Tschechische Autorin liest im südhessischen Gernsheim

"Ich schreibe nicht gegen mein Land, sondern gegen Schweigen und Vergessen"

Ein Kontrastprogramm boten die Verantwortlichen im Rahmen der derzeit statt findenden und vom Deutsch-Tschechischen Zukunftsfond geförderte Ausstellung "Tragicka mista pameti - Tragische Erinnerungsorte" im Museum der Schöfferstadt Gernsheim: Am Faschingsfreitag, wo "Mainz, wie es singt und lacht" von jeher fast jedes Wohnzimmer erobert, trafen sich zur selben Zeit Besucher einer Autorenlesung mit der tschechischen Autorin Radka Denemarková im Kirchenraum der Gernsheimer evangelischen Kirche. Hans-Josef Becker vom Kreisverband des Bundes der Vertriebenen (BdV) Groß-Gerau und in Vertretung weiterer Unterstützer hatte die Anwesenden zu dieser besonderen Lesung begrüßt und die Worte des früheren tschechischen Außenministers Karel Schwarzenberg zu dem Ausstellungsprojekt tschechischer Jugendlicher zitiert: "Die hitzigen Diskussionen über die Geschichte haben uns wieder einmal deutlich gezeigt, dass das gründliche Studium und die Bewältigung der Vergangenheit immer ein sehr schmerzhafter Prozess ist. Unsere allmählich erwachsener und reifer werdende Demokratie eröffnet uns die Möglichkeit, uns endlich auch mit den dunklen Seiten der Vergangenheit zu befassen."

Diese Lesung ergänze die Ausstellung im Peter-Schöffer-Haus perfekt - so Becker, denn die Autorin thematisiere in einer brillant, bildhaften und emotionalen Sprache ethnische Gewalt am Beispiel von Gita Lauschmannova, einer sudetendeutschen Jüdin. Die Autorin Radka Denemarková wurde 1968 in Kutnà Hora (Kuttenberg) geboren. Sie studierte Germanistik und Bohemistik in Prag, promovierte 1997, unterrichtete am Institut für tschechische Literatur in Prag, übersetzt aus dem Deutschen, arbeitet als freie Journalistin und ist als Autorin am Prager Theater erfolgreich. Ihr Roman "Ein herrlicher Flecken Erde" erhielt den Magnesia Litera Preis für die beste Prosa.

"Ich muss den Schmerz zeigen, nicht heilen, ich bin der Schmerz, nicht die Ärztin", hat Radka Denemarková einmal gesagt. Nach der Lektüre ihres Romans wird das nur zu verständlich. Der Roman, im tschechischen Original "Penize od Hitlera" (Geld von Hitler), im Deutschen "Ein herrlicher Flecken Erde", beschreibt die unmittelbare Nachkriegszeit und dann - nach einem Zeitsprung von sechzig Jahren - mehrere Kapitel ab 2005. Radka Denemarková nimmt die tschechische Gesellschaft unter die Lupe und offenbart, dass man vergangenes Unrecht nicht verschweigen kann, sondern ungeliebte und vergessen gemachte Ereignisse zurückkehren, ob man will oder nicht. Gleichzeitig unterstreicht Radka Denemarková eindrücklich, dass vergangenes Unrecht auch im Nachhinein zerstörerisch wirkt und moralische Normen dauerhaft untergräbt. Ihre "rationale Unnachgiebigkeit" - so die Zeitung Lidové Noviny - ist steter Kompass für ihr Kraft zehrendes Ringen um eine angemessene Sprache für eine unmenschliche Geschichte.

So ist es auch nicht verwunderlich, dass die Autorin bei ihrer Lesung das Publikum schon bald in ihren Bann zieht: - Der vierjährige Denis spielt im Garten in der beschaulichen Idylle einer böhmischen Landschaft. Man sieht das Dorf förmlich vor sich, riecht den Sommer Mitteleuropas. Unter einem Apfelbaum wühlt er im Sand und findet einen Menschenschädel, den er als Trophäe freudestrahlend seinen Eltern überbringt. Das ist der verstörende Einstieg in diesen Roman. Verstörend von Anfang an, der Leser ist zunächst geneigt, sich der Kraft der Sprache zu verweigern, ihr nicht mehr zu folgen, ja, sich ihr durch Flucht zu entziehen. - Es ist das sprichwörtliche Graben nach Leichen im Keller - sinnbildlich im böhmischen Apfelgarten.

Während einer darauf folgenden Diskussion mit der tschechischen Autorin waren sich die meisten der Besucher einig, dass auch 70 Jahre nach Kriegsende in der Tschechischen Republik die schlimmen Ereignisse während des Zweiten Weltkrieges und während der schrecklichen Vertreibung noch immer nicht aufgearbeitet sind. Diskussionen darüber würden verdrängt, Tatsachen und Wahrheiten tot geschwiegen. "Wir Tschechen haben noch "Leichen im Keller". Damit müssen wir uns auseinandersetzen. Ich schreibe nicht gegen mein Land, sondern gegen Schweigen und Vergessen". Die Autorin stelle die Frage nach den moralischen Folgen der Vertreibung und beantworte sie mit ihrem Buch. Gefragt nach einer anfänglich geplanten Verfilmung ihres Werkes, antwortete die Autorin: "Nein, - das wäre nicht mehr meine Darstellung und das wären nicht mehr meine Aussagen."

Die Organistin Ina Burger hatte die Autorenlesung mit mehrere Orgelwerken, so zu Beginn mit althebräischen Melodien von Mendelssohn-Batholdy und am Schluss mit dem Feierabendlied vom erzgebirgischen Volksdichter und Sänger Anton Günther, begleitet.

Text und Foto: Helmut Brandl
Im Februar 2015