Festakt in Wiesbaden: 65 Jahre "Wiesbadener Abkommen"

Erstmals ein tschechisches Regierungsmitglied zu Gast im Hessischen Landtag

Wiesbaden: Es war schon eine denkwürdige Veranstaltung, zu der am Mittwoch dieser Woche (16.07.15) die Sudetendeutsche Landsmannschaft und der Sudetendeutsche Rat in den hessischen Landtag eingeladen hatte. Anlass war der 65. Jahrestag der Unterzeichnung des sog. "Wiesbadener Abkommen" vom 4. August 1950. Fünf Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges und dem Beginn der Vertreibung zwischen Sudetendeutschen und Tschechen unterzeichneten Vertreter des tschechischen Exil-Nationalausschusses aus London und Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft zur Wahrung Sudetendeutscher Interessen damals ein Schriftstück, das mit der einen Tag später in Stuttgart verabschiedeten "Charta der Heimatvertriebenen" der hoffnungsvolle Beginn eines weiten Weges zum heute bestehenden freien und demokratischen Europa werden sollte. Mit diesem Thema befassten sich dann auch die beiden Festredner vor rund 200 Zuhörern, nämlich der Hessische Minister für Soziales und Integration, Stefan Grüttner, MdL, und die aus Prag angereiste Arbeits- und Sozialministerin der Tschechischen Republik, Michaela Marksova-Tominova. Dabei beleuchtete Grüttner sehr detailliert die historischen Zusammenhänge und Ursachen der Vertreibung von 15 Millionen Menschen nach dem Kriege und ihre erfolgreiche Eingliederung in der Bundesrepublik Deutschland. In diesem Zusammenhang prangerte er den überaus menschenfeindlichen, aber leider heute bisweilen schon wieder aufkommenden Nationalismus auf beiden Seiten als besonders verwerflich an und baute dagegen mehr auf Verständigung und Versöhnung unter den europäischen Völkern. Grüttner begrüßte auch ausdrücklich die jüngste Satzungsänderung bei der Sudetendeutschen Landsmannschaft, die ohne jeden Zweifel zu einer zukunftsorientierten, erfolgreichen Neuausrichtung der sudetendeutschen Volksgruppenarbeit führen werde. Die nach eigener Einschätzung überzeugte Europäerin, die tschechische Sozialministerin verwies in ihrem Redebeitrag in deutscher Sprache vor allem auf die kürzlich zwischen ihrem Außenministerkollegen und seinem deutschen Amtskollegen die unterzeichnete "Gemeinsame Erklärung zum Strategischen Dialog".

Dieses bilaterale Abkommen stelle einen bedeutsamen, sehr wichtigen Schritt für wertvolle Impulse und Dialoge mit dem Ziel einer weiteren Verbesserung in den deutsch-tschechischen Beziehungen dar, so Frau Marksova-Tominova.

Bernd Posselt, Sprecher und Bundesvorsitzender der Sudetendeutschen Landsmannschaft, bezeichnete abschließend diese öffentliche Festveranstaltung als eine Wegmarke in eine bessere europäische Zukunft.

Der unter den Gästen anwesende Landesvorsitzende des Bundes der Vertriebenen in Hessen und stellvertretende Bundesvorsitzende der Sudetendeutschen Landsmannschaft, Siegbert Ortmann, beglückwünschte nach der Veranstaltung die tschechische Politikerin zu ihrer tapferen und mutigen Rede. Sie sei damit die erste amtierende Ministerin aus Tschechien gewesen, die im politischen Leben in Wiesbaden öffentlich aufgetreten sei. In diesem Zusammenhang kritisierte Ortmann scharf die vorausgegangenen Anfeindungen gegenüber der Ministerin im eigenen Land, die unmissverständlich auf ihrer Absage als Festrednerin ausgerichtet waren. "Lassen Sie sich von diesen ewig Gestrigen in Tschechien bei ihrem ständigen, vorurteilsfreien und menschenfreundlichen Bemühen um eine offene und ehrliche Verständigung und Versöhnung zwischen den Deutschen, und damit auch den Sudetendeutschen, und den zunehmend nach Europa ausgerichteten jungen tschechischen Mitbürgern nicht irre machen, zumal ihre ewig gestrigen Kritiker in Tschechien offensichtlich immer noch von ihrem schlechten Gewissen über die brutalen Nachkriegsverbrechen an den deutschen Heimatvertriebenen geplagt werden", sagte Ortmann abschließend zu der tschechischen Politikerin, die er bereits von früheren Begegnungen in bester Erinnerung hatte.

Text: Siegbert Ortmann; Fotos: Helmut Brandl
Im August 2015