Zweiter Hessischer Gedenktag
und "Zentraler Tag der Heimat 2015" im Biebricher Schloss

Mit offenen Herzen gegenüber heutigen Opfern von Flucht und Vertreibung

Das Land Hessen und der Landesverband des Bundes der Vertriebenen (BdV) begingen am 13.09.15 gemeinsam den zweiten hessischen Gedenktag für die Opfer von Flucht, Vertreibung und Deportation sowie den zentralen Tag der Heimat 2015 unter dem Motto "Vertreibungen sind Unrecht - gestern wie heute". Dazu hatten der Hessische Ministerpräsident Volker Bouffier mit dem Hessischen Minister für Soziales und Integration, Stefan Grüttner, und der Vorsitzende des Landesverbandes des Bundes der Vertriebenen (BdV) Hessen, Siegbert Ortmann, in die Rotunde des Schlosses in Biebrich nach Wiesbaden-Biebrich eingeladen.

BdV-Landesvorsitzender Siegbert Ortmann konnte zu Beginn der Veranstaltung zahlreiche Ehrengäste begrüßen: Festredner Ministerpräsident Volker Bouffier, Stefan Grüttner (Minister für Soziales und Integration), Margarete Ziegler-Raschdorf (Landesbeauftragte für Heimatvertriebene und Spätaussiedler), Ursula Hammann (Vize-Präsidentin des Hessischen Landtages), Milan Horacek (BdV-Präsidiumsmitglied) sowie mehrere Mitglieder des Hessischen Landtages, Vertreter der Landeshauptstadt Wiesbaden, Vertreter der Kirchen, Vorsitzende benachbarten BdV-Landesverbände, Mitglieder des hessischen BdV-Landesvorstandes und Aufgabenträger aus den hessischen Kreisverbänden und den Landsmannschaften. Ein besonderer Willkommensgruß galt der Deutsch-Baltischen Gesellschaft sowie den Landsmannschaften Weichsel-Warthe und der Wolgadeutschen, die in diesem Jahr ihre Jubiläen für 25 und 30 Jahre Patenschaften mit dem Land Hessen begehen konnten. In Grußworten dankten Dr. Martin Sprungala für die Landsmannschaft Weichsel-Warthe und Frank von Auer für die Deutsch-Baltische Gesellschaft der hessischen Landesregierung für die langjährige Unterstützung ihrer Kulturarbeit.

Ortmann dankte der Hessischen Landesregierung für die Einführung dieses landesweiten Gedenktages. Auf das Motto des Tages eingehend: " Dies ist nicht nur ein treffendes, sondern wie ich meine auch sehr zeitgemäßes Leitwort. Es macht nämlich deutlich, dass Vertreibungen im vorigen Jahrhundert nachweislich Mittel gewaltsamer Unrechtspolitik waren und in vielen Teilen der Welt heute im 21. Jahrhundert leider immer noch sind. Nach 1945 mussten über 14 Millionen Deutsche ihre frühere Heimat in den östlichen Siedlungsgebieten zwangsweise verlassen. Diese geschichtlichen Ereignisse gehen, und darauf ist bei Anlässen wie heute immer wieder hinzuweisen, uns alle an. Denn die Geschichte von Flucht und Vertreibung ist Teil unserer nationalen Identität und unserer gemeinsamen Erinnerungs- und Gedenkkultur. Wir vom Bund der Vertriebenen sind permanent darum bemüht, an das Schicksal der deutschen Heimatvertriebenen wahrheitsgemäß zu erinnern und zugleich neue Kontakte in die alte Heimat, gewissermaßen als "Brückenbauer", zu pflegen."

Auf die aktuelle Situation der heutigen Kriegsflüchtlinge eingehend fuhr Ortmann fort: "Mit dem diesjährigen Leitwort "Vertreibungen sind Unrecht - gestern wie heute" will der Bund der Vertriebenen zudem ein allgemeines Bewusstsein dafür schaffen, dass Flucht und Vertreibung leider nicht ausschließlich menschenverachtende Vorkommnisse der Vergangenheit waren. In vielen Teilen der Welt sind sie gegenwärtig grausame Realität. Die aktuellen Flüchtlings-ströme aus dem Nahen Osten und von anderswo her sowie die Tragödien bei den riesigen Flüchtlingsströmen über Länder und Meere hinweg sind dafür erschütternde und schmerzliche Beweise. Die Mitmenschlichkeit aller europäischen Länder wird dabei im besonderen Maße geprüft. Durch die bedrückende aktuelle Situation werden vor allem wir Heimatvertriebene der Erlebnisgeneration an das erinnert, was wir selbst erlebt haben. Deshalb gibt es bei uns Vertriebenen ein großes Verständnis, eine Empathie wie der BdV-Bundesvorsitzender Dr. Bernd Fabritius regelmäßig zu sagen pflegt, gegenüber den heutigen Flüchtlingen. Und so fordern wir alle unsere Mitbürger zu offenen Herzen gegenüber den Opfern der Flucht und Vertreibung in diesen Tagen auf."

Ministerpräsident Volker Bouffier begründete in seiner Festrede die Einführung eines eigenen Gedenktages für die Opfer von Flucht, Vertreibung und Deportation in Hessen so: Zum einen, die seit vielen Jahren erhobene Forderung der Vertriebenen, mit einem solchen Tag der Erinnerung der Opfer öffentlich zu gedenken, zum anderen aus Dankbarkeit des Landes Hessen an die Vertriebenen: "Der besondere Ausdruck dafür, dass dieses Hessen, so wie es heute ist, als starkes Land, als eine der stärksten Regionen Europas, das Ergebnis unserer Gemeinsamkeit ist. Eine Gemeinsamkeit, die sich ergeben hat mit vielen Menschen, die bei uns eine neue Heimat gefunden haben und die Hessen zu dem gemacht haben, was es heute ist. Die Vertriebenen und ihr Schicksal, ihr Leben und ihr Leid sind Teil unserer gemeinsamen Geschichte, unserer gemeinsamen Kultur, - und wenn Sie so wollen, unserer Identität."

Bouffier dankte dem hessischen BdV-Landesverband für das Angebot und die Versicherung der Mithilfe in der derzeitigen Situation bei der Ankunft vieler Kriegsflüchtlinge in Hessen. Die Bilder dieser Tage würden auch bei vielen der damals Vertriebenen schmerzliche Erinnerungen wachrufen.

"Die Menschen, die damals zu uns gekommen sind, sprachen deutsch, sie fühlten als Deutsche. Sie hatten eine gemeinsame Geschichte, eine gemeinsame Kultur, ein gemeinsames Verständnis und damit den großen Schlüssel für gelingendes, gemeinsames, künftiges Leben." - Für die Menschen, die heute zu uns kämen, bestünde eine völlig andere Situation. Was man dabei nicht verschweigen dürfe, seien Unterschiede in Sprache, Geschichte, Kultur und Religion. Aber gemeinsam für beide sei die Erfahrung von Flucht, Vertreibung, Verfolgung, Elend, Hunger und einer völlig ungewissen Zukunft. Hierbei seien die deutschen Heimatvertrie-benen gute Botschafter, nicht nur in der zurückliegenden Zeit, sondern auch der heutigen Tage. Der hessische Ministerpräsident forderte die deutschen Heimatvertriebenen auf: "Bleiben Sie mutig, bleiben Sie selbstbewusst. Sie haben etwas, was Sie einbringen können und seit vielen Jahren einbringen in unser Land." Die Heimatvertriebenen seien nach seiner Meinung nicht die "Resteverwalter" einer Erinnerung. Sie seien vielmehr Menschen, die aufbauten, auf dem was war und aus eigenem Erleben wüssten, was Menschen bräuchten, wenn sie von einer Heimat entwurzelt würden, - wenn sie eine neue Heimat suchten. - Und deshalb hätten die deutschen Heimatvertriebenen hierbei eine Vorbildfunktion.

Der Festakt in der Biebricher Rotunde wurde von der Blaskapelle Weindorf Johannisberg, dem Gesangverein Chorart Rheingau und dem Frankfurter Streichquartett musikalisch mitgestaltet.

Text und Fotos: Helmut Brandl
Im September 2015