Kreisversammlungen in Lauterbach/Hessen bestätigen Vertriebenen-Führungsduo Ortmann und Lerch

Ortmann verlangt vertrauensvolleres Verhältnis zu Polen und Tschechien sowie Abbau von Vorurteilen

Ende April wurden bei den kombinierten Kreisvorstandswahlen des Bundes der Vertriebenen (BdV) und der Sudetendeutschen Landsmannschaft (SL) in Lauterbach die langjährigen Kreisvorsitzenden Siegbert Ortmann und Anton Lerch einstimmig in ihren Ämtern bestätigt. Auch bei den übrigen Vorstandspositionen gab es so gut wie keine Veränderungen, lediglich der bisherigen BdV-Kassiererin Christine Assmann, die nicht mehr kandidierte, folgte neu im Amt Gerhardt Tischler beim BdV-Lauterbach. Kreisvorsitzender Siegbert Ortmann stellte in seinem Rechenschaftsbericht für die zurückliegenden beiden Jahre detailliert die vielfältigen Verbandsaktivitäten mit den Reisen nach Böhmen heraus und erwähnte besonders die 2012 im Rahmen der 1200-jährigen Geschichte der Stadt Lauterbach gezeigte Wanderausstellung „Die Sudetendeutschen – eine Volksgruppe in Europa“.

Einen größeren politischen Bogen spannte danach Landesvorsitzender Ortmann in seiner Ansprache vor den Versammlungsteilnehmern. „Wir dürfen in unserem Bemühen bei der Darstellung der Vertriebenenproblematik nicht nachlassen, zumal Vertreibungs- und Flüchtlingstragödien auch heute besonders aktuell sind“ forderte er die Deligierten auf. „Mit den Vorgaben nach dem geltenden Bundesvertriebenengesetz, würde von den Vertriebenenorganisationen weiterhin der beharrliche und stetige Dialog um Aussöhnung und Verständigung mit den osteuropäischen Völkern verlangt. Diesen Auftrag nimmt der Bund der Vertriebenen in Deutschland (BdV) nach wie vor sehr ernst und lässt auch nicht nach in dem ernsthaften Bemühen, bei den Nachbarländern um Vertrauen zu einem friedlichen menschlichen Miteinander zu werben“.

Ortmann erinnerte an die regelmäßigen und sehr gut angenommenen Völkerverständigungsseminare in Mittel- und Osteuropa die helfen, dort das Bekenntnis zur europäischen Einigung als Grundlage für eine tief verwurzelte Demokratie und soziale Marktwirtschaft nachhaltig zu wecken. Zwei solcher Seminarreisen, nämlich in die Umgebung des Annaberges im früheren Oberschlesien (Polen) und zur ehemaligen deutschen Sprachinsel „Iglau“ (Tschechien) sind beim BdV-Hessen zur Zeit in Vorbereitung und werden auch noch bis zur Sommerpause durchgeführt. Zu den Pflichtaufgaben, die bei diesen wertvollen Begegnungen geleistet werden müssen. gehörten auch immer Informationen über Geschichte, Tradition sowie Rechte von Minderheiten.

Noch nie sei die Chance so groß wie heute gewesen, nationale Grenzen durch Information und Kommunikation zu überwinden. In den neuen Regionen Mittel- und Osteuropas könnten die inzwischen geöffneten Grenzen, aus gemeinsamer Geschichte herrührende Vorurteile und kulturelle Barrieren abbauen. Rassismus und überspitzter Nationalismus hätten im letzten Jahrhundert über Europa die größten Kriege und völkerrechtswidrigen Vertreibungen von Millionen Menschen gebracht.

Das Wissen und die umfassende Kenntnis darüber müsse nun endlich zur gegenseitigen Respektierung vorhandene Volksgruppenrechte mit dem klaren Willen zur friedlichen Lösung unter Überwindung aller leidvollen Spannungen aus der Vergangenheit führen. Pluralismus habe schon immer Europa geprägt und nur Demokratien können wie keine andere Staatsform diesen auf Dauer garantieren, wozu jedoch gelebte Toleranzen unter den Menschen unerlässlich sind.

Ein Beispiel dafür sei der tschechische Menschenrechtler und ehemalige Europaabgeordnete Milan Horacek, der seit Jahren als ehrlicher Vermittler gegen „nationalistisches Scheuklappendenken“ in Tschechien selbstbewusst und offen auftritt und dafür in Anerkennung für seine Verdienste um eine gerechte und versöhnliche Völkerordnung in Mitteleuropa in diesem Jahr den Europäischen Karlspreis der Sudetendeutschen - die höchste Auszeichnung dieser Volksgruppe - erhält. „Ich wünschte mir“ so Ortmann „viele solcher Freunde in den ehemaligen Vertreibungsregionen, damit endlich Deutsche und Polen sowie Deutsche und Tschechen friedlich nebeneinander und miteinander leben werden, so wie sie auch über Jahrhunderte in der Vergangenheit miteinander gelebt haben. Und es wird sich auch bewahrheiten, dass die lange gemeinsame Geschichte der eigentliche Schlüssel für eine friedliche und versöhnliche Zukunft Europas sein wird.“

Die deutschen Heimatvertriebenen hätten mit ihrer Entscheidung gegen Hass und Gewalt in der „Stuttgarter Charta“ von 1950 einen bedeutsamen Beitrag zur Versöhnung und Verständigung mit den östlichen Nachbarländern geleistet. Nun sei es an der Zeit, den polnischen und tschechischen Gesellschaften vergleichbare Erklärungen abzuverlangen, damit ein für allemal im offiziellen Umgang miteinander keine verletzenden Vorurteile mehr bestehen.

In diesem Zusammenhang komme den Medien, der öffentlichen Meinungsbildung, eine tragende Rolle zu. Vor allem in Tschechien bestehe insoweit erheblicher Handlungsbedarf, denn ihre gegenwärtigen zum Teil leider auch wahrheitswidrigen Informationen können bestehende Vorurteile nur noch verstärken. Zwar gehören Demokratie und Informationsfreiheit untrennbar zusammen, doch die Freiheit der pressemäßigen Information muss eben auch gelernt sein. „Ich rufe deshalb alle auf, die in den tschechischen und polnischen Medien gestaltend mitwirken“ so Ortmann „sich immer ihrer Verantwortung bewusst zu sein und ihre Informationen über das zukünftige Miteinander mehr unter dem Gesichtspunkt des Abbaus von Vorurteilen zwischen Teilen in ihrer Gesellschaft und den Deutschen unter Einbindung der sudetendeutschen Volksgruppe zu verstehen. In diesem Sinne habe ich mich jetzt auch an Bundespräsident Joachim Gauck aus Anlass seines bevorstehenden Staatsbesuchs in die Tschechische Republik gewandt und ihn gebeten, bei seinen offiziellen Gesprächen die Sudetendeutschen als gesellschaftlich relevante Gruppe in der Bundesrepublik für ihre bisherige, umfangreiche Aussöhnungs- und Verständigungsarbeit gegenüber den tschechischen Nachbarn auch einmal ausdrücklich und anerkennend zu erwähnen.“

SL-Kreisobmann Anton Lerch bedankte sich am Ende der Veranstaltung für den guten Besuch und bat die Teilnehmer, weiterhin die allmonatlichen Veranstaltungen der Sudetendeutschen Landsmannschaft in Lauterbach zu besuchen, wo auch immer interessante vertriebenenspezifische Themen zur Diskussion anstünden.

Text: Norbert Quaiser
Im Mai 2014