"Der 1. Weltkrieg und die Folgen für die deutschen Siedlungsgebiete in Polen"

Bundeskulturtagung der Landsmannschaft Weichsel-Warthe 2014 in Fulda

Die diesjährige Bundeskulturtagung der Landsmannschaft Weichsel-Warthe (LWW) fand wie in den Jahren 2011 und 2012 am 17. und 18. Juni 2014 im Bonifatius-Haus in Fulda statt. Sie widmete sich dem 100. Jahrestag des Beginns des 1. Weltkriegs, der quasi die tragische Geburtsstunde der LWW ist, da seine politisch-militärischen Auswirkungen dazu führten, daß die in den drei Teilungsgebieten Polens lebenden Deutschen sich nach diesem Krieg gemeinsam in einem neu entstandenen polnischen Staat als ungeliebte Minderheit wiederfanden und gezwungen waren angesichts des großen politischen Drucks der II. Polnischen Republik auf die Minderheiten, vor allem auf die Deutschen zusammenzuarbeiten, um nicht unterzugehen.

Der gemeinsame Ursprung aus den verschiedensten deutschen Landen zu stammen, lag lange zurück, z. T. bis ins Mittelalter hinein reichten die Wurzeln der Deutschen im wiedererstandenen Polen. Die Herkunft konnte nicht unterschiedlicher sein, sowohl zeitlich, regional und vor allem kulturell. In den drei polnischen Teilungsgebieten lebten Deutsche, die stets Auslandsdeutsche gewesen waren und sogenannte Reichsdeutsche, wobei diejenigen im Posener Land bis zur 1. bzw. 2. Teilung Polens (1772, 1793) zuvor auch als Ansiedler nach Polen gerufen wurden waren.

Diese Tagung sollte diesen doch wenig bekannten Ursprung der LWW bzw. den Versuch, nach 1918 eine Volksgruppe zu bilden, beleuchten.

Am Dienstag, dem 17.6.2014, eröffnete der Bundessprecher der Landsmannschaft Weichsel-Warthe (LWW), Dr. Martin Sprungala die Tagung und begrüßte die Teilnehmer und Ehrengäste. Er betonte, daß die gewählte Thematik sehr aktuell ist und der 1. Weltkrieg, den die Entente-Mächte oft auch nur einfach "Der Große Krieg" (The Great War/ La Grande Guerre) nennen, weil vorher keiner so gewaltig, brutal und verlustreich war wie dieser und man den Zweiten Weltkrieg auch im Zusammenhang mit diesem sieht, was in Deutschland nicht (mehr) in dieser Form der Fall ist.

Ebenso aktuell - ohne daß man es 2013 absehen konnte - war die Themenwahl im vorherigen Jahr mit dem Schwerpunkt auf der Geschichte der Ukraine und der von hier stammenden Umsiedlergruppen aus Wolhynien und Galizien.

Seitens des Patenlandes Hessen als Vertreterin der hessischen Landesregierung konnte der Sprecher die Landesbeauftragte für Heimatvertriebene und Spätaussiedler, Margarete Ziegler-Raschdorf, begrüßen.

Die Staatsministerin des Hessischen Ministeriums der Justiz, Eva Kühne-Hörmann, konnte wegen bereits anderweitiger, zugesagter Verpflichtungen nicht teilnehmen und wünscht der Tagung einen guten Verlauf. Diesem Wunsch schlossen sich auch die Vorsitzenden der Fraktionen im Hessischen Landtag an. Für Thorsten Schäfer-Gümbel hatte Dieter Franz, MdL, sein Kommen für die SPD-Fraktion angekündigt, mußte aber leider kurzfristig wegen anderer Terminverpflichtungen absagen. Florian Rentsch, Vorsitzender der FDP-Fraktion im Hessischen Landtag, bedauerte, nicht kommen zu können, da gleichzeitig eine Fraktionssitzung stattfand.

Die Präsidentin der Bundes der Vertriebenen, Erika Steinbach, MdB, wünschte der Veranstaltung viel Erfolg und schrieb geradezu prophetisch: "Das diesjährige Programm zum Ersten Weltkrieg und die Folgen für die deutschen Siedlungsgebiete in Polen verspricht den Teilnehmern ausgesprochen kurzweilige und anregenden Stunden." Und dies bestätigten die Teilnehmer im Verlauf der diesjährigen Tagung.

Gerade in diesem Jahr hat die LWW wieder Gäste aus Polen eingeladen, denn die Thematik betrifft beide Völker im großen Maße. Im Folgenden bat der Sprecher die aus Polen angereisten Ehrengäste um ihr Grußwort.

Dr. Sprungala wies zudem auf die im Foyer befindliche Ausstellung zu den deutschen Schulen und Lehrern des Dobriner Landes, erstellt von der Vorsitzenden der Heimatkreisgemeinschaft Dobriner Land, Elfriede Eichelkraut, hin.

Grußwort der Landesbeauftragten Ziegler-Raschdorf

Der Bundessprecher dankte der Landesbeauftragten und der hessischen Landesregierung für ihre Unterstützung der Arbeit der LWW, die auch diese Tagung mit der gewählten Thematik ermöglichte. In ihrem Grußwort betonte Frau Ziegler-Raschdorf: "Patenschaften bieten die Möglichkeit, einen verantwortungsvollen Umgang mit der Geschichte zu pflegen und dem viel beklagten Mangel an Geschichtskenntnissen entgegenzuwirken. Sie tragen weiterhin dazu bei, die ostdeutschen kulturellen Traditionen zu bewahren, lebendig zu erhalten und weiter zu entwickeln."

Die Landesbeauftragte überbrachte die herzlichen Grüße der Hessischen Landesregierung, insbesondere von Ministerpräsident Volker Bouffier und des für die Patenschaft mit der Landsmannschaft Weichsel-Warthe zuständigen Sozial-und Integrationsministers Stefan Grüttner.

Ebenso überbrachte sie die Grüße des CDU-Landtagsfraktionsvorsitzenden Michael Boddenberg und des Parlamentarischen Geschäftsführers Holger Bellino.

Frau Ziegler-Raschdorf erinnerte an die jüngsten Ereignisse im Patenland Hessen, die Bildung der ersten schwarz-grünen Landesregierung in einem Flächenland und sie bekundete: "Diese Koalition funktioniert bis jetzt gut und reibungslos und so glaube ich, daß diese Regierung eine gute Arbeit leisten und Bestand haben wird. Wichtig ist: der ausgehandelte Koalitionsvertrag bedeutet Kontinuität in der Vertriebenenarbeit." Das sind wichtige und durchaus keine selbstverständlichen Aussagen, wie auch die Mitglieder der LWW dankbar bekunden können.

In diesem Zusammenhang teilte Frau Ziegler-Raschdorf mit, daß sie am 17.2.2014 erneut zur ehrenamtlichen Landesbeauftragten für Heimatvertriebene und Spätaussiedler berufen worden ist. Bei dieser Gelegenheit betonte Ministerpräsident Bouffier: "Die Förderung der kulturellen und sozialen Arbeit der Heimatvertriebenen und Spätaussiedler sind für die Landesregierung von großer Bedeutung." Die aktuelle Arbeit an diesen Themen erläuterte die Landesbeauftragte im Folgenden und wies auch auf die 1990 übernommene Patenschaft über die LWW und ihre markanten Ereignisse der vergangenen 24 Jahre hin. "Wir halten es für sehr wichtig, daß die Arbeit im Rahmen der Patenschaft fortgesetzt wird."

Wie sehr dieses Interesse auch den Tagungsteilnehmern bewußt werden konnte, sah man daran, daß die Mitarbeiterin im Hessischen Sozialministerium, Monika Groh, erstmals aus eigenem Interesse an der auch von ihr betreuten Arbeit der LWW teilnahm.

Sinnbild des erfolgreichen Arbeitens der LWW ist der Beschluß des Jahres 1961, also noch in der heißen Phase des Kalten Krieges, noch vor dem Bau der Berliner Mauer am 13.8.1961, sich das Motto für das 5. Bundestreffen in Frankfurt am Main "Brücke der Verständigung" zu geben.

"Die Bemühungen, Brücke zwischen dem deutschen und polnischen Volk zu sein, finden die besondere Anerkennung der Hessischen Landesregierung", betonte sie. "Hiermit bekräftige ich das vor vierundzwanzig Jahren abgegebene Versprechen. Möge diese Patenschaft auch künftig dazu beitragen, daß die Brücken zwischen Deutschland und seinen östlichen Nachbarn tragfähig bleiben und immer fester werden."

Auf welch gutem Weg die LWW dabei ist, zeigten die folgenden zahlreichen Grußworte der polnischen Ehrengäste.

Grußworte der polnischen Ehrengäste

Den Auftakt machte der ehemalige Vorsitzende der deutschen Minderheit in Posen, Prof. Dr. Andrzej Wieckowski. Auch wenn die Posener Minderheit aus den verschiedensten Gründen und Hindernissen, die mit dem Bombenanschlag auf das Büro der Gruppe im Jahr 1993 begannen, heute kaum noch organisiert ist, so finden doch noch jährlich Treffen statt. Zu den Höhepunkten gehört der Besuch des Soldatenfriedhofs in Milostowo, wo sich zahlreiche deutsche Soldatengräber befinden. Gemeinsam mit den ehemaligen Posenkämpfern legen sie hier einen Kranz zum Gedenken nieder.

Im Folgenden verlas Peter Kirsch den Tätigkeitsbericht des deutschen Bibelkreises in Lodz (Lódz), der aus gesundheitlichen Gründen verhinderten Kristina Jatczak und berichtete über die Arbeit seiner Kirchengemeinde in Pabianice. In Mittelpolen finden an mehreren Orten im Jahresverlauf deutschsprachige Veranstaltungen und Gottesdienste statt. Zudem berichtete er von einem mittelpolnischen evangelisch-lutherischen Kirchentag und verschiedenen Musikkonzerten u. a. in Zgierz.

Für die deutsche Minderheit in Hohensalza und Bromberg entrichtete Josef Hoffmann aus Inowroclaw (Hohensalza) die Grüße der beiden Gruppen. Er ist inzwischen zum zweiten Mal Gast bei der LWW und freute sich, ebenso wie sein Bromberger Kollege Richard Lutowski aus Borowno bei Bromberg, auf die interessanten Vorträge und Gespräche mit den Tagungsteilnehmern. Auch er schilderte die Probleme, die die deutsche Minderheit in Kujawien hat, die denen vieler Gruppen ähnlich ist, so eine Überalterung, Finanz- und Sprachprobleme.

Im Anschluß daran stellte Dr. habil. Jerzy Kolacki, Privatdozent am Historischen Institut der Adam-Mickiewicz-Universität (UAM) Posen, drei aktuelle Projekte an seinem Lehrstuhl vor und bat die Anwesenden um ihre Mitarbeit. Das erste Projekt beschäftigt sich mit deutsch-polnischen Erinnerungsorten im Posener Raum. Hierbei ist jedoch noch nicht klar umrissen, welche Region damit genau gemeint ist, ob die heutige Wojewodschaft Wielkopolska oder eine Verwaltungseinheit früherer Zeiten. Weiterhin arbeitet er an einer Dokumentation über die Deutschen in Posen in der Zeit des 1. Weltkriegs. Dr. Kolacki betonte, daß gerade in der polnischen Historiographie der Nachkriegszeit dieser Aspekt der Posener Geschichte bewußt vernachlässigt worden ist.

Die dritte Arbeit beschäftigt sich mit der wichtigen Posener Straße St. Martin/ Sw. Marcin, an der die St. Martin-Kirche liegt, das sog. Kaiserschloß (eigentlich Königsschloß des preußischen Königs, aber um Verwechslungen mit dem Schloß der polnischen Könige zu vermeiden so genannt), das Denkmal für die Opfer von 1956, die Landeskreditanstalt von 1910, die Hauptpost, die Musikakademie und zahlreiche weitere wichtige Gebäude und Villen. Das Projekt will diese Straße als deutsch-polnischen Erinnerungsort erforschen.

Zudem betreut Dr. Kolacki z. Zt. eine Doktorarbeit über die Geschichte der evangelischen Kirche im Reichsgau Wartheland während des 2. Weltkriegs.

Aus Wielun in Mittelpolen ist auch in diesem Jahr wieder Dr. Zdzislaw Wlodarczyk angereist. Er bekundete seine Freude darüber bereits zum vierten Mal bei der LWW sein zu können. Anfangs kannte er die Protagonisten nur vom Namen her, von ihren Schriften und Artikeln, doch inzwischen trifft er ihm vertraute Gesichter und Menschen an und fühlt sich wie in einer vertrauten Runde. Das Wichtigste an der LWW-Arbeit sei die "Brücke der Verständigung", die hieran deutlich wird. Aber genauso wichtig sei die Aussage "Bücher bauen Brücken" und daran arbeitete er intensiv in Zusammenarbeit mit dem Bundessprecher und der Mitarbeiterin der Geschäftsstelle, Angelika Scheiner. In Polen sind befreundete Wissenschaftler immer erstaunt zu erfahren, was alles von deutscher Seite zur deutsch-polnischen Geschichte und Kultur publiziert wurde und gemeinsam sind wir bemüht, diese Bücher auch in polnischen Bibliotheken zu plazieren. So konnten die Universitätsbibliotheken in Lodz, Posen und Krakau zudem die Nationalbibliothek in Warschau und die Wojewodschaftsbibliothek in Lodz ihre Bestände zum Jahrbuch Weichsel-Warthe vervollständigen. Und Dr. Wlodarczyk dankte für die Zusage, daß die LWW diese Arbeit auch in Bezug auf den "Kulturwart" fortsetzen will.

Erstmals persönlich bei der LWW war der Deutsch- und Geschichtslehrer Adam Malinski aus Obornik (Oborniki). Seit den 90er Jahren ist er Mitglied der polnisch-deutschen Gesellschaft in Posen und pflegt die Kontakte zu ehemaligen deutschen Bewohnern aus seiner Region. Gemeinsam hat er viele Projekte zur Gräberpflege mit dem Volksbund vor allem im Kreis Wongrowitz (Wagrowiec) durchgeführt. Voller Stolz berichtete er, viel aus den Jahrbüchern Weichsel-Warthe gelernt zu haben. Seine Sammlung hat ihm der 2011 verstorbene Vorsitzende des Heimatkreises Rawitsch, Wolfgang Eckert, geschenkt. Seit Jahren steht er auch bereits mit dem Bundessprecher im Kontakt.

Als letzter der polnischen Ehrengäste sprach der Vorsitzende der Polnisch-Deutsche Gesellschaft in Posen (Towarzystwo Polsko-Niemieckie w Poznaniu), Hubert Owczarek, der ebenfalls erstmals bei einer Tagung der LWW war. Bereits 2010 hat er den Bundessprecher bei einer Tagung in Travemünde kennengelernt. Die Gesellschaft wurde 1991 in Posen gegründet und hat zum Ziel die polnisch-deutschen Kontakte aufzunehmen und zu pflegen. In zahlreichen gemeinsamen Veranstaltungen wurde dies realisiert, und Herr Owczarek bekundete seine Freude darüber, nun auch intensiver mit der LWW zusammenarbeiten zu können.

"Die Deutschen der drei Teilungsgebiete Polens im 1. Weltkrieg"

In die Thematik der diesjährigen Tagung führte der allen bekannte, ehemalige Direktor der Martin-Opitz-Bibliothek in Herne, Dr. Wolfgang Kessler, Viersen, ein. Der häufige Referent und Teilnehmer der Bundeskulturtagungen hat im Jahre 2005 den Kulturpreis der Landsmannschaft Weichsel-Warthe erhalten.

Dr. Kessler nannte den 1. Weltkrieg einen weitgehend verdrängten und nicht aufgearbeiteten Krieg im Bewußtsein des deutschen Volkes. Manch europäischer Historiker spricht im Bezug auf den 1. und 2. Weltkrieg auch von einem neuen Dreißigjährigen Krieg, da beide eng miteinander verflochten sind, und er wies darauf hin, daß die kriegsbeteiligten Nachbarn vom "Großen Krieg" sprechen. Der Referent zog sogar die Vorstufen dieses Krieges, die Stellvertreterkriege auf dem Balkan im Jahr 1908, mit in die Betrachtung ein.

Im Folgenden stellte er den Kriegsverlauf dar und nennt das Besondere an dieser militärischen Auseinandersetzung, daß es sich hierbei um den ersten großen technisierten Krieg handelte, der eine bis dahin nie gekannte Zahl von Opfern auf militärischer und vor allem auch auf ziviler Seite forderte. Es kam - beiderseits - zum Einsatz der ersten Massenvernichtungswaffen und zur Umwandlung der gesamten Gesellschaft zur Kriegswirtschaft.

Dr. Kessler erinnerte an die gegenwärtige Debatte um das Buch "Die Schlafwandler - Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog" des australischen Historikers Christopher Munro Clark (*1960), der damit die Kriegsschulddebatte breit streut.

In der LWW hat der 1. Weltkrieg kaum eine Diskussion ausgelöst. In den Jahrbüchern der letzten 60 Jahre fand er nur vier Beiträge zu diesem Thema, die höchsten als punktuelle Betrachtungen zu bezeichnen sind. Sein Resümee zeigt, daß die Erinnerung an diesen Krieg schwierig ist. Die Kriegserfahrungen der vier großen Siedlungsgruppen der LWW sind höchst unterschiedlich, zu unterschiedlich, als daß daraus eine integrative Erfahrung zur Bildung einer neuen Volksgruppe der Deutschen im Polen der II. Republik hätte entstehen können.

"Der 1. Weltkrieg in der Provinz Posen nach den Schilderungen Arthur Rhodes"

Das Posener Land, das preußische Teilungsgebiet, beleuchtete der stellvertretende Bundessprecher, Götz Urban aus Wiesbaden, zudem Enkel des Genannten. Sein Großvater, der Superintendent D. Arthur Rhode (1868-1967), hat seine Kriegserinnerungen zu Papier gebracht. Diese sehr seltenen Zeitzeugenberichte aus jener Zeit wurden auf Anregung polnischer Freunde vor zehn Jahren durch die Opitz-Bibliothek in Herne herausgegeben (siehe WW 6/2004).

Arthur Rhode glaubte 1914 nicht an den Ausbruch eines Krieges - ganz anders sein Schwiegervater, der Pastor und Superintendent Berthold Harhausen (1847-1920). Die Bevölkerung glaubte auch nicht an russische Kriegsverbrechen, dazu seien die Russen in den letzten Jahren doch viel zu zivilisiert geworden, war seine damalige Fehleinschätzung. Daß der Krieg selbst aus Kulturnationen Bestien macht, haben die Kriege seither auf das Grausamste bewiesen.

Anhand der Schilderungen Rhodes stellte der Referent verschiedene Phasen des Krieges und des Kriegsalltags sehr plastisch dar, die gleichzeitig die Sichtweise eines gebildeten Mannes der Oberschicht der Provinz Posen zeigten. Rhode sah die Gefahr eines Angriffes auf die Provinz, sogar die der Belagerung der Festung Posen, aber keine direkte Kriegsangst, auch wenn sie bis zum 4.11.1914 immer damit rechneten doch vor der heranrückenden "russischen Dampfwalze" fliehen zu müssen.

Rhode übersah bei seinen Schilderungen auch nicht die deutschen Kriegsverbrechen wie die Zerstörung der Städte Kalisch und Tschenstochau - so wie auch das belgische Brügge. G. Urban ergänzte, daß man aufgrund heute bekannter Dokumente davon ausgehen kann, daß diese Racheakte unnötig waren, da man davon ausgehen muß, daß die Angriffe auf deutsche Stellungen als "friendly fire", also fehlgeleiteter eigener Beschuß, zu deuten ist.

Die Schilderungen Rhodes gaben ein gutes Schlaglicht auf die Erlebnisse und Denkweisen dieser Schicht im Posener Land wieder.

"Die Galiziendeutschen und der 1. Weltkrieg"

In bewährter professioneller Weise erfolgte die zweite regionale Betrachtung durch den ehemaligen Kulturreferenten der Galiziendeutschen, Prof. Dr. Erich Müller, Berlin. In seinem weitgehend als Bildvortrag gestalteten Beitrag zeigte er anhand von zeitgenössischen Bildern die verheerende Wirkung der technisierten Kriegsführung an Land und Gebäuden. Der Krieg im damals österreichischen Galizien tobte hin und her. Der Verlust der stark ausgebauten Festung Przemysl zeigte bereits bei Kriegsbeginn auf, wie schwach Österreich wirklich war und der Unterstützung durch deutsche Truppen bedurfte.

Prof. Müller schilderte, wie eine der schönsten galiziendeutschen Kolonien von der eigenen Artillerie zerschossen wurde, nur um den dahinterstehenden Feind bekämpfen zu können. Diese Schilderungen zeigten deutlich, daß aus einem Krieg nichts Gutes hervorgehen kann, auch wenn der 1918 geschlossene Teil-Friede von Brest-Litowsk unter Siegesvorzeichen geschlossen wurde, so hinterließ dieser Krieg doch eine zerstörte Landschaft, viele Tote und eine verstreute und verängstigte Bevölkerung.

Die Verleihung des Kulturpreises und der Kulturabend

Bei dem anschließenden Kulturabend wurde der im Jahr 1983 für verdiente Mitarbeiter und Kulturschaffende gestiftete Kulturpreis der Landsmannschaft Weichsel-Warthe an Altbischof Dr. Johannes Launhardt verliehen. Die Laudatio, die in einer der folgenden Ausgaben abgedruckt werden wird, hielt Dr. Martin Sprungala. Anschließend überreichte der Bundessprecher den Preis an den Ausgezeichneten. In seiner Dankesrede betonte Dr. Launhardt wie wichtig der Friede sei und erinnerte an die gegenwärtigen, so zahlreichen Krisenherde. Er dankte für die Auszeichnung und vor allem für die wunderbare Atmosphäre und Stimmung bei dieser Tagung untereinander, vor allem den "guten Geist" zwischen Deutschen und Polen bei dieser Veranstaltung.

Der folgende Kulturabend begann mit der Präsentation eines kurzen Videos aus einem Zeitzeugenbericht über die verschleppten Deutschen vom September 1939. Einige Teilnehmer kannten die Protagonisten dieser Dokumentation noch persönlich. Es berichteten der frühere Bundesprecher Dr. Richard Breyer (1917-1999) und Pater Hilarius Breitinger (1907-1994), der für die LWW Betreuer der katholischen Deutschen aus dem ehemaligen Polen war.

Es folgte anschließend ein Vortrag von dem Vorsitzenden der Heimatkreise Meseritz und Birnbaum, Leonhard v. Kalckreuth, Bonn, der aus dem Tagebuch und den Lebenserinnerungen seiner Großmutter vorlas, wie sie den Kriegsbeginn 1914 in Muchocin, Kreis Birnbaum, erlebt hatte und welche Stimmungsveränderungen im deutsch-polnischen Verhältnis ihr dabei aufgefallen waren.

Nach all den emotional aufwühlenden und informativen Beiträgen folgte der Beitrag von Horst Vocht, Duisburg. Er hatte eine CD mit alten schönen Volksliedern vorbereitet, die in Karaoke-Weise, aber mit Originalgesang im Hintergrund, dargeboten wurden und alle konnten dabei mitsingen. Dieser Beitrag kam besonders bei den polnischen Gästen sehr gut an, und tags drauf in der Morgenandacht zeigte sich der Erfolg des gemeinsamen Singens.

Morgenandacht und der Vortrag zu Lodz im 1. Weltkrieg

Die Morgenandacht am Mittwoch, dem 18.6.2014, hielt der Preisträger des Vortages, Altbischof Dr. Johannes Launhardt, Hermannsburg. Er hatte einige Lieder ausgesucht und stimmte den LWW-Chor darauf ein - und der Erfolg des gestrigen Übens zeigte sich, so daß der Tagungsleiter zuletzt wertete: "Wir können nicht nur gut zusammen tagen, wir können auch zusammen singen - und sind noch fotogen dabei", denn im Anschluß an die Andachte wurde auch in diesem Jahr ein Gruppenfoto gemacht.

Dr. Launhardt unterstrich die Gemeinsamkeit nicht nur in seiner Predigt, sondern auch in der Einbindung der Tagungsteilnehmer in den Ablauf. Die Lesung aus dem Philipperbrief nahm Inge Nagorni vom Hilfskomitee der evangelisch-lutherischen Deutschen aus Polen vor und die Fürbitten verlasen Pastor i. R. Helmut Zierke, Götz Urban, Adam Malinski und Prof. Dr. Andrzej Wieckowski.

Prof. Wieckowski hatte zudem noch eine Präsentation über das Leben des Physikers Max v. Laue und seiner Würdigung in Posen vorbereitet (siehe in WW 6/2014).

Das letzte Referat dieser Tagung hielt die freie Journalistin Ina Weisse, Berlin, zum Thema "Die Auswirkung des 1. Weltkriegs auf deutsche Familien in Mittelpolen, insbesondere den Raum Lodz". Sie hat in den letzten Jahren viel zur Geschichte ihrer Familie, der aus Lauban in der Lausitz stammenden Fabrikantenfamilie Wilhelm Lange, recherchiert und darüber das Buch "Die Töchter der Weber. Geschichte einer glanzvollen Familie" veröffentlicht.

Sie stellte bei ihren Befragungen fest, daß der 1. Weltkrieg schon im Bereich der Mythologisierung liegt und nicht mehr im Bereich der sachlichen Geschichte. Sie schilderte die Geschichte der Stadt Lodz in der Kriegszeit anhand der Überlieferungen ihrer Familie, die sich im nachhinein eher als russische Untertanen sahen und im zaristischen Rußland ihr Zeitalter des Glücks verorteten.

Wer die Geschichte der Stadt Lodz nur nach ethnischen Kriterien darstellt, wird Begriffe wie "der Lodzer Mensch" oder "Lodz, gelobtes Land", die stets mit dieser Stadt verbunden werden, nie verstehen.

Auswertung der Tagung und Schlußwort

Die Bundeskulturtagung 2014 wurde von allen Teilnehmern überaus positiv bewertet. Es war eine rundum gelungene Veranstaltung mit all ihren Facetten. Immer wieder wurde auch die harmonische und gute Stimmung der Teilnehmer untereinander, der Gedankenaustausch, gewertet.

Der Tagungsleiter Dr. Sprungala dankte in seinem Schlußwort für das Lob und kündigte an, daß die nächste Bundeskulturtagung 2015 das 25-jährige Jubiläum der Patenschaft des Landes Hessen über die LWW zum Thema haben wird.

Wie auch im vergangenen Jahr wurde von den Tagungsteilnehmern für die Übernahme einer Patenschaft für das Jahrbuch Weichsel-Warthe gesammelt, und es kam eine Spende von 167,50 zusammen.

Die nächste Bundeskulturtagung findet voraussichtlich im Juni 2015 statt. Der genaue Termin wird in der nächsten Ausgabe bekanntgegeben.

Text: Dr. Martin Sprungala
Im Juli 2014