Podiumsdiskussion in Wetzlar

Erinnerung an die Vertreibung muss wachgehalten werden

Das Thema "Flucht und Vertreibung" findet weiterhin das Interesse der Medien.

So brachte die Zeitungsgruppe Lahn-Dill eine Serie zu diesem Thema. Weiter fand in Wetzlar eine Podiumsdiskussion mit hochkarätigen Podiumsteilnehmern statt.

Vom Bund der Vertriebenen (BdV) nahmen Erika Steinbach, Präsidentin des BdV und der Landesvorsitzende des BdV-Hessen, Alfred Herold, teil.

Weitere Diskutanten waren der Landesbeauftragte der Hessischen Landesregierung für Heimatvertriebene und Spätaussiedler, Rudolf Friedrich, der Fraktionsvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen im Hessischen Landtag, Tarek Al Wazir, sowie der Historiker Prof. Dr. Hans Lemberg.

Zur Einstimmung wurden Zeitzeugenberichte eingespielt. Die Reporter der Zeitungsgruppe Lahn-Dill hatten zahlreiche Vertriebene interviewt.

Neben dem Hauptthema "Flucht und Vertreibung" waren Schwerpunkte des Meinungsaustausches die offene Vermögensfrage der deutschen Heimatvertriebenen und das "Zentrum gegen Vertreibungen".

Einleitend gab der Moderator, der stellvertretende Chefredakteur der Zeitungsgruppe Lahn-Dill, Alois Kösters, jedem der Podiumsteilnehmer die Gelegenheit zu einem Statement.

Die Präsidentin des Bundes der Vertriebenen, Erika Steinbach, führte aus, das Thema Flucht und Vertreibung, betreffe nicht die Vertriebenen allein, sondern das gesamte deutsche Volk. Die Vertreibung verstoße eklatant gegen die Menschenrechte. Die Folgen müssten aufgearbeitet und geheilt werden, sonst würde es immer wieder Konflikte geben. Wer die Vertreibung mit dem Zweiten Weltkrieg legitimiere, denke in Kategorien der Blutrache.

Landesvorsitzender Alfred Herold ging auf eigene Erlebnisse ein und zitierte aus einer Rede von Dr. Antje Vollmer, die sie in Prag hielt. Frau Vollmer hatte unter anderem erklärt, es habe ein Strafbedürfnis gegeben und irgendjemand hätte dafür büßen müssen. Diese Rede löste eine lebhafte Diskussion aus.

Tarek Al Wazir nannte Frau Vollmer eine Symbolfigur der Veränderungen bei den politischen Linken. Die Vertriebenen hätten diese Geste nicht angenommen. Frau Steinbach sagte dazu, jedes Wort in dieser Rede könne man unterstreichen. Frau Vollmer habe sich jedoch gegenüber den Heimatvertriebenen provozierend verhalten, wandte der Landesbeauftragte Rudolf Friedrich ein. Prof. Lemberg vertrat diesbezüglich die Auffassung, Frau Vollmer hätte zur Umkehr des Bewusstseins in Bezug auf die Vertriebenen beigetragen.

Rudolf Friedrich schilderte seine Erlebnisse als Kind bei der Vertreibung. Kinderaugen sahen, wie Menschen ermordet und Frauen vergewaltigt wurden.
Er beklagte, dass über die über 12 Millionen durch die Vertreibung traumatisierten Vertriebenen nicht gesprochen wurde.

Bei einem weiteren Diskussionspunkt ging es um Entschädigungsfragen.

Die Präsidentin der Bundes Vertriebenen warf der Bundesregierung diesbezüglich gravierende Versäumnisse vor. Es sei es Aufgabe der Regierungen eine Lösung der offenen Vermögensfrage der Vertriebenen zu finden. Die Opfer könnten dieses Problem nicht lösen. Bei dem Beitritt der osteuropäischen Staaten sei versäumt worden, zu einer Lösung zu kommen. Der Bund der Vertriebenen fordere die Heilung des Vertreibungsunrechts. In diesem Zusammenhang nannte sie die ungarische Entschädigungsregelung als Beispiel. Ein Verband könne nicht auf Rechte Einzelner verzichten. Es bleibe in einer Demokratie jedem überlassen, sein Recht einzuklagen.

Der Vorsitzende der Fraktion von Bündnis 90/ Die Grünen im Hessischen Landtag, Tarek Al Wazir, wandte sich entschieden gegen eine "Rückabwicklung" . In diesem Zusammenhang glänzte er durch Unwissenheit als er hinzufügte, die Vertriebenen hätten jetzt in Osteuropa völlige Niederlassungsfreiheit und sie könnten dort auch problemlos Immobilien erwerben. Diese Meinung führte zu Unmutsäußerungen beim Publikum. Alfred Herold stellte in Bezug auf die Vermögensfrage das verletzte Rechtsempfinden der Betroffenen heraus.

Das Zentrum gegen Vertreibungen bezeichnete Frau Steinbach nicht allein als eine Aufgabe der Vertriebenen, sondern als eine internationale Angelegenheit. Es solle Solidarität mit allen Opfergruppen in der Welt bekundet werden. Das Zentrum gehöre nach Berlin.

Eine Attacke gegen die Vertriebenenverbände ritt Tarek Al Wazir als er äußerte, die Funktionäre seien ein "Ausschnitt der Vertriebenen, der rechts steht". Er zog Parallelen von der Sudetendeutschen Partei bis zur NPD. Für diese Äußerung erntete er aus dem Publikum heftige Proteste. Der Fraktionsvorsitzende stammt mütterlicherseits aus einer sudetendeutschen Familie. Wie er dazu sagte, habe ihm seine Großmutter von der Vertreibung aus dem Sudetenland erzählt.

Als Fazit der Veranstaltung ist festzustellen, dass Flucht und Vertreibung in Erinnerung bleiben müssen. Prof. Lemberg nannte Erinnerung heute wichtiger als früher. Diese Erinnerung müsse an die folgenden Generationen weitergegeben werden. In Bezug auf Museen sei schon viel getan worden.

Frau Steinbach hoffte im Zusammenhang mit dem Zentrum gegen Vertreibungen, dass man in 40 Jahren sagen werde, es sei Übermenschliches getan worden, um Vertreibungen zu verhindern.

Der Landesvorsitzende des BdV-Hessen, Alfred Herold, stellte sich einer Schlussstrichmentalität entgegen. Er sprach sich für eine Verständigung mit den östlichen Nachbarn aus.

Rudolf Friedrich war sich sicher, dass es in 40 Jahren noch Menschen gibt, die sich an die Heimat ihrer Vorfahren erinnern und Verbindungen dahin knüpfen.
Er hoffe, Kultur der Vertreibungsgebiete werde sich weiterentwickeln.

Adolf Wolf