Hessentag: Mythos und Landesfest der Hessen

Tag der Vertriebenen mit Brauchtumsnachmittag und Verleihung des
Hessischen Landespreises "Flucht, Vertreibung, Eingliederung"

Die Hessentage verbinden jährlich Kultur, Brauchtum und modernen Lebensstil in den verschiedenen Regionen Hessens. Dieser Tag wurde 1961 durch den damaligen hessischen Ministerpräsidenten Georg-August Zinn ins Leben gerufen und hat sich inzwischen zum ältesten und größten Landesfest in Deutschland entwickelt. Ziel der Veranstaltung war zunächst, Alteingesessene und Zuwanderer zusammenzubringen und den zahlreichen Flüchtlingen und Heimatvertriebenen ein Gefühl für ein neues Zuhause zu geben. Mit dem Brauchtumsnachmittag am so genannten "Tag der Vertriebenen", der vom Bund der Vertriebenen (BdV), Landesverband Hessen, organisiert wird, bringen sich die hessischen Heimatvertriebenen, Flüchtlinge und Spätaussiedler ein in die Fülle der kulturellen Veranstaltungen am jeweiligen Hessentag, - in diesem Jahr beim 55. Hessentag vom 29.05. bis 07.06.15 in Hofgeismar.

Im Vorfeld dieser Veranstaltung findet in jedem Jahr die öffentliche Sitzung des Hessischen Landesbeirates für Vertriebenen-, Flüchtlings- und Spätaussiedlerfragen und eine öffentliche Sprechstunde der Landesbeauftragten der Hessischen Landesregierung für Heimatvertriebene und Spätaussiedler, auch in diesem Jahr wieder mit Sozialminister Stefan Grüttner und mit der Landesbeauftragten Margarete Ziegler-Raschdorf, statt. Der Landesbeirat ist ein wichtiges Gremium für die Hessische Landesregierung. Seine Mitglieder beraten die Landesregierung im Hinblick auf allgemeine, kulturelle sowie Integrationsfragen im Bereich der Vertriebenen, Flüchtlinge und Spätaussiedler.

Minister Grüttner führte dazu aus, "dass es an einem solchen Tag wichtig sei, der Öffentlichkeit zu zeigen, dass das Zusammenwachsen geglückt ist und die Vertriebenen in ihrer Heimat angekommen sind". Die Hessische Landesregierung nehme das Zusammenwachsen, das Angekommensein und das fortbestehende Willkommen ernst. Deshalb werden, wie im hessischen Koalitionsvertrag unter der Überschrift "Heimatvertriebene und Spätaussiedler - Arbeit anerkennen" angekündigt, die Förderung der Vertriebenen und der Spätaussiedler, ihrer Verbände und die Pflege ihrer kulturellen Arbeit fortgesetzt. Ein Ausdruck dessen ist auch das Festhalten an der Position der Landesbeauftragten für Heimatvertriebene und Spätaussiedler sowie am Landesbeirat für Vertriebene, Flüchtlinge und Spätaussiedler.

Der Landesbeirat und seine beiden Ausschüsse für Eingliederung bzw. für Kultur leiste nach Auffassung des Ministers dabei wertvolle Unterstützungsarbeit für die Politik im Bereich Vertriebene und Spätaussiedler, indem sie die Politik mit Vorschlägen für Problemlösungen und neuen Ideen begleiten.

In ihrer Funktion als Landesbeauftragte gab Margarete Ziegler-Raschdorf einen Einblick in ihre Arbeit: Dabei habe sie auch im vergangenen Jahr viele Gesprächstermine mit Verbandsvertretern des BdV und dessen Landsmannschaften wahrgenommen und zahlreiche Veranstaltungen von Verbänden auf Landes- und Bundesebene besucht. Zudem nehme sie an den Sitzungen des Unterausschusses für Heimatvertriebene, Aussiedler, Flüchtlinge und Wiedergutmachung (UHW) des Hessischen Landtages teil und berichte dort regelmäßig. Sie sei Mitglied der Hessischen Integrationskonferenz und arbeite dort in der Arbeitsgruppe für "Gesellschaftliche und politische Partizipation, Sport und Freizeit" mit. Auf Bundesebene ist sie seit 2009 Mitglied im Bundesbeirat für Spätaussiedlerfragen unter Vorsitz von MdB Hartmut Koschyk. Hierbei seien beileibe nicht alle 16 Bundesländer in diesem Gremium vertreten. Ohne die Mitgliedschaft in diesem Beirat wäre es ihr nicht oder kaum möglich gewesen, bei der Gesetzesänderung zum Bundesvertriebenengesetzt (BVFG) mitzuwirken.

Im Rahmen des traditionellen Tages der Vertriebenen, während des Brauchtumsnachmittags in der Hofgeismarer Stadthalle, wurde durch Ministerpräsident Volker Bouffier zum dritten Mal der Hessische Landespreis "Flucht, Vertreibung, Eingliederung" verliehen. In diesem Jahr waren die Preisträger das Weilburger Forum, ein Verein, der sich die Förderung der interkulturellen und interdisziplinären Zusammenarbeit in Weilburg zum Ziel gesetzt hat, die Adam-von-Trott-Schule in Sontra und Marcel Isinger, Schüler der Adam-von-Trott-Schule. Ministerpräsident Volker Bouffier führte dazu aus: "Fast ein Drittel aller in Hessen lebenden Bürgerinnen und Bürger hat Flucht und Vertreibung selbst erlebt, ist durch das Schicksal der nächsten Angehörigen betroffen oder wohnt hier als Spätaussiedler. Die Hessische Landesregierung ist sich der Verantwortung bewusst, die daraus erwächst. Die Unterstützung der Heimatvertriebenen und Spätaussiedler ist für uns eine Herzensangelegenheit. Deshalb begehen wir am zweiten Sonntag im September den Hessischen Gedenktag für die Opfer von Flucht, Vertreibung und Deportation. Auch mit dem heute verliehenen Preis halten wir die Erinnerung wach".

In seiner Einführung zur Preisverleihung erinnerte der Minister für Soziales und Integration Stefan Grüttner an die Entstehung des Preises und die Entscheidung der Jury in diesem Jahr. Der aus Anlass des 60. Jahrestages der Verkündung der "Charta der deutschen Heimatvertriebenen" vom 5. August 1950 im Jahr 2010 durch die Hessische Landesregierung ins Leben gerufene Preis zeichne seit dem Jahr 2011 alle zwei Jahre hervorragende kulturelle, literarische oder wissenschaftliche Leistungen im Zusammenhang mit den Ereignissen von Flucht, Vertreibung und Eingliederung der deutschen Heimatvertriebenen aus. Diese Würdigung wolle im Geiste der bereits kurz nach Kriegsende unterzeichneten "Charta der deutschen Heimatvertriebenen" die darin erklärte Absage an Rache und Vergeltung hervorheben und den Willen der Heimatvertriebenen betonen, am Aufbau Deutschlands und Europas im Geiste der Versöhnung mitzuwirken.

Höhepunkt des Tages war wieder der traditionelle Brauchtumsnachmittag des Bundes der Vertriebenen (BdV) mit zahlreichen Tanz-, Musik- und Singgruppen der verschiedenen Landsmannschaften sowie Kulturgruppen der nordhessischen Region zu dem BdV-Landesvorsitzender Siegbert Ortmann den Hessischen Ministerpräsidenten Volker Bouffier, Regierungspräsident Dr. Walter Lübcke, Minister für Soziales und Integration Stefan Grüttner, die Landesbeauftragte der Hessischen Landesregierung Margarete Ziegler-Raschdorf sowie Bernd Siebert (MdB), Brigitte Hofmeyer (MdL), Vertreterinnen und Vertreter des Landkreises Kassel und der Stadt Hofgeismar sowie zahlreiche Besucherinnen und Besucher aus ganz Hessen willkommen hieß.

In seiner Festrede sprach Ministerpräsident Volker Bouffier den Vertriebenen seinen Dank dafür aus, dass sie Hessen mit aufgebaut und zu dem gemacht haben, was es heute darstellt, nämlich ein weltoffenes, wirtschaftsstarkes Bundesland. Er nahm Bezug auf die Worte von Bundesaußenminister Walter Steinmeier, der gesagt hat, die Welt scheine derzeit "irgendwie aus den Fugen". Die Ereignisse zeigten, dass es auch heute wieder eine Notwendigkeit gebe, Menschen Zuflucht und neue Heimat zu bieten. 50 Millionen Menschen seien weltweit auf der Flucht. So bleibe die Aufnahme von Flüchtlingen ganz aktuell und weiterhin eine Notwendigkeit und unser Bemühen, da die Zahlen weiter steigen. "Die Heimatvertriebenen verstehen besser als andere, was es bedeutet, vertrieben zu werden und die Heimat zu verlieren", so der Ministerpräsident. Er richtete dabei auch seinen Dank an die Heimatvertriebenenverbände, die eher als alle anderen als Brückenbauer wirken könnten und betonte: "Hessen ist mit seiner Vertriebenenpolitik im Bundesvergleich einmalig und hat keinen Nachholbedarf. Die Arbeit der Vertriebenen wird geschätzt und unterstützt". Für die Verbände der Vertriebenen und der Spätaussiedler gebe es feste Partner in der Landesregierung, wie den Minister für Soziales und Integration und die Landesbeauftragte. Beiden spreche er seinen besonderen Dank für ihre Arbeit aus.

Text: Helmut Brandl; Fotos: Weilburger Forum, HSM
Im Juni 2015