde Weingärtner und Helmut Seidel hatten gespendet und mit den angebrachten Tafeln für Erinnerung an die unvergessene Heimat gesorgt.

Vor dem Turm war das Festzelt aufgebaut. Der Duft von Thüringer Bratwürsten lag in der Luft. Die "Original Reichenbacher Blasmusik" spielte "was das Zeug hielt" - und mittendrin die fröhlichen Wanderer. Man hätte sich keinen schöneren Schlußpunkt der JMG-Wanderwoche "die Heimat erwandern" denken können.

"Wohin wandern wir im nächstes Jahr?" wurde gefragt. Helmut Seidel hat schon einen Plan. Das Geheimnis wird er am 18. Oktober beim Nachtreffen in Bad Nauheim lüften.

Text: Norbert Quaiser; Fotos: Erika Quaiser
Im August 2014

BITTE KLICKEN SIE AUF DIESEN SATZ FÜR WEITERE FOTOS DER WANDERREISE