Deutliche Mahnung zur Aussöhnung mit Zukunftsorientierung

Siegbert Ortmann sprach bei Kranzniederlegung des Gedenkens an die Märzgefallenen in Fulda

Die Kreisgruppe der Sudetendeutsche Landsmannschaft Fulda hatte am vergangenen Sonntag zu einer Kranzniederlegung anlässlich des Gedenkens an den 4. März 1919 zum Gedenkstein der Heimatvertriebenen in der Frauenberganlage nach Fulda geladen. Über 40 Teilnehmer waren bei herrlichem Frühlingswetter zu dieser Veranstaltung gekommen, die musikalisch vom Ensemble Fulda-Brass unter Leitung von Christoph Leitsch würdig begleitet wurde.

SL-Kreisobmann Rudolf Bauer begrüßte eingangs besonders den stellvertretenden Bundesvorsitzenden der Sudetendeutschen Landsmannschaft und Landesvorsitzenden des Bundes der Vertriebenen in Hessen, Siegbert Ortmann, die hessische Landesbeauftragte für Heimatvertriebene und Spätaussiedler Margarete Ziegler Raschdorf und weitere führende Vertreter der kommunalen Gremien aus dem Kreis und der Stadt Fulda. Er gedachte weiter dem erst vor wenigen Tagen verstorbenen BdV-Kreisvorsitzenden Dietrich Heidl, dessen plötzlicher Tod ohne Zweifel eine große Lücke in die einheimische Verbandsarbeit der Heimatvertriebenen gerissen hat und allen dankbar in Erinnerung bleibt.

Siegbert Ortmann sprach anschließend ehrende Worte des Gedenkens an den 4. März 1919 und spannte dabei einen historischen Bogen, ausgehend vom Slawen-Kongress zu Prag im Jahre 1848 über die blutigen Ereignisse nach dem ersten Weltkrieg in der neu entstandenen Tschechoslowakei bis hin zu der endgültigen völkerrechtswidrigen Zwangsvertreibung der Sudetendeutschen 1945/46 aus ihrer über Jahrhunderte angestammten Heimat. Alle diese tragischen geschichtlichen Etappen hatten nach Ansicht des Redners ihren Ursprung in einem übersteigerten tschechischen Nationalismus, der letztendlich mit allen Mitteln der Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik den Weg zu einer "ethnischen Säuberung" des tschechoslowakischen Staates von allem Deutschen ebnete. Es wirkte sich dabei auch überhaupt nicht aus, dass es auf Grund gemeinsamer Geschichte im jahrhundertelangen Miteinander von deutschen und tschechischen Böhmen am Ende des ersten Weltkrieges und Zerschlagung der "Donaumonarchie" mit dem vom US-Präsidenten Wilson proklamierten Selbstbestimmungsrecht für die 3,5 Millionen Sudetendeutschen durchaus friedliche Zukunftsperspektiven hätte geben können. Stattdessen wurde die deutschsprachige Bevölkerung durch vollständige politische Ausgrenzung jeglicher Einflussnahme bei der Gründung des neuen tschechoslowakischen Staates beraubt.

So kam es zu einem Generalstreik ohne jegliche Gewaltanwendung gegen die selbsternannten Machthaber, die dann aber ihrerseits militärisch antworteten und ein fürchterliches Blutbad unter den unschuldigen sudetendeutschen Zivilisten anrichteten. Gleichzeitig an sechs verschiedenen Orten wurden 54 Kinder, Männer und Frauen erschossen und Duzende verletzt. Die sudetendeutsche Bevölkerung musste fortan in einem neuen Staat leben, den sie mehrheitlich nicht wollte und war sodann in den nachfolgenden Jahren den flächendeckenden tschechoslowakischen Repressalien gnadenlos ausgeliefert.

Die schreckliche Vollendung des Ziels einer "ethnischen Säuberung" von den Deutschen, gelang den tschechischen Nationalisten schließlich mit der menschenverachtenden Vertreibung der deutschen Mitbürger nach dem zweiten Weltkrieg. Dabei kamen über 241.000 von ihnen in Lagern, bei den brutalen Transporten in Viehwagons, in Gefängnissen und bei Todesmärschen ums Leben.

Nach Einschätzung von Ortmann fehlt der offiziellen tschechischen Politik leider immer noch der Mut, das große Unrecht der Vertreibung einzugestehen. Im Gegenteil, das Bekenntnis zur Richtigkeit und Legitimität der von allen namhaften Historikern als völkerrechtswidrig eingeordneten Vertreibung ist bis in die Gegenwart Teil der tschechischen Staatsräson. "Wenn der tschechische Staatspräsident Milos Zeman vor nicht allzu langer Zeit während eines Staatsbesuches in Österreich die Vertreibung moderater als die eigentlich verdiente Todesstrafe eingestuft habe, so verletze eine solche ungeheuerliche Äußerung die deutschen Heimatvertriebenen nicht nur bis auf´s Mark, sondern eine solche Aussage sei unter heute in "guter Nachbarschaft" verbundenen Völkern im höchsten Maße empörend und skandalös zugleich", meinte Ortmann.

Es soll keineswegs verschwiegen werden, dass der vor dem zweiten Weltkrieg vom Deutschen Reich auf die benachbarte Tschechoslowakei übergegriffene verbrecherische Nationalsozialismus Hitlers und alles, was mit ihm zusammenhängt, großes Unrecht und Leid mit Todesopfern unter dem tschechoslowakischen Bevölkerungsteil gebracht haben, an denen auch Sudetendeutsche beteiligt waren. Daran gibt es nichts zu beschönigen oder zu relativieren. In der deutsch-tschechischen Erklärung von 1997 und auch von führenden deutschen Politikern sind dazu in der Vergangenheit bereits passende Worte der Entschuldigung gefunden worden. Und auch die in der "Sudetendeutschen Landsmannschaft" organisierten und vom Vertreibungsschicksal besonders hart betroffenen Sudetendeutschen haben schon im Jahre 2002 durch ihren Sprecher Bernd Posselt über einen Prager Fernsehsender landesweit die tschechische Bevölkerung für diese Greueltaten um Vergebung gebeten. Die geschichtliche Wahrheit ist damit ausdrücklich angesprochen und wir haben uns an das beiderseits begangene Unrecht dieser unglückseligen Zeitepoche auch in Zukunft zu erinnern.

Darüber hinaus bleibt es aber unsere gemeinsame, also deutsche und tschechische Aufgabe, diese schrecklichen Geschehnisse des vorigen Jahrhunderts im Bewußtsein der heute und zukünftig lebenden Menschen zu erhalten. Es gilt für immer Abschied zu nehmen von jedweder nationalistischen Geschichte,mit Beseitigung der unsäglichen sog. Benesdekrete aus der Nachkriegszeit, sowie den leider weiterhin bestehenden Vorurteilen und Missverständnissen auf beiden Seiten. "So gesehen stellt das schmerzhafte Blutvergießen aus der gemeinsamen deutsch-tschechischen Geschichte hoffentlich eine deutliche Mahnung auf den weiteren, steinigen Weg zu einer wirklich echten Aussöhnung mit Zukunftsorientierung für unsere Völker und Volksgruppen in Europa dar," schloss Ortmann seine Gedenkansprache.

Text: Norbert Quaiser; Foto: Alexander Haas
Im März 2014