Zentrale Veranstaltung zum Tag der Heimat im Biebricher Schloss in Wiesbaden

"Erinnern an die Vertreibung ist kein Aufrechnen"

Zum dritten Mal fand die Zentrale Veranstaltung zum Tag der Heimat des Landesverbandes Hessen des Bundes der Vertriebenen in Wiesbadens "guter Stube", dem Biebricher Schloss, statt. Beherrschende Themen waren die offene Vermögensfrage der deutschen Heimatvertriebenen, die Charta von 1950 und die grenzüberschreitenden Aktivitäten der Vertriebenenverbände. Kritik gab es bezüglich der Entschließung des polnischen Parlaments, wonach Reparationsforderungen an die Bundesrepublik Deutschland gerichtet wurden.
Landesvorsitzender Alfred Herold konnte zahlreiche Prominenz aus der Politik begrüßen, besonders die Rednerin zum Tag der Heimat, die Hessische Sozialministerin Silke Lautenschläger. Weiter nahmen der Veranstaltung teil, die Landtagsabgeordneten Armin Klein (CDU), Rudolf Haselbach (CDU), die Stadtverordnetenvorsteherin der Stadtverordnetenversammlung der Landeshauptstadt Wiesbaden, Angelika Thiels, Stadtrat Manfred Laubmeyer, der Landesbeauftragte der Hessischen Landesregierung für Heimatvertriebene und Spätaussiedler, Rudolf Friedrich, sowie die Vertreter des Hessischen Sozialministeriums Dr. Dirk Hummel und Georg Unkelbach. Ein besonderer Gruß galt der Präsidentin des Bundes der Vertriebenen, Erika Steinbach.

Menschenrechte müssen in Europa einheitlichen Stellenwert haben

Zu dem diesjährigen Leitwort des Tages der Heimat "Dialog führen - Europa gestalten", bemerkte Landesvorsitzender Alfred Herold in seiner Begrüßungsrede:
"Diese vier Worte sind ein Programm, das in die Zukunft weist. Auf diesem Weg in eine gemeinsame, gute Zukunft sind noch viele Hindernisse zu überwinden. Die Menschenrechte müssen in Europa einen einheitlichen Stellenwert haben. Und wir fordern die Bundesregierung und die betroffenen Staaten auf, den Weg für eine politische Lösung der offenen Vermögensfrage frei zu machen, um damit den Rechtsfrieden in Europa herzustellen".
Weiter dankte er dem Landesbeauftragten der Hessischen Landesregierung für Heimatvertriebene und Spätaussiedler, Rudolf Friedrich für sein besonders Engagement für die Heimatvertriebenen und Spätaussiedler.

Enteignung der deutschen Heimatvertriebenen ist völkerrechtswidrig

In ihrem Grußwort spannte die Präsidentin des Bundes der Vertriebenen, Erika Steinbach, einen Bogen von dem Begriff "Heimat" bis zum Eigentum. Heimat sei ein emotionaler Wert. Europa könne nur durch gegenseitiges Verstehen zusammenwachsen. In dieser Beziehung erweise sich die Politik als hinderlich.
Zur Diskussion über die offene Eigentumsfrage führte die BdV- Präsidentin aus, dieses Problem stehe nicht im Vordergrund, die entschädigungslose Enteignung der deutschen Heimatvertriebenen bewertete sie genau so völkerrechtswidrig wie die Vertreibung selbst. Die offene Vermögensfrage müsse von der Politik gelöst werden.
Dafür trage die Politik die Verantwortung. Die Vertriebenen könnten diese Frage nicht selbst lösen. Sie seien Opfer und nicht Täter. Die Vertriebenen dürfte nicht zu Sündenböcken Europas gemacht werden.
In diesem Zusammenhang übte sie Kritik an Bundeskanzler Gerhard Schröder.
Während der Bundeskanzler in Warschau der Heimatvertriebenen in den Rücken fiel, verweise im Inland die Bundesregierung die Betroffenen auf den Rechtsweg. "Ich finde das hochgradig unanständig und nicht hinnehmbar", fuhr Frau Steinbach fort. Bei einem Gespräch habe ihr der Bundeskanzler erklärt, die Vermögensfrage der deutschen Heimatvertriebenen sei offen.
Auch übte sie Kritik daran, dass vor dem Beitritt der osteuropäischen Fragen versäumt wurde, dieses Problem zu lösen.
Weiter warb die Präsidentin für das Zentrum gegen Vertreibungen mit Sitz in Berlin.

Stadtvordnetenvorsteherin Angelika Thiels nannte die Entschließung des polnischen Parlaments in Bezug auf Reparationsforderung schädlich. Auf dieser Grundlage könne Europa nicht zusammenwachsen.

Benesch-Dekrete müssen aufhoben werden

Die Hessische Sozialministerin, Silke Lautenschläger, stellte in ihrer Rede die Brückenfunktion der deutschen Heimatvertriebenen heraus. Sie verwies auf die Charta vom 5. August 1950, in der die Vertriebenen ein freies und geeintes Europa gefordert hätten. Heute gehe es darum das Thema Vertreibung darzustellen und Brücken zu bauen. Das Unrecht müsse kenntlich gemacht werden. Heute sei der Begriff "Heimat" in einer globalisierten Welt immer wichtiger. Der Tag der Heimat solle anregen, über die eigenen Wurzeln nachzudenken. Dabei müsse auch der historische Hintergrund beleuchtet und öffentlich gemacht werden. Es lohne sich, den jungen Menschen klar zu machen, was Vertreibung bedeutet. "Erinnern an die Vertreibung ist kein Aufrechnen", sagte die Sozialministerin unter großem Beifall.
Unrecht lasse sich nicht gegeneinander aufwiegen. Die Vertriebenen und die in der Heimat verbliebenen hätten durch ihr Schicksal besonders an den Folgen des Zweiten Weltkriegs zu leiden gehabt.

Zur ostdeutschen Kulturarbeit erklärte die Ministerin, das kulturelle Erbe müsse erhalten bleiben und gefördert werden. Hessen leiste auch zukünftig seinen Beitrag dazu.

Auf das Verhältnis zur Polen und der Tschechischen Republik eingehend, führte sie aus, durch die aufgekommene Diskussion seien diese Beziehungen Belastungen ausgesetzt. Sie trat für Lösungen auf rechtsstaatlicher Grundlage ein. Dazu gehöre, dass die Benesch-Dekreten aufgehoben werden. Auch nannte sie den Beschluss des polnischen Parlaments als unverständlich. Er widerspreche dem europäischen Geist. Auch gelte es, Ängste abzubauen. Man müsse über das Trennende hinwegkommen. Das mache es auch leichter, über die Vertreibung zu sprechen. Dazu bedürfe es noch vieler Dialoge auf der unteren Ebene.

Weiter hob sie hervor, die Hessische Landesregierung bekenne sich dazu, ein Zentrum gegen Vertreibungen in Berlin zu schaffen.

Heimatvertriebene bekannten sich frühzeitig zu Europa

Der Landesbeauftragte der Hessischen Landesregierung für Heimatvertriebene und Spätaussiedler, Rudolf Friedrich, bezeichnete die Heimatvertriebenen als "eine Gruppe unseres Volkes, die sich schon frühzeitig zu Europa bekannte". Mit diesem europäischen Geist seien die Vertriebenen zu Brückenbauern geworden. Sie hätten eine innere Beziehung zu ihrer Heimat und dürften nicht als Friedensstörer angeprangert werden, sondern man müssen sie Friedensstifter nennen. Weiter trugen sie viel zur Überwindung der europäischen Teilung bei, fuhr Friedrich fort. Im Kalten Krieg seien die Vertriebenen die "geistige Ost-Westverbindung" gewesen.

In der Förderung der ostdeutschen Kulturarbeit sah der Landesbeauftragte nicht nur eine gesetzliche, sondern auch eine moralische Verpflichtung. Die Kulturarbeit richte sich gegen niemand, sondern sie sei eine Bereicherung Europas. Er kritisierte die Bundesregierung, die sich von Jahr zu Jahr mehr aus der Förderung der Kultur zurückziehe.

Die Veranstaltung umrahmte musikalisch das Flötenquartett des Mainzer Kammerorchesters.

Adolf Wolf