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Sonderausstellung zur Geschichte von Deutschen und Tschechen

GERNSHEIM. "Unser Thema - die Aussiedlung der Deutschen aus der Tschechoslowakei nach dem Zweiten Weltkrieg - war nicht gerade einfach. Wir sind gewöhnt zu lernen, wie wir Tschechen im Zweiten Weltkrieg gelitten haben. Aber es ist nicht so üblich zu untersuchen, welche Gräuel wir anderen angetan haben." Was die Schülerin Vladka Kucerová vom Gymnasium Louny (Laun) zu Protokoll gegeben hat, mag für die Überwindung eines Komplexes stehen. Denn viel zu lange wurde in der Tschechoslowakei und den Nachfolgestaaten die Vertreibung der Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg verschwiegen.

Für ein Ende des Schweigens setzt sich die 1998 gegründete tschechische Bürgervereinigung Antikomplex ein: "Schweigen ermöglicht die Mythologisierung der tatsächlichen Ereignisse", sagte Natascha Hergert von der Bürgervereinigung bei der Eröffnung der Sonderausstellung "Tragická místa pameti - Tragische Erinnerungsorte" im Museum der Schöfferstadt.

Gemeinsam mit ihrer Kollegin Judith Fliehmann war sie aus Prag angereist, um das Projekt vorzustellen, das als Wanderausstellung aufbereitet wurde. Die Antikomplex-Vertreterinnen nannten den Grund für das Engagement in Prag: "Wir haben beide Wurzeln in diesen Regionen und fühlen uns deshalb zu unserem Nachbarland und den gemeinsamen deutsch-tschechischen Themen hingezogen."

Die Bürgervereinigung Antikomplex setzt sich für die Reflexion der deutsch-tschechischen Geschichte in Böhmen, Mähren und Schlesien ein und ist Träger des Projektes. Ziel sei gewesen, Schülern auf neue Art und Weise die Geschichte - insbesondere in der Region, in der sie leben - bewusst zu machen. Daran haben gut 80 Schüler aus Gymnasien in Aussig (Ústí nad Labem), Komotau (Chomutov), Kaaden (Kadan) und Laun (Louny) gearbeitet. Sie forschten nach Geschichten und Erinnerungen aus den Jahren zwischen 1938 und 1945.

Fundgrube zur Geschichte der Region

Zu ihrer Motivation führen die Schüler aus: "Weil wir in einem Gebiet leben, das bis 1945 überwiegend von Deutschen besiedelt war, wollten wir so viel wie möglich über diese Zeit erfahren. Die tschechische Geschichte ist eng mit der Geschichte der Deutschen verbunden. Was die Beziehungen zwischen diesen beiden Völkern angeht, sind wir der Ansicht, dass beide Seiten Fehler gemacht haben: am Beginn des Zweiten Weltkriegs die Deutschen und nach seinem Ende die Tschechen."

Die Schüler machten ernst mit der Entmythologisierung: "Es drangen Horden tschechischer Wachleute in die Räume ein, in denen die Frauen waren, und es kam zu Massenvergewaltigungen. Es waren furchtbare Schreie zu hören." So ist es in einem Protokoll der sudetendeutschen Sozialdemokraten zu lesen, das die Junghistoriker zitieren. Mit Blick auf das "Aussiger Massaker" wird aber auch die andere Seite dargestellt: "Es gab aber auch Bürger, die halfen den Deutschen, sich vor der blutrünstigen Menge zu verstecken. Meist waren dies Tschechen, die in Aussig geboren waren und die wussten, dass sich diese Deutschen nichts hatten zuschulden kommen lassen."

Viele weitere Zeitzeugenberichte, Wertungen der Schüler und Fotos machen die Ausstellung zu einer Fundgrube für die Geschichte einer Region. Dabei hatte Fliehmann auch darauf hingewiesen, dass "Ihnen in den Berichten der Schüler etwas fehlt oder dass Sie mit dieser oder jener Interpretation nicht einverstanden sind". Gerade das aber solle Denkanstöße geben und zu weiterer Reflexion und Diskussion anregen.

Großes Interesse

Bereits Hans-Josef Becker hatte als Vertreter der Ostdeutschen Heimatstube und des Bundes der Vertriebenen (BdV) in seiner Einleitung angedeutet, dass verschiedene Aussagen den durch den Heimatverlust traumatisierten Vertriebenen nicht gefallen könnten." Wahrheit bestimme sich auch aus dem Blickwinkel.

Die gemeinsam mit der Sudetendeutschen Landsmannschaft (SL) organisierte und vom Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds geförderte Ausstellung wolle Teil des Versöhnungswerkes sein. Becker dankte insbesondere SL-Vorsitzendem Helmut Brandl für den unermüdlichen Einsatz für die Sonderschau, Hermann Beer für die musikalische Begleitung sowie der Ikebana Sogetsu Group Gernsheim für den Schmuck.

"Der Besucherandrang zeigt die besondere Bedeutung dieser Ausstellung", hatte Vorsitzender Klaus Müller vom Kunst-und Kulturhistorischen Verein in seiner Begrüßung formuliert. Er hieß dabei den früheren Landtagsvizepräsidenten Georg Sturmowski, die Bürgermeister Thomas Raschel (Stockstadt) und Werner Amend (Riedstadt) sowie den stellvertretenden BdV-Landesvorsitzenden und früheren Bensheimer Bürgermeisters Georg Stolle willkommen. Tags darauf besuchte der frühere Landrat Willi Blodt die Ausstellung.

"Wenn man sich vorstellt, was da alles geschehen ist, läuft es einem kalt den Rücken herunter." Erster Stadtrat Heinz Adler bedauerte, in der Schule nichts von den auf den Tafeln dargestellten Ereignissen gehört zu haben. Da sei es gut, wenn junge Leute an diesem Thema arbeiteten.

Öffnungszeiten im Peter-Schöffer-Haus
Sonntage 1., 15., 22. und 29. März jeweils von 10 bis 12 Uhr
Mittwochs von 17 bis 19 Uhr
Sonderführungen unter Telefonnummer 06258 108113

Text: Hans-Josef Becker; Fotos: Helmut Brandl
Im Februar 2015