Deutsch-Tschechisches Verhältnis ist weiter verbesserungswürdig

Im Anschluss an den formellen Teil der diesjährigen Landesversammlung der Sudetendeutschen Landsmannschaft Nordrhein-Westfalen hielt stellvertretender SL-Bundesvorsitzender und Landesvorsitzender des Bundes der Vertriebenen in Hessen, Siegbert Ortmann, einen Vortrag zum Thema "Sudetendeutsche Fragen 2014: Geschichte verstehen - Zukunft gestalten". Im voll besetzten Tagungsraum der Ostdeutschen Heimatstube in Bochum stellte der Referent gleich zu Beginn klar, dass er nicht auf Effekthascherei ziele, sondern mit seinen Ausführungen wider das allgemeine Vergessen die entscheidenden historischen Geschehnisse deutlich und unmissverständlich ansprechen wolle. Ortmann ging zunächst auf die Jahrhunderte lange gemeinsame deutsch-tschechische Geschichte bis hin zu der gewaltsamen Vertreibung nach dem 2. Weltkrieg ein. Er setzte sich auch mit der von tschechischer Seite hierzu gegebenen Rechtfertigung dieser gigantischen Menschheitstragödie auseinander und merkte an, dass völkerrechtlich Unrecht niemals mit Unrecht aufgerechnet werden könne. In der kommunistischen Ära der Tschechoslowakei sei die unmenschlichen Vertreibungen von 3,5 Mio. Sudetendeutschen aus ihrer angestammten Heimat von dem damaligen Regime völlig tabuisiert worden und erst mit der Grenzöffnung finde nun endlich erkennbar eine geschichtliche Aufarbeitung dieser unmenschlichen Vorkommnisse der Vergangenheit statt.

Vor diesem geschichtlichen Hintergrund befasste sich der Referent dann mit den heute leider immer noch unterschiedlichen geschichtlichen Bewertungen der völkerrechtswidrigen Vertreibung und verwies in diesem Zusammenhang auf die bilateralen Abkommen zwischen Tschechien und der Bundesrepublik Deutschland aus den Jahren 1992 und 1997 mit den Zusatzinstrumentarien des Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds und des auf den gemeinsamen Dialog gerichteten Deutsch-Tschechischen Gesprächsforums. Zwar handele es sich bei den Abkommen nicht um völkerrechtlich verbindliche Verträge, doch sollten sie doch nach seiner Ansicht als "Richtschnur" für künftiges Handeln unter den Beteiligten dienen und sogar eine Art "Verhaltenskodex" für das gegenseitige versöhnliche Miteinander sein.

Dazu passe dann aber beispielsweise nicht die vor einiger Zeit von dem Tschechischen Staatsoberhaupt gemachte Äußerung über die Vertreibung der Sudetendeutschen mit dem Zusatz, dass diese Vertreibung "eine moderatere Bestrafung gewesen sei als zum Beispiel die Todesstrafe". Nicht nur für die sudetendeutschen Heimatvertriebenen, sondern für alle rechtsempfindsame Menschen in Deutschland seien solche Bemerkungen eines angeblich freundschaftlich verbundenen Staatsoberhauptes im höchsten Maße zynisch und mit Sinn und Geist der deutsch-tschechischen Erklärung von 1997 überhaupt nicht vereinbar, so Siegbert Ortmann unter dem Beifall seiner Zuhörer.

Für den Referenten weise auch der tschechische Umgang mit der sudetendeutschen Volksgruppe immer noch gravierende Ressentiments auf. Wenn so beispielsweise der frühere tschechische Botschafter in Deutschland Frantisek Cerny kürzlich verlauten ließ, dass heute eigentlich niemand mehr Angst vor den Deutschen haben müsse, auch nicht, wenn einige "militante sudetendeutsche Stimmen" sich noch zu Wort melden würden, weil diese ohnehin immer weniger würden und ihre Stimmen in Deutschland Null Gewicht hätten, so bringe diese nicht gerade wohlwollende Einschätzung den derzeit leider immer noch in Tschechien praktizierten Umgang mit der Sudetendeutschen Landsmannschaft und ihren Repräsentanten auf den Punkt.

Ortmann befasste sich weiter mit den gesetzlich vorgegebenen Rechten der deutschen Minderheit in Tschechien und kritisierte in diesem Zusammenhang die im europäischen Vergleich viel zu hohen Hürden beispielsweise für das Anbringen von zweisprachigen Ortsschildern und Hinweistafeln auf dem Staatsgebiet der tschechischen Republik. Auch die nach den bilateralen Abkommen vorgesehene Förderung der deutschen Sprache an den tschechischen Schulen existiere bislang überwiegend nur auf dem Papier und bedürfe dringend einer Nachbesserung.

Und eines dürfe bei einer versöhnlichen Zukunftsgestaltung mit den tschechischen Nachbarn und deren inzwischen bestehenden Mitgliedschaft in der Europäischen Union auf keinen Fall außer Acht bleiben, so Ortmann abschließend, und das sei die bedingungslose Forderung nach Aufhebung der sog. Benes-Dekrete der Nachkriegszeit. Hier erwarte nicht nur die sudetendeutsche Volksgruppe schon aus rechtsstaatlichen Gründen ein wenngleich spätes, aber unmissverständliches Einlenken von der tschechischen Politik.

Dem Referat von Siegbert Ortmann schloss sich eine äußerst lebhafte Diskussion an, die den Landesvorsitzenden, Dr. Günther Reichert in seinem Schlusswort zu der Anmerkung verleitete, dass die Sudetendeutsche Landsmannschaft schon immer eine sehr "lebhafte Vertriebenenorganisation" sei, die von der Vielfalt unterschiedlichster Meinungen seit jeher profitiere.

Der abschließende Dank der Versammlungsleitung galt zum einen dem von Hessen angereisten Redner Siegbert Ortmann und schließlich auch der SL-Kreisgruppe Bochum mit ihrem Vorsitzenden Leo Köhler für die hervorragende Organisation der diesjährigen Landesversammlung der Sudetendeutschen Landsmannschaft in Nordrhein-Westfalen.

Text: Siegbert Ortmann
Im April 2014