St. Anna-Wallfahrt zur "Mutter der Vertriebenen" in Königstein

Heimatstunde für Clemens Riedel, Begründer der Wallfahrt

Zur Muttergottes und deren Mutter, der Hl. Anna, hatten die gläubigen Schlesier schon immer und zu aller Zeit gebetet. Die 57. Gedächtniswallfahrt nach Königstein am vorigen Sonntag war aber auch ein großartiges Glaubenszeugnis im Gedenken und Gebet für die vielen Millionen Flüchtlinge auf der ganzen Welt. Zugleich auch Grund zum Danken, dass seit dem Fall des Kommunismus im Osten der geliebte St. Annaberg, "Herz und Mitte Oberschlesiens", in der alten Heimat wieder frei zugänglich ist.

Zu einer Wallfahrtskirche wurde die Kollegskirche durch die bewegende Darstellung der "Mutter der Vertriebenen", die der schlesische Bildhauer Erich Jäkel in Königstein 1952 selbst schnitzte. Jäkel hatte als Soldat in Stalingrad eine Gelübde abgelegt, so er Krieg und Gefangenschaft überleben werde, würde er für eine Kirche eine Muttergottesstatue schaffen. Nach der Heimkehr erfüllte er sein Versprechen. Er schuf die 1,80 m hohe Schutzmantelmadonna aus Lindenholz.

Bevor die oft von weit her angereisten Wallfahrer die Treppe zur Kollegskirche hinaufstiegen, konnten sie sich auf schlesische Art stärken. Gleich zwei Verkaufsstände boten Heimatliches an: echten schlesischen Mohnkuchen, Original schlesisches Brot mit und ohne Zwiebeln, und schlesische Wurstwaren nach traditionellen Rezepturen von schlesischer Meisterhand hergestellt. Auch "Geistige" Nahrung gab es im Überfluß auf den Büchertischen der "Eichendorffgilde zu Frankfurt am Main" der Michael Riedel vorsteht und dem "Institut für Kirchengeschichte von Böhmen-Mähren-Schlesien" von Prof. Rudolf Grulich, das in Geiß-Nidda sein Zuhause hat.

In diesem Jahr zelebrierte der Apostolische Protonotar Konrad Kolodziej aus Gleiwitz das Hochamt. Mit ihm am Altar standen u.a. Konsistorialrat Walter Junk aus Winterberg als Prediger und Konsistorialrat Wolfgang Blau aus Seligenstadt, dessen familiäre Wurzeln in Breslau liegen.

Franz Schuberts "Wohin soll ich mich wenden" war die würdige Einleitung für die Ansprache von Protonotar Konrad Kolodziej aus Gleiwitz. Mit seinem harten oberschlesischen Deutsch hatte der im Nu die Wallfahrer in der überfüllten Kollegskirche für sich eingenommen. "Ich habe mir immer gewünscht" so Konrad Kolodziej "einmal in Königstein an der St. Anna-Wallfahrt teilzunehmen. Nun sei er in einer Zeit gekommen, in der in Polen überall im Land an die schicksalhaften Ereignisse vor 75 Jahren gedacht wird. Möge der Ruf nach Frieden und Gerechtigkeit heute hier von Königstein in die ganze Welt hinausgehen", schloß Kolodziej.

Pfarrer i.R. Walter Jung machte in seiner Ansprache Mut: Man dürfe nicht denken, dass Heimat vergänglich sei. Heimat könne nicht hinter uns liegen, sondern vor uns sein. Die Heimat würde uns erhalten durch die Gestalten des Himmels, die Heiligen und besonders durch St. Anna, die heute durch die Wallfahrt besonders gefeiert wird.

Die "Heimatstunde" ist bei der Königsteiner Wallfahrt schon Tradition. Der Königsteiner Mediziner Dr. Christoph Loch moderierte. Dr. Loch ist Initiator und Schöpfer des Denkmals für die drei "Königsteiner Kirchenväter", das Kardinal Meisner vor drei Jahren einweihte: Für den ersten Vertriebenenbischof Maximilian Kaller, für den langjährigen Leiter der Königsteiner Anstalten Weihbischof Adolf Kindermann und den schon legendären Gründer des Hilfswerkes Kirche in Not/Ostpriesterhilfen, den in Vertriebenenkreisen unvergessenen "Speckpater" Werenfried van Straaten, die alle drei in Königstein begraben sind. Dr. Loch hat Bischof Kaller noch persönlich erlebt.

Im Mittelpunkt der Heimatstunde stand "Clemens Riedel, der große Schlesier, Christ und Politiker". Clemens Riedel wäre in diesem Jahr 100 Jahre alt geworden.

Der aus dem sudetenschlesischen Kleinherrlitz stammende Professor Adolf Hampel, der letzte Hochschullehrer der PTH Königstein, würdigte Riedel als den Begründer der Wallfahrt in Königstein vor 56 Jahren. "Jammern war nicht seine Sache", so Prof. Hampel, "seine positive Einstellung könnte ein Beispiel für die vielen jungen Menschen sein, die heute von ihrer "Existenzkrise" reden." Nach Verlust des geliebten Breslaus und Schlesiens, der neu aufgebauten Existenz in Dresden, Flucht nach dem Westen hat er sich dort gleich berufen gefühlt, sich für seine schlesischen Landsleute einzusetzen. Dies sei typisch für Riedel gewesen. Kaum bekannt sei auch, dass er in seiner Bäckerei in Breslau während des Krieges eine Jüdin verborgen hielt. Die Verständigung zwischen Polen und Deutschen habe ihm am Herzen gelegen. Die Charta der deutschen Heimatvertriebenen sei eine der Grundlagen seines Handelns gewesen: die Vertriebenen haben damit der Anwendung von Gewalt abgeschworen und auf Rache und Vergeltung verzichtet und dem polnischen Nachbarvolk damit die Hand zur Versöhnung gereicht. Dass ein Sohn von Clemens Riedel, Michael Riedel, der Ehrung seines Vaters beiwohnte, war das besondere Ereignis an diesem Nachmittag.

Konsistorialrat Wolfgang Blau forderte "Religionsfreiheit". Moslems genießen sie hier selbstverständlich und Christen kämpften in vielen Teilen der Welt um ihr Überleben. Auch die Armenier müssten zu ihrem Recht kommen. Die Tatsache, dass es einen Völkermord an den Armeniern im Jahre 1915 gegeben habe, wird von der Türkei auch heute noch geleugnet. Ein Ausdruck des Beileids des Türkischen Ministerpräsidenten reiche nicht aus. In der BdV-Ausstellung "Erzwungene Wege. Flucht und Vertreibung im Europa des 20. Jahrhunderts" sei den Armeniern gleich die ersten beiden Schautafeln gewidmet worden.

Die Erinnerung an die Opfer des Völkermords und das Engagement für die historische Wahrheit wird Gegenstand einer Gedenkfeier in der Frankfurter Paulskirche am Freitag, d. 24. April 2015 sein, wenn sich der Beginn des Völkermords an den Armeniern zum 100. Mal jährt. "Dabei müsste es uns ein Anliegen sein, den bedrängten Glaubensbrüdern unsere Solidarität zu erweisen" so Blau. "Am Schicksal der Armenier sei auch zu sehen, dass Unrecht sich nicht verdrängen lässt. Das gelte auch für die Benesch-Dekrete und für die polnische "Mär" von der Rückgewinnung der polnischen Westgebiete".

Nach der Heimatstunde schloß die Marienandacht mit einer Bitte die Wallfahrt: Im Gebet möge es gelingen, die Seligsprechung von Bischof Kaller zu erreichen. Bischof Maximilian Kaller habe den Menschen in Mittel- und Ostdeutschland selbstlos gedient. Viele Ermländer und Heimatvertriebene konnten nur überleben, weil der Glaube sie stark gemacht habe, und dafür sei Maximilian Kaller ein großes Vorbild gewesen.

Text: Norbert Quaiser; Fotos: Erika Quaiser
Im September 2014